05. Februar 2007

Anarchisten Uwe Timm zum 75. Geburtstag

Anarchie ist eben auch nur ein Wort!

Wahrscheinlich haben wir das alle mal erlebt, als wir noch jung waren. Erpressungsversuche in pubertären Zeiten wie diesen hier von Kalle: „Wenn der Hugo zu Deinem Geburtstag kommt, dann komme ich nicht!“ Ich habe in solchen Fällen dann immer erst recht Hugo und Kalle eingeladen. Kalle war dann böse. Das war sein Problem. Hugo wäre schließlich auch gekommen, wenn Kalle dabeigewesen wäre. Intoleranz kann man also durchaus mit Toleranz in die Ecke stellen.

Jahrelang wurde ich dann von solchen Erpressungsversuchen verschont. Bis ich Zeitschriftenherausgeber wurde. Da hieß es dann plötzlich vom Michael: „Wenn der Arne bei Dir schreibt, dann schreibe ich nicht mehr!“ Ich lud erst recht beide zur Mitarbeit ein. Und Michael schmollt bis heute. Sein Problem.

Uwe Timm, der Mitherausgeber der kleinen individualanarchistischen Zeitschrift „Espero“ wird am 5. Februar 75 Jahre alt. Grund genug für seine Freunde, ihm eine Sondernummer der „Espero“ zu widmen.

Ich wurde im Januar eingeladen, mich mit einen kleinen Beitrag an dieser „Festnummer“ zu beteiligen. Freunde und Bekannte Uwe Timms, mithin also auch kollektivistische Anarchisten, Anarchokapitalisten und Nichtanarchisten, sollten ihm gemeinsam mit dieser Sondernummer ein kleines Geschenk bereiten. Doch kurz nach der Einladung zur Mitarbeit folgte prompt die Ausladung.

Begründet wurde diese mir gegenüber wie folgt: „Der Name Lichtschlag hat bei einigen der Autoren der Uwe-Timm-Sondernummer wie eine Bombe eingeschlagen und zu heftigen Debatten und zur Androhung der Rücknahme der Beiträge geführt.“ Und kurz darauf dann die endgültige Entscheidung, noch bevor ich den Beitrag überhaupt eingereicht hatte: „Dein Beitrag wird nicht genommen, weil zwei Autoren ein Veto eingelegt haben.“

Die „Espero“-Redaktion muss wissen, was sie tut. Ob sie damit glaubt, Uwe Timm gerecht zu werden, das ist ihre Sache. Mein kleines Ständchen für Uwe erscheint deshalb an dieser Stelle – verbunden mit dem Hinweis, dass am Dienstag, dem 20. Februar, um 19.30 Uhr, in Uwes Heimatstadt Hamburg im Restaurant „Taverna“, Rossberg 37 (Tisch gleich rechts vom Eingang) ein ef-Leserkreis-Treffen mit und für Uwe Timm stattfinden wird. Thema: „75 Jahre Uwe Timm – ein libertär-anarchistischer Abend“ Und das schönste: Keiner ist ausgeladen!

Hier nun mein (nicht) verhinderter kleiner Geburtstagsgruß an Uwe. Ironischerweise beschäftigt er sich mit genau dem Thema, das dann durch seine Nichtveröffentlichung in „Espero“ einmal mehr aktuell wurde. Lang lebe die Judäische Volksfront...

Uwe Timm zum 75. Geburtstag – Gedankensplitter

Anarchie ist eben auch nur ein Wort. Für die allermeisten Menschen ist es gleichbedeutend mit einer Orgie von Gewalt. Für einige wenige, die sich selbst als Anarchisten betrachten, bedeutet es Herrschafts- und damit Gewaltlosigkeit. Wer recht hat, darüber kann man lange streiten. Max Stirner hätte sich über einen solchen Disput lustig gemacht.

Besonders hätte ihn amüsiert, wenn die wenigen Anarchisten sich gegenseitig vorwerfen, keine zu sein. Oder wenn „Anarchisten“ für staatliche Mindestlöhne oder gar den Sozialstaat streiten. Was für Gestalten, die sich nur an Feindbildern orientieren. Die in ihrem Leben selbst nichts zustande bringen. Die Methoden der Stasi verwenden und ihre faschistoide Gesinnung hinter einem aufgeblasenen „Anti...“ verstecken.

Vielleicht ist Anarchie etwas, das man an Worten nicht erkennen kann. Und auch nicht an den Taten, beschrieben wieder nur durch Worte. Vielleicht erkennen wir Anarchisten nur am guten Willen. Bei vielen fehlt er. Uwe Timm hat ihn immer gehabt.

Anarchie bedeutet freiwillige Zusammenarbeit. Also freier Markt – der nichts anderes ist als die Summe aller individuellen freiwilligen Übereinkünfte. Zuletzt hat der Provokateur und Anarchist Hans-Hermann Hoppe die meisten anderen Anarchisten erschreckt, als er den Umkehrschluss offenlegte: Anarchie bedeutet auch die Möglichkeit der Nichtzusammenarbeit und des Ausschlusses. Charakerlumpen und auf Zerstörung statt auf Produktion zielende Neider etwa würden in einem freien Zusammenschluss kaum geduldet werden. Auch das ist Anarchie.

Anarchie ist vielleicht nur ein Traum. Ein Traum, den sich viele zu einfach gemacht haben. Wenn sie etwa davon träumten, dass „alle Menschen Brüder“ sein werden, wenn nur die „Verhältnisse“ andere sind. In einer freien Gesellschaft wird es Kapitalismus geben. Und Diskriminierung. Es wird Kneipen geben, in denen Weißen, Schwarzen, Schwulen oder Heteros der Zutritt verwehrt wird, einfach weil die Kunden und der Wirt es so wollen. In einer freien Gesellschaft werden einige ihren Körper verkaufen und andere überhaupt jegliche Zusammenarbeit verweigern. Mein Traum ist nicht gleich Dein Traum!

Den meisten, die sich „Anarchisten“ nennen, ist diese Wahrheit über die Freiheit zu unbequem. Sie faseln vom „Allgemeinwohl“, obwohl mein Wohl nicht gleich Dein Wohl ist. Sie „befreien“ heute noch „die Arbeiterklasse“ und jagen damit kollektivistischen Gespenstern nach. Und sie würden Kapitalisten enteignen oder Schwulenhasser angreifen, wo sie nur könnten. Wenn sie die Macht dazu hätten. Anarchie als Orgie der Gewalt? Die meisten „Anarchisten“ entsprechen diesem Bild!

Der Freund des Anarchismus ist der Liberalismus. Der Feind der Anarchie ist die Demokratie. Liberalismus heißt Selbstbestimmung und bedeutet Freiheit. Demokratie heißt Mitbestimmung des einen über den anderen – und damit Unfreiheit. Mehr Demokratie heißt weniger Selbstbestimmung! Der Anarchist Rudolf Rocker hat diese Zusammenhänge in „Nationalismus und Kultur“ verstanden. Jene, die sich heute auf ihn berufen, haben meist nichts verstanden. Sie können Anarchie nicht verstehen, weil ihnen der Wille dazu fehlt. Ihnen fehlt selbst der elementare Wille zum unvoreingenommenen Gedankenaustausch.

Nur wer einen guten Willen hat und starke Nerven, wer neugierig und friedfertig ist und tolerant, wird sich der Anarchie überhaupt nähern können. Benjamin R. Tucker etwa war ein Leben lang auf der Suche. Oder Murray N. Rothbard. Und Uwe Timm ist seit 50 Jahren Anarchist. Wer so lange mit gutem Willen und wachem Geist nach Freiheit sucht, der findet viel davon.

Ich wünsche Uwe Timm zu seinem 75. Geburtstag von Herzen, dass er auf alle Neider und Charakterlosen in Zukunft noch gelassener reagiert. (Wen, zum Teufel, interessiert Anarchopedia?) Minusmenschen sind die Aufregung nicht wert, die sie provozieren wollen. Widme Dich lieber den schönen Dingen, Uwe. Etwa Deinem Traum von der Anarchie! Lebe Dein Leben!
Herzlichen Glückwunsch, Uwe!

Internet:
Uwe Timm: Gesammelte Schriften

Literatur:
Interview mit Uwe Timm: Hallo, hier ef – das aktuelle Palaver: Ein Traum, in ef 68.


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