14. November 2019

Diagnose Borderline Die gestörte Gesellschaft

Tiefenströmung der Geschichte und ein Ausweg

von Philipp Meyer-Galow

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Bildquelle: shutterstock Erkrankung der kollektiven Seele: Worin liegt die Heilung?

Rapide Verschärfung des sozialen Klimas

Viele Menschen fragen sich dieser Tage, was eigentlich los ist im Lande und auf schaurig verwandte Weise auch in der Welt. Warum scheint der Grad der Verrücktheit täglich zuzunehmen? Warum wirken die Menschen so gereizt? Warum leiden immer mehr Menschen an Depressionen? Warum ist nahezu jeder Lebensbereich politisiert und jede nur vor wenigen Jahren unbedenkliche Diskussion droht zu eskalieren?

Haben die Relativierer und Entwarner recht, dass wir bloß eine höhere Informationsdichte erleben, aus der mehr Transparenz folgt, als das noch vor 20 oder 30 Jahren der Fall war? Handelt es sich doch nur um eine gefühlte Verschärfung der menschlichen Beziehungen? Sicher trägt die technische Entwicklung auch zu schnellerer und intensiverer Wahrnehmung von Konflikten bei oder vermag es zweifelsohne auch, Konflikte zu erschaffen, die bei geringerer Informationsdichte nicht zustande gekommen wären. Aber wer glaubt, mit solchen Beobachtungen bereits den Kern des Problems gefunden zu haben, der kratzt nur an der Oberfläche – wie ein Psychologe, der einem schwer Depressiven erklärt, dass er zu viele melancholische Filme geschaut hat.

Diagnose Borderline

Wer genau hinschaut, hineinspürt, der nimmt wahr, was insbesondere Menschen berichten, die nach langer Zeit der Abwesenheit der hiesigen Gesellschaft begegnen – eine tiefe Erkrankung der kollektiven Seele, suchend nach einem Ausweg, der den Schmerz betäubt. Man erkennt eine Borderline-Gesellschaft, auf der Grenze zwischen Angststörung – German Angst mehr denn je – und gestörter Wahrnehmung der Wirklichkeit. Die Borderline-Gesellschaft hat eine schwere Identitätsstörung; sie schwankt zwischen überheblicher Arroganz ob der historisch berühmten Tugenden, deren Verwirklichung nur noch allzu selten anzutreffen ist, und zermürbenden Selbstzweifeln aufgrund der grauenhaften Verbrechen an der Menschheit im 20. Jahrhundert. Getrieben von diversen Ängsten, die sich mittels ausgeprägten Schwarz-Weiß-Denkens formen und ins absurd Extreme steigern, mündet das psychosoziale Verhalten in eine hohe Impulsivität; der neue Dauerzustand geringer Verhaltenskontrolle führt von einer Empörung zur nächsten, die „gute“ Gesellschaft zelebriert am Fließband mediale Hexenjagden gegen Andersdenkende. Alternativ kanalisiert sich die Energie in kollektiv selbstverletzendes Verhalten, das der schmerzenden Seele spontane Linderung verschafft, innere Spannung findet einen Abfluss und es stellt sich ein kurzzeitiges Gefühlshoch der moralischen Erhabenheit ein – gesellschaftliches Ritzen des kollektiven Körpers als Volkssport. Wir beobachten launenhafte Stimmungsschwankungen, von gefühliger Ekstase der „guten“ Tat hin zu rasendem Hass auf alles, was das „gute“ Weltbild in Frage stellt. Im Kern – hinter der offenbaren Zerfressenheit von echter Moral – leiden die Menschen an einer tiefen inneren Leere.

Wer seinen Blick von Deutschland in die Welt richtet, findet schnell Parallelen in der gesamten „ent-wickelten“ Welt – dem sogenannten Westen, jeweils lokal geprägt durch kulturelle Eigenheiten. Die zugrundeliegende Krankheit scheint jedoch die gleiche. Wir haben es mit einem globalen Phänomen zu tun.

Epochenbruch – Geburtswehen durch geschichtliche Tiefenströmungen

Um zu verstehen, müssen wir die Evolution der Zeitgeschichte analysieren und dabei die kollektive Psyche der Menschen im Auge behalten – geschichtliche Tiefenströmungen scheinen hindurch.

In der Moderne ließ ein Großteil der Menschen das bis dahin geltende ethnozentrische Narrativ, das durch den Glauben an Gott und die daraus geschaffene Ordnung geprägt war, hinter sich. Die Werte der Moderne standen fest auf dem Fundament der Wissenschaften, die Rationalität der Aufklärung löste den Glauben ab. Daraus formierte sich ein materiell-mechanistisches Weltbild, das die bis dato allgegenwärtige Mystik vollständig ablehnte. Die Kirche wurde sukzessive durch den Staat und später den Wohlfahrtsstaat ersetzt. Neue Religionen entstanden: Dominant sind Etatismus und „Szientismus“. In diesem gesellschaftlichen Klima konnte sich der Staat nahezu ungehindert ausdehnen und die größte aller Interventionsspiralen lostreten, die mittlerweile seit dem Zweiten Weltkrieg im Gange ist und stetig an Größe gewinnt.

Während weiterhin ein substantieller Anteil der Menschen im Westen am Weltbild der Moderne festhält, hat sich seit etwa 50 Jahren zunehmend eine kritische Masse dem neuen Narrativ der Post-Moderne verschrieben. Für diese Menschen zählen nun vor allem Pluralismus und Gleichheit, sie sind relativistisch im Denken und höchst sensibel für allerlei vermeintliche Ungerechtigkeiten. Diese postmodernen Werte haben die mörderischen Ideen des bereits totgeglaubten Sozialismus wieder neu befeuert. Der „Neo“-Sozialismus mit seinen postmodernen Anhängern bedroht mittlerweile ernsthaft die kapitalistische Ordnung des Westens und damit die grundlegende Freiheit der Menschen – man kann auch konstatieren, dass er bereits gesiegt hat. Es entstand eine ideologische Massenbewegung, die sich mittlerweile die Hoheit in den staatlichen und medialen Institutionen, zunehmend auch in den Konzernen, erkämpft hat. Sie radikalisiert sich stetig weiter und bekämpft verbittert alle Werte und Attribute der bisherigen Evolutionsstufen sowie deren Vertreter.

Degeneration der postmodernen Elite

Nach dem Philosophen Ken Wilber kann die Postmoderne nur eine Evolution sein, wenn sie die bisherigen Stufen integriert und daraus ein nachhaltig positives Narrativ formt. Doch die postmoderne Bewegung ist degeneriert, hat ihre zunächst berechtigte Kritik am Alten in ein überspitztes Wertegerüst entwickelt, das geradezu zu einer Karikatur ursprünglich positiver Ideen herangewachsen ist. Beispielsweise wurde aus einer vielfach gerechtfertigten Kritik destruktiver Dominanzhierarchien eine Kritik an allen Hierarchien. Dabei übersehen die Kritiker, dass menschliche und andere Gruppen stets von Natur aus Hierarchien generieren. Diese können Dominanzhierarchien sein, deren moralische Bewertung man durchaus diskutieren kann. Sie können aber auch Wachstumshierarchien sein, wie beispielsweise Kompetenzhierarchien, die für den Prozess der Zivilisation mit entsprechendem Fortschritt zwingend notwendig sind. Die Ablehnung aller bisher gültigen Werte führte vermehrt in einen Nihilismus, auf dessen Boden ein ungebändigter Narzissmus gedieh. Diese Degeneration der dominanten Evolutionsstufe wirkt nun gesellschaftlich wie eine schwere Depression, eine Bewusstseinskrise, weil das alte Narrativ zerstört wurde und das angebotene neue Narrativ dysfunktional ist – es bleibt eine bisher unerfüllte Leere. Große Denker haben diese Entwicklung kommen sehen: Zum Beispiel erkannte Nietzsche einen kommenden Nihilismus und die Geburt des „Letzten Menschen“, der des Lebens überdrüssig sein und jegliches Risiko ablehnen würde, einzig auf der Suche nach Genuss, Komfort und Sicherheit. Diese Menschen sind heute Mainstream.

Bewusstseinswandel zur Rezentrierung auf den ganzen Menschen und seine Naturrechte als möglicher Ausweg

Es ist leicht zu erkennen, dass ein „Weiter so“ in erneute Katastrophen führen wird; denkbar auch im Ausmaß des 20. Jahrhunderts oder darüber hinaus. Daher ist die große Frage, ob eine Umkehr oder Abkehr von diesem düsteren Ausblick überhaupt möglich ist, ohne dass vorher die Freiheit, damit auch der Wohlstand und letztlich sogar große Teile des Lebens selbst vernichtet werden.

C. G. Jung wusste bereits früh um die heraufziehende tiefe Erkrankung des Westens und postulierte, dass ein Bewusstseinswandel nur durch eine neue Mystik möglich sei. Diese sei in der Lage, die tiefe innere Leere auszuleuchten und dem materiell-mechanistisch eingeengten Menschen wieder Sinn zu stiften. Ein großer Teil der Menschen mit materiell-mechanistischem Weltbild lehnt die Mystik stets als irrational ab. Dabei stützen sie sich auf eine sogenannte „harte“ Wissenschaft, obwohl eben diese Wissenschaft in unzähliger Anzahl Indizien liefert, um dem materiell-mechanistischen Kartenhaus zum Einsturz zu verhelfen. Beispielsweise treffen sich neue Physik sowie Bewusstseinsforschung mit den mystischen Strömungen der großen Weltreligionen in gemeinsamer Erkenntnis. Je tiefer man eindringt in die Kosmologie, die Physik und dringend auch die Philosophie, desto heftiger vermittelt sich die Erkenntnis der Unkenntnis der Natur der Dinge, der zunächst verbuddelte Keim der Mystik beginnt unvermeidlich zu sprießen. So vermitteln beide Wege, Wissenschaft und Religion oder Spiritualität, dass alles mit allem verbunden ist, ebenso, dass Bewusstsein real ist, auch ein globales oder besser universal vernetztes Bewusstsein existiert. Der Heisenberg-Schüler Hans-Peter Dürr nennt es auch das „Hintergrundfeld“, aus dem alles entsteht. Was wir für Materie halten, ist laut Dürr in Wirklichkeit Bewusstsein. Alles ist von Bewusstsein durchdrungen, wie der Philosoph Jochen Kirchhoff formuliert. Nicht verwunderlich ist, dass diese Interpretationen weiterhin von einer Vielzahl Menschen abgelehnt werden. Dürr kommentierte dieses Phänomen: „Es ist erstaunlich, dass dieser tiefgreifende Wandel unseres Realitätsverständnisses noch nicht philosophisch und erkenntnistheoretisch begriffen ist, nach mehr als 100 Jahren seit den paradoxen Erkenntnissen der Physiker Max Planck und Albert Einstein und den großen wissenschaftlichen Erkenntnissen 25 Jahre später von Niels Bohr und Werner Heisenberg.“ Es wäre bei näherer Befassung also rational vernünftig, die Mystik, die beispielsweise der Buddhismus oder auch die christliche Mystik schon eine Ewigkeit kennen, wieder in das eigene ausgezehrte Weltbild zu integrieren. Dies als Ergänzung zu den Errungenschaften der Aufklärung, nicht als Ersatz.

Wissenschaftliche und/oder religiös-spirituelle Mystik könnte sowohl das materiell-mechanistische Weltbild sinnvoll korrigieren, die Errungenschaften der Aufklärung ergänzen, die schmerzliche Leere wieder mit der philosophischen Suche füllen. Es besteht eine Chance zur Wiedervervollständigung des sinnentleerten postmodernen Nihilisten. Die Sinnsuche mit dem untrennbar verbundenen Erlebnis des Staunens, die Akzeptanz der eigenen Unkenntnis bei gleichzeitiger Verbundenheit mit allem tragen die Möglichkeit der ganzheitlichen Heilung in sich. So könnte eine tiefenpsychologische Heilung für die Borderline-Gesellschaft beginnen, die die Degeneriertheit der Postmoderne rückabwickelt und sukzessive die Integration vorheriger Evolutionsstufen ermöglicht. Daraus kann dann das neue Narrativ erwachsen.

Eine geheilte Gesellschaft wäre weniger anfällig für die obengenannten neuen Religionen, Etatismus und „Szientismus“, wäre in der Lage, sich zu besinnen, wie auch immer das im Detail für jeden Einzelnen aussehen mag. Eine geheilte Gesellschaft wäre weniger anfällig für die vorgeblichen Verlockungen des Wohlfahrtsstaats, die Verheißungen des Sozialismus, die Neigung zur Tyrannei. „Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, oder er wird gar nicht mehr sein“, sagte bereits Karl Rahner.

Aufruf zur Besinnung

Es ist daher zwingend für den Fortbestand des Westens mit seiner relativen Freiheit und dem daraus entstandenen Wohlstand und zur Wiederbelebung des kulturellen Reichtums, die engen Dogmen des Mainstreams abzulegen und eine neue Verbindung zur Mystik zuzulassen, unter anderem über Meditation, die Künste, eine neue Spiritualität oder auch die Erkenntnisse der neuen Physik, der Naturmedizin oder der Bewusstseinsforschung. Wir brauchen eine Renaissance der Mystik, um heil werden zu können.

Ein Epochenbruch von einer veralteten Evolutionsstufe auf eine neue dauert mindestens Jahrzehnte, eher Jahrhunderte und kann zuweilen sehr turbulent zugehen. Wir sollten darauf gefasst sein.

Und wenn es mal unerträglich wird – Waldgang.


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