14. Mai 2019

„Tag des Sieges“ am 9. Mai in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion Kinder und Symbole als Instrumente der Machtausübung

Ist das überhaupt ein Grund zum Feiern?

von Oleksandr Zilber

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Bildquelle: shutterstock Sollte ein Tag der Trauer sein: Gedenken an den 9. Mai 1945

Der „Tag des Sieges“ am 9. Mai ist ein Anlass, an dem überwiegend in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion das Ende des Zweiten Weltkrieges gefeiert wird. Genauer gesagt, der Sieg der Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland im Mai 1945. In diesem Monat war der Zweite Weltkrieg noch nicht offiziell zu Ende. Dennoch wird der Zeitraum 1941 bis 1945 jedes Jahr im kulturellen Gemeinschaftsgedächtnis immer tiefer verfestigt, mit Hilfe des schulischen Geschichtsunterrichts und aller möglichen sozialen Aktionen, die durch den Staat gesponsert werden.

Das Sankt-Georgs-Band ist dabei das offizielle Zeichen der Erinnerung an den Sieg im Deutsch-Sowjetischen Krieg. Es wird von immer mehr Menschen getragen, aber vor allem ganz aktiv von denjenigen, die mit solchen Parolen wie: „Wir können es wiederholen“, „Danke dem Großvater für den Sieg“ und „Ich erinnere mich! Ich bin stolz!“ protzen, als hätten sie mit Spaß an einer der größten Massenmord-Aktionen der Menschheitsgeschichte teilgenommen. Auch werden Kinder und Jugendliche in die jährliche Siegesparade hineingezogen, um der neuen Generation den Stolz auf den angeblichen Sieg der Freiheit über die Sklaverei anzuerziehen.

Der Sieg der Freiheit?

Es gibt dazu zwei gängige Meinungen. Die erste Behauptung besagt, dass Großeltern und Eltern ihre Heimat, ihr Land, ihr Volk verteidigten. Nach einigen Generationen feiern ihre Nachkommen die Befreiung von den Schrecken des Nationalsozialismus. Heute werden die Soldaten verherrlicht, die ihr Leben für ihre Kinder und Enkelkinder gegeben haben: „für mich, für Sie, für diejenigen, die noch auf die Welt kommen werden. Wenn unsere Vorfahren nicht gekämpft hätten, gäbe es uns gar nicht“, so die staatliche Propaganda. Und an diesem Tag sollte sich jeder Russe an seine Eltern und Großeltern erinnern, um ihnen für sein in vielerlei Hinsicht unbeschwertes Leben zu danken, das für sie nicht möglich war.

Die zweite Meinung legt etwas anderes dar. Eine Feier findet üblicherweise statt, wenn Menschen etwas gewonnen haben. Franzosen, Briten, Italiener und sogar Deutsche selbst gewannen infolge des Sieges über Hitlers sozialistisches Regime ihre Freiheit. Und was haben die sowjetischen Bürger gewonnen? Kann ein sowjetischer Sklave als Ergebnis des Sieges des sowjetischen Systems über das halbsowjetische System etwas gewinnen? Nein. Die Sklaverei wurde nur erweitert und ergänzt.

So etwas ist kein Sieg, sondern eine totale Niederlage. Der Sklave blieb bis 1991 ein Sklave. Und heute restaurieren die Sklavenkinder aktiv ihre Arbeitslager mit dem Zeichen der Neo-Sowjetunion. Sie feiern den 9. Mai und erinnern sich tatsächlich an das Beispiel der Sklaverei. Sie denken daran, sie wiederzubeleben. Sie sind nicht gegen die Sklaverei. Sie haben die Sklaverei nun „Sieg“ genannt.

Wissen die Kinder, was der Krieg eigentlich bedeutet?

Woran denken die Kinder, die 74 Jahre später dazu verleitet werden, eine Militäruniform zu tragen? Sie glauben etwa, der Krieg sei toll, der Krieg sei eine Feier, denn wir werden gewinnen und uns darüber freuen. Jeder Krieg ist aber nichts anderes als eine totale Katastrophe, ein nicht wieder gutzumachender Verlust. Die einzige Frage, die sich jeder am Tag des Sieges stellen sollte, lautet: „Was tun, damit der Krieg nie wieder passiert?“

Am 9. Mai sind alle Russen stolz auf den Sieg über das Böse. Aber für ihre Vorfahren, die am Krieg teilgenommen haben, war die Militäruniform ein Symbol des Todes. In dieser Bekleidung starben Abermillionen von ihren Kameraden direkt vor ihren Augen, zerfetzt von Bomben, Kugeln und Feuer. In der Gegenwart scheint uns der Krieg viel zu weit entfernt zu sein, wir haben all die Albträume fast vergessen. Wir haben den Preis dieses Sieges vergessen. Das Sankt-Georgs-Bändchen wird weiterhin für die Identifikation mit den Siegern stehen und russische Kinder dazu motivieren, an Siegesparaden und Märschen teilzunehmen, als wäre das alles nur ein Spiel. Hat man etwa vergessen, dass es im Krieg keine Romantik gibt, kein Glück, keinen Ruhm?

Wie viele Tote braucht ein Feiertag?

In diesem schrecklichen Krieg starben 27 Millionen sowjetischer Bürger. Millionen wurden verstümmelt, verloren ihre Geschwister, Väter, Mütter, Großeltern und Kinder. Für einen hohen persönlichen Preis stoppte das russische Volk Hitler. Es ist dieser tragische Sieg, der jetzt von den Erben der roten Regierung diffamiert wird, die alles getan hat, um sicherzustellen, dass möglichst viele in diesem schrecklichen Krieg sterben.

Der Sieg über die Nationalsozialisten mit Hilfe des Westens hätte die Grundlage für die Rückkehr Russlands in die Familie der freien Nationen sein können. Stattdessen nahm Stalin das wieder auf, was er mit Hitler begonnen hatte, und spaltete Europa weiter, baute die Berliner Mauer und verspottete die Menschen. Nur die Kinder der Beamten der UdSSR, die sich während des gesamten Krieges in ihren bequemen Büros versteckt haben, können sich erlauben, diesen Albtraum zu wiederholen, denn nicht sie haben gekämpft. Nur die Faschisten sind stolz darauf, wie viele Menschen im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen sind.

Am „Tag des Sieges“ trauern die Russen um ihre Verwandten, die die Welt vor dem Nationalsozialismus und dem Holocaust gerettet haben, sich aber nicht vor dem Kommunismus und dem Gulag retten konnten. Dies ist ein Feiertag mit Tränen in den Augen. Nie wieder.


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