23. Oktober 2017

Frankfurter Buchmesse 2017 Das können Hunde auch

Kein Platz für Freiheit oder Liebe

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Bildquelle: shutterstock Im Namen von Vielfalt und Toleranz: Verfolgung Andersdenkender

Frankfurter Buchmesse 2017. Gemäß Pressemitteilung rund 7.300 Aussteller. Drei davon „dezidiert rechte Verlage“. Bis dahin alles in Ordnung – sprich: Gleichheit vor dem Preis von ungefähr 8.000 Euro pro Tisch, ansonsten Wettbewerb.

Was dann passierte ist bekannt. Schrift- und Bildmaterial dokumentiert sämtliche Begebenheiten. Darum geht‘s hier nicht in erster Linie, sondern vielmehr darum, dass Vertreter einer Branche, die sich, den Stempel der Geistigkeit auf der Stirn, vor jeder anderen als Kultur-schaffend, ungezwungen und frei im Wettstreit der Ideen verstanden sehen will und die man durchaus auch gerne so sehen möchte, nicht in der Lage und willens sind, bei einer Minderheit Anderer und Andersdenkender mehr zu entdecken als das, was sie – ohne auf Information angewiesen zu sein – ablehnen. Menschen, die sich selber, so ist anzunehmen, als Intellektuelle sehen, als kluge, klare Köpfe mit eigenen Ideen, finden sich – vereint mit schreib- und sprechbefugten Medienvertretern – rein zufällig unter einer einzigen Idee vereinigt, die da lautet, dass es diese anderen nicht geben darf.

Was dieser harmonischen Einsicht folgte, ist eine Inszenierung, die allen schwarz-weißen Schildern mit Aufschriften von „Vielfalt“ und „Freiheit“ zum Trotz nur einen Eindruck hinterlässt: Unsere Idee von Menschlichkeit steht über dem Individuum. Einmal mehr. Wenn dazu die Zerstörung des Anderen und eigenes Verbiegen, Anpassen und Schraubenanziehen vonnöten ist – was soll‘s: Wer braucht schon eine Persönlichkeit, wenn er auf Knien an der Futterkrippe, die andere füllen, bis oben hin voll ist mit der richtigen Meinung?

Wenn es bloß so einfach wäre. Man könnte sie mit ihrer Idee getrost jeden Everest der Arroganz und des Dünkels besteigen und sie ansonsten unter sich und ihre Ideen aufgebahrt liegen lassen. Indes: So einfach ist es nicht. Was hier politisch und medial verstärkt unter dem Schlagwort der Toleranz in die Hirne der Menschen hineingehämmert wird, ist in Wahrheit nur eines: Freiheitshass. Es ist die Toleranz der Hunde, die sich einzig auf das Eigene bezieht. Dass das Eigene in diesem Fall auch jenes der Mehrheit ist, macht die Sache nicht besser. Es ist niederster Verrat am Menschsein schlechthin.

Toleranz bedeutet, den anderen zu ertragen, ihn gewähren zu lassen und in seiner Andersartigkeit anzunehmen. Jeder, der Familie und Freunde hat, wird wissen, wie schwer solches schon im Fall der Nahen und Nächsten sein kann, wie schwer man selber es oft den anderen macht. Kurz: dass Toleranz bereits im Kleinsten das Größte vom Menschen fordert. Es erscheint nicht zu hoch gegriffen, zu behaupten, dass Toleranz ohne Liebe nicht möglich ist. Die Rede ist nicht von Liebe im Sinn frömmlerischer, sentimentaler oder triebversauter Opiumvernebelung, sondern im Sinn grundsätzlichen echten Interesses am anderen. Wer diese Liebe nicht aufbringt, eigene Erkenntnis vor die Menschenliebe stellt, der wird Menschen verlieren. Natürlich darf er das – das ist seine Freiheit. Zu verlangen, dass alle anderen es ihm gleichtun, ist Dünkel, Ignoranz und Dummheit, die sich in Verachtung und Verurteilung erschöpfen. Größe und geistige Weite sehen anders aus.

Wer einzig von einer Idee her argumentiert, dem ist der andere in Wahrheit egal. Mehr noch: Wer einzig seine Idee als das Richtige durchdrücken will, der muss den Menschen, das Individuum, ab einem bestimmten Punkt ausklammern, will er die Idee „rein“ erhalten. Egal, ob es sich dabei um jene der Freiheit, der Vielfalt oder der Toleranz handelt. Und wer bei solchem Vorhaben auf Menschen trifft, die nicht katzbuckeln, sich nicht verstellen und sich nicht anpassen, sondern stehenbleiben, standhalten, jedes Wort Meinung, Protest, Feuer – dem bleibt, wenn er die Mittel hat und zu schwach ist für echte Freiheit, nur eines: zertreten, zerreißen, zerlegen. Und er merkt dabei nicht, dass er in eine der ältesten Fallen der Welt getreten ist: jene des Glaubens, Anspruch darauf zu haben, auf Zeit und Ewigkeit der Seite des Guten und Förderungswürdigen zugeordnet zu sein, das andere für ihn bestimmt haben. Es ist die Freiheit von innen verriegelter Kerker. Die Auslieferung an Nicht-Eigenes.

Wie alt das alles ist, wie oft war es schon da. Man müsste es besser wissen. Wo Ideen vermasst werden sollen, vertiert der Mensch. Immer. Die Seelenkrätze befällt eine Gesellschaft, die nicht länger wagt, jeden nach seiner Façon denken, schreiben, handeln zu lassen, solange er nicht andere mittels Zwang mit hineinzieht und dafür bezahlen lässt. Aber genau das ist es, was die geistige und politische Elite auf der Frankfurter Buchmesse geboten hat. Die Arroganz des Anspruchs, den Grad der Inanspruchnahme individueller Freiheit für alle anderen bestimmen zu können. Mehr noch: dazu nicht nur befugt, sondern berufen zu sein. Ganz nebenbei ließ man ein paar fatale und spärliche Außenseiter und ihr Eigentum unter die Räder kommen ohne dass die beschämend unterwürfige Inszenierung standardisierter Freiheit in ihrer Eintönigkeit gestört worden wäre.

Ihr wollt mit eurer Veranstaltung „ein Seismograph für die globalgesellschaftliche Entwicklung“ sein? Man friert. Ihr wollt Wegbereiter für den Frieden im Miteinander durch Gleichheit und Gerechtigkeit sein? Falsch, Leute – wo Frieden via Einebnung verordnet wird, verrottet er. Wo Gleichheit und Gerechtigkeit diktiert werden, grassieren Neid, Missgunst, Misstrauen und Angst. Früher nannte man es „Einflussnahme“, auch bekannt als „Zersetzung“. Für Freiheit ist da kein Platz mehr. Von Liebe ganz zu schweigen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Seite des Autors.


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