Robert Grözinger

Robert Grözinger, Jahrgang 1965, Diplom-Ökonom, ist freier Journalist und Übersetzer.

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1967 und 2007: Zwei gegensätzliche Revolutionen

von Robert Grözinger

Der „Summer of Love“ und die „Ron Paul Revolution“

Vor vierzig Jahren fand der „Summer of Love“ statt, jener Sommer, in dem in den USA, in Großbritannien und vielen anderen Ländern der westlichen Welt die Hüllen, die Hemmungen und die Benimm-Maßstäbe fielen. Daran erinnern uns diverse Medien am Ende dieses Nicht-Sommers 2007, beispielsweise der „Economist“. Und fragen: Was hat sich seit dem geändert? Der „Economist“ listet folgendes auf: 1967 gab es noch Gouverneure in den Staaten, die für Rassentrennung eintraten, es gab Rassenunruhen, das Bundesdefizit war, gemessen in Prozent der Wirtschaftsleistung, kleiner als heute und der Irakkrieg ist heute unpopulärer als der Vietnamkrieg damals. Vor allem die Einstellungen hätten sich verändert: Heute sagen 94%, sie würden auch für einen schwarzen Präsidentschaftskandidaten stimmen, vor vier Jahrzehnten waren es nur 53%. Für fast 90% ist eine Präsidentin kein Problem, damals war das nur für 57% der Fall. Ansonsten: Die damalige Musik ist jetzt Mainstream und Bioläden sind weit verbreitet. Die sexuellen Moralvorstellungen jedoch haben sich nicht in dem Maße verändert. Jedoch gibt es mehr Kohabitation und die Vorstellung einer Schwulenehe wäre 1967 für die meisten schockierend gewesen. Alles in allem, so der „Economist“, habe sich Amerika „zum Besseren gewandelt“.

Ich bin nicht ganz so überzeugt. Es fällt auf, dass die vom „Economist“ erwähnten Veränderungen sich meist auf Äußerlichkeiten beziehen. Ob eine Frau oder ein Schwarzer Präsident wird ist unwesentlich. Viel wichtiger ist, was für Inhalte er oder sie vertritt. Was die Inhalte betrifft, hat sich seit 1967 einiges in Amerika verändert, meistens leider nicht zum besseren. Denn auch in Amerika hat seitdem die staatliche Regulierung zugenommen und die Freiheit Einschränkungen erfahren müssen. Die staatliche Infrastruktur ist dabei, völlig zusammenzubrechen, siehe den Kollaps der Mississippi-Brücke in Minneapolis am 1. August 2007. Insbesondere über staatliche Schulen und Universitäten haben die Blumenkinder von damals, hauptsächlich Angehörige des gutsituierten Mittelstandes, ihre Lebensvorstellungen anderen aufzudrängen versucht. Umwelt- und pc-Gesetzgebung schränken die Freiheit des Einzelnen und die soziale Mobilität, für die Amerika bisher berühmt war, kontinuierlich weiter ein. Die völlige Loslösung des Dollar vom Gold, vollzogen am 15. August 1971, hat es dieser Generation ermöglicht, in Saus und Braus im Hier und Jetzt zu leben. Diese Attitüde der Hippiegeneration und steht in einem merkwürdigen Gegensatz zu ihrer nach Außen getragenen Sorge um die Zukunft des Ökosystems Erde, welches wir angeblich nur von unseren Kindern geliehen haben. Wenn man sich aber vergegenwärtigt, wie mit dieser Einstellung die Wirtschaft und der technische Fortschritt langsam erwürgt wird, scheint sie schon weniger im Gegensatz zur Gegenwartsbezogenheit zu stehen. Mehr noch: Die Einstellungen ergänzen sich sogar.

Viele der damaligen Blumenkinder, in Deutschland ungefähr mit den „68ern“ gleichzusetzen, brüsten sich damit, die Gesellschaft „freier“ gemacht zu haben. Doch in Wirklichkeit haben die Baby-Boomer, die heutigen Apo-Opas und -Omas, sich bei ihrem „Marsch durch die Institutionen“ in der westlichen Welt des Staates bemächtigt und versuchen jetzt mit diesem untauglichen Mittel, die ganze Welt zu verbessern. In Deutschland subventionierten ihre Väter die ersten Autobahnen. Sie selbst subventionieren Solarkollektoren und Windräder. In beiden Fällen ging und geht es im Grunde nur um eines: Macht und Pfründe für sich zu sichern.

Die „New Age“-Bewegung, die Zuwendung zum Okkulten und zu einem neuen Heidentum, ist gar nicht so neu, sie manifestierte sich 1967 nur anders als 1933. Gary North sieht ihre Wurzeln gar in der Renaissance, als notwendige Kehrseite der Medaille Humanismus. Das friedliche Bild der ’67er Sommerliebe war spätestens im Dezember 1969 zuende. Viele von uns sind in der Schule von unseren Lehrern mit ihren sentimentalen Erinnerungen an „Woodstock“ belästigt worden. Die wenigsten Pauker werden aber „Altamont“ erwähnt haben. Am Altamont Freeway in der Nähe von San Fransisco sollte im Dezember 1969 das „Woodstock des Westens“ stattfinden. Während des Konzertes wurde ein Schwarzer Zuschauer von den Hells Angels erstochen. Letztere waren unter ungeklärten Umständen als Sicherheitspersonal eingestellt worden. Dieses Ereignis war nur eines von mehreren Gewalttaten, die im Jahr 1969 die „Szene“ heimsuchten und gilt heute als das symbolische Ende der Hippie-Bewegung.

Doch die Hippies und ihre gegenwartsbezogene Einstellung grundsätzlicher Verantwortungslosigkeit blieben bestehen. Heute sind sie in Positionen der Macht, des Einflusses und des großen (Fiat-)Geldes und tun ihr schlimmstes, ihre Einstellung über staatliche Gesetze, Schulen, Universitäten und staatlich geschütze Medien mit Hilfe ihres staatlich geschützten Monopolgeldes in möglichst viele Köpfe zu verbreiten.

Ihre Erdmutter-Anbetung hat bis heute viel Leid über die Welt gebracht: Das Verbot von DDT zum Beispiel, dass vielen Millionen Malaria-Opfern das Leben gekostet hat. Oder die immer strengeren staatlichen Umweltauflagen, die kaum eine Verbesserung der Luft-, Wasser- und Bodenqualität erzeugen können, jedoch die Produktion von Gütern und Dienstleistungen spürbar verteuern und uns alle somit relativ verarmen lassen. Manche von ihnen sehen sogar kein Problem darin, Angriffskriege zu beginnen oder mitzumachen, so verblendet glauben sie an ihre eigene Rechtschaffenheit.

Vierzig Jahre später scheint sich eine andere „Liebes-Revolution“ anzubahnen: Die „Ron Paul Revolution“. Die mit Hilfe des Internet spontan erwachsene Unterstützung für den bis dahin weitgehend unbekannten Kandidaten erstaunt weiterhin. Das ebenfalls spontan entstandene, inoffizielle, jedoch massenhaft angenommene Banner mit den geschickt in ein spiegelverkehrtes „Love“ umgedrehten Buchstaben innerhalb des Wortes „Revolution“ signalisiert, dass es hier um mehr geht als um Politik. Es geht um eine Lebenseinstellung. Äußerlich ähnelt die RP-Revolution in einigen Aspekten der älteren Revolte: Es gibt die selbe Verspieltheit, die selbe positive Atmosphäre, den selben heiligen Zorn auf das Establishment. Anders jedoch als bei der Revolution von ’67 ist mit der plakatierten „Liebe“ hier nicht Eros, sondern Agape gemeint: Nächstenliebe oder die Vergeltung von Bösem mit Gutem. Insofern handelt es sich bei dieser Revolution um eine Bewegung, die von fundamental christlichen Werten gespeist wird. Was aber nicht heißt, dass die Aktivisten sämtlichst „fundamentalistische“ Christen wären. Im Gegenteil. Viele christliche Fundamentalisten Amerikas unterstützen leider fraglos den Irak-Krieg und sehen in George W. Bush fast einen neuen Messias – ganz im Gegensatz zu Ron Paul und seinen Anhängern. Dennoch: Diese Revolution wendet sich fundamental, wenn auch nicht explizit, gegen die heidnische Blumenkinder-Revolution von 1967 und ihr heutiges Establishment.

Ein weiterer Unterschied zwischen diesen beiden Revolutionen verdeutlicht ihre fundamentale Gegensätzlichkeit noch mehr: Die erste hatte keine zentrale Identifikationsfigur. Eine solche war bei ihrem verschwommenen Programm auch gar nicht möglich. Die heutige hat ganz entschieden eine. Ich vermeide das Wort „Führer“; nicht wegen der negativen historischen Bedeutung in der deutschen Sprache, sondern weil hier nicht der Mensch Ron Paul seine Anhänger „anführt“. Sie führen sich offensichtlich selbst ganz gut. Keiner nennt Paul den „leader“ der Revolution. Im Mittelpunkt stehen die von Paul zur Sprache gebrachten Ideen. Dahin fühlen sich seine Anhänger gezogen, und erst in zweiter Linie zum Menschen Paul, der ansonsten einfach nur der sympatische, nette Arzt von nebenan ist. Einer, dessen Lebenswandel das genaue Gegenteil des Blumenkinder-Ideals darstellt: Grundsolide und seit mehr als 50 Jahren mit der selben, ersten Ehefrau verheiratet, mit der er fünf Kinder großgezogen hat, die ihm inzwischen 18 Enkel beschert haben. Einer, der aufgrund seiner Erfahrung in Washington glaubhaft die Position des höchsten Amtes im Staate einnehmen kann, der jedoch glaubhaft – weil in seiner gesamten Politikerlaufbahn konsistent vertreten, was schwer genug war – ein Programm der drastischen Minimierung des Staates vertritt. Er ist älter als die ’67er, die noch heute einem Jugendwahn verfallen sind. Doch die vielen alerten jungen „RonPaulians“ folgen nicht etwa Mitt Romney, Hillary Clinton oder John Edwards, sondern einem sichtlich alten Mann. Und das ist möglicherweise ein Zeichen der Wiederkehr echter, ehrlich errungener Autorität, die langfristig, über Generationen hinweg denkt und handelt. Und die deshalb keinen Zwang braucht, um unter jüngeren Menschen Gefolgschaft zu finden und zu behalten.

Ist die Ron Paul Revolution eine Gegenbewegung zu jener von ’67? In gewisser Weise Ja: ’67 war bewusst die Ablehnung jeglicher Regeln und Autorität. Unbewusst war sie jedoch die Ablehnung jeglicher Verantwortung. Mit dem Ergebnis, dass nun eine individualistische, hedonistische Ellenbogenmentalität vorherrscht, die dem Wort Freiheit einen schlechten Beigeschmack verleiht. Die Revolution von ’07 dagegen hat die bewusste Übernahme von Verantwortung für das eigene Leben zum Inhalt sowie die bewusste Akzeptanz gewisser Regeln und Autoritäten: Regeln des universalen friedlichen Zusammenlebens und Autoritäten, die diese formuliert haben.

Internet:

„The Economist“ über den „Summer of Love“

Gary North: „Unholy Spirits - Occultism and New Age Humanism“

Über das Altamont-Konzert

Der Beginn der Ron Paul Revolution

03. September 2007

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Kommentare

FreiXXL, am 05. September 2007 um 2:58 ( Link )

Der Beitrag erscheint mir etwas schwarzweißmalerisch. Es braucht keine Autoritäten, jedoch ist eine grenzenlose Freiheit ebenso abwägig. Die Tatsache, dass jemand individualistisch hedonistisch eingestellt ist, macht in nicht automatisch zu einem Anarchisten, sofern er sinnvolle Regeln akzeptiert. Autoritäten sind Menschen, die per Definition Macht und Einfluss über andere haben. Somit leben wir in einenem autoritären Staatssystem, mit der Folge, dass einige wenige Bürger die Freiheit des Einzelnen nach ihrem Dafürhalten einschränken. In einer Konsensdemokratie, wie bspw. der Schweiz, haben die Bürger quasi ein Mitwirkungsrecht bei der Gestaltung der Reularien.

Stefan Blankertz, am 05. September 2007 um 8:19 ( Link )

Wie anders war doch der Ansatz von Murray Rothbard 1964: "Beyond Left and Right". Statt Trennendes zu suchen, der Hinweis auf die Möglichkeit, jede Lebensform zu realisieren, wenn man darauf verzichtet, andere gegen ihren Willen direkt oder indirekt einzubeziehen. Das ist Misessche Ökonomie politisch umgesetzt: Nicht individuelle Lebenspräferenzen sind das Problem, sondern politische Manipulationen (Zwang, Reduzierung der Folgekosten von Handlungen usw.).
Wie sich libertäres (!?) Gedankengut in diesem und in vielen anderen Beträgen ähnlicher Art darstellt, wäre es weder 1980, als ich zu den Libertarians dazu stieß (Libertarian Party Radical Caucus - Murray Rothbard, Movement of the Libertarian Left - Samuel E. Konkin III), noch heute attraktiv.

Nico Metten, am 05. September 2007 um 10:05 ( Link )

Also erstens geht mir dieses gefasel vom richtigen libertären Lebensstil ziemlich auf den Wecker und

zweitens muß man bei Ron Paul auch mal auf dem Teppich bleiben. Es ist zwar schön, dass er von so vielen Amerikanern gehört wird. Aber er ist sicher kein Messias, der einen zur Freiheit führt. Da ist der Wunsch doch der Vater des Gedankes. Das System knackt man nicht durchs Präsidentenamt.

dagny, am 05. September 2007 um 18:51 ( Link )

Die Vorstellung eines Messiases, der einen in die Freiheit führt, ist imho abwegig. In die Freiheit muss man alleine gehen(=jeder selber, man darf schon zusammen gehen, aber man muss selbstständig gehen) , andere können allenfalls wegweiser dazu sein - keinesfalls 'Führer'.

bitter_twisted, am 05. September 2007 um 22:23 ( Link )

Schön wärs wenn es dann so wäre.

Holger Thölking, am 06. September 2007 um 1:29 ( Link )

Es hat mit dem wesentlichen Inhalt des Artikels nichts zu tun, aber den Absatz über das Altamont-Festival finde ich etwas unglücklich formuliert. Denn er läßt – wie praktisch immer, wenn von Altamont die Rede ist – gänzlich unerwähnt, daß jener Schwarze, Meredith Hunter, unter Drogeneinfluß mit einer geladenen Schußwaffe auf die Bühne zugerannt kam und daß die (unter meines Wissen so gar nicht mysteriösen Umständen) als Security angeheurten Angels mithin einfach ihren Job erledigten, indem sie den Angreifer aufhielten. Das Gericht erkannte ja später ebenfalls auf Notwehr (und Verhältnismäßigkeit der Mittel). Daß der Artikel dennoch wenigstens implizit die Angels als Urheber der Gewalt darstellt, nicht Hunter selbst, bedurfte also meines Erachtens dieser kleinen Korrektur/Ergänzung. (Daß die Angels sich auf dem Festival dennoch etwas daneben benommen haben, bleibt unbestritten; aber daß Biker keine Betschwestern sind, war ja nun auch damals schon keine ganz neue Erkenntnis.)

Stefan Blankertz, am 06. September 2007 um 12:36 ( Link )

Ergänzend zu Holger Thölking möchte ich darauf hinweisen, dass Hells Angels und Hyppies ja nun auch nicht so einfach gleichgesetzt werden können, so wenig wie Punker und Skinheads. Aber Differenzierung ist ja eh nicht die Stärke des Artikels. Die Kritik an Autorität, die die "hippies" geübt haben, zielte ja gerade auf Stärkung der individuellen Verantwortung (nämlich nicht blind Autoritäten zu folgen). Dass manchmal bei der Umsetzung in der Praxis nicht alles so glatt läuft, wie gedacht, sieht man z.B. auch daran, dass Thomas Jefferson als Freiheitsheld und Verkünder von "life, liberty and poperty" keine Schwierigkeiten hatte, Sklaven zu halten.


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