16. November 2007

Henryk M. Broder Der Retter der Etablierten

Über den letzten und vielleicht intelligentesten Verteidiger eines untergehenden Systems

Humor ist Herrschaftskritik. Das war im Dritten Reich so, als man im Volk heimlich über den Führer lachte: „Der Unterschied zwischen Christentum und Nationalsozialismus: Beim Christentum starb einer für alle – beim Nationalsozialismus sterben alle für einen!“ Das war in der DDR nicht anders, als man das Elend des Sozialismus oft mit Galgenhumor bewältigte. Der Witz „Was gibt es für neue Witze? Antwort: Sechs Monate“ war in beiden totalitären Systemen sehr beliebt. Und ja, es ist auch heute nicht viel anders. Dabei gibt es schlechten herrschaftskritischen Humor der Art „Treffen sich Merkel, Bush und Putin in der Sauna....“ und wirklich respektlosen guten Humor, der ans Eingemachte geht. Solcher guter Humor beschäftigt sich mit den ideologischen Machtinstrumenten der Republik, man lacht herzhaft über die Floskeln von der „sozialen Gerechtigkeit“ oder amüsiert sich über den allmächtigen Feminismus. Der augenblicklich treffendste Humor nimmt den aufgesetzten Antifaschismus der Marke Kerner-Schreinemakers auf die Schippe. Oliver Pocher und Harald Schmidt schossen dabei mit ihrem „Nazometer“ den humoristischen Vogel im Kampf gegen die antifantische Humorlosigkeit ab.

Das Nazometer ist die entwaffnende Antwort auf die Autobahn-Frage aus der Kerner-Sendung mit Eva Herman. So etwas mag die machterhaltende Medienelite natürlich nicht. Nachdem Eva Herman nach der vermutlich größten Zuschauerprotestwelle gegen den Schauprozess bei Kerner nicht mehr ernsthaft als „braun“ hingestellt werden konnte, einigte man sich darauf, dass diese Sendung doch so gut tatsächlich nicht war, dass Eva Herman auch besser gar nicht eingeladen worden wäre und im übrigen „nur doof“ sei. Die wenigsten Journalisten haben dabei wirklich begriffen, wie weit die politisch-mediale Herrschaftsklasse schon abgewirtschaftet hat und wie sehr sie im Volk bereits verachtet wird. Da geht es Merkel und Co. eben kaum anders als Hitler, Honecker oder deren Hofschreiberlingen.

Ein Stück der breiten Verhöhnung aus dem Volk ist mit Hilfe des Humors nun dank Pocher und Schmidt aus dem Herrschaftsapparat der öffentlich-rechtlichen Anstalten höchstselbst gesendet worden. Natürlich tobten die Intendanten. Und der Zentralrat. Und die Politik. Mehr noch hinter den Kulissen als auf offener Bühne, wobei der moralinsaure Antifa-Protest gegen den Humor schon selbst wieder einfach nur lustig ist.

Einer, der aber den Ernst der Lage begriffen hat, ist Henryk M. Broder. Auf den Seiten von Spiegel-Online, dort also, wo selbst der Antifantismus regelmäßig mit einer eigenen Rubrik und einem hauseigenen Antifa-Reporterstab des Müllers von Blumencron (ef berichtete) auf die Spitze getrieben wird, dort kommentierte Edelfeder Broder bissig die Kerner-Sendung und nun das Nazometer. Er war dabei einer der ersten, die dem Mainstream die Devise ausgaben, Kerner (in dieser Sendung) einfach wie Herman (als Person für immer) gleichermaßen zu verdammen. Und jetzt, da das Nazometer von den Medienmächtigen abgeschaltet wurde (an die sechs Monate tasten wir uns demnächst heran), macht sich Broder auch über diesen neuerlichen aufgesetzten Antifantismus zusammen mit dem Volk lustig. Doch auch hier geht er nicht den ganzen Weg hinüber auf die Seite wirklicher Medien- und Herrschaftskritik. Dafür zahlt vermutlich der Mainstream schlicht noch zu gut.

Beide hervorragenden Kommentare rechnen zwar böse und äußerst treffend mit dem Antifaschismus – der schon mangels wirklicher Nazis eigentlich immer als Antikapitalismus gemeint ist (ef analysierte) – ab. Doch versuchen beide Kommentare zu retten, was zu retten ist. Hier gegenüber Eva Herman: „aber wirklich klug ist sie nicht“. Und dort wird am Ende das befreiende Lachen über den hyperventilierenden Antifantismus umgedeutet in ein billiges Dauerlächeln über das Gespenst des „Faschismus“. Broder: „Sechzig Jahre nach dem Ende des NS-Projekts sollte es allmählich möglich sein, sich über das braune Pack lustig zu machen... Dort, wo Lehrer, Sozialarbeiter und Politiker nicht mehr weiter wissen, könnten Komiker wenigstens für etwas Abwechslung im Antifa-Zirkus sorgen.“ Mit anderen Worten: Rettet den Zirkus! Dort wo das immerwährende Empörungsritual nicht mehr funktionückelt, wollen wir es nun mit einem Clown in der Manege versuchen. Der Gegner bleibt die Legende vom „braunen Pack“. Als wenn man im Dritten Reich über Kaiser Wilhelm ritualgelächelt hätte. Wirkliche Herrschaftskritik schaut anders, realitätsnäher und lustiger aus.

Internet:

Broder über die Kerner-Sendung

Broder über die Nazometer-Abschaltung


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