09. Oktober 2007

Politische Korrektheit in Nöten Die Wende im Fall Eva Herman?

Ein wenig Mut an der richtigen Stelle und der Konformitätsdruck ist gesprengt

Nach der Theorie der Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann werden unliebsame – im heutigen Jargon: politisch unkorrekte – Meinungen mit gesellschaftlicher Isolation bestraft. Es wird systematisch mit Hilfe von Schlüsselmedien ein immer größer werdender Konformitätsdruck für korrekte Meinungen geschaffen. Wer sich nicht anschließt, wird gnadenlos verfolgt und etwa in die braune Nazi-Ecke geschrieben, ohne dass er sich ersthaft wehren kann. Irgendwann, so Noelle-Neumann, überdehnt sich diese Spirale aber dermaßen, dass der Druck entweicht.

Die Isolations- und Konformitätskampagnen wurden mit den Jahren immer aberwitziger. Etwa gegen Heitmann, Möllemann, Hohmann und Eva Herman,  um nur die vier „Männer“ zu nennen, die allesamt ganz offensichtlich durch Medien und Politik „abgeschossen“ wurden, obwohl ihre „verfolgungswürdigen“ Meinungen „im Volk“ von einer breiten Mehrheit geteilt wurden. Der Zeitpunkt der Überdehnung der Spirale scheint nun nahe.

Es waren auffälligerweise immer dieselben Schlüsselmedien – ARD, Tagesschau und Tagesthemen mehr als das ZDF, Springers „Bild“ und „Bild am Sonntag“ mehr als Springers „Welt“ und Spiegel-Online mehr als „Der Spiegel“ – welche die intensiven Hass-Kampagnen gegen unliebsame Mehrheitsmeinungen starteten und führten. Aufschlussreich ist dazu etwa das Buch von ef-Kolumnist Arne Hoffmann: „Warum Hohmann geht und Friedman bleibt“.

Eva Herman wurde wie zuvor Martin Hohmann federführend von Springers „Bild“-Imperium in die braune Ecke geschrieben. Nur: Irgendwann kann selbst der tumbe „Bild“-Leser die im Stile der DDR-Medien vorgetragenen Hetzkampagnen gegen die eigene Meinung nicht mehr ertragen. Man hört, in den letzten Tagen und Wochen hagelte es böse Leserbriefe wie nie zuvor in der Axel-Springer-Zentrale und in den anderen Kampagnenhäusern. Was gegen „Hetzer Hohmann“ noch funktionierte – nämlich das perfide Opfer-zum-Täter-machen – das war nun auf Dauer bei Eva Herman nicht mehr möglich. Man hatte es versucht, klar. Auch sie durfte sich zunächst nicht öffentlich verteidigen, wurde in Talkshows, die sich mit ihren Äußerungen beschäftigten, nicht eingeladen. Oder sogar wieder ausgeladen. Doch dann zeigte sich gestern ein Katholiken-Kongress in Fulda unbeeindruckt und emfing Eva Herman als Gast. Man lud sie selbst dann nicht wieder aus, als dies hinter den Kulissen gefordert wurde und ein hochrangiger Politiker drohte, die Veranstaltung zu boykottieren. Schließlich wurde Eva Herman von 700 Zuhörern begeistert gefeiert. Die Schweigespirale war zum ersten Mal durchbrochen.

In einem solchen Moment müssen selbst die gut ausgebildeten Hetzer der „Bild“-Zeitung zurückrudern, wollen sie ihre eigene Position als Massenmedium nicht ernsthaft gefährden. „Bild“-Chefkolumnist Franz Josef Wagner tat wochenlang sein Bestes: Er schrieb an die „liebe Eva Herman“ etwa sehr nett: „Ich denke, dass jeder Mann verrückt wird, mit einer Frau wie Sie zu leben.“ Oder: „Bei Eva Herman sollte man sanfter mit ihrem Hintern umgehen, weil sie Wolle im Kopf hat.“ Es half alles nichts, die Basis-Katholiken feierten sie trotzdem. Und die empörten Leserbriefe wurden nicht weniger, sondern mehr.

Deshalb klingt Springers Chefankläger – der anderen Unliebsamen auch schonmal entgegenruft: „Ihr seid furchtbares Gesocks, zum Kotzen!“ – am heutigen Tag ungewohnt sanft zu Frau Herman. Jetzt ist plötzlich der Minister, der sich der Diskussion mit der Vogelfreien korrekt verweigerte, Wagners dummer August: „Ich bin der letzte, der Sie, Frau Herman, verteidigen will, aber dieser Minister, der so politisch korrekt handelt, geht mir mehr auf die Nerven. Er ist ein Typ, der alles richtig macht.“

Und siehe da, Eva Herman ist heute gar bei Kerner im ZDF zur Talkshow geladen. Auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wurde die Spirale offenbar überdreht, die Wut der Leserzuschriften zu groß. Die Mauer wurde geöffnet.

Ist die in der BRD aus Ruinen wieder auferstandene Medien-DDR doch bereits am Ende, bevor sie richtig begonnen hat? Schön wäre es!


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