André F. Lichtschlag

Jg. 1968, Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "eigentümlich frei", Verleger (ef und Lichtschlag Buchverlag).

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Politische Korrektheit in Nöten: Die Wende im Fall Eva Herman?

von André F. Lichtschlag

Ein wenig Mut an der richtigen Stelle und der Konformitätsdruck ist gesprengt

Nach der Theorie der Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann werden unliebsame – im heutigen Jargon: politisch unkorrekte – Meinungen mit gesellschaftlicher Isolation bestraft. Es wird systematisch mit Hilfe von Schlüsselmedien ein immer größer werdender Konformitätsdruck für korrekte Meinungen geschaffen. Wer sich nicht anschließt, wird gnadenlos verfolgt und etwa in die braune Nazi-Ecke geschrieben, ohne dass er sich ersthaft wehren kann. Irgendwann, so Noelle-Neumann, überdehnt sich diese Spirale aber dermaßen, dass der Druck entweicht.

Die Isolations- und Konformitätskampagnen wurden mit den Jahren immer aberwitziger. Etwa gegen Heitmann, Möllemann, Hohmann und Eva Herman,  um nur die vier „Männer“ zu nennen, die allesamt ganz offensichtlich durch Medien und Politik „abgeschossen“ wurden, obwohl ihre „verfolgungswürdigen“ Meinungen „im Volk“ von einer breiten Mehrheit geteilt wurden. Der Zeitpunkt der Überdehnung der Spirale scheint nun nahe.

Es waren auffälligerweise immer dieselben Schlüsselmedien – ARD, Tagesschau und Tagesthemen mehr als das ZDF, Springers „Bild“ und „Bild am Sonntag“ mehr als Springers „Welt“ und Spiegel-Online mehr als „Der Spiegel“ – welche die intensiven Hass-Kampagnen gegen unliebsame Mehrheitsmeinungen starteten und führten. Aufschlussreich ist dazu etwa das Buch von ef-Kolumnist Arne Hoffmann: „Warum Hohmann geht und Friedman bleibt“.

Eva Herman wurde wie zuvor Martin Hohmann federführend von Springers „Bild“-Imperium in die braune Ecke geschrieben. Nur: Irgendwann kann selbst der tumbe „Bild“-Leser die im Stile der DDR-Medien vorgetragenen Hetzkampagnen gegen die eigene Meinung nicht mehr ertragen. Man hört, in den letzten Tagen und Wochen hagelte es böse Leserbriefe wie nie zuvor in der Axel-Springer-Zentrale und in den anderen Kampagnenhäusern. Was gegen „Hetzer Hohmann“ noch funktionierte – nämlich das perfide Opfer-zum-Täter-machen – das war nun auf Dauer bei Eva Herman nicht mehr möglich. Man hatte es versucht, klar. Auch sie durfte sich zunächst nicht öffentlich verteidigen, wurde in Talkshows, die sich mit ihren Äußerungen beschäftigten, nicht eingeladen. Oder sogar wieder ausgeladen. Doch dann zeigte sich gestern ein Katholiken-Kongress in Fulda unbeeindruckt und emfing Eva Herman als Gast. Man lud sie selbst dann nicht wieder aus, als dies hinter den Kulissen gefordert wurde und ein hochrangiger Politiker drohte, die Veranstaltung zu boykottieren. Schließlich wurde Eva Herman von 700 Zuhörern begeistert gefeiert. Die Schweigespirale war zum ersten Mal durchbrochen.

In einem solchen Moment müssen selbst die gut ausgebildeten Hetzer der „Bild“-Zeitung zurückrudern, wollen sie ihre eigene Position als Massenmedium nicht ernsthaft gefährden. „Bild“-Chefkolumnist Franz Josef Wagner tat wochenlang sein Bestes: Er schrieb an die „liebe Eva Herman“ etwa sehr nett: „Ich denke, dass jeder Mann verrückt wird, mit einer Frau wie Sie zu leben.“ Oder: „Bei Eva Herman sollte man sanfter mit ihrem Hintern umgehen, weil sie Wolle im Kopf hat.“ Es half alles nichts, die Basis-Katholiken feierten sie trotzdem. Und die empörten Leserbriefe wurden nicht weniger, sondern mehr.

Deshalb klingt Springers Chefankläger – der anderen Unliebsamen auch schonmal entgegenruft: „Ihr seid furchtbares Gesocks, zum Kotzen!“ – am heutigen Tag ungewohnt sanft zu Frau Herman. Jetzt ist plötzlich der Minister, der sich der Diskussion mit der Vogelfreien korrekt verweigerte, Wagners dummer August: „Ich bin der letzte, der Sie, Frau Herman, verteidigen will, aber dieser Minister, der so politisch korrekt handelt, geht mir mehr auf die Nerven. Er ist ein Typ, der alles richtig macht.“

Und siehe da, Eva Herman ist heute gar bei Kerner im ZDF zur Talkshow geladen. Auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wurde die Spirale offenbar überdreht, die Wut der Leserzuschriften zu groß. Die Mauer wurde geöffnet.

Ist die in der BRD aus Ruinen wieder auferstandene Medien-DDR doch bereits am Ende, bevor sie richtig begonnen hat? Schön wäre es!

09. Oktober 2007

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Kommentare

Luke , am 09. Oktober 2007 um 20:00 ( Link )

http://www.bild.t-online.de/BTO/news/telegramm/Newsticker,rendertext=2640170.html

"Die Mauer wurde geöffnet."

schiral , am 09. Oktober 2007 um 20:30 ( Link )

Kerner hat - so Agenturmeldungen - Eva Herman nach 50 Minuten aus der ZDF-Sendung rausgeschmissen

Frank , am 09. Oktober 2007 um 22:09 ( Link )

"Ich denke, daß jeder Mann verrückt wird, mit einer Frau wie Sie zu leben."

Hat der Bild-Heini das wirklich so geschrieben? Wo bleibt der PISA-Test für Bild-Redakteure? :-D

Luke , am 09. Oktober 2007 um 22:26 ( Link )

unfassbare Sendung. "Das Wort kommt aus dem dritten Reich!", jössasmaria, langsam tut mir die verstrahlte Tante Eva fast leid.

Jack Guerdon , am 09. Oktober 2007 um 22:52 ( Link )

Eine interessante Frage ist, ob Dinge wie die beschriebene "Schweigespirale" und ähnliche Prozesse, die gerne unter dem Titel "political correctness" zusammengefasst werden, tatsächlich Ausdruck einer zentralen (ggf. auch informellen) Steuerung sind, wie der Artikel von Herrn Lichtschlag nahelegt, oder ob es sich nicht vielmehr um einen eigendynamischen Zusammenhang handelt, der lediglich für den Beobachter den Eindruck des Gesteuertwerdens erweckt. Oder anders formuliert: Wenn ein Franz Josef Wagner gegen Eva Herman schreibt, tut er das dann, weil das seine Überzeugung ist bzw. weil es ihm von jemandem so vorgeschrieben wird, oder schreibt er das nur, weil er glaubt, damit den Geschmack der Massen zu treffen?

In beiden Fällen wäre die Wirkung zunächst die gleiche, aber es ergäben sich daraus völlig unterschiedliche Gegenstrategien, im weiteren Sinne auch für die libertäre Bewegung insgesamt - was bringt es, sich an einem "Feind" aufzureiben, der in Wirklichkeit gar kein Vertreter einer gegenläufigen Meinung ist, sondern nur eine reine Rückkoppelungsschleife ohne nennenswerten Eigenanteil?

LePenseur , am 10. Oktober 2007 um 9:05 ( Link )

@André Lichtschlag:
Ist die in der BRD aus Ruinen wieder auferstandene Medien-DDR doch bereits am Ende, bevor sie richtig begonnen hat? Schön wäre es!

Kerner bewies: die Hoffnung war verfrüht. Schön wär's gewesen — keine Frage!

Jack Guerdon
... tatsächlich Ausdruck einer zentralen (ggf. auch informellen) Steuerung sind, wie der Artikel von Herrn Lichtschlag nahelegt, oder ob es sich nicht vielmehr um einen eigendynamischen Zusammenhang handelt, der lediglich für den Beobachter den Eindruck des Gesteuertwerdens erweckt

Die PC-Diktatur wäre dann aber der eigenartigste "eigendynamische Zusammenhang", der je in der Geschichte der Menschheit zu konstatieren gewesen wäre!

Daß z.B. ein Franz Josef Wagner "das" nur schreibt, weil er glaubt, "damit den Geschmack der Massen zu treffen" ist doch wohl eher als Realsatire aufzufassen. Wenn es etwas gibt, was "die Massen" mit Sicherheit nicht schmecken können, dann dieses moralinsaure PC-Gesülze mit unübersehbar geheuchelter Betroffenheitsattitüde. "Die Massen" können sich eher für eine demagogische Verhetzung begeistern (die Geschichte Deutschlands und der restlichen Welt beweist es zur Genüge!), als für das Empörungsgegacker dieser Nix-war-je-so-schrecklich-wie-der-Holocaust-Schreiberlinge.

Eine Rückkoppelung setzte voraus, daß das ostentative Entsetzen der Redaktionen auch nur in irgendwie nennenswerter Weise von weiten Teilen der Bevölkerung geteilt würde. Denm ist aber nicht so — jeder Besuch in einem Vorstadt- oder Dorfwirtshaus wird es einem bestätigen.

Vox populi ist sicherlich nicht "vox Dei". Aber die selbsternannten, und bloß durch subtile Systeme einer "peer control" (die dann gar nicht so "peer" ist, wie sie gerne tut!) "legitimierten" Verfügungsberechtigten über die Zulässigkeit von Meinungsäußerungen mögen sich zwar wie die Götter im Meinungshimmel fühlen, sind tatsächlich aber höchstens die Götzen einer gutmenschlichen Gesinnungsvermarktung, die sich die stets griffbereite Empörung über Tabubrecher gut bezahlen läßt.

Jack Guerdon , am 10. Oktober 2007 um 9:43 ( Link )

@LePenseur:

Öffentliche Hinrichtungen haben schon immer eine Menge Schaulustige angezogen; ob die den Delinquenten als schuldig ansehen oder nicht, hat dabei selten eine Rolle gespielt. Insofern erscheint es mir nicht von vorneherein als abwegig, dass Wagner diesen Effekt, eventuell sogar die von Ihnen beschriebene Empörung, durchaus einkalkuliert und beabsichtigt hat - letztendlich kann es ihm egal sein, warum er gelesen wird, solange man ihn nur liest.

Auf der anderen Seite sehe ich weder ein persönliches Interesse Wagners (worin sollte das bestehen?) noch gar ernsthafte Hinweise auf eine wirkliche Überzeugung; er ist doch sonst nicht so kulturprogressiv dass man ihm abnehmen würde, ein tatsächliches Problem mit den Herman'schen "Kinder, Küche, Kirche"-Thesen zu haben. Und dumm genug, um ernsthaft zu glauben, Herman hätte etwas mit dem Nationalsozialismus am Hut, ist er wohl auch nicht; dieser Vorwurf ist eh an Lächerlichkeit nicht mehr zu überbieten (lt. Kerner ist Herman ein Nazi weil sie sich über eine "gleichgeschaltete Presse" beklagt, nur weil es bei den Nazis eine solche Gleichschaltung gab - unlogischer geht's nimmer).

Albert , am 10. Oktober 2007 um 13:24 ( Link )

Leserbriefe nuetzen hin und wieder etwas. Hier gibt es Vordrucke:
http://www.blauenarzisse.de/podcast/index.php?cat=Weblog

SL , am 10. Oktober 2007 um 13:54 ( Link )

Herzlichen Glückwunsch zu diesem hervorragendem Artikel!

Christian Klein , am 10. Oktober 2007 um 21:36 ( Link )

Servus Herr Lichtschlag !

Interessanter Artikel !

Vor allem gefällt es mir gut, dass Sie scheinbar, genau wie ich, gleich an die Schweigespirale Neumanns gedacht haben. Genau daran dachte ich eben auch und erwähnte sie in meinem Artikel zu diesem Thema, den Sie ja mittlerweile auch kennen. Zwei Libertäre, ein Gedanke ;-)

mfg, CK.

Eva Herman bei Kerner als Thema der Blogoszene « Sendungsbewusstsein , am 12. Oktober 2007 um 13:46 ( Link )

[...] André F. Lichtschlag stellt Eva Herman bei ef-online (Link) auf das Opferpodest zusammen mit Hohmann in der Sprache der “Jungen Freiheit”: Eva Herman wurde wie zuvor Martin Hohmann federführend von Springers „Bild“-Imperium in die braune Ecke geschrieben. [...]

Herr Rathelband , am 12. Oktober 2007 um 14:35 ( Link )

Eva Hermann ist eine Heldin, Sie ist für uns alle rausgeschmissen worden!

Die kreischende Frau Schreinemakers hat vor Jahren selbst den Holocoust Leugner Herrn Leuchter in Ihre Sendung geholt, weil es gut
war für Ihre Quote!

http://www.luebeck-kunterbunt.de/Seite5/Vorzensur.htm


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