13. Juli 2010

Wieder gelesen – Heute vor zehn Jahren in eigentümlich frei Nr. 11 (Juli 2000) Der Ursprung des amerikanischen Bürgerkrieges

Darum Geschichtsrevisionismus...

Die historische Begebenheit, die im öffentlichen Bewusstsein Amerikas den größten Raum einnimmt, ist der amerikanische Bürgerkrieg. 139 Jahre nachdem der erste Schuss abgefeuert wurde, werden seine Ursachen immer noch heftig diskutiert und seine Symbole verehrt oder bekämpft, sich gegen sie aufbegehrt. Kein Wunder: Das Ereignis transformierte das amerikanische Regime von einem föderalistischen System, das auf Freiwilligkeit und Freiheit basierte, zu einem Zentralstaat, der die Freiheit im Namen der öffentlichen Ordnung begrenzte. Das sintflutartige Ereignis massakrierte eine Generation junger Männer, verwüstete die Südstaaten und plünderte sie aus, setzte einen Präzedenzfall für die Diktatur der Exekutive und verwandelte das amerikanische Militär von einem Verteidigungscorps der Bürger in eine globale militärische Macht, die sich unentwegter Interventionen nicht enthalten kann.

Wenn man indessen den Medien Gehör schenkt, könnte man zu der Annahme kommen, dass sich der Grund für den Bürgerkrieg völlig auf die Themen „Rasse” und „Sklaverei” reduzieren lässt. Wenn Sie die Symbole der Konföderation bevorzugen, so sind Sie eine weißhäutige Person, die der Not der Schwarzen in Amerika mitleidlos gegenübersteht. Wenn Sie hingegen die Abschaffung des „Confederate History Month” fordern und die Südstaaten-Flagge niederreißen wollen, sind Sie ein aufgeklärter Denker, der die Vergangenheit hinter sich zu lassen bereit ist, um in eine leuchtende Zukunft unter fortschrittlicher Führung aufzubrechen. Die Debatte verharrt zumeist im Bereich solch primitiver Schlagworte.

Dabei ist diese Interpretation des Bürgerkrieges ausgesprochen unhistorisch. Sie äfft naiv die Kriegspropaganda der Nordstaaten nach, ohne die triftigen rechtlichen, moralischen und wirtschaftlichen Gründe in Betracht zu ziehen, die der Süden für die Sezession beanspruchen konnte und die nichts mit der Sklaverei zu tun hatten. Selbst die Bezeichnung „Bürgerkrieg” ist irreführend, da es sich bei diesem Krieg mitnichten um zwei Parteien handelte, die um die zentrale Macht kämpften, wie beispielsweise in den Bürgerkriegen Großbritanniens oder Roms. Statt dessen versuchten die Südstaaten eine friedliche Sezession von der Zentralmacht, ein Begehren, das sich von dem ursprünglichen Ersuchen Amerikas um Unabhängigkeit von Großbritannien nicht unterschied.

Aber warum wollte der Süden sich abspalten? Hätten die ursprünglichen amerikanischen Ideale von Föderalismus und Verfassungsmäßigkeit bis 1860 überlebt, so wäre dies überflüssig gewesen. Aber ein Thema bedrohte den Süden mehr in jenem Jahr als in jedem anderen der vorausgegangenen drei Jahrzehnte: Die Schutzzölle der Nordstaaten. Sie waren eingeführt worden, um die industriellen Sonderinteressen des Nordens zu befriedigen, indem die Produktion durch öffentliche „Arbeitsplatzbeschaffung” bezuschusst wurde. Aber sie hatten den Effekt, dass der Süden mehr für Produktionsgüter bezahlen musste, und dass er unmäßig besteuert wurde, um die zentrale Regierung auszuhalten. Sie verletzten überdies die Handelsinteressen des Südens mit anderen Teilen der Welt.

Letztlich wurde der Süden ausgeplündert, um für die frühe Version einer „Industriepolitik” des Nordens zu bezahlen. Die Schlacht um die Zölle begann 1828 mit dem „Zoll des Abscheus”. 30 Jahre später, als der Süden 87 Prozent der Zolleinnahmen der Regierung bezahlte, während sein Lebensstandard durch die protektionistische Gesetzgebung bedroht wurde, war es unmöglich für die beiden Regionen geworden, vom selben Regime geführt zu werden. Dem Süden als Region wurde der Status des Sklaven zugewiesen, während der Norden als sein Meister fungierte.

Doch warum 1860? Lincoln hatte versprochen, sich in die Sklaverei nicht einzumischen, während er schwor, „die Zölle und Abgaben einzutreiben”: Er war der erste Fürsprecher der Politik der Zölle und öffentlichen Maßnahmen, weshalb seine Wahl den Süden zur Sezession bewog. In der Pro-Lincoln-Presse wurde die Floskel „freier Handel” zum Synonym industriellen Selbstmordes. Warum wurde Ft. Sumter beschossen? Es war ein Zollhaus - und als der Norden sich der Sache annahm, es auszubauen, wusste der Süden, dass es sein Zweck war, Steuern einzutreiben, wie Politiker und Zeitungen damals erkannten.

Um die Sache des Südens zu verstehen genügt es, einen Blick auf die Verfassung der Konföderation zu werfen. Sie ist ein Duplikat der ursprünglichen Verfassung, allerdings mit mehreren Verbesserungen. Sie garantiert freien Handel, beschränkt die gesetzgeberische Macht in entscheidender Weise, hebt einige öffentlichen Aufgaben auf und versucht, die Exekutive zu zügeln. Es sei zugestanden, dass sie die Sklavenhaltung nicht abschaffte, allerdings hatte dieses auch die ursprüngliche Verfassung nicht getan. Diese hatte sogar die Eigentumsrechte an Sklaven verbrieft.

Vor dem Kriege hatte Lincoln persönlich gelobt, die Sklaverei zu erhalten, die Gesetze gegen flüchtige Sklaven anzuwenden und die Sklaverei auf ewig dort zu institutionalisieren, wo sie existierte. Er hob nicht einen Finger, um die „Anti-Neger-Gesetze” abzuschaffen, die den gesamten Norden, insbesondere Illinois, prägten. Man beachte, dass die „Bahn des Untergrundes” nicht etwa in New York oder Boston endete - denn dort wäre es gesetzwidrig gewesen, die Schwarzen abzuladen -, sondern in Kanada! Die Verfassung der Konföderation ermöglichte hingegen die schrittweise Abschaffung der Sklaverei, ein Prozeß, der sich einfacher gestaltet hätte, hätte der Norden die Bewegungsfreiheit früherer Sklaven nicht so drastisch eingeschränkt.

Zugegebenermaßen werden Sie diese Version der damaligen Vorgänge in keinem konventionellen Geschichtstext lesen, insbesondere nicht in solchen, die zur Verwendung in öffentlichen Schulen freigegeben sind. Sie werden ebenso wahrscheinlich nichts davon in einer Universitätsvorlesung hören, wo der solitäre Aspekt der Sklaverei kritisches Denken völlig erstickt. Ein ums andere Mal wird uns anstatt der Wahrheit das vorgetragen, was Polybius „ein leeres, wertloses Märchen” nannte - und es wird erwarten, dass wir es kritiklos schlucken. Wohin kann man sich wenden, um herauszufinden, dass die gewöhnliche Lesart barer Unsinn ist?

Die vergangenen zehn Jahre haben uns eine Menge großartiger Bücher gebracht, die unter die Oberfläche gehen. Es gibt John Densons „The Costs of War” (1998), Jeffrey Rodgers Hummels „Emancipating Slaves, Enslaving Free Men” (1996), David Gordons „Secession, State, and Liberty” (1998), Marshall de Rosas „The Confederate Constitution” (1991) oder, von einem konventionelleren Standpunkt aus, James und Walter Kennedys „Was Jefferson Davis Right?” (1998).

Wenn wir hingegen ein Buch empfehlen müssten, beruhend auf Originalität, Konzisität, Tiefe, und schierer rhetorischer Stärke, so wäre es Charles Adams’  „When in the Course of Human Events: Arguing the Case for Southern Secession (Rowman & Littlefield, 2000), eine wahre Zeitbombe von einem Buch. Auf nur 242 Seiten demonstriert er, dass praktisch alles, was wir über den Krieg zwischen den Staaten zu wissen glaubten, falsch ist.

Adams glaubt, dass sowohl die Führer der Nordstaaten als auch jene der Südstaaten logen, als sie die Sklaverei als Grund für die Sezession und den Krieg anführten. Die Nordstaaten suchten einen moralischen Grund für ihren Agressionskrieg, während die südlichen Anfüher eine Gefahr zur Rechtfertigung der Unabhängigkeit suchten, der greifbarer war als die Zölle des Nordens. Es handelte sich um Rhetorik, mit der die Massen gefüttert wurden. Adams hat eine erstaunliche Fülle von Beweismaterial aufgefahren - einschließlich bemerkenswerter Zeitungskarikaturen und politischer Reden -, die seine These belegen, dass dieser Krieg tatsächlich von Regierungseinkünften handelte.

Schauen wir uns diesen kleinen Ausschnitt aus der Lincoln-freundlichen New York Evening Post vom 2. März 1861 an: „Dass sowohl die Zolleinnahmen in den Häfen der Rebellenstaaten eingenommen werden müssen und der Hafen für Importe von außerhalb zu schließen ist, ist allgemein anerkannt. Wenn keine der beiden Optionen verfolgt wird, sind unsere Gesetze über die Staatseinnahmen faktisch abgeschafft; die Quellen, die unseren Staatsschatz speisen, werden versiegen; wir werden kein Geld mehr haben, um unsere Regierung zu erhalten und die Nation wird bankrott sein, noch bevor das erste Maiskorn gereift ist. Es wird nichts mehr geben, um für den Erhalt des Militärs zu sorgen; nichts, um unsere Seemacht schwimmend zu halten; nichts, um für den Lohn unserer öffentlichen Amtsträger zu sorgen; die gegenwärtige Ordnung wird versiegen. Was wird dann für unsere Regierung übrigbleiben? Sollen wir es den sezedierenden Staaten erlauben, die Gesetze der gesamten Union auf diese Weise umzustürzen? Oder wird sich die Regierung dafür entscheiden zumindest zu überprüfen, in der Fremdware, die für Häfen ohne Zollämter bestimmt ist, Schmuggelware zu erblicken und sie zu stoppen, wenn sie in jene staatlichen Gebiete eingebracht werden sollen, aus denen unsere Amtsträger hinausgeworfen wurden?”

Dieses Beispiel ist kein Einzelfall. Britische Zeitungen, ob sie nun mit dem Norden oder dem Süden sympathisierten, sagten das Selbe: Der Staat fiel in den Süden ein, um Steuern einzutreiben. Als Marx das Folgende sagte, hielt er lediglich fest, was jeder wusste, der sich damals mit den Begebenheiten beschäftigte: „Der Krieg zwischen dem Norden und dem Süden ist ein Zollkrieg. Darüber hinaus steht kein Prinzip hinter ihm, er berührt nicht einmal die Frage der Sklaverei, sondern er dreht sich um die Machtgier des Nordens.”

Marx täuschte sich lediglich in einer Sache: Der Krieg war durchaus in einem Punkt von Prinzipien geleitet. Es war das Prinzip der Selbstbestimmung und des Rechtes, nicht zur Alimentierung eines fremden Regimes gezwungen zu sein. Anders gesagt: Dieser Krieg war ein Krieg für die Freiheit - und der Süden stand auf der Seite der ursprünglichen amerikanischen Revolutionäre.

Ist es nicht interessant, dass Jene, die sich heute für das Verbot der Symbole der Konföderation einsetzen und die weiterhin die Geschichte eines ganzen Volkes verteufeln, die Selben sind, die sich in allen heutigen politischen Kämpfen als Hofschranzen des heutigen Regimes aufführen? Nicht viel hat sich in den 139 Jahren geändert.

Adams’ Buch ist ein Markstein auf dem Wege zur Wahrheit über den „Bürgerkrieg”, ein Buch für jene, die sich der Mühsal unterziehen möchten, die Fakten zu erfahren.

Übersetzung für ef aus dem Englischen von Jens P. Meiners.


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