25. September 2017

Gedanken eines Skeptikers zum Phänomen der „Kryptowährungen“ Geld ist das Mittel zur Freiheit

Auch Bitcoins sind „Fiat-Geld“

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Bildquelle: shutterstock Zur Zeit eher Spekulationsobjekt: Bitcoin

Geld ist geprägte Freiheit, meinte Fjodor Dostojewski und lag damit völlig richtig. Denn Geld ist in einer modernen, arbeitsteiligen Gesellschaft nicht nur dafür erforderlich, die Kosten des täglichen Lebens zu bestreiten, sondern sein Besitz schafft darüber hinaus Möglichkeiten, persönliche Wünsche und Träume zu verwirklichen. Es dient dem „Streben nach Glück“.

Geld und sein Gebrauch wurden nicht erfunden. Es ist nicht das Ergebnis des Denkens und Planens der Regierenden, sondern es wurde einfach „entdeckt“, indem man bestimmte Güter als derart allseits begehrt erkannte, dass sie sich als Tauschmittel für alle möglichen anderen Dinge geradezu aufdrängten. Eine wesentliche Voraussetzung für seine Geldfunktion ist daher die allgemeine Akzeptanz eines Gutes und das Vertrauen in seine Werthaltigkeit über den Tag hinaus. Nicht umsonst konnten sich die Edelmetalle Gold und Silber in verschieden Kulturen als bevorzugtes Tauschmittel durchsetzen. Den Herrschenden, gleich ob Stammesführern, Königen oder demokratisch gewählten Volksrepräsentanten, war stets klar, dass die Kontrolle über das Geldwesen eine wesentliche, wenn nicht die entscheidende Säule ihrer Herrschaft darstellt(e). Die Verfügungsgewalt der Regierungen über das Geld und damit ihre Möglichkeit, seine Umlaufmenge zu manipulieren, bildeten immer wieder Ursachen für planmäßige Geldverschlechterungen, die schon lange vor der Erfindung des Papiergeldes stattfanden. Leidtragende der Inflationierung einer von der Regierung zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklärten Monopolwährung waren und sind stets die Geldhalter. Jeder neu gedruckte Schein mindert die Kaufkraft der bereits bestehenden. Hyperinflationen und Währungsreformen mit Enteignungscharakter pflastern den Weg des staatlichen Geldwesens.

Liberale Theoretiker wie Friedrich August von Hayek forderten daher schon vor Jahrzehnten eine „Denationalisierung“ des Geldes und/oder eine Rückkehr zu einer voll gedeckten Goldwährung. Da das Misstrauen gegenüber staatlich manipuliertem Fiat-Geld immer mehr wächst, treten nun seit einigen Jahren verstärkt private Alternativen zum staatlichen Zwangsgeld auf den Plan. Die zweifellos bekannteste und am weitesten verbreitete davon ist „Bitcoin“. Dabei handelt es sich um ein elektronisch geschöpftes, rein virtuelles Geld, das auf der Open-Source-Software-basierten Technologie der „Blockchain“ beruht. Die hochkomplexe Software garantiert die Unverfälschbarkeit der einzelnen „Coins“, deren Wert auf dem Markt, wie der jedes anderen frei handelbaren Gutes, durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Die Software garantiert, so seine immer zahlreicher werdenden Protagonisten, dass ein einzelner Coin nicht mehrfach ausgegeben und damit dem Betrug Vorschub geleistet werden kann.

Wenn es derzeit auch noch so aussieht, als handle es sich bei Bitcoin eher um ein Spekulationsobjekt denn um ein Zahlungsmittel, so verfügt es immerhin über einen gewaltigen Vorteil: Es ist rein privat organisiert und daher nicht politisch korrumpiert. Eine Inflationierung, wie sie für jedes staatlich oktroyierte Geld typisch ist (der US-Dollar hat dadurch in den zurückliegenden 100 Jahren rund 95 Prozent seiner Kaufkraft eingebüßt), ist nicht zu erwarten, zumal seine maximale Menge mit 21 Millionen Einheiten limitiert ist.

Seinem derzeitigen Charakter als Spekulationsobjekt entsprechend konnten einige Investoren, die zum richtigen Zeitpunkt eingestiegen sind, dank seiner in kurzer Zeit atemberaubenden Wertsteigerung, geradezu märchenhafte Gewinne einfahren. Was Bitcoin und allen anderen virtuellen Geldsystemen, wie auch dem staatlichen Fiat-Geld, indes fehlt, ist die Funktion eines zuverlässigen Wertspeichers, die sich in jedem Fall von seiner physischen Qualität ableitet. Scheffel voll Weizen, Biberfelle, Kaurimuscheln, Goldmünzen, Sterlingsilber und so weiter, also alle klassischen Geldformen der Vergangenheit, schöpften ihren Wert nicht nur daraus, dem Eigentümer exklusiv zum Tausch zur Verfügung zu stehen, sondern auch aus der Möglichkeit, sie ferner anders denn als Tauschmittel (im Falle von Edelmetallen zum Beispiel als Schmuck oder zum Kunstobjekt verarbeitet) nutzen zu können. Die Schöpfung von Warengeld ist außerdem nicht mit der Begründung von Schuldverhältnissen verknüpft, wie das beim staatlichen Fiat-Geld der Fall ist.

Spätestens dann, wenn die Kryptowährungen aufgrund ihrer zunehmenden Verwendung endgültig ins Radar des Fiskus geraten (der unterstellen wird, dass ihr anonymisierter Gebrauch primär der Steuervermeidung dient, wie das jetzt schon immer stärker beim Bargeld geschieht), ist mit massiven Überwachungsmaßnahmen bis hin zu Verboten zu rechnen. Das ist kürzlich in China geschehen, was dem Kurs des Bitcoin kurzfristig einen beachtlichen Dämpfer versetzt und für erhebliche Unruhe in der Elektronikgeld-Gemeinde gesorgt hat.

Einen Haupteinwand gegen die Kryptowährungen als Alternative zum staatlich inflationierten Zwangsgeld stellt sein Charakter als Fiat-Geld dar. Fiat-Geld verfügt, ungeachtet der Tatsache, ob es staatlich oder privat erzeugt wird, über keinerlei intrinsischen Wert. Hat man aber bei Dollar, Euro und Co (zumindest derzeit noch) immerhin ein Stück Papier in der Hand, gibt es bei Blockchain-basiertem Geld nicht einmal mehr das. Eine Anzeige in der elektronischen Geldbörse ist alles. Es gibt nichts im wahrsten Sinne des Wortes „Greifbares“. Ohne Elektronik geht gar nichts. Eine anonyme Transaktion wird daher spätestens ab dem Moment unmöglich, da der Staat behördliche Überwachungen erzwingt, die den Weg jedes einzelnen Coins nachvollziehbar machen. Der letzte Raum für Privatheit im Geldverkehr ist dann Geschichte. Da aber zumindest ein Teil des Wertes jedes soliden Geldes darin besteht, anonym – und damit frei von staatlicher oder anderweitiger Kontrolle – ausgegeben werden zu können, sind schwere Bedenken geboten.

Wenn immer wieder die angeblich überlegene Sicherheit des Einsatzes elektronischer Zahlungsmittel gegenüber Bargeld beschworen wird, sei auf mögliche technische Gebrechen hingewiesen, wie Computerversagen und Stromausfälle, oder auch auf cyberkriminelle Attacken. Der Sicherheitsaspekt scheint daher ein eher schwaches Argument zu sein.

Die grundlegenden Vor- und Nachteile privat aufgelegter Kryptowährungen liegen auf der Hand. Das jeweilige Temperament der Geldnutzer wird wesentlichen Einfluss auf die Entscheidung für oder wider Kryptowährung haben. Zum Abenteuer tendierende Naturen und besonders elektronikaffine junge Menschen werden wohl einen Teil ihrer Vermögen in Bitcoin und Co anlegen, wenn sie es nicht schon tun. Konservative Naturen (nach den Beobachtungen des Autors überwiegen hier die älteren Semester) werden im Moment eher (noch) die Finger davon lassen, bis sich klarer abzeichnet, wohin die Reise geht.


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