25. November 2020

Vorwurf gegen Ex-Geschäftsführer von ZDF-Digital Der Strauss-Kahn des ZDF

Der Umgang des Mainzer Senders mit Carim Aadam entlarvt den Gebührenverschlinger als Hüter der heiligen Doppelmoral

von Phil Mehrens

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Bildquelle: Tobias Arhelger / Shutterstock.com Rundfunkbeitrag: Für die kleinen „menschlichen Freuden“ mancher Journalisten zahlen wir doch gerne!

Kein frauenrechtsrelevantes Thema war vor ihnen sicher, den hyperkorrekten Berichterstattern des ZDF. Die Mainzer waren immer vorne mit dabei, wenn es galt, in einer angeblich männerdominierten Welt Frauen nach vorne zu bringen: Die Frauenfußball-WM im letzten Jahr, für viele TV-Zuschauer nicht interessanter als ein Hallenhalma-Turnier in Klein-Splittersdorf, wurde in allen Formaten des Senders, vorneweg im Flaggschiff „Heute-Journal“ angepriesen wie Sauerbier drei Tage nach Ende des Oktoberfestes, inklusive peinlichem Propagandavideo, beim Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche forderte das ZDF eindringlich eine konsequente Aufarbeitung, bei der #MeToo-Debatte solidarisierte man sich reflexhaft mit den betroffenen Frauen und neuerdings entern sprachliche Geisterfahrer wie „Teilnehmende“ oder „Arbeitnehmende“ auch ZDF-Formate. Jetzt ist klar: Die Mainzer predigen Wasser und saufen Wein. Das Zweite Deutsche Fernsehen hat nun nicht nur seinen eigenen Dominique-Strauss-Kahn-Skandal. Er hat auch einen Migrationshintergrund.

Damit gleich zum nächsten Aspekt der zwischen primitiven Pubertätsreflexen und peinlichem Professionalitätsverlust pendelnden Vorfällen bei der ZDF-Tochter ZDF-Digital: Immer schön dem vom Zeitgeist diktierten Vielfaltsdogma verpflichtet, haben die deutschen Sendeanstalten, vorneweg das ZDF, pedantisch darauf geachtet, dass auch Migranten und Migrantenabkömmlinge in angemessenem Rahmen mit zu den dank Zwangsgebühr allzeit prall gefüllten Fleischtöpfen des öffentlich-rechtlichen Staatsfunks vorgelassen werden. Doch der hypermoralisch-korrekte Übereifer fliegt den Mainzelmännchen und (Mensch, bloß nicht vergessen:) -frauchen nun gewaltig um die Ohren.

Wie der „Spiegel“ letzte Woche in einem Enthüllungsreport mit dem aufschlussreichen Titel „Spy-Cams und eine Penistorte“ aufdeckte, legte ein gewisser Carim Aadam, den ein Foto als Kahlkopf mit schickem Schal und islamophilem Bart im Gesicht zeigt, bei den makellosen Mainzern mit ihrer ach so großen Sorge um die Gleichberechtigung von Frauen, Ausländern und sonstigen Benachteiligungsgefährdeten eine Bilderbuchkarriere hin. Nach Engagements bei „Multipass Media“ und „News And Pictures“ landete Aadam bei der ZDF-Digital-Medienproduktion, wo er 2014 Geschäftsführer wurde. 2017 übernahm er zusätzlich die Geschäftsführung von „doc.station“ innerhalb von ZDF Enterprises.

Bei den Absonderlichkeiten, die der frischgebackene Digitalchef im Firmenalltag an den Tag legte, schauten die sonst so hyperkorrekten Mainzer nicht so genau hin. Wer wird sich schließlich bei einer Anstalt, die so „hip“ ist, dass sie selbst bei der Heimatfilm-Serie „Lena Lorenz“ nicht darauf verzichten wollte, homosexuelle Männer beim Vorspiel im Stroh zu zeigen (man muss ja mit der Zeit gehen), über einen gezeichneten Penis aufregen, angebracht neben dem Türschild von Carim Aadams Büro? Auch wenn die Penisse im Lauf der Zeit ebenfalls auf Schreibtischen von Mitarbeiterinnen, an allen möglichen öffentlich zugänglichen Plätzen und in einem herumliegenden Ausmalbuch auftauchten (getreu dem Motto: „Mal nach Genital“), fiel das anscheinend unter das Toleranzedikt von Mainz. „Die Penisse waren allgegenwärtig“, ließ sich eine der Mitarbeiterinnen zitieren. Alles kein Problem: Für einen unverklemmten Umgang mit Sexualität hatten bekanntlich in den neo-aufgeklärten Siebzigern schon die sogenannten Kinderläden geworben. Und man wird doch wohl nicht auf einmal so verklemmt sein wollen wie Papst Benedikt in „Zurück zu Gott!“ mit seiner kritischen Nachfrage, welche Segnungen für eine Gesellschaft durch Nudismus und „Sexkoffer“ erzielt werden sollen. Höhepunkt einer Kultur der sexuellen Befreiung bei der modern aufgestellten Truppe von ZDF-Digital: eine Torte mit erigiertem Penis dort, wo bei Hochzeitstorten das Brautpaar steht. Ein netter Spaß zum 40-jährigen Geburtstag des der sexuellen Prüderie komplett unverdächtigen Mannes mit dem Mohammedaner-Bart. Die dazu passenden Penis-Strohhalme gab es schon am Vorabend. „Stell dir vor, es ist meiner“, soll der offenbar zu Scherzen auf Pennäler-Niveau aufgelegte und bestens an westliche Lebensart assimilierte Aadam zu einer Mitarbeiterin gesagt haben, die ein entsprechend zugerüstetes Getränk in der Hand hielt.

So weit der erste Teil der Geschichte, der nie den Weg in eine größere Öffentlichkeit gefunden hätte, wäre auf ihn nicht der nachfolgend skizzierte zweite Akt gefolgt, der Carim Aadam, so sieht es jedenfalls zum gegenwärtigen Zeitpunkt aus, zum Dominique Strauss-Kahn des ZDF macht: Im November 2018 hält sich Aadams Digitaltruppe zu einer Mitarbeitertagung auf Schloss Löwenstein auf. Durch ein Leuchten in einem vermeintlichen Adapter in der Steckdose ihres Zimmers stutzig geworden, entdeckt eine der Mitarbeiterinnen neben der Tür eine Spionagekamera. Als sie ihren Chef noch in derselben Nacht zusammen mit zwei Kolleginnen darauf anspricht, kommt es, so schildert es die Frau, zu einem Handgemenge, bei dem es ihr gelingt, die Kamera, die Aadam ihr sofort weggenommen hat, wieder an sich zu bringen. Die benachrichtigte Polizei stellt Mini-Kameras in weiteren Hotelzimmern mit weiblichen Bewohnern sicher. Auf einer von ihnen findet sich eine Aufnahme von Carim Aadam. Die Staatsanwaltschaft Aschaffenburg erhebt Anklage.

Was nun folgt, ist der traurige Beweis dafür, dass das ZDF den von den eigenen Redakteuren  gesetzten moralischen Maßstäben nicht genügt: Während die Magazinformate des Senders zeitweise das Gefühl vermitteln, in Deutschland müsse das Wahlrecht für Frauen erst noch erstritten werden, stellten sich die Verantwortlichen in der Causa Carim Aadam nicht kompromisslos an die Seite der Betroffenen. Ihnen wurde empfohlen, um die Sache nicht viel Wind zu machen. Selbst als sie sich per Anwalt an die Geschäftsführung von ZDF Enterprises wandten, stellte das Unternehmen sich immer noch schützend vor den belasteten Mitarbeiter mit Migrationshintergrund. „Nicht überbetonen“, fasst der „Spiegel“ die Reaktion von Karoline Meichsner-Sertl, Geschäftsführerein von ZDF Enterprises, zusammen. Offenbar war man in der Chefetage der Überzeugung, bei Menschen mit Pascha-Kultur-Vorfahren die #MeToo-Messlatte wieder etwas niedriger hängen zu müssen.

Erst im Juli 2020, fast zwei Jahre nach den Vorfällen, kam es schließlich zur fristlosen Kündigung Carim Aadams. Mit den im Rahmen der Missbrauchskrise beschuldigten Geistlichen der katholischen Kirche waren die Mainzer nicht so geduldig. Da forderten die Redakteure des Senders eine zügige und lückenlose Aufklärung. Vor der eigenen Haustür kehrten die ZDF-Besen nicht so schnell.

Carim Aadam bestreitet die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen. Eines ist aber schon jetzt klar: In dem Sender, der vier Jahre lang nicht müde wurde, auf den amtierenden US-Präsidenten einzuprügeln, weil der es mit der Wahrheit nicht so genau nehme, wird selbst gelogen, dass sich die Balken biegen. Denn dass Carim Aadam, der Mann mit der Peniszeichnung an der Bürotür, und die Frauen von ZDF-Digital, die ihn der sexuellen Anzüglichkeiten und der Überwachung durch Spionagekameras beschuldigen, beide die Wahrheit sagen, ist ausgeschlossen. Da ist also ein Sender mit einem lauten Aufprall von seinem hohen Ross gefallen.

Wie so vieles hat freilich auch der ZDF-Skandal sein Gutes: Rundfunkgebührenzahler wissen jetzt, was sie mit den grotesk überzogenen Gebühren, die jetzt auch noch dreist erhöht werden sollen, so alles finanzieren: nicht den Journalismus einer soliden Redlichkeit, wie ihn vor Jahrzehnten einmal Gerhard Löwenthal, Claus Seibel oder Rudolf Radke repräsentierten, sondern Menschen, die von ihrem üppigen Gehalt so lebenswichtige Dinge einkaufen wie Penistorten und Spy-Cams. Wenn man weiß, dass die Jungs und Mädels von ZDF-Digital auf Schloss Löwenstein so richtig auf ihre Kosten kommen, entrichtet man seinen Rundfunkbeitrag gleich doppelt so gerne!


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