Stirner und der Anarcho-Kapitalismus

von André F. Lichtschlag

Erschienen in „Der Einzige“ Nr. 22 (2003)
(www.max-stirner-archiv-leipzig.de)

Die beiden selbst ernannten Stirner-Gegner Karl Marx und Hans G. Helms haben es immer gewusst: Dieser dürftigste Schädel unter den Philosophen steht auch noch den beiden schlimmsten Gedankengebäuden nahe, die sich ein sozialistischer Gesellschafts-Architekt nur vorstellen kann: Anarchismus und Kapitalismus.

Während nun über Stirners (vermeintliche) Nähe zum Anarchismus ganze Bibliotheken füllend gestritten wurde, wurde und wird seine (vermeintliche) Verwandschaft zum Kapitalismus – ob bewusst oder unbewusst – zumeist verschwiegen. Schließlich seien ja auch die Individual-Anarchisten wie Mackay oder Tucker mit ihren antikapitalistischen Restreflexen in der Boden- oder Geldfrage doch irgendwie mehr verirrte Sozialisten denn Kapitalisten gewesen.

Wenn also bislang darüber gestritten wurde, ob Stirner nun (Individual-) Anarchist war oder nicht, dann ging es zumeist auch darum, ob er Sozialist war oder nicht. Und das „Nicht“ bedeutete widerum keinesfalls, dass er nun gleichsam Kapitalist gewesen sein könnte.

Anarcho-Kapitalismus

Der Anarcho-Kapitalismus strebt als radikalste Form des Liberalismus eine staatsfreie reine Marktgesellschaft an. Selbst Polizei und Gerichte sollen privatisiert werden.

Nun gibt es aber bei näherer Betrachtung zwei Schulen des Anarcho-Kapitalismus, eine naturrechtlich begründete und eine rein ökonomisch untermauerte. Unbestrittener Vater der erstgenannten Richtung ist „Mr. Libertarian“ Murray N. Rothbard.

Für Rothbard definiert das Naturgesetz, nach dem sich jeder Mensch selbst gehört, die einzig mit der Natur des Menschen vereinbare Form des Zusammenlebens. Jeder Mensch hat demnach das unveräußerliche Recht, in Freiheit zu leben und deshalb das ebenso unveräußerliche Recht, sein Leben und sein Eigentum als Teil seines Lebens zu verteidigen. Nach Rothbard sind alle libertären Forderungen nur Folgerungen aus der Erkenntnis der natürlichen Rechte aller Menschen. Aus dem Selbst-Eigentum des Menschen ergibt sich unmittelbar das Sach-Eigentum, nachdem alles, was Menschen durch Arbeit schaffen und alles, was durch freiwillige Verträge mit anderen ohne Zwang oder Betrug erworben wird, zum rechtmäßigen Eigentum wird. Wer Eigentum eines anderen ohne dessen Einverständnis nimmt, der begeht nach dieser Auffassung Unrecht und wird kriminell. Wer sich dagegen wehrt, der hat ein „Recht auf Notwehr“.

Rothbards Anarcho-Kapitalismus ist also in höchstem Maße moralisierend. Gut und Böse, Legalität oder Illegalität, werden unterschieden durch das Kriterium der Freiwilligkeit.

Rothbard steht mit dieser Konzeption des Sollens in der Tradition des Individual-Anarchismus. Und über die Frage, ob Stirner damit irgend etwas zu tun hat, ist wie gesagt sattsam gestritten worden. Meines Erachtens hat Stirner mit dieser Konzeption des anarchistischen Sollens ebensowenig zu tun wie mit jeder Form etatistischen oder religiösen Sollens.

Rothbard entwickelt also lediglich den Individual-Anarchismus in der Boden- und Geld-Frage konsequent weiter. Auch diese beiden Fragen könne und solle nun nach Rothbard der Markt lösen. Markt, das ist der Schlüsselbegriff der Anarcho-Kapitalisten. Und Rothbard versteht unter Markt die Summe aller freiwilligen Tauschhandlungen von Individuen.

Markt und Meta-Markt

Es gibt jedoch einen zweiten Marktbegriff, der uns zur zweiten anarcho-kapitalistischen Schule führt. Dabei handelt es sich um eine Art Meta-Markt, ein Markt, an dem auch Rechtsvorstellungen oder Ideen – zudem nicht immer freiwillig – ausgetauscht werden.

Mit und in diesem Markt begründet der Vater dieser zweiten Schule, David D. Friedman, den Anarcho-Kapitalismus. Für Friedman ist es unerheblich, woher Menschen ihre Rechte ableiten. Wer will, der kann von einem natürlichen Recht des Menschen auf Mord und Totschlag ausgehen. Oder besser noch, er kann wie Stirner die Idee allgemeinverbindlicher Rechte ÜBER den Menschen für einen Sparren halten. Oder in Form eines Sponti-Spruches der 70er Jahre: „Legal – illegal – scheißegal!“

Friedman interessiert sich dafür, wie eine Gesellschaft von Einzigen, die ohne Sparren einander verzehren, aussehen könnte. Oft wird den Freunden Stirners vorgehalten, dass diese Gesellschaft im ständigen Kriegszustand stehen müsse, im Kampf aller gegen alle. Friedman – ganz Ökonom – kommt zu anderen Schlüssen. Egoisten haben bei zuviel Kampf viel zu viel zu verlieren und im Kapitalismus viel zu viel zu gewinnen, als dass sich nicht die meisten letztlich für den freiwilligen Handel und gegen die Aggression entscheiden würden. Friedman weist Punkt für Punkt nach, wann und warum der Einzige im (permanenten) Austausch mehr gewinnt als im (permanenten) Kriegszustand.

Wenn die Menschen nur erst einmal den Spuk vom Recht, vom Staat, von Gott, von der Moral hinter sich lassen und sich auf ihr eigenes Wohl konzentrieren, dann könnte sich nach Friedman eine Wohlstandsgesellschaft entwickeln, eben weil sich Egoismus im Kapitalismus zum Wohle aller auswirkt. Das hatte schließlich bereits Adam Smith – der Wegweiser zu Kapitalismus und Freihandel – erkannt, dessen Werk Max Stirner einst ins Deutsche übersetzte.

Ein Beispiel

Da sich vermutlich einige Freunde dieser Zeitschrift weniger für Ökonomie interessieren, sei anhand der Theorie der komparativen Kostenvorteile, auf die sowohl Adamn Smith als auch David Friedman hinweisen, erklärt, wie sich Markt und Tausch zum Nutzen des Einzelnen auswirken.

Stellen wir uns vor, dass zwei Freunde ein Buchprojekt betreiben wollen. Nennen wir die beiden Freunde Ibrahim und Kurt. Es handelt sich um zwei Bände einer indianischen Sage, einmal um den Band „Der Einzige und sein Wigwam“ und zum Zweiten um das Buch „Der Einzige und sein Tamahawk“. Beide Werke wurden niedergeschrieben in einer indianischen Sprache. Zwei wichtige Vorarbeiten sind zu leisten: Die vergilbten Blätter sind zunächst einzuscannen und zu vektorisieren (schon, da auch Origialzitate in die Bücher einfließen sollen) und dann zu übersetzen. Nun ist Kurt sehr gewandt im Einscannen und Ibrahim spricht perfekt den indianischen Dialekt. Kurt muss zum Einscannen der Blätter 20 Arbeitsstunden pro Buch aufwenden. Ibrahim würde 40 Stunden pro Band daran arbeiten, da er wesentlich ungeübter ist. Auf der anderen Seite würde die Übersetzung Ibrahim sehr leicht fallen. Er würde nur 10 Stunden je Buch dafür aufwenden müssen, wohingegen Kurt mühsam jedes Wort nachschlagen müsste und daher etwa 100 Stunden an nur einem Buch sitzen würde.

Ohne kapitalistische Arbeitsteilung würde nun jeder der beiden Freunde sich um seinen Lieblingsband kümmern. Kurt müsste 120 Stunden daran ackern, Ibrahim nur 50 Stunden. Jeder hätte dann ein Buch produziert. Wenn die beiden nun ihre Arbeitskraft tauschen, so ergibt sich folgendes Bild. Der geübte Einscanner Kurt würde beide Bücher scannen und wäre nach nur 40 Stunden fertig. Ibrahim mit seinen Sprachkenntnissen würde beide Bücher übersetzen und wäre nach 20 Stunden fertig. 40 anstatt 120 Stunden für Kurt, 20 statt 50 Stunden für Ibrahim: kein schlechter Deal für zwei bekennende Egoisten!

Was aber, wenn Kurt nun nicht nur besser einscannen kann, sondern auch anstelle von Ibrahim die Sprache beherrscht? Ohne Arbeitsteilung würde Kurt 30 Stunden an seinem Buch arbeiten müssen, während der arme Ibrahim für seinen Band 140 Stunden zu ackern hätte. Und wenn sie nun wieder tauschen? Ibrahim braucht zehn Mal länger zum übersetzen, aber nur doppelt so lange zum Einscannen. Die beiden versuchen also einen entsprechenden Tausch. Und – oh Wunder des Kapitalismus – Kurt müsste für beide Übersetzungen nur 20 Stunden aufwenden und Ibrahim für beide Scan-Arbeiten nur noch 80 Stunden. Erneut haben beide enorm Zeit und Arbeitskraft eingespart: Kurt 10 Stunden und Ibrahim sogar 60 Stunden.

Merke: Selbst wenn ein Mensch sehr untalentiert ist und alle Arbeiten schlechter verrichtet als ein anderer, so haben aufgrund der komparativen Kostenvorteile IMMER beide etwas vom Tauschgeschäft, da einer immer etwas nur ein kleines wenig noch besser oder noch schlechter kann im Verhältnis zur anderen Arbeit. Zwei Egoisten werden also immer tauschen wollen, wenn sie die Macht dazu haben und wenn ihre Sinne nicht von Ideologien benebelt sind.

Sein statt Sollen

Doch zurück zu Friedman: Nach Friedman hat der Einzelne nicht auf Aggression, auf seine Eigenheit oder was auch immer ihm gerade in den Sinn kommt, zu verzichten, weil ein höheres Recht es so will. Diese Sparren aller Ideologen interessieren Friedman nicht. Friedman beschäftigt sich nicht mit dem Sollen, sondern mit dem – Sein.

Er untersucht die entheiligte Interaktion subjektivistischer Individuen im Meta-Markt. Sein ökonomischer Nutzenmaximierer (der NICHTS SOLL und nur macht, was ihm gerade in den Sinn kommt) gleicht dabei Stirners Einzigem, da beide nur noch Ich sind und sonst – nichts.

Es wird immer Individuen geben, die Armut dem Reichtum vorziehen oder die z.B. mal eben den Nachbarn ausrauben und ermorden, weil ihnen aus welchen Gründen auch immer gerade danach ist. Aber der Nachbar findet das meist gar nicht so lustig und wird sich gegenüber diesen Interessen schützen. Diesen Schutz wird der Einzelne in Stirners „Verein“ suchen, der nichts anderes ist als Friedmans „Unternehmen“. Viele Einzelne formieren sich zu einem Geflecht aus Vereinen bzw. Unternehmen (einige werden auch als Einsiedler mehr oder weniger glücklich sein). Heraus kommt Stirners Ansammlung von Einzigen und damit genau der Meta-Markt, den Friedman als „anarcho-kapitalistische Gesellschaft“ untersucht.

Stirner nennt diesen Meta-Markt – „Verkehr“. Während der gewollte und gesollte „Markt“ aller Anarchisten etwa mit einem Mord oder mit einer Beamtentätigkeit im Staat (die mit gewalttätig erpressten Steuergeldern entlohnt wird) nicht vereinbar ist, finden Mörder und Beamte sowohl innerhalb Friedmans Meta-Markt als auch innerhalb Stirners Verkehr nicht nur Platz, sondern gar vielfache Erwähnung.

So wie Ich hier und jetzt bereits im und mit dem Verkehr im stirnerschen Sinne lebe (sobald Ich allen Heiligtümern entsage und als Einziger mit anderen Einzigen interagiere), so lebe Ich auch hier und jetzt in der BRD im „Anarcho-Kapitalismus“ im Friedmanschen Sinn (wobei Friedman darauf verweist, dass die meisten sich im eigenen Interesse gerade den anarcho-kapitalistischen Vereinen anschließen werden, sobald sie nur den Glauben an Staat oder Gesellschaft erst verloren haben). Der Weg vom heutigen „Verkehr“ bzw. vom heutigen „Anarcho-Kapitalismus“ (als Zustand) hin zum „Verkehr der Einzigen in Vereinen“ bzw. zum „Anarcho-Kapitalismus in Unternehmen“ (als staats- und herrschaftsfreie Ordnung) führt über den individuellen Abwurf aller Spuke und Sparren.

Schlüsse

Nun, wie wir gesehen haben, verstanden seine sozialistischen Widersacher Max Stirner als Kapitalisten. Und wie aufgezeigt waren seine Ideen wegweisend für einen neu begründeten, radikalen Kapitalismus.

Kann es dann noch eine Überraschung sein, zu erfahren, dass zum „inneren Kreis“ der „Freien“, der Gesprächsrunde, der jahrelang auch Stirner regelmäßig beiwohnte, die radikalsten Vertreter der manchesterliberalen deutschen Freihandelsbewegung um John Prince-Smith und Julius Faucher gehörten? Und dass dieser Julius Faucher, der vermutlich erste genuine Anarcho-Kapitalist überhaupt, ein glühender Verehrer und Freund Stirners war?

Und schließlich dass Faucher zusammen mit dem ebenfalls zum Kreis der „Freien“ gehörenden Eduard Meyen eine von 1849 bis Juli 1850 erscheinende Zeitung, „Die Abendpost“, herausgab, die sowohl als „die erste stirnerianische Zeitschrift als auch als das erste Organ der Freihändler in Deutschland gelten“ kann, wie Ralf G. Hoerig und Hajo Schmück in der Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus (www.free.de/dada) so treffend anmerken?

Wie schade nur, dass eben diese „Abendpost“ zur weiteren Erforschung der Zusammenhänge von Stirnerschem und kapitalistischem Denken leider unauffindbar zu sein scheint. Ich möchte nämlich wetten, dass Faucher in der „Abendpost“ genau jene anarcho-kapitalistische Meta-Markt-Konzeption in Anlehnung an Stirner entwickelt hat, die später Friedman ohne expliziten Bezug auf Stirner mühsam neu erarbeitet hat. Jene Konzeption, welche für die gängigen objektivistischen oder naturrechtlichen Spielarten des Anarcho-Kapitalismus ebensoviel Sprengkraft verspricht wie für die gängigen individual-anarchistischen oder antikapitalistischen Interpretationen Stirners.

Aus egoistischer Neugier und nach kapitalistischer Manier biete ich daher eine Spende an die Max-Stirner-Gesellschaft in Höhe von 300 EUR an, wenn die (meisten) Ausgaben der „Abendpost“ im sicheren Hafen des Max-Stirner-Archivs-Leipzig zur weiteren Untersuchung landen sollten. Wie sie dorthin gelangen, ob „legal“ oder „illegal“, ist mir – scheißegal!

Literatur:

David D. Friedman: The Machinery of Freedom (1973), erscheint im Mai 2003 als „Das Räderwerk der Freiheit“ erstmals in deutscher Übersetzung in der Taschenbuchreihe „edition ef“, siehe www.eifrei.de.

Zum Autor:

André F. Lichtschlag: Gründer und Herausgeber der Zeitschrift „eigentümlich frei – Freisinn Eigensinn Eigentum“ (www.eifrei.de) und Gründungsmitglied der Max-Stirner-Gesellschaft..

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