27. November 2017

„Aus dem Nichts“ Oliver Stone statt Fatih Akin

Über realexistierende NSU-Thriller und (noch) nicht gedrehte

Artikelbild
Bildquelle: magicinfoto / Shutterstock.com Bei der Premiere von „Aus dem Nichts“: Diane Kruger und Fatih Akin

„Aus dem Nichts“, der neue Film von Fatih Akin, fällt unter die Kategorie Thriller und ist der erste Spielfilm, der den NSU zum Gegenstand hat. Mit Diane Kruger spielt ein leibhaftiger sogenannter Hollywood-Star die Hauptrolle. Diese Figur heißt Katja Sekerci, ist mit einem Kurden verheiratet, der vor der Geburt des gemeinsamen Kindes sein Geld als Drogendealer verdiente. Ihr Mann und ihr fünfjähriger Sohn werden bei einem Bombenanschlag getötet. Die Polizei vermutet einen Racheakt unter Drogenhändlern vor dem Hintergrund von Auseinandersetzungen verfeindeter ausländischer Organisationen. Später fassen die Fahnder zwei Verdächtige ganz anderer Art: ein junges Neonazi-Paar. Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage, doch die Neonazis werden aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Katja ermittelt auf eigene Faust weiter und nimmt Rache, indem sie einen Selbstmordanschlag auf die Täter verübt.

Ich habe „Aus dem Nichts“ nicht gesehen, weil mich Thriller nicht interessieren, hoffe allerdings, dass es nicht der einzige Film zum Thema bleibt. Ich wünschte mir beispielsweise, jemand näherte sich im Modus von Oliver Stones „JFK – Tatort Dallas“ den vielen Ungereimtheiten im Zusammenhang mit den Morden, die dem Neonazi-Trio angelastet werden. Die spektakulärsten, in der aktuellen „Cato“-Ausgabe zusammengefassten Widersinnigkeiten lauten: Drei Typen von nicht eben überragender Intelligenz schaffen es, 13 Jahre unentdeckt im Untergrund zu leben, obwohl sie zur Fahndung ausgeschrieben und von V-Leuten förmlich umzingelt sind; an keinem der 27 Tatorte und an keiner Tatwaffe findet sich auch nur eine einzige DNS-Spur der angeblichen Täter; diese extrem professionellen und kaltblütigen Serienmörder verlieren angesichts eines thüringischen Streifenwagens die Fassung, setzen ihr Wohnmobil in Brand und bringen sich um, aber in den Lungen findet sich nicht ein Russpartikel. Sieben Tage nach dem Doppeltod zu Eisenach beginnt im Bundesamt für Verfassungsschutz eine große Aktenvernichtungsaktion, andere Akten werden für sage und speie 120 Jahre gesperrt, aber bevor irgendein Ermittlungsergebnis auch nur im Ansatz feststeht, weiß die Bundesregierung, was diese beiden Figuren alles veranstaltet haben und dass sie die Täter in diversen, bislang dem kriminellen Milieu zugeschriebenen Morden waren, und die Kanzlerin überträgt stracks die Schande für den ausländerfeindlichen Terror auf das ganze Land. Welch ein Stoff für einen Polit-Thriller! Und für eine Mediensatire obendrein, denn die freie Presse fraß brav die offiziellen Darstellungen und verbreitete sie in aller offenbar gebotenen Devotion.

Warum unseren Genossen Medienschaffenden all diese Bizarrerien kaum einen Einwand wert waren, ist bekannt, und aus demselben Grund würde auch kein Regisseur einen solchen Film drehen, kein Produzent würde ihn finanzieren, kein Verleih in die Kinos bringen, allein der Versuch würde zur Stigmatisierung der Beteiligten und ihrer Exkommunikation aus der Fördermittelverteilung und dem Kulturbetrieb überhaupt führen, denn hier geht es nicht um Wahrheit und Legende, um Glauben und Skepsis, sondern um Gut und Böse. Schon der Verdacht, an der offiziellen Version könne etwas nicht stimmen – der auch dann in einem freien Land legitimerweise geäußert werden darf, wenn sie am Ende doch stimmt –, fiele unter Neonazi-Verharmlosung, Ausländerfeindlichkeit, Verschwörungstheorie, Regierungskritik und was der aktuelle Lasterkatalog sonst noch an Schandkriterien bereithält. So sieht das geistige Klima am Ende beziehungsweise im letzten Viertel der Ära Merkel aus.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Filmisches

Mehr von Michael Klonovsky

Über Michael Klonovsky

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige