06. September 2017

Ein Plädoyer für mehr Geschlossenheit Getrennt fallen wir, geeint siegen wir

Prämissen hinterfragen statt Ideologie und Lagerdenken

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Bildquelle: neftali / Shutterstock.com Für Individualismus und Eigensinn: Hermann Hesse (1877-1962)

Die meisten Menschen dürften die Redewendung „Divide et impera“ („Teile und herrsche“) sicher kennen. In ihr verbirgt sich eine Anleitung für politische Herrscher, die diesen dazu rät, die von ihnen Beherrschten in verschiedene Untergruppen mit sich widerstrebenden Interessen aufzuspalten. So werden diese sich gegenseitig bekämpfen, statt sich als Gruppe vereint gegen den gemeinsamen Feind zu stellen.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf mag man bereits mit einem gewissen Maß an Skepsis auf die in der Politik übliche Trennung in „links“ und „rechts“ schauen. Andererseits ist es in einer Demokratie normal, dass verschiedene Interessengruppen versuchen, Mehrheiten hinter sich zu versammeln, um ihre politischen Pläne in die Tat umzusetzen, und sich dementsprechend aufspalten. Zum Teile-und-herrsche-Spiel wird es erst dann, wenn man die Atmosphäre so stark erhitzt und die Antipathien zwischen den Parteien so groß werden lässt, dass die Menschen ein Argument bereits dann ablehnen, wenn es nur von der falschen Seite vorgebracht wird. In Deutschland dürften wir in den letzten zwei Jahren in diese Phase eingetreten sein. Amerika ist, wie wir zuletzt in Charlottesville beobachten konnten, noch einen Schritt weiter.

Nun dürften diese Zusammenhänge von den meisten politisch interessierten Menschen verstanden werden, und doch erwischen sich viele regelmäßig dabei, über „die anderen“ zu schimpfen und so den Machthabern in die Hände zu spielen. Auch ich bin mehr als einmal in diese Falle getappt. Aber mit der Zeit habe ich immer wieder feststellen müssen, dass eine solche Rhetorik nichts als Schaden anrichtet. Um als Bevölkerung nicht in verfeindete Lager zu zerfallen, ist es immer hilfreicher, wenn man versucht, die Prämissen des Gesprächspartners zu identifizieren, und sich fragt, wo dieser gedanklich einen anderen Weg als man selbst einschlägt. Auch wenn es wie eine Platitüde klingen mag: Oft wollen wir im Kern dasselbe.

Dies wurde mir wieder einmal klar, als ich mir das am vergangenen Montag veröffentlichte Interview des libertären Youtubers Stefan Molyneux mit einem Antifa-Aussteiger ansah. Darin beschrieb dieser das Umfeld, in dem er aufgewachsen war, und stellte die These auf, dass es dieses Umfeld gewesen sei, das ihn zur radikalen Linken geführt habe. Diese Strukturen beschrieb er folgendermaßen: „Kleine Gemeinden, in denen die Menschen gemeinsame Traditionen haben, vielleicht haben sie eine Verbindung zu dem Land, auf dem sie leben, vielleicht sind sie der Natur verbunden.“ Er habe den Eindruck gewonnen, dass das „eine gute Art“ sei, „die Gesellschaft zu organisieren“.

Wahnsinn. Da saß ich nun und musste eingestehen, dass mein Ideal einer erstrebens- und lebenswerten Gesellschaft nahezu identisch mit dem eines Antifa-Mitglieds war. Der einzige Unterschied war, dass er glaubte, diese Strukturen über die Politik erreichen zu müssen, während ich den Eindruck hatte, dass viele Menschen sich in einer freien Gesellschaft ganz von selbst für eine solche Form des Lebens entscheiden würden. Der Grund, warum er an der falschen Stelle nach Lösungen gesucht hat, war, so sagte er, dass ihm von dem vorherrschenden politischen Zeitgeist suggeriert worden sei, dass nur die Linken solche Ziele verfolgten, während „die Rechten die Unternehmen lieben“ würden.

Nun wäre es arrogant, anzunehmen, dass man selbst immun gegenüber derartiger Manipulation ist. Wir alle biegen auf der Suche nach den besseren Argumenten gelegentlich falsch ab, was in Ordnung ist, solange man nur bereit ist, den Fehler einzugestehen und den Rückwärtsgang einzulegen. Der französische Philosoph René Descartes prägte diesbezüglich einen Satz, der uns auch heute noch als Anleitung zum freien Denken dienen kann: „Zweifel ist der Weisheit Anfang“.

Auch die eigenen liebgewonnenen Prämissen sollte man rücksichtsloser Kritik aussetzen, um festzustellen, ob sie dieser standhalten. Niemals sollte man aus rein dogmatischen oder ideologischen Gründen ein Argument ablehnen, ganz einfach weil die bessere Idee nun einmal nicht links oder rechts zu finden ist. Sie ist an einem Ort, an den man nur gelangt, wenn man diese Oberbegriffe für einen Moment zur Seite legt.

Ein großes Problem bei radikalliberalen oder libertären Argumenten ist, denke ich, die Tatsache, dass sie oft der inneren Intuition widersprechen. Viele Menschen haben schlicht ein Problem damit, sich vorzustellen, dass es von Vorteil sein könnte, Dienstleistungen, die nun noch gesichert vom Staat zu kommen scheinen, dem chaotischen Markt zu überlassen. Daher würde ich im Folgenden gerne auf zwei Personen eingehen, die dem interessierten Leser die Möglichkeit geben, einige der Dinge, die auf eigentümlich frei geschrieben werden, nachzuvollziehen und zu verstehen. Diese zwei Personen sind John Taylor Gatto und Hermann Hesse.

John Taylor Gatto

Gatto ist ein mittlerweile 82 Jahre alter ehemaliger Lehrer aus den USA, der in seinem Leben vermutlich wie kein zweiter für die Trennung von Staat und Erziehung gekämpft hat. Er begann seine Karriere im Jahr 1964, wonach es weitere 27 Jahre dauern sollte, bis er der Öffentlichkeit bekannt wurde. Dies geschah im Zuge seiner Ernennung zum „Lehrer des Jahres im Bundesstaat New York“ (er gewann diese Auszeichnung 1989, 1990 und 1991), als er sowohl in einer Rede als auch in einem Artikel auf der Titelseite des „Wall Street Journal“ verkündete, dass er seinen Beruf an den Nagel hängen würde. Der Grund: Er würde seinen Lebensunterhalt nicht länger damit verdienen wollen, Kindern zu schaden.

Warum er den Eindruck hatte, dass seine Arbeit genau diesen Effekt hatte, beschrieb er in seinem Buch „Dumbing Us Down“ („Verdummt nochmal!“). Darin führt er aus, dass er in seiner Zeit als Lehrer oftmals das Gefühl gehabt hat, weniger einzelne Fächer, sondern vielmehr ein fachübergreifendes, sozusagen geheimes Curriculum zu unterrichten. Er beobachtete, wie die Tagesstruktur und der Lehrplan, die rigide Unterteilung in separate Fächer und das Klingeln der Pausenglocke die Schüler verwirrten und gleichgültig gegenüber dem Lernstoff machten. Anstatt die Schüler auf ein selbstbestimmtes Leben vorzubereiten, lehrte das staatliche Schulsystem in seinen Augen blinden Gehorsam, die emotionale und intellektuelle Abhängigkeit von Experten sowie die Unentrinnbarkeit der eigenen gesellschaftlichen Klasse.

Weil er verstehen wollte, wie es zu dieser Situation gekommen war, schaute er in Amerikas Geschichte und fand heraus, dass es in den ersten 100 Jahren nach der Unabhängigkeitserklärung nicht nur keine staatlichen Schulen gab, sondern dass die damaligen Bürger auf die Barrikaden gegangen wären, wenn ein Politiker ihre Einführung auch nur angedacht hätte. So schreibt er in seinem Buch „The Underground History of American Education“ („Die Untergrund-Geschichte des amerikanischen Bildungssystems“): „Gibt es eine radikalere Idee in der Geschichte der Menschheit, als die eigenen Kinder völlig Fremden auszuliefern, über die man nichts weiß, und es zuzulassen, dass diese Fremden dann in der eigenen Abwesenheit an dem Geist des Kindes herumdoktern, zwölf Jahre lang? Könnte es eine radikalere Idee geben? Hätten Sie diese Idee in Amerikas Kolonialzeit vorgeschlagen, wären Sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden, Sie Verrückter! Es ist eine verrückte Idee!“

Das damalige Amerika beschreibt Gatto als ein Land, das „gesättigt war mit Ideen wie Pflicht, harter Arbeit, Verantwortung und Eigenständigkeit“. Um seinen Lesern ein Gefühl für das Selbstverständnis der damaligen Amerikaner zu geben, schreibt er: „Wörter vermögen es nicht angemessen wiederzugeben, welch unglaubliche Radikalität sich in unseren stillen Dörfern verbarg, der Glaube, dass einfache Leute das Recht haben, sich selbst zu regieren.“

Welch beachtenswerte Nähe dieser Satz zu dem gesellschaftlichen Ideal des ehemaligen Antifa-Anhängers hat! Gatto wünscht sich eine Gesellschaft, in der die Menschen auf lokaler Ebene Verantwortung übernehmen, füreinander einstehen und gemäß ihrer Traditionen und Werte leben können, ohne dabei aus fernen Hauptstädten heraus gestört zu werden. Dass das nicht die Welt ist, in der wir leben, sieht er auch in dem Schulsystem des Staates begründet, das die Schüler nicht auf die Suche nach den eigenen inneren Leidenschaften schickt, sondern sie zu uniformen Rädchen im Getriebe der modernen Welt macht. Ich verweise diesbezüglich stets auf Johann Gottlieb Fichte, der zwei Jahre nach der verlorenen Schlacht bei Jena und Auerstedt in seinen „Reden an die deutsche Nation“ die Notwendigkeit eines staatlichen Schulsystems hervorhob, das darauf ausgerichtet war, „die Freiheit des Willens gänzlich zu vernichten“.

Hermann Hesse

Eine sehr ähnliche Schulkritik findet sich bei Hermann Hesse. Dieser schrieb 1929 in einem Brief an einen Freund: „Unsre Zeit macht es da den Feineren in der Jugend besonders schwer. Es besteht überall das Streben, die Menschen gleichförmig zu machen und ihr Persönliches möglichst zu beschneiden. Dagegen wehrt sich unsre Seele, mit Recht!“

Bezüglich des generellen Konflikts zwischen Individualismus und Kollektivismus schrieb er in einem vier Jahre später verfassten Brief folgendes: „Das Bedürfnis der Jugend ist: sich selbst ernst nehmen zu können. Das Bedürfnis des Alters ist: sich selber opfern können, weil über ihm etwas steht, das es ernst nimmt. Ich formuliere nicht gern Glaubenssätze, aber ich glaube wirklich: Ein geistiges Leben muss zwischen diesen beiden Polen ablaufen und spielen. Denn Aufgabe, Sehnsucht und Pflicht der Jugend ist das Werden, Aufgabe des reifen Menschen ist das Sichweggeben oder, wie die deutschen Mystiker es einst nannten, das ‚Entwerden‘. Man muss erst ein voller Mensch, eine wirkliche Persönlichkeit geworden sein und die Leiden dieser Individuation erlitten haben, ehe man das Opfer dieser Persönlichkeit bringen kann.“

Es wird deutlich, dass Hesse sein Ideal des Individualismus nicht als Weg der kalten Abkapselung betrachtete, sondern als Voraussetzung für den eigenen freiwilligen Beitrag zu Kultur und Gesellschaft. In seinen Augen muss man als junger Mensch zunächst seiner inneren Stimme gefolgt und ein wahrhaftiges Individuum geworden sein, man muss Wurzeln geschlagen haben, ehe man gemäß den eigenen Werten leben und für diese auch gegen Widerstände einstehen kann.

Ein Jahr vor seinem Tod formulierte er diese Einsicht so: „Jeder von uns muss über sich selbst, über seine Gaben, Möglichkeiten und Eigenheiten Klarheit suchen und sein Leben in den Dienst der Vervollkommnung, der Selbstwerdung stellen. Wenn wir das tun, dann dienen wir auch zugleich der Menschheit, denn alle Werte der Kultur (Religion, Kunst, Dichtung, Philosophie et cetera) entstehen auf diesem Weg. Auf ihm wird der oft verlästerte ‚Individualismus‘ zum Dienst an der Gemeinschaft und verliert das Odium des Egoismus.“

Was hier hoffentlich deutlich wird, ist, dass so mancher freiheitlicher Forderung ein der Intuition widersprechender Gedanke zugrundeliegt. Eingangs war es John Taylor Gatto, der das staatliche Schulsystem kritisierte, nicht weil er die dafür benötigten Steuern nicht zahlen wollte, sondern weil er sah, wie es die Neugier der Kinder verschwinden ließ und aus ihnen passive, sich unterordnende und konformistische Massenmenschen machte. Hier ist es Hermann Hesse, der darauf hinweist, dass Individualismus und Eigensinn eben nicht das gleiche sind wie Rücksichtslosigkeit und soziale Kälte. Vielmehr schüfen sie, wenn man sie durch staatliche Vereinheitlichung nicht unterdrücken würde, die Grundlage für eine lebenswertere, weniger materialistische und vermutlich sehr viel lokalere Gesellschaft.

Im Anschluss an den Ersten Weltkrieg formulierte er diesen Gedanken so: „Der Mensch mit jenem ‚Eigensinn‘, den ich meine, sucht nicht Geld oder Macht. Er verschmäht diese Dinge nicht etwa, weil er ein Tugendbold und resignierender Altruist wäre – im Gegenteil! Aber Geld und Macht und all die Dinge, um derentwillen Menschen einander quälen und am Ende totschießen, sind dem zu sich selbst gekommenen Menschen, dem Eigensinnigen, wenig wert. Er schätzt eben nur eines hoch, die geheimnisvolle Kraft in ihm selbst, die ihm wachsen hilft.“ Friede und Wohlfahrt durch Individualismus – wer hätte das gedacht?

Youtube: Former „Antifa“ Speaks Out


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