19. November 2017

Down-Syndrom Hannah aus Pinneberg

Heute meist abgetrieben, aber wer es überlebt, bekommt den Schwer-in-Ordnung-Stempel

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Bildquelle: shutterstock Schwer in Ordnung und vom Aussterben bedroht: Menschen mit Down-Syndrom

In den „sozialen Netzwerken“ ist man „gerührt“ vom Fall der 14-jährigen Hannah aus Pinneberg bei Hamburg. Hannah ist eine Schülerin mit Down-Syndrom, und sie mag das Wort „Schwerbehindertenausweis“ nicht, weshalb sie sich einen „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“ gebastelt hat. Ein Junge gleicher Artung fand ihre Idee gut und beantragte einen solchen Ausweis beim Hamburger Versorgungsamt. Offenbar will die Behörde das Dokument ausstellen.

Das Down-Syndrom (oder Trisomie 21) entsteht durch eine Genommutation. Menschen mit Down-Syndrom sind in ihren kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt und gelten als geistig behindert. Früher nannte man sie halb abschätzig, halb mitleidig „Mongos“, das war die Kurzform der offiziellen Bezeichnung „Mongolismus“. Er oder sie sei „mongoloid“, lautete die gängige Formulierung, die aufgrund der typischen Augen- und Gesichtsform jedermann einleuchtete, heute aber aus taktvoller Rücksichtnahme auf das Reiter- und Steppenvolk ungebräuchlich ist.

In meiner Jugend waren „Mongos“ ein normaler Anblick. Wenn ich zur Berufsschule fuhr, saßen immer einige von ihnen im Bus – die Sonderschule befand sich in direkter Nachbarschaft der von mir frequentierten sozialistischen Baukaderschmiede. Ich erinnere mich speziell an einen, der sich stets auf den Platz hinter dem Fahrer setzte, während der Fahrt an seinem imaginierten Lenkrad mitsteuerte und abgeklärt die entgegenkommenden Busfahrer grüßte. Richtig „down“ sind die „Downies“ (so lautet heute die saloppe Bezeichnung) ja nicht, sondern im Gegenteil fast immer gut gelaunt. Der Begriff hat auch nichts mit Niedergeschlagenheit zu tun, sondern folgt aus dem Namen des Arztes, der das Syndrom als erster beschrieb. Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Menschenwesen, dass ein niedriger IQ in der Regel mit einer höheren Daseinszufriedenheit verbunden ist, was ja insofern stimmig erscheint, als intelligente Menschen inmitten jenes Ozeans von Problemen, in dem unsere Gattung zu schwimmen versucht, ein paar drohende Gefahren mehr identifizieren können (oder müssen) als weniger intelligente. Das mag auch einer der Gründe sein, weshalb in Umfragen die Gesamtzufriedenheit in Drittweltländern trotz der elenden Verhältnisse dort regelmäßig höher ausfällt als in sogenannten Industriestaaten.

Menschen mit Down-Syndrom gehörten früher, wie gesagt, zum normalen Stadtbild, heute sind sie selten, und bald wird es sie in der westlichen Welt wohl nicht mehr geben. Dafür sorgt die Pränataldiagnostik. Trisomie 21 ist ein häufiger Abtreibungsgrund. In den sozialen Netzwerken ist das kein Thema (und ich gestehe frank und frei, dass ich kein Kind mit dieser Behinderung bekommen hätte). Nur in christlichen Milieus, wo Abtreibung, egal in welchem „Stadium“, als Todsünde gilt, werden solche Kinder geboren oder adoptiert. Besagte Milieus gelten bekanntlich als ewiggestrig und bekämpfenswert. Demonstrationen von „Lebensschützern“ rufen verlässlich die geschmacklosesten Proteste hervor. Desto mehr ist das Netz gerührt, wenn einigen Überlebenden der gängigen Praxis „Schwer-in-Ordnung-Ausweise“ ausgestellt werden.

Wunderlich verlogene Welt. Und mittendrin Hannah, 14, Vertreterin einer aussterbenden Spezies.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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