15. April 2018

Forderung nach strengeren Waffengesetzen Die Menschen rufen (wieder) nach ihrer Entrechtung

Sie prangern Gewalt an, schrecken aber selber nicht davor zurück

von Eric Hugo Weinhandl

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Bildquelle: Joseph Sohm / Shutterstock.com Zeigt den entwaffneten Untertanen stolz seine Waffen:Staat

Der moderne Mensch lässt sich eher davon überzeugen, große Teile seines Privateigentums und anderer Freiheiten abzugeben, seine Kinder in den Krieg zu schicken und moralfreien Diktaten der Mehrheit zu folgen, als von der Möglichkeit, in einer staaten- und gewaltlosen Gesellschaft zu leben.

Wiederholt sich die Geschichte oder sind es doch immer wieder neue Phänomene, mit denen der Mensch konfrontiert wird? Sind wir fähig, aus fundamentalen Fehlern der Menschheitsgeschichte tatsächlich reflexive Schlüsse zu ziehen und zu lernen oder begegnen uns diese Fehler lediglich in neue Gewänder gekleidet immer wieder? Betrachtet man philosophische Konzepte wie Freiheit und Moral, ist es scheinbar eindeutig. Das in die Gesellschaft eingebettete Individuum lernt nicht aus seinen Fehlern, bezieht historisches Bewusstsein höchstens aus bruchstückhaften Erinnerungen, möglicherweise aus Ignoranz, aus Angst oder einfach nur aufgrund der Verführungen der Masse. Nicht nur die aktuell allgegenwärtige, irrational und schwer emotional geführte Debatte rund um Waffenverbote und andere Entrechtungen – einmal mehr ausgehend von den USA – verdeutlicht: Es sind selten die direkten Agitationen herrschaftsbasierter Systeme, die nach Freiheitseinschränkungen, Zensur und Entrechtung streben. Es sind Bürger und soziale Kollektive, die willfährig für die manipulativen Agenden hegemonial agierender Eliten auf die Straße gehen (oder ihnen zumindest in sinnbefreiten Stellungnahmen aktiv wie passiv – etwa durch fehlenden Widerstand – zustimmen) und so die eigene Versklavung weiter vorantreiben. Eine Spurensuche in den Windungen der pathologischen Sucht nach Kontrolle, Autorität und Herrschaft.

Über inszenierte soziale Bewegungen und das Gewaltmonopol 

Nach den jüngsten Amokläufen in den USA ist nicht nur dort (erneut) eine hoch emotionale Debatte über die Sinnhaftigkeit und das Recht von privatem Waffenbesitz entbrannt. Mit institutionellem Waffenbesitz, der jährlich Millionen von Menschen tötet, haben Bürger rund um den Globus paradoxerweise kein Problem, aber dazu später mehr. Getragen wird diese Debatte primär, wie kann es anders sein, von liberaler und links-progressiver Seite, wobei sich mittlerweile auch Vertreter des konservativen bis rechten Spektrums in den politischen Strudel aus Freiheitseinschränkung und Kontrolle ziehen lassen, natürlich nicht ganz ohne den damit einhergehenden Eigennutz aus den Augen zu lassen. Wie aus dem Nichts wurden minderjährige Schüler, die Überlebende des jüngsten Schulmassakers in Florida sind, medienwirksam als Gesichter einer Bewegung („Never Again/March for our lives“) für strengere Waffengesetze und die Auflösung des zweiten Zusatzes zur Verfassung der Vereinigten Staaten positioniert. Und wie bei vielen anderen sozialen Bewegungen, die durch Massenmedien und politisches Establishment initiiert und unterstützt werden, läuft auch bei dieser alles wie aus einem Skript, das direkt aus Hollywood stammen könnte. Denn die Köpfe der Bewegung verkörpern nicht nur den nach Autorität schreienden, historisch blinden, rücksichtslosen, labilen und volatilen Zeitgeist, der alles Tradierte und Naturrechtliche umstürzen möchte. Sie verkörpern das unterdrückende System an sich, das über die „unschuldigen“ Gesichter von Kindern seine perfiden Agenden breitenwirksam in die Köpfe aller Willfährigen pflanzen möchte.

Es verwundert nicht und passt auch in das hier beschriebene Konzept, dass eben jene Kinder mit dem Vorwurf konfrontiert wurden, sogenannte „crisis actors“ zu sein. Schauspieler, die vom Staat dafür engagiert werden, ein Skript für seine eigenen Vorhaben zu spielen. Ein orchestriertes Vorgehen also, wie man es aus den sogenannten „False flag“-Aktionen diverser Geheimdienste nur zu gut kennt. Wie dem auch sei: Die Bewegung fand und findet immer noch regen Zuspruch, in einer Gesellschaft, die lieber blind der Meinung der Masse folgt, als selbst über Ursache und Wirkung bestimmter Maßnahmen und Ereignisse nachzudenken. Der zentrale Fehler ist, dass die Meinung der Mehrheit automatisch mit der Wahrheit gleichgesetzt wird. Dass gerade in den USA jährlich um das Zehnfache mehr Menschen durch die Staatsgewalt ums Leben kommen als durch die Gewalttaten einzelner Individuen, dass die Mordraten in stark bewaffneten Gebieten massiv rückläufig sind, ebenso wie die der Amokläufe, während sie in waffenfreien Zonen rapide ansteigen, dass Staaten und Regierungen absichtlich Kriegsmaterial an kriminelle Organisationen verkaufen und somit gesellschaftliche Gewaltspiralen forcieren, dass in Staaten mit strengen Waffengesetzen einfach herkömmliche Gegenstände zu Waffen umfunktioniert werden, da gewaltaffine Menschen immer Mittel und Wege finden, dass gesellschaftliche und systemische Faktoren Schuld an Gewalt und Mord haben, all das wird in diesem Kontext konsequent ausgeklammert und ignoriert.

Es passt eben nicht in die herrschende Agenda. Dabei bedarf es geradezu einer mehr als kritischen Reflexion, wenn Menschen ernsthaft die Forderung postulieren, das Recht auf Waffenbesitz einzig und alleine dem Staat zu übertragen, es somit institutionell zu monopolisieren. Jenem Staat, der Kriege beginnt, Gewalt gegen seine Bürger als legitim ansieht und noch nie Interesse daran zeigte, einmal abgegebene (Natur‑) Rechte wieder an eben jene Bürger abzugeben. Es kocht hier der alte philosophische Streitpunkt der Spannung zwischen Freiheit und Sicherheit auf. Denn der Großteil der Menschheit hat sich mit dem Zeitpunkt der Einrichtung staatlicher Systeme für letztere entschieden und wird, obwohl er nie dem zugrundeliegenden Konzept des Gesellschaftsvertrages bewusst zugestimmt hat, immer aktiv für die Befriedigung seines Sicherheitsbedürfnisses eintreten. Es sind eben jene Menschen, die durch jahrzehntelange Indoktrination in staatlichen Bildungseinrichtungen und Medien in dem Glauben leben, selbsternannte Autoritäten hätten einen höheren moralischen Anspruch in ihrer Agitation und in ihrem Denken, wären daher also befähigter, die Sicherheit des Individuums zu übernehmen, ergo Waffen zu besitzen und auch einzusetzen. Das führt uns unweigerlich zu einem zentralen Wesensmerkmal totalitärer Regime.

Die Kontrolle über Wehrhaftigkeit: Das wirksamste Mittel totalitärer Regime

Die breitenwirksamsten politischen Ideologien bemächtigten sich immer der Wehrhaftigkeit des Volkes und brachen diese letztlich. Sowohl Kommunismus und (nationaler wie internationaler) Sozialismus als auch der Faschismus strebten immer danach, Individuen in Kollektiven zu organisieren, zu indoktrinieren und sie letztlich zwecks der eigenen Machterhaltung zu entwaffnen. War der Bürger erst einmal unfähig, sich zu wehren, und sei es nur geistig durch alternative Bildung, war der Weg für die Tyrannei in all ihren Erscheinungsformen frei. Die schlimmsten Völkermorde, Genozide und Massenvernichtungen wurden an Menschen durchgeführt, die zuvor weitgehend entwaffnet und durch staatliche Propaganda demoralisiert wurden. Nicht umsonst begründeten libertäre und anarchistische Theoretiker den Begriff des „Demozids“, also des Massenmordes von Staaten an den eigenen Bürgern.

Es ist somit ein zentrales Standbein des Totalitarismus, die sukzessive Einschränkung individueller Freiheit in allen nur erdenklichen Bereichen sozialen Lebens voranzutreiben, wobei die Entwaffnung einen Teil davon bildet. Wie weit der staatliche Kampf gegen Freiheit bereits gediehen ist, sehen wir aktuell in Großbritannien, wo das alleinige Äußern einer unliebsamen Meinung mit Gefängnis oder Ausweisung beziehungsweise Einreiseverbot geahndet wird. Neuerdings werden dort auch Messer als verbotene Waffen klassifiziert. Ergänzend dazu werden in Städten wie London auf öffentlichen Plätzen dystopisch anmutende Plakatkampagnen lanciert, die mit ihren Botschaften an „1984“ und „Schöne neue Welt“ erinnern. Die Polizei wirbt ganz unverblümt für öffentliche Totalüberwachung und eine Assimilierung in das System, mit Slogans wie „Unter den wachsamen Augen“ und „Ich werde den Staat nicht herausfordern“ oder Drohungen wie „Geheimsprache in Verkehrsmitteln kann Sie ins Gefängnis bringen“ und „Wir fahnden nach undeklarierten Einkommen“.

Und auch das für den vorliegenden Artikel zentrale Bildungssystem ist ein Machtfaktor totalitärer Systeme. Wie wir anhand der Protagonisten des „March for our lives“ sehen, dient das Bildungssystem der konformistischen und staatshörigen Erziehung. Kindern wird folgendes beigebracht: Wahrheit kommt von Autorität; Autorität handelt prinzipiell moralisch und gut; Sicherheit wiegt mehr als Freiheit; Intelligenz ist die Fähigkeit, sich zu erinnern und zu wiederholen; präzises Gedächtnis und das Wiederholen unkritisch erlernter Vorgaben/Ideen werden belohnt; Nichteinhaltung und abweichende Meinungen werden ebenso wie Individualität bestraft; destruktive Konkurrenz ist hilfreicher als Kooperation und Voluntarismus; totale Anpassung, sowohl intellektuell als auch sozial.

Eine umerzogene Jugend ist die natürliche Ressource des totalen Staatsapparates. Schon Diktatoren wie Adolf Hitler (Hitlerjugend) und Mao Tse-tung wussten das. Mao – der wahrscheinlich größte Massenmörder der Geschichte – wählte explizit Schüler und Jugendliche für seine „Roten Garden“ aus, da sie leicht manipulierbar und von einem „glorreichen Endziel“ zu überzeugen waren. Der unvollständig ausgeprägte Geist, das eigenständige Denken, wurde mit kommunistischer Ideologie und Herrschaftskult infiltriert. Wer nicht Teil des Ganzen werden wollte, war automatisch verdächtig. Ähnliche Muster sehen wir heute, wenn junge Menschen Ideologien und Konstrukten wie dem Staat oder Geld blind folgen und diese zu ihrem Gottesersatz erheben. Aber auch in der Renaissance marxistischer Ideen, die gerade unter Akademikern absolut unkritisch übernommen, weiterentwickelt und verbreitet werden.

Freiheit ist etwas „Gefährliches“ 

Das Narrativ geht daher in eine bestimmte Richtung, die sich bereits deutlich am Horizont abzeichnet. Freiheit ist etwas Antiquiertes, etwas grundsätzlich Gefährliches, das einer modernistischen Dekonstruktion bedarf, um sie dann, im Sinne der Führer kultureller Hegemonie, neu zu definieren. Heißt: sie weitgehend umzudeuten, zu monopolisieren und dann gegen Tribute und Opfer scheibchenweise wieder auszugeben. Sicherheit und Überwachung werden zur „neuen, guten Freiheit“. Jeder, der für individuelle und selbstdefinierte Freiheit einsteht, ist prinzipiell verdächtig und Agitator gegen das „beschützende“ System. 

Dabei schrecken eben jene Menschen, die Gewalt durch Waffen anprangern, selbst keineswegs vor Gewalt zurück. Die Inszenierung der Protestführer erinnert stark an kommunistische Vorbilder, sowohl was Rhetorik als auch was Symbolismus betrifft. Da spricht ein Mädchen vor Tausenden Leuten über Frieden und Gewaltlosigkeit, in einer Jacke, die auf dem rechten Arm die Flagge Kubas ziert. Eines kommunistischen Regimes, das seine Bürger gewaltsam in Lager sperrt, sie entwaffnet hat und sie bei „Fehlverhalten“ umerzieht oder gar tötet. Da posiert ein junger Mann, wie anno dazumal gewisse Diktatoren, mit der gestreckten rechten Faust in der Höhe und mit eiserner, verbissener Miene im Gesicht, anscheinend bereit, für den Kampf gegen Waffen über Leichen zu gehen.

Im öffentlichen Diskurs ist ein weiteres Detail offensichtlich: Die Schuld für Waffengewalt, oder Verbrechen aller Art, wird neuerdings nicht den Tätern selbst oder den auf willkürlicher Herrschaft basierenden Systemen, die dies erst ermöglichen, zugeschrieben, sondern politisch unliebsamen Vertretern, Bewegungen oder Ideen und Theorien. Allem eben, was nicht in den Zeitgeist einer neuen Weltordnung passt. Beispielsweise werden seit ihrem Aufkommen Anarchismus und Libertarismus verteufelt und vom wissenschaftlichen wie sozialen Diskurs weitgehend ausgeschlossen, wohlwissend, wieviel Wahrheit und Befreiung in diesen Konzepten steckt. Auch nicht dem offensichtlichen Behördenversagen, das mittlerweile nach jedem Amoklauf und Terroranschlag offenkundig wird, gibt man die Schuld. Oder besser gesagt, dem „Behördenzulassen“, denn es hat den Anschein, dass Amokläufe und ähnliche Ereignisse, die im nachhinein bewusst politisch ausgeschlachtet werden, auch bewusst nicht verhindert werden. Und das, obwohl man im Vorfeld davon wusste. Der Staat versagt auf ganzer Linie mit all seinen Kontrollinstitutionen, angefangen von Geheimdiensten über Polizei bis Sozialbehörden, und dennoch wird seine Legitimität in keiner Sekunde in Frage gestellt. 

Dass nun Kinder in den psychischen Wahnsinn getrieben werden, durch pharmazeutische Sedierung, propagandistischen, massenmedialen Dauerbeschuss, zerrüttete Familienverhältnisse und/oder das Mobbing durch Mitschüler, eben jene zu erschießen, wird ebenso totgeschwiegen und so gut wie nicht thematisiert. Viel einfacher ist es da, Waffen und deren Lobbyorganisationen zu dämonisieren. Dieser Logik folgend, müsste man nach jeder Amokfahrt Fahrzeuge und deren Produzenten zum Schutze der Mehrheit verbieten oder, in der ultima ratio, einem jeden die Zunge herausschneiden, der es wagt, sogenannte „Hate Speech“ zu betreiben. Anlassfreie Präventivmaßnahmen werden so die Freiheit immer weiter beschneiden. Es ist anscheinend eine solche Welt, die die blinde Masse gerne hätte. 

Fazit

Was ich besitze, ist nicht deine Angelegenheit. Nach diesem Prinzip sollte ein Leben grundlegend gestaltet werden. Ironischerweise sind es nun eben jene jungen Pseudo-Revolutionäre und Waffengegner, die sich gegen Vorhaben aussprechen, künftig transparente Schulrucksäcke in den diversen Bildungseinrichtungen zu tragen, um das Risiko von Amokläufen zu minimieren. Warum sollten gerade wir aufgrund der Tat eines Einzelnen künftig mit Freiheitseinschränkungen leben müssen? Die Doppelmoral ist frappant. Doch anscheinend kann oder will diese Logik nicht auf die eigenen Forderungen angewandt werden. Erst wenn die Revolution ihre eigenen Kinder frisst, erkennt man die Widersinnigkeit ebendieser. Doch dann wird es zu spät sein.

Es ist der Zeitgeist. Jeder denkt an die Veränderung der Welt, will sich selbst und seine Denk- wie Handelsmuster aber keineswegs hinterfragen. Die Freiheit geht mit lautem Jubel unter. Egal, ob die Menschen für Kriegseinsätze oder Waffenverbote auf die Straße gehen, sich an einer Urne für ihre Entrechtung entscheiden oder in der Passivität ihres monotonen Lebens vor der Eigenverantwortung fliehen. Der Sklave will sein Gefängnis nicht erkennen und bekämpft jene, die ihn befreien wollen. Bringen Gesetze letztlich den ersehnten Frieden? Die Historie spricht eine deutliche Sprache dazu.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Konterrevolution“.


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