05. Oktober 2017

Ein offener Brief an die Deutschrap-Szene Hört auf Kollegah, beschäftigt euch mit dem Geldsystem

Dort liegen viele unserer heutigen Probleme begraben

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Bildquelle: Selfmade Records (CC BY-SA 2.0)/Wikimedia Commons Hat das Geldsystem verstanden: Kollegah

Wäre es zu billig, wenn ich Euch mit „Yo!“ anreden würde?

Versteht mich nicht falsch, ich habe selbst einmal viel Hip-Hop gehört, hatte die Stieber Twins, Live-Mitschnitte von Blumentopf und Megalohs „Auf Ewig“-Mixtapes auf dem Handy, nur verändert man sich eben mit den Jahren, und dementsprechend habe ich vermutlich mit meiner Abkehr vom Sprechgesang auch etwas an Coolness eingebüßt. Daher die Frage zu Beginn.

Also, was ist passiert? Was soll dieser „offene Brief“? Am Dienstag letzter Woche hat der Rapper Kollegah mehrere Videos veröffentlicht, in denen er seinen Zuschauern erklärt hat, dass viele der Probleme, denen wir uns in der heutigen Welt gegenübersehen, ihren Ursprung in unserem Geldsystem haben. Einen Zusammenschnitt dieser sogenannten „Insta Stories“ werdet ihr unter diesem Artikel finden.

Nachdem er das auf seinem Miele-Grill liegende Fleisch kommentiert und einen mit Kaffee gefüllten Plastikbecher zum Anlass genommen hat, über die Ureinwohner Amerikas und ihr hierarchisches Stammessystem zu reden, kommt er tatsächlich auf unser ungedecktes Papiergeldsystem zu sprechen. Dort sagt er: „Wenn man es jetzt einmal mit einem Satz auf den Punkt bringen möchte, warum es hier überhaupt geht, warum es immer schwieriger wird für jeden Einzelnen von uns, eine gewisse Lebensqualität für sich zu erarbeiten, warum jeder Einzelne immer mehr arbeiten muss für immer weniger Geld: Es ist einfach das Geldsystem in seiner heutigen Form.“

Mit dem, was er dort sagt, hat er in der Tat recht, und um zu verdeutlichen, was genau falsch ist an unserem Geldsystem, bietet sich ein Blick auf die Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg an. In jenen Jahren war das Preisniveau in Deutschland (und anderen westlichen Ländern) über Jahrzehnte stabil, da man einen Goldstandard hatte, der dem Geldmengenwachstum enge Grenzen setzte. Wären wir bei diesem System geblieben, würden die Menschen heute vermutlich in lautes Gelächter ausbrechen, wenn man ihnen eine Welt beschreiben würde, in der in einer Ehe beide Partner 40 Stunden in der Woche arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen. Stattdessen hätten Effizienzsteigerungen in der Wirtschaft dazu geführt, dass man, um den Lebensstandard des Vorjahres zu erreichen, immer weniger hätte arbeiten müssen. An die Stelle der Angst vor der Altersarmut wäre Schritt für Schritt ein größeres Maß an Zukunftsoptimismus getreten, und die Menschen wären wohlhabender, unabhängiger und freier geworden.

Weiter heißt es in seinem Video: „Nicht falsch verstehen: Nicht das Geld ist der Teufel, sondern das Geldsystem, das sich auch über die letzten 100 Jahre, 120 Jahre, stark verändert hat.“ Hier deutet Kollegah an, dass die Saat jener Fehlentwicklungen in den Jahren von 1897 bis 1917 zu finden ist, was tatsächlich in die richtige Richtung geht. 1913 wurde beispielsweise die amerikanische Zentralbank, die „Federal Reserve“, gegründet. Denen, die sich speziell für diese Institution interessieren, ließe sich vielleicht am ehesten die Dokumentation des kanadischen Youtubers James Corbett empfehlen, die den Titel „Century of Enslavement“ („Jahrhundert der Versklavung“) trägt und kostenlos auf Youtube abrufbar ist.

Kollegah fährt fort: „Das Problem ist: Das Papiergeld hat keinen materiellen Gegenwert mehr, und es wird aus dem Nichts erschaffen durch Kreditvergabe seitens der Banken.“ Bei meinen persönlichen Versuchen, Freunden und Familienmitgliedern diesen Mechanismus zu erklären, habe ich immer wieder feststellen müssen, dass viele Menschen sich schlicht weigern, anzuerkennen, dass unser Geldsystem wirklich so funktionieren könnte. „Banken erschaffen Geld aus dem Nichts“ – allein schon bei dieser Formulierung schütteln wir instinktiv den Kopf und verweisen auf die im Fernsehen und in den Zeitungen hofierten „Experten“, die uns das ja wohl kaum verschwiegen haben können.

Das haben sie aber. Daher möchte ich jenen von Euch, die über Rückgrat und moralische Integrität verfügen, sagen: Macht den Fernseher aus! Über Jahre und Jahrzehnte wurden uns dort vermeintliche Antworten auf Probleme wie die Altersarmut oder die Euro-Krise präsentiert, ohne dass jemals auf den Elefanten im Raum, das ungedeckte Papiergeldsystem, eingegangen wurde.

In unserem Land gibt es eine immer größer werdende Zahl von Menschen, die merken, dass etwas nicht stimmt. Die Diskussionen, die sie zu Themen wie Ungleichheit oder Finanzmärkte führen, werden aber, sofern sie das Wesen des Geldes unerwähnt lassen, niemals zum Kern der Sache vordringen, weil ihnen eben diese Information durch die staatlichen Schulen und die staatlich alimentierten Medien vorenthalten wurde.

Kollegah sagt weiter: „Der normale Bürger ist am Ende der Leidtragende, er muss dann die Staatsschulden wieder hereinholen, was natürlich nie passieren wird.“ Genau so ist es. Und jetzt wisst ihr auch, woher ihr das Gefühl habt, in ein Hamsterrad gesteckt worden zu sein.

Seinen wirtschaftlichen Nachhilfeunterricht schließt er mit dem folgenden Satz ab: „Bildet euch weiter, investiert eine Stunde am Tag, lest Bücher.“ Das diesbezüglich beste Buch ist sicher „Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden“ von Philipp Bagus und Andreas Marquart. Darin werden diese Zusammenhänge leicht verständlich und auf wenigen Seiten so zusammengefasst, dass es selbst der Laie nachvollziehen kann.

Der ein oder andere von Euch wird sich nun sicher denken: „Schön und gut, dann schau ich mir das eben an, aber wo bin ich hier gelandet? eigentümlich frei, ‚libertär‘ – was bedeutet das alles?“

Gern möchte ich hier ein letztes Mal Kollegah zitieren, der auf seinen Kaffee blickend sagt: „Wenn wir wieder einen Gegenwert zu dem Papiergeld schaffen, wenn wir verbieten, dass Banken Geld aus dem Nichts drucken, was der Ursprung der Inflation ist, dann können wir ein komplett neues Gesellschaftssystem aufbauen.“

Nun muss man mit derartigen Formulierungen vorsichtig sein, da der Kommunismus, der ein solcher Versuch der gesellschaftlichen Neuordnung war, im 20. Jahrhundert gut 100 Millionen Todesopfer gefordert hat. Dass er diesen Weg nicht anstrebt, macht Kollegah jedoch klar, indem er gesellschaftliche Hierarchien, beispielsweise in den Gesellschaften der Indianer, ausdrücklich lobt. So sehen das auch Libertäre. Hierarchische Strukturen ergeben sich schlicht daraus, dass Menschen unterschiedlich sind. Jeder Mensch hat andere Eigenschaften, Interessen und Begabungen, und so muss der Versuch, eine horizontale, auf dem Ideal der vollkommenen Gleichheit basierende Gesellschaft zu errichten, immer in einen totalitären Staat münden.

Also setzen Libertäre an einem anderen Punkt an: Sie konzentrieren sich auf politische Hierarchien. Denn innerhalb derer werden die Menschen nicht durch ihre Talente getrennt, sondern durch Zwang und Gewalt. Wären wir beispielsweise nicht gezwungen, unsere Steuern in der Fiat-Währung Euro abzuführen, könnte das zuvor beschriebene Geldsystem gar nicht bestehen. Als Grundlage libertärer Ideen dient daher das Nichtaggressionsprinzip, das besagt, dass die Anwendung von Gewalt gegen einen anderen Menschen unmoralisch ist. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass man frei über seinen eigenen Körper verfügen kann und die eigene Freiheit nur dadurch beschränkt wird, dass auch anderen Menschen die Unversehrtheit ihres Körpers zusteht.

Wenn man nicht davor zurückschreckt, aus dieser Prämisse nun auch Schlüsse zu ziehen, findet man sich schnell an einem Punkt wieder, an dem man über Staatenlosigkeit – das heißt: Anarchismus – diskutiert. Dabei ist der Unterschied zu linken „Anarchisten“ der, dass Libertäre davon absehen, anlässlich von G20-Gipfeln Bankfilialen und Starbucks-Cafés zu zerstören – ihr Ideal ist konstruktiv und kommt auch ganz gut ohne zertrümmerte Zivilisationen aus.

Ihr Hip-Hop-Enthusiasten, die Ihr hoffentlich in großer Zahl auf diesen Text stoßen werdet, dürft Euch also durchaus ermutigt fühlen, auch im politischen Bereich zu Rebellen zu werden. Dafür braucht es keine Fackel und keinen Molotowcocktail, sondern lediglich ein Interesse an den Problemen, die unsere Gesellschaft plagen, und die richtigen Bücher im Schrank, von denen eines bereits genannt wurde und von denen andere in meinem Text „Wie kommt man eigentlich dazu, eigentümlich frei zu lesen?“ aufgeführt sind.

Da ich zum Abschluss gerne auf eine anbiedernde Verabschiedung im Hip-Hop-Jargon verzichten würde, verbleibe ich mit einem ehrlichen „Auf Wiedersehen“ – wer weiß, vielleicht ja sogar schon beim nächsten libertären Stammtisch.

Youtube: „Kollegah – Reichtum und Geldsystem“

Andreas Marquart und Philipp Bagus, „Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden“ (amazon.de)

„Wie kommt man eigentlich dazu, eigentümlich frei zu lesen?“


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