08. September 2017

Demokratie und Antifaschismus Die Ära des neuen Totalitarismus

Moralisches Herrschaftsmittel zur Ausgrenzung von Andersdenkenden

Artikelbild
Bildquelle: tristan tan / Shutterstock.com Antifaschistisches Selbstverständnis: Hannah Arendt (1906-1975)

Schon Aldous Huxley, einer der visionärsten Dystopie-Vordenker unserer jüngeren Menschheitsgeschichte, wusste gekonnt von der transformativen Kraft diktatorischer Regime und totalitärer Ideologien zu erzählen. So würde sich die „perfekte“ Diktatur, nach Huxley, dem modernen, aufgeklärten Menschen gänzlich intransparent, verschleiert, aber auch fortschrittlich und unabdingbar verkaufen. Der Totalitarismus, unabhängig davon, hinter welcher Ideologie und Herrschaftsform er sich verstecken möge, lernt aus Fehlern der Vergangenheit und schlägt daher umso präziser und unnachgiebiger zu, erlangt er erst einmal eine kritische Größe der Macht und/oder öffentlichen Meinung.

Die Schablone der Demokratie

Im Grunde ist der Totalitarismus Werkzeug der immer selben Elite. Seine ambivalente und hochgradig anpassungsfähige Erscheinungsform erzeugt jedoch die Illusion seiner endgültigen, entwicklungsbedingten Überwindung. Eben das macht den Totalitarismus seit Jahrhunderten überlebensfähig und hochgradig erfolgreich.

Im 20. und 21. Jahrhundert fand der Totalitarismus, neben den offensiven Ausprägungen des italienischen Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus, primär über die Demokratie Eingang in unsere Lebens- und Gedankenwelten. Denn Demokratie fungiert einerseits als perfekte Illusion einer scheinbaren Bestimmung beziehungsweise Mitbestimmung und andererseits als Beruhigungsmittel gegen und Ankerpunkt für aufbegehrende soziale Kräfte. Dabei errichtet Demokratie, deren verbreitetste Form die parlamentarische Demokratie ist, nichts anderes als eine plumpe Plutokratie, in der Geldvermögende Agenden festsetzen und Parteien von Interessenverbänden, Konzernen, Lobbyisten und diversen, im Geheimen operierenden Verbänden kontrolliert und infiltriert werden. Dem Bürger bleibt die scheinbare Wahl zwischen vorher, im nichtdemokratischen Prozess, erwählten Entscheidungen und Kandidaten. Jeglicher Machtmissbrauch wird in der Regel nicht sanktioniert, da Entscheidungsträger Immunität genießen und immerhin vom Volke selbst eingesetzt wurden. Der Bürger müsste sich folglich selbst sanktionieren.

Demokratie geht aber noch weiter. Sie errichtet im Verborgenen ein Gefängnis, das von einer gesetzlichen und verfassungsmäßigen Willkürherrschaft geleitet wird. Doch dieses Gefängnis erscheint dem Insassen nicht als das, was es tatsächlich ist. Der Gefangene wähnt sich sein Leben lang in Freiheit, weil ihm das demokratische System gewährt, Tätigkeiten nachzugehen, die dieses System vorher definiert und später kontrolliert (paradox: Beruf – Steuern, Reisefreiheit – Staatsbürgerschaft, freie Meinung – Meinungsdiktate, Individualismus – kollektive Verantwortung, und so weiter). Es entsteht ein stetiges Gefühl, nach Freiheit streben zu müssen, während einem die tatsächliche Freiheit vorenthalten wird. Lediglich eine leere, bedeutungslose Hülle der Freiheit, beispielsweise in Form von Geld, wird dem zum willenlosen Konsumenten und Verbraucher degradierten Bürger verkauft.

Aus einer einst verheißungsvollen Demokratisierung wurde eine dystopische Modernisierung. Durch eine perfide ökonomische Symbiose des Konsumismus mit der Massenunterhaltung, also der kollektiven Ablenkung, gepaart mit dem politischen Prinzip „Teile und Herrsche“, lässt sich eine solche Diktatur errichten, in der der Bürger zum „Sklaven ohne Ketten“ wird, gleichzeitig aber nicht auf die Idee kommen würde, diesen Zustand tatsächlich zu überwinden. Im Gegenteil: Die kettenlosen Sklaven wählen ihre Unfreiheit freiwillig, indem sie blind zu einem offenbar als Gott-Ersatz fungierenden Beschützer (Staat, Regierung, Geld und so weiter) beten oder einer nicht zu erreichenden Utopie (Fortschritt, Moderne und so weiter) folgen, statt für nicht von ihnen verursachte periodisch auftretende Miseren und Rechtsentzüge tatsächlich Verantwortung einzufordern.

„Die demokratischen Doktrinen, diese Krämpfe verletzter Eitelkeit oder mit Füßen getretener Habsucht, erfinden die Übel, die sie anschwärzen, um das Gute zu rechtfertigen, das sie proklamieren.“ (Nicolás Gómez Dávila, „Scholien zur Demokratie“.)

Die Linke als Vorreiter des neuen Totalitarismus

Natürlich benötigt der Totalitarismus immer willfährige Vollstrecker. In der konservativen politischen Tradition sind diese jedoch, entgegen der geläufigen Meinung, deutlich seltener zu finden als in jener des progressiv-linken Liberalismus. Gerade die Neuzeit verdeutlicht dies. Ideologien wie Feminismus, Kulturrelativismus, Multikulturalismus und politischen Agenden wie der Globalisierung wohnt ein breiter Nährboden totalitärer Wirkmöglichkeiten inne. Freie Meinung wird durch Meinungsdiktate im Sinne der politischen Korrektheit eingeschränkt. Nebenprodukte sind öffentliche Denunziation, Einschüchterung und Verleumdung. Nebst den bereits bestehenden Sprechverboten wird das Denkverbot nicht mehr lange auf sich warten lassen. Das totalitär sozialisierte Individuum bezieht aus diesen Diktaten eine scheinbare moralische Überlegenheit, die eine durch antiautoritäre Erziehung verlorengegangene Selbstidentifikation ersetzt. Da der Sozialisierte keine Grenzen kennt, ist er regelrecht getrieben von der Überwindung tradierter und der willkürlichen Errichtung neuer.

Der damit einhergehende Kult der Viktimisierung gipfelt in der religiös anmutenden Anbetung der Minderheit. Diese ist über alles und jeden erhaben. Traditionen und gewachsene Kulturen müssen im Sinne des Kulturrelativismus entweder transformiert oder gänzlich überwunden werden. Multikulturalismus stellt das moderne „Endziel“ farbloser Kollektivaufgabe und fehlender Normen dar. Ebenso fanatisch wie unnachgiebig vertreten und propagiert, um einem schwammig definierten und höchst unglaubwürdigen Modernismus den Weg zu bereiten. Recht und Gesetz werden je nach Bedürfnis gedehnt, umgedeutet und instrumentalisiert. Der scheinbare Fortschritt, in Form der Globalisierung, ist dabei willkommenes Begleitprodukt und Werkzeug zwangsweiser Anpassung und entwurzelter, leicht formbarer Identität.

Der Zweck heiligt die Mittel, denn immerhin manifestiert sich der moderne Totalitarismus am deutlichsten in der erfolgreichen Kreation neuer Feindbilder, erschaffen von einer politischen Kaste, die sich als Wächtergeneration entpuppt (Freund-Feind-Antagonismus). Das Feindbild des Mannes, des Weißen, des Christen, des Konservativen, des Traditionalisten, des Reaktionären, und so weiter. Die Sprache der Brandmarkung reicht dabei von Beleidigung über Diffamierung bis hin zu Aufruf zu Gewalt und Mord. Dialog ist verpönt und herrscht, wenn, dann nur innerhalb der eigenen, homogenen Zunft zum Zwecke der Selbstbestätigung. Das Mittel der Segregation wird bewusst angewandt, um folglich eigene Interessen durchzusetzen. Eine „Kultur der Debatte“ sucht man vergeblich. Die Entwicklungen kulminieren in einer Gesellschaftsordnung, die sich für den objektiven Beobachter als Mischung aus „Schöne neue Welt“ und „1984“ skizzieren lässt.

Zweifelsohne waren die ökonomische wie geistige Entgrenzung des Menschen von Natur und Gott, begonnen im Zeitalter der Aufklärung, Wegbereiter dieser Entwicklungen, doch dies muss, dem Umfang der Thematik geschuldet, in einem gesonderten Beitrag behandelt werden. Festzuhalten bleibt, dass es die Linke war, die sich über das Wesen des Menschen, über die Dinge, die Natur hinwegsetzte. Kein Gott, keine Autorität, keine Rücksicht.

Der Antifaschismus

Basierend auf dem Text „Epigonaler Antifaschismus“ des Sozialphilosophen Peter Furth, bereits 1990 erschienen und nun in der Vierteljahresschrift „Tumult“ neuveröffentlicht, soll auf eines der prägnantesten Phänomene des neuen Totalitarismus eingegangen werden: den Antifaschismus. In Kombination mit Antirassismus bildet er das wirkmächtigste Werkzeug der ideologischen Umformung (westlicher) Gesellschaften und subsumiert praktisch alle totalitären Handlungen.

Furth stellt seinen Überlegungen eine gewisse Existenzkrise linken Denkens Ende des 20. Jahrhunderts voran, gespeist aus dem Zusammenbruch des Kommunismus, dem Siegeszug des neoliberal gearteten Kapitalismus, sowie dem Scheitern des Realsozialismus. „Die Entzauberung des Sozialismus/Kommunismus gehört in die Dialektik der Aufklärung und ist mit Nietzsche gesprochen eine wichtige Etappe in der Vollendung des Nihilismus.“ (Seite 30.)

Moral als kategorischer Imperativ

Aus dieser scheinbaren Sackgasse linken Denkens entwickelte der Antifaschismus quasi ein Eigenleben. Zunächst nur eine Randnische linken Denkens, die die verschiedensten Strömungen mehr oder minder zu einen versuchte, avancierte er zu einer verselbständigten Weltanschauung. Der Antifaschismus entzog sich immer rascher einer ökonomischen, soziologischen, politischen, kulturellen oder theologischen Grundlage und füllte diese Lücke durch Moral. Die „Weltanschauung des unbedingten Moralismus“, so Furth, wurde so zum Rettungsanker der in einer Sinnkrise befindlichen Linken. Moral ersetzte bald Rationalität und Analytik.

Als Fundament dieser neugefundenen Weltanschauung gilt das Absolute in Gestalt der Herrschaft der Nationalsozialisten, konkret der Geschehnisse von „Auschwitz“. Diese Einzigartigkeit menschlicher Abgründe (das Böse) legitimiert seither antifaschistische Agitation, da die stetige Kontextualisierung dieser Verbrechen mit aktuellen, vermeintlichen „Bedrohungsszenarien“ einen moralischen Gewinn ermöglicht. Tatsächlich betreibt der Antifaschist damit freilich Relativierung.

Die Ohnmacht des Opfers und das Böse

Furth argumentiert weiter, dass es Hannah Arendt war, die maßgeblich zu diesem antifaschistischen Selbstverständnis beitrug. Das Opfer wurde bei ihr dem vermeintlich Bösen gegenübergestellt und mit Unschuld gleichgesetzt. Folglich als das „Gute“ klassifiziert. „Reduziert auf die reine Menschlichkeit sind die Opfer zur Ohnmacht verurteilt.“ (Seite 31.)

Der Antifaschismus deutet Auschwitz in diesem Sinne als „optimistische Tragödie“, als Legitimationsgrund, künftige Generationen einer immerwährenden, ideologischen „Reinigung“ zu unterwerfen. Aus diesem Zwang soll sich aber auch die Chance der Neugründung der Gesellschaft ergeben. Die Post-Auschwitz-Generationen „haben freiwillig das Opfer ihrer Unschuld zu bringen, gleich ob ihre Unschuld nur auf einem Irrtum beruhte oder ob sie wirklich unschuldig sind“.

Insofern ist jegliche antifaschistische Aktion an diesen Prämissen orientiert. Motive, Absichten und Handlungen werden immer unter dem Gesichtspunkt des „Absoluten“, des „Bösen“, unter dem Verdacht einer möglichen Wiederholung von Auschwitz bemessen.

Die Dämonisierung des Eigenen

Somit wird von den vermeintlichen Nachfolgegenerationen, Furth spricht hier von den „Täternachfolgern“, ein Bewusstsein der Selbstanklage und Identifikation mit den Opfern eingefordert, insbesondere im politisch-partizipativen Bereich des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Da die „Täternachfolge“ jedoch nicht universell ist, bleibt die „antifaschistische Selbstreinigung“, also das Ausmerzen des dämonischen Ichs, unvollständig. Daher drohe auch, überspitzt formuliert, ständig die Wiederholung von Auschwitz.

Die erhabene Solidarität

Furth resümiert: Die quasi-religiöse Solidarisierung der Antifaschisten mit den Opfern gleicht einer Identifikation. Ich würde gar meinen, einer krampfhaften Identitätssuche. Für den Autor beinhaltet diese Identifikation aber gleichzeitig auch eine mit dem Aggressor, da die monopolhafte Inbesitznahme der Opfer Machtausübung ermöglicht. Dies verdeutlicht sich eben an den totalitären Auswüchsen der Antifaschisten, die seit der 68er-Revolution auf Appeasement, Opportunismus, Machtgenerierung, Kontrolle und Zensur aus sind.

1990 wie heute manifestiert sich das in der exklusiven Tätigkeit des Antifaschismus: dem Stigmatisieren. Bedeutet: „Wenn ein absolut Böses nicht erkennbar ist, müssen Täter, die es repräsentieren können, produziert werden. Diese Produktion zeigt sich im inflationären Gebrauch des Wortes ‚Faschismus‘ und zeigt sich auch in dem Fanatismus, der den Gebrauch dieses Wortes begleitet.“ (Seite 32.)

Die antifaschistische Gesellschaftstransformation

Die Identifikation mit dem Opfer wird daher zum antifaschistischen Machtinstrument, um eine durch und durch ideologisch getriebene, gesellschaftliche Transformation voranzutreiben. Der antizipierte, neue Citoyen dieser Gesellschaft muss die Unschuld, die „reine Menschlichkeit“, in sich tragen. Möglich ist dies nur, wenn Nationalstaat, Identität und Partikularität überwunden werden. Die Selbstbestimmung kennt keine politischen Grenzen mehr, der Citoyen ist moralgeleitet und universal. „Für den Antifaschisten ist also mit Auschwitz die Nation untergegangen. Der neue Citoyen repräsentiert eine versöhnte übernationale Menschheit. Damit ist aber die Versöhnung, für die er steht, nicht grenzenlos. Wo er nämlich den Zumutungen nationaler Solidarität begegnet, verliert er rasch alle Versöhnlichkeit.“ (Seite 32.)

Der Totalitarismus entlarvt sich selbst

Der Antifaschismus, als neue Form des Totalitarismus, bleibt ein moralisches Herrschaftsmittel, das der Ausgrenzung von Andersdenkenden dient. Es kommt daher auch nicht von ungefähr, dass ein so erfolgreiches Instrument eben nicht ohne weiteres kritisiert werden darf. Ein Blick in die gegenwärtige politische Diskussionskultur genügt, um diese Annahmen zu bestätigen. Die kulturelle Hegemonie des progressiven Linksliberalismus macht zwar dumm, aber nicht zwangsläufig blind.

In Anlehnung an Furth und aus konservativ-reaktionärer wie libertärer Sicht ist es daher umso wichtiger, zu verstehen, dass die Reproduktion von Weltanschauungen, um damit an Machtkämpfen teilzunehmen, keinesfalls zielführend sein kann. Alleine dieses Bewusstsein entzieht dem Totalitarismus, in welcher Gestalt er auch erscheinen mag, jegliche Wirkmacht.

Die wahre moralische Überlegenheit, sofern es diese überhaupt geben kann, bedarf sicherlich nicht des Kampfes. Sie steht, wie die Wahrheit, von alleine. „Der Linke schreit, dass die Freiheit untergeht, wenn seine Opfer es ablehnen, ihre eigene Ermordung zu finanzieren.“ (Nicolás Gómez Dávila, „Scholien zur Demokratie“.)

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Konterrevolution“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Demokratie

Mehr von Eric Hugo Weinhandl

Autor

Eric Hugo Weinhandl

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige