10. Mai 2007

„Welt“-Krieg gegen „Bild“ Kampf der Kulturen bei Axel Springer

Über eine unbedeutende Geschichte und ihre bedeutenden Hintergründe

Europas größtes Verlagshaus, die Axel Springer AG, gab gestern folgende Verlautbarung über einen führenden Angestellten heraus: „Dies ist die Entgleisung eines einzelnen Mitarbeiters. Der Beitrag ist eine höchst unkollegiale Geste und entspricht nicht den Werten unserer Unternehmenskultur. Bei Axel Springer gilt Meinungspluralismus, aber nicht Selbstprofilierung durch die Verächtlichmachung von Kollegen.“ Was war geschehen?

Alan Posener, Kommentarchef der „Welt am Sonntag“, hatte in einem eher unbedeutenden Internettagebuch den „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann angegriffen. Daraufhin ließ Springer-Chef Mathias Döpfner umgehend Poseners Artikel wieder löschen und diesem ein Redeverbot erteilen. Posener hatte sich schlicht im Ton vergriffen. Jeder Arbeitnehmer diesseits des FC Bayern weiß schließlich, dass man in aller Öffentlichkeit die eigenen Kollegen nicht heruntermacht.

Pikant wird die betriebsinterne Lappalie aber erst durch die bisher unerzählte Geschichte dahinter. Bei „Welt“ und „Welt am Sonntag“ haben nämlich in den letzten Jahren einige Altachtundsechziger die redaktionelle Macht übernommen. Zwar sind sie in ihrem einstigen Amerika-Feindbild stramm gewendet und hassen als Neokonservative heute auch die Linken, wie es sich im Hause Axel Caesar Springers geziemt. Aber ihren Stallgeruch werden sie nicht los. Und auf ihre persönliche Geschichte lassen sie nichts kommen. Erst recht nicht von einem „Bild“-Chefredakteur.

Doch der Reihe nach. Jene, um die es hier geht, wurden vom Springer-Verlagschef Mathias Döpfner ins Haus geholt. Etwa Chefredakteur Thomas Schmid (ehemals linker „Sponti“ und Lektor im Klaus-Wagenbach-Verlag), seine Stellvertreterin Andrea Seibel, Chefreporterin Mariam Lau (beide ehemals „taz“), auffällig viele Gastkommentatoren aus der alten Frankfurter „Sponti-Szene“ oder eben jener Kommentarchef Alan Posener, der einst als Kader des Kommunistischen Studentenverbands auch in der maoistischen KPD aktiv war. Im Grunde sind sich diese neurechten Altlinken bis heute treu geblieben. In ihrem rigorosen Moralismus, in ihrem carlschmittigen Freund-Feind-Denken und vor allem, was den beschönigten eigenen Lebenslauf betrifft.

Es sind diese Achtundsechziger, denen wir die zweifelhafte kollektive Bewertung ganzer Generationen verdanken. Die Generation ihrer Eltern nämlich, das waren in ihren Augen die Schlimmsten. Wohl nie zuvor wurde eine Vorgängergeneration dermaßen penetrant abgewatscht wie die Eltern der Achtundsechziger durch ihre Kinder. Makaber wird diese Geschichte noch dadurch, dass die Erzeuger oft im Krieg gefallen waren, dass die Achtundsechziger also oft ihre verstobenen Väter besudelten.

Wenn man schon im Stil „der Achtundsechziger“ ganze Generationen kollektiv bewertet, dann fällt eine unvoreingenommene Sicht entgegen der felsenfest geglaubten moralischen Überlegenheit der Achtundsechziger nicht zu deren Gunsten aus. Ihre Eltern mussten Krieg und Totalitarismus erleben und sich in schwierigen Zeiten durchschlagen. Sie haben ein in Trümmern liegendes Land mit harter Arbeit wieder aufgebaut. Ja, manche von ihnen haben sich auch schuldig gemacht, viele sind dem vermutlich viertgrößten Massenmörder der Geschichte, dem Braunsozialisten Adolf Hitler, hinterhergelaufen. Aber was ist das für eine am Ende dennoch positive Bilanz im Vergleich zu den missratenen Kindern, die in nie dagewesenem Wohlstand, in Frieden und weitgehender Freiheit aufwuchsen – und die aus dieser bequemen Lage heraus, die sie eigentlich zu Dankbarkeit verpflichtet hätte, nicht besseres zu tun hatten, als unerbittlich ihre eigenen Eltern zu verdammen und politisch mindestens einem der drei größten Massenmörder der Weltgeschichte hinterherzulaufen. Die Rotsozialisten Mao, Stalin und Pol Pot stritten je nach prozentualer oder absoluter Zählweise um den Platz auf dem Mörder-Siegertreppchen, so wie ihre bundesdeutschen Jünger um ihre Position in den fest geschlossenen Reihen der paramilitärischen und totalitären K-Gruppen.

So sehr wie die Achtundsechziger hat sich wohl nie zuvor eine Generation geirrt. Und während sie von ihren Eltern täglich Buße und „Bewältigung“ verlangten, sind sie allesamt, ob immer noch links oder heute neokonservativ, unverdrossen stolz auf ihre peinlichen Verstrickungen.

Nun hatte es „Bild“-Chef Kai Diekmann  gewagt, eben diese Achtundsechziger in einem neuen Buch zu kritisieren. Schon der Titel „Der große Selbstbetrug“ traf Alan Posener so sehr ins Mark, dass er glatt vergaß, dass Kollege Diekmanns „Bild“ die seit jeher definzitäre „Welt“ mit durchfüttert. Posener war so aufgebracht, dass er einen wütenden Internetkommentar gegen den führenden Mitarbeiter im eigenen Haus verfasste, in dem er unter anderem ironisch schrieb: „Die Achtundsechziger zwingen Diekmann noch heute, täglich auf der Seite Eins eine Wichsvorlage abzudrucken, und überhaupt auf fast allen Seiten die niedrigsten Instinkte der Bild-Leser zu bedienen, gleichzeitig aber scheinheilig auf der Papst-Welle mitzuschwimmen.“ Und Kollege Posener fügt mit Blick auf den Pseudo-Moralismus der „Bild“ hinzu: „Die Bildzeitung spricht die Wahrheit aus, sie ist Anwalt des kleinen Mannes, sie sagt, was Sache ist. So macht sie das bis heute, und sie macht das sehr professionell. Wenn man ein bisschen zynisch ist, auf miniberöckte Vorzimmermiezen großen, auf Ernsthaftigkeit eher weniger Wert legt, kann man dort Karriere machen, und das ist völlig OK so. Einer muss es ja machen, so wie einer den Dieter Bohlen machen muss, und einer den Papst. Aber wenn Dieter Bohlen den Papst geben würde, müsste man auch lachen, oder?“

Soweit, so richtig. Und treffend. Denn natürlich ist der Moralismus der „Bild“-Zeitung tatsächlich fast ebenso unerträglich wie der Moralismus der Achtundsechziger.

Nur ist das Problematische der „Bild“-Zeitung nicht ausgerechnet etwa ein Nackedeifoto auf Seite Eins – das, ganz nebenbei, in Zeiten des Internets wohl auch kaum irgendwo noch als Vorlage für das dient, was ein Achtundsechziger damit in Erinnerung hat. In dieser Beziehung zeigt der zum Kulturkonservativen gewendete Altmaoist Posener nur, in welchem Bereich die Altlinksneokonservativen den Muff von tausend Jahren totz aller Experimente noch immer nicht überwältigt haben. Nein, die „Bild“-Zeitung ist vor allem deshalb keine moralische Instanz, weil sie unschuldige Menschen auflauert, jagt und – zumindest beruflich – zu vernichten trachtet.

Dazu kommt, dass die „Bild“ in vielen Fragen tatsächlich das Sprachrohr des „kleinen Mannes“, ja wirklich „Volkes Stimme“ ist. Nirgendwo sonst erfahren wir soviel über das Ideal der Achtundsechziger, der Demokratisierung aller Lebensbereiche, wie eben in und aus der „Bild“. Wer wissen möchte, wie tumb die Massen wirklich sind, die einander regieren und Vorschriften machen, und wie recht deshalb intelligente Demokratiekritiker wie die amerikanischen Gründerväter oder Philosophen wie Gómez Dávila oder Kuehnelt-Leddihn wirklich haben, der lese einmal eine ganze Ausgabe eben dieser vielleicht einzig wahrhaften Volkszeitung.

Dabei ist die „Bild“ entgegen den Anschuldigungen der Achtundsechziger gar nicht selbst für die Verblödung zuständig. So konstruktivistisch und ohne jede Menschenkenntnis konnten es nur linke Gesellschaftsklempner deuten. Vielmehr schreiben die „Bild“-Redakteuere weitgehend nur das auf, was Otto Normalwähler ohnehin denkt. Das können in Ausnahmefällen neben schwarz-rot-geiler Herrschaftslegitimation dann auch mal antipolitische Reflexe gegen Steuererhöhungen sein.

Insofern ist die „Bild“ auch alles andere als gefährlich, sondern lediglich ein Gradmesser für die vermutlich voranschreitende Verblödung der Volksmassen. Alles also weit weniger aufregend als etwa die Krise beim FC Bayern. Wenn Kai Diekmann nur nicht die schlafenden Kulturkampf-Hunde im eigenen Hause geweckt hätte.

Internet:
„Spiegel-Online: Streit bei Axel Springer“


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