02. August 2017

Thomas Hestermann und seine „Studie“ Medien entdecken den gewalttätigen Ausländer als „Angstfigur“

Schade, dass man „Junk Science“ nicht steigern kann

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Bildquelle: shutterstock Junk Science: Wenn Journalisten „Studien“ schreiben

Schade, dass man „Junk Science“ nicht steigern kann. Die angebliche Studie, die Thomas Hestermann von der (Fach‑) Hochschule Macromedia durchgeführt hat, sie verlangt geradezu danach, von anderen Junk-Studien abgehoben zu werden – als besonderer Junk, Mega-Junk oder Junk XXL.

Hestermann verbreitet seinen Junk vorab. Noch bevor die angebliche Studie veröffentlicht ist, veröffentlicht er eine Pressemeldung, die die Ergebnisse der Junk-Studie zusammenfasst. Das ist nicht nur schlechter Stil, das ist unlauter, denn der Journalist Hestermann weiß natürlich, dass seine Kollegen nur zu willig auf Pressemeldungen springen und in der Regel gar nicht auf die Idee kommen, auch nur das Deckblatt der zugrundeliegenden Studie zu betrachten. Angesichts der Widersprüche und Idiotien, die sich bereits in der Pressemeldung finden, könnte man auch auf die Idee kommen, Hestermann habe die Studie nicht gleichzeitig veröffentlicht, um sie der Kritik zu entziehen, die unweigerlich kommen muss.

Warum? Darum: „Die Studie untersucht 283 Artikel im überregionalen redaktionellen Teil von ‚Süddeutscher Zeitung‘, ‚Frankfurter Allgemeine‘, ‚Bild‘ und ‚taz‘ im Zeitraum von Januar bis April 2017 sowie 67 TV-Beiträge aus den Hauptnachrichten von ARD, ZDF, RTL, RTL2, Sat1, ProSieben, kabel eins und Vox zu Nichtdeutschen in Deutschland.“

Wie die 283 Artikel im überregionalen redaktionellen Teil der vier Zeitungen (warum diese vier Zeitungen?) ausgewählt wurden, warum sie ausgewählt wurden, ist ebenso unklar wie die Antwort auf dieselbe Frage mit Bezug auf die acht Fernsehsender. Tatsache ist: In einem Zeitraum von drei oder vier Monaten (es ist unklar, ob der April noch zum Untersuchungszeitraum gehört) fallen in acht Sendern mehr als 67 TV-Beiträge mit Bezug zu „Nichtdeutschen“ an.

Der Begriff „Nichtdeutsche“ wird in der Pressemeldung synonym mit den Begriffen „Ausländer“, „Flüchtling“ und „Zuwanderer“ verwendet. Indes gilt: Nicht alle Zuwanderer sind Flüchtlinge. Nicht alle Ausländer sind Flüchtlinge oder Zuwanderer, und nicht alle Nichtdeutschen sind Ausländer. Derart grundlegende Schnitzer in einem so kurzen Text wie der Pressemeldung, auf die wir uns beziehen, geben einen Einblick in die geistige Verfassung dessen, der für diese Studie verantwortlich ist. Um diesen Eindruck zu belegen, hier ein direktes Zitat des Verfassers: „Seit der Kölner Silvesternacht 2015/2016 hat sich der mediale Blick auf Flüchtlinge und Zuwanderer deutlich verändert: Sie geraten vor allem als mutmaßliche Gewalttäter in den Fokus der Berichterstattung, während die wachsende Gewalt gegen Flüchtlinge kaum thematisiert wird. Das belegt eine aktuelle Studie.“ – „Die deutschen Medien haben den gewalttätigen Einwanderer als Angstfigur neu entdeckt“, resümiert Thomas Hestermann. Der Medienwissenschaftler ist Journalismusprofessor an der Hochschule Macromedia.

Nun hat der vermeintliche Medienwissenschaftler gar keine Daten, auf die die gemachten Behauptungen gestützt werden könnten. Er hat Daten für den kurzen Zeitraum von Januar bis April 2017 (ob in- oder exklusive April ist wie gesagt unklar), und diese Daten nur für einige ausgewählte Zeitungen und ein paar Fernsehnachrichten. Mehr nicht. Er kann auf Grundlage dieser Daten keinerlei Aussagen über den „Blick auf Flüchtlinge“, wie er sich heute im Vergleich zu 2015/2016 darstellt, machen.

Dass die Medien den „gewalttätigen Einwanderer als Angstfigur neu entdeckt haben“, setzt voraus, dass es ihn schon einmal gegeben hätte. Ob und, wenn ja, wann es ihn gegeben hat, kann der Medienwissenschaftler nicht angeben, mit Sicherheit nicht auf Grundlage seiner Daten. Denn: Er hat 283 Zeitungs- und 67 Fernseh-Beiträge über „Ausländer“ oder „Nichtdeutsche“ untersucht, also nicht über Einwanderer, und die untersuchten Beiträge in zwei Gruppen geteilt, in solche, die positiv, und solche, die negativ über Ausländer berichtet haben. Im Ergebnis habe er gefunden, so sagt er, dass von Januar bis April 2017 in „64,3 Prozent der Berichte“ in der „Bild“-Zeitung, 39,5 Prozent der Berichte in der „Süddeutschen Zeitung“, 38,2 Prozent der Berichte in der „FAZ“ und 18,6 Prozent der Berichte in der „taz“ negativ über Ausländer, nein Nichtdeutsche, berichtet wurde. Das ist das Ergebnis. Mehr gibt es nicht zu sagen. Mehr als dass zum Beispiel die „taz“ in 18,6 Prozent der Artikel, in denen Nichtdeutsche vorgekommen sind und die im untersuchten, kurzen Zeitraum wie auch immer ausgewählt wurden, negativ über Nichtdeutsche berichtet hat, kann man nicht sagen.

Aber natürlich begnügt sich Herr Hestermann von der „Hochschule Macromedia“, die eine Fachhochschule ist, nicht mit diesen Fakten, er beginnt zu phantasieren. Er sieht eine Vervielfachung der Berichte seit 2014, „in denen Gewalt nichtdeutscher Tatverdächtiger“ thematisiert wird. Der Vergleich mit 2014 ist auf Grundlage von Daten, die im Frühjahr 2017 gesammelt wurden, natürlich nicht möglich. Ebenso wenig wie ein Vergleich mit der Polizeilichen Kriminalstatistik möglich ist: Diese verzeichne, so heißt es in der Pressemeldung, nur einen Anstieg von einem Drittel bei den nichtdeutschen Tatverdächtigen. Offensichtlich hat Hestermann nicht nur Phantasie, er kann auch in die Zukunft sehen, denn bislang gibt es die Polizeiliche Kriminalstatistik für 2017 noch nicht. Er hat aber Daten aus dem Frühjahr von 2017. Abgesehen davon sind die Straftaten, über die in Medien zum Beispiel 2016 berichtet wurde, nicht notwendigerweise die Straftaten, die 2016 in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfasst wurden. Nächster Lapsus.

Zurück zu Hestermann: „Medien haben gewalttätigen Ausländer als Angstfigur entdeckt“, so sein „Resümee“. Um dieses Resümee ziehen zu können, benötigt man: Verlaufsdaten; eine Vergleichsgruppe; vor allem: einen Abgleich mit der Realität.

Man benötigt Verlaufsdaten, da die Entdeckung einer Veränderung zum Zeitpunkt X im Vergleich zum Zeitpunkt Y impliziert, dass sich im Vergleich von Zeitpunkten etwas verändert hat. Hestermann hat keine Verlaufsdaten, er hat nicht einmal Querschnittsdaten zu zwei Zeitpunkten. Er kann entsprechend keinen Vergleich über Zeit anstellen.

Man benötigt eine Vergleichsgruppe, da ein hoher Anteil einer negativen Berichterstattung über die Gruppe der Ausländer mit einem ebensolchen bei Berichten über Deutschen einhergehen kann. Entsprechend wäre der Anteil der Berichterstattung über Ausländer nichts besonderes. Hestermann hat keine Vergleichsgruppe.

Man benötigt einen Abgleich mit der Realität, weil eine Zunahme von Berichten über Straftaten von Ausländern (ein Datum, das Hestermann nicht erhoben hat) mit einer Zunahme der Straftaten, die von Ausländern begangen werden, einhergehen kann (auch diese Daten hat Hestermann nicht erhoben). Hestermann macht keinen Abgleich mit der Realität.

Hestermann erwartet von seinen Lesern, dass sie seine Phantasie teilen, nach der die „deutschen Medien“ (es sei nur angemerkt, dass es mehr als vier Tageszeitungen in Deutschland gibt, auch mehr als vier überregionale Tageszeitungen) den gewalttätigen Einwanderer als Angstfigur entdeckt haben, auch wenn er keinerlei Daten hat, die seine Behauptung stützen, und nicht einmal sicher ist, ob er nun Ausländer, Nichtdeutsche, Zuwanderer oder Flüchtlinge untersucht hat. Nie war es angemessener, von Stümperei zu sprechen.

Hestermann hat Junk Science auf ein neues Niveau gesenkt, so sehr, dass wir uns entschlossen haben, den Hestermann-Junk als neues Tiefstmaß für Junk Science einzuführen.

Aber das Ganze hat auch seine positiven Seiten, denn es verweist abermals darauf, dass die heute verbreitete Vorstellung, man könne auch ohne entsprechende Kenntnisse und Ausbildung einfach drauf losforschen, einen nicht weit bringt. Der Junk wird über kurz oder lang als solcher entlarvt werden, der Autor als junkfähig identifiziert.

„Dr. Thomas Hestermann lehrt Journalismus an den Campus Hamburg und Berlin der Hochschule Macromedia. Gelernt hat er den Journalismus von der Pike auf. Er fuhr als Reporter in den Schacht von Gorleben hinunter, war unterwegs mit gewalttätigen Skinheads und führte Interviews auf dem Gipfel des Montblanc. Er arbeitete als Sprecher eines Umweltverbandes, moderierte beim Norddeutschen Rundfunk und leitet heute die Redaktion der Fernsehreihe ‚Tacheles – Talk am roten Tisch‘, die er 1999 entwickelte und die Phoenix seitdem ausstrahlt. Der Fernsehmacher, Buchautor, Online- und Hörfunkjournalist Thomas Hestermann sieht die Zukunft des Journalismus in crossmedialer Verknüpfung.“ (Quelle: Fachhochschule Macromedia)

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Science Files“.


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