01. September 2017

Individuum und Gesellschaft Diener sein – nie Knecht

Der wichtigste Graben läuft durch jeden von uns

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Bildquelle: shutterstock Nicht gespalten, sondern zersplittert: Gesellschaft

In gut drei Wochen wird in Deutschland gewählt. Stimmung und allgemeiner Umgang in sozialen Netzwerken werden zunehmend gereizt oder fatalistisch. Aufrufe dringlicher, drängender. Die vielbeklagte „Spaltung der Gesellschaft“, glaubt man dem allgemeinen Tenor, wird deutlicher sichtbar.

Warum eigentlich wird sie beklagt, diese Spaltung? Wie – bitte sehr? – sollte möglich sein, dass nicht Risse, Gräben und allgemein Trennendes auftreten zwischen Dutzenden Millionen von Individuen? Es ist nicht das Drama, als das man es zu verkaufen versucht, sondern das Normalste der Welt. In jeder Familie, jeder Gemeinschaft tun sich solche „Spalten“ auf.

Was man uns als „Gräben“ zwischen gleich und ungleich, zwischen links und rechts, zwischen Geschlechtern, Generationen, Einkommens- und Vermögensklassen oder zwischen Tradition und Moderne aufschwatzt, ist bei genauer Betrachtung stets wohlstandsversiffte Problembewirtschaftung mit dem immer gleichen Ziel: Ausbau der staatlichen Zeitgeist-, Opfer- und Fürsorge-Maschinerie unter dem Schlagwort der sozialen Gerechtigkeit. Würde das Geld, das man der arbeitenden Bevölkerung via Steuern abpresst, knapp, wäre eine Weiterverschuldung des Staates unmöglich, würden 90 Prozent dieser Probleme schlicht und einfach verschwinden.

Faul sein können Menschen, weil „man“ es sich leisten kann. Parallelgesellschaften, die sich aus drei Generationen bildungsferner Individuen zusammensetzen, können existieren und expandieren, weil „man“ in der Lage ist, ihre Existenz ohne Leistung zu sichern. Männer und Frauen trennen sich, weil Hunger keine Gefahr darstellt. Über die Idee eines 55.000-köpfigen Funktionärsmolochs in Brüssel, die grenzenlose Finanzierung politischen Freiertums und bürgerlicher Schmarotzerei würde man in einer starken freien Gemeinschaft selbstverantwortlicher Individuen bloß lachen. Die Enteignung via Negativzinsen, Geldentwertung und Bargeldeinschränkung wäre uns bestenfalls einen Witz wert.

Das Verrückte an der Sache ist etwas anderes: Zum großen Teil sind wir als Gesellschaften nämlich viel mehr als gespalten. Wir sind zersplittert. Wir sind ein Inselreich von Millionen von Ichs. Der Archipel Ego. Der wichtigste Graben, vor dem jeder steht und von dem die PR-mäßig groß aufgebauschte Spaltung ablenken soll, verläuft ganz anderswo durch und kann auch nur dort zugeschüttet oder überbrückt werden: durch jeden einzelnen von uns.

Es ist der Graben zwischen der Mentalität einer kindischen Selbstüberhöhung und Demut, zwischen leistungsfreiem Bedientwerden und freiwilligem Dienen. Zwischen dem Recht des Forderns und Dankbarkeit. Zwischen Freiheit und Knechtschaft. Hier und nirgendwo sonst stehen sich bequemes Schuldabschieben und kristallklare harte Verantwortung, antriebsloses Mitstolpern und freier Wille, die Scheinsicherheit der Masse und die einsame Panik des Ungewissen, das Schweigen als Schrei der Feigen und das Ja oder Nein des unbedingt Freien so unerbittlich gegenüber. Hier und nirgendwo sonst liegt die Quelle aller Spaltung. Hier und nirgendwo sonst lässt sich zuerst der Mensch und dann die Gesellschaft zerreißen zwischen Minderwertigkeiten und Größenwahn. Und es ist hier und nirgendwo sonst, wo unsere Sache verhandelt und entschieden wird. Es ist der schönste Graben der Welt. Es ist der Graben zwischen dumpfem geducktem Am-Leben-sein und Leben schlechthin.

Irrtum vorbehalten ist es ein chinesisches Sprichwort, das sagt, wer sich selbst betrachte, leuchte nicht. Ben Harper singt davon, dass einer brennen müsse, um zu scheinen. Und das gendermäßig personifizierte Böse, Hemingway, prägte den Satz: „Schreiben ist einfach – du setzt dich an die Maschine und blutest.“

Solchen im Besten erlittenen Entwürfen von einem außerhalb unserer selbst Neues erschaffenden Leben stehen wir heute als Gesellschaft diametral gegenüber. Jeder ist Mittelpunkt eines eigenen Alls. Gefordert, beklagt, die Stimme erhoben wird nur für sich selbst. Das „Du“, „Er“ oder „Sie“ in den heischenden Sätzen ist sentimentales Beiwerk. Der mit elektronischen Herzchen bedachte Nächste oft bloß „zu Markierender“ auf dem Selfie. Kreativität ist bizarr-bunter Konformismus in der Komfortzone staatlicher Förderung. Leben wird in Likes gemessen. Für alles andere gibt es die Menschenrechte, aus denen sich jeder Anspruch ableiten lässt.

Dass sich dabei mitten am Tag Unvereinbares gegenübersteht, ohne dass es auffällt oder gar stört, wird übersehen. Auf der einen Seite ein brachial-säkularer Fatalismus, der da sagt, das Leben sei nur Materie, Zufall und ansonsten unterhaltsames Lärmen, auf der anderen Seite ein übersteigerter Wahn des individuell Wünsch- und damit Machbaren.

Als Beispiel kann der sprachliche Umgang mit Extremsituationen des Lebens – Geburt, Krankheit, Tod – dienen. In der Schweiz hat es sich eingebürgert, dass man sagt, einer oder eine habe eine Sepsis „gemacht“, oder einen Herzinfarkt oder eine Embolie. Als wär‘s eine Art ausschließlich dem Willen und Wollen des Betroffenen unterliegender Kompetenz. Der Mensch ist Macher und Könner und hat alles im Griff. Gnadenlos wird aufgerechnet und gerichtet. Dem gegenüber stehen jährlich Zehntausende verhinderte Leben. Und obwohl wir uns ermächtigen, über die Existenz und Beschaffenheit unserer Nachkommen zu entscheiden, werden Abtreibungen nicht „gemacht“. Eine Abtreibung „hatte“ man, wie Mumps oder Masern. Aktiv abgetrieben wird nur in Filmen des Staatsfunks.

Das ist der Graben, Leute! Hier ist die Spaltung. Auf der einen Seite Leben, Freiheit, Entscheidung, Verantwortung und Schuld. Auf der anderen allgemeine Schuldlosigkeit und Untätigkeit – kleinmütiges, hilfloses, schicksalsergebenes Existieren, das sich gerne auch „Emanzipation“ und „Aufklärung“ nennt. Hier muss entschieden werden, auf welcher Seite man verweilen will.

Lautstark fordern, sich exponieren und vorwagen über die kultivierten Wohlstands-Scheingräben, um sich dann eingeschüchtert von der Schildwache des politisch Korrekten und gerade noch rechtzeitig an den Rettungsseilen allgemein akzeptierten Opfertums zurückzuhangeln ins Lager der blökend Unentschiedenen, läuft dann nicht mehr. Sätze, die mit „Ich als Frau“ beginnen und die nicht nur die Sprecherin quasi prophylaktisch, sondern alle Frauen vorsichtshalber und von vornherein als potentielles Opfer klassifizieren und in den Status von „Berechtigten“ (zu was auch immer) erheben, gibt‘s dann nicht mehr. Schluss mit Rettungsseilen. Panik ist programmiert. Glück auch.

Es wird schwer. Es braucht einer heute schon wieder sehr viel Mut für sein „Ja“ oder sein „Nein“ und für sein Dabeibleiben. Nachsicht ist keine zu erwarten. Genauso wenig wie Humor von Merkel. Woher die Kraft nehmen, wenn man – stumm vor Angst – das Kratzen der Sohlen hört, wenn bisher Zugewandte sich abwenden? Dankbarkeit hilft. Das man selbst ausgetragen wurde und am Leben ist, ist täglicher Grund zu feiern. Wer dieses Wunder sieht, den Pulsschlag fühlt, der will für sich und die Seinen mehr als bloß ungeschoren davonkommen. Der so an seinem Urgrund Dankbare lebt als Befreiter. Der Freie hat die eigene Freiheit im Auge und auch die der anderen, die die seine bedingt. Der wirklich Freie ist nie Schmarotzer, Dieb, Neider, Profiteur. Der Freie ist vor allem dies: der Freiheit und damit seines Nächsten stolzester Diener. Nie der Menschen gefügiger Knecht.

Wir haben die Wahl. Jeder von uns. Und alles, was danach kommt, werden wir uns verdient haben. So oder so.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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