27. Juli 2017

John McCain und die deutsche Presse Scham und Anstand als Fremdwörter einer bislang unentdeckten Sprache

Über einen weiteren Negativrekord auf der Abfahrtspiste in die Kloake

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Bildquelle: Drop of Light / Shutterstock.com Einer der schlimmsten Kriegstreiber Amerikas: John McCain

Ups. Da scheint ja jemand richtig wütend zu sein, mögen manche Leser jetzt denken. Nein. Es ist keine Wut. Es ist Fassungslosigkeit angesichts eines Verhaltens, dessen psychischen Urgrund man getrost als moralischen Bodensatz, als Pfuhl, von mir aus auch ethikbefreite Latrine oder eben politische Kloake bezeichnen darf. Als jemand, der sich aufgrund seiner journalistischen Tätigkeit regelmäßig leider auch mit den Untiefen deutschen Schmierantentums konfrontieren muss, war ich ja schon eine Menge gewohnt, aber nun ist es den Herrschaften wieder einmal gelungen, einen neuen Negativrekord aufzustellen. Alle Achtung. Wie machen die das bloß? Auf welcher Landstraße haben manche Kollegen ihre politisch vergewaltigte Menschlichkeit wie ein überfahrenes Tier zum Sterben zurückgelassen?

Harte Worte? I wo, ich halte mich sogar noch zurück. Gleich vorweg zur Klarstellung: Krebs ist eine der schlimmsten Krankheiten. So was wünscht man seinem ärgsten Feind nicht. Ich will damit natürlich sagen, dass völlig unabhängig von den extremen Unterschieden zwischen meinen politischen Ansichten und denen eines John McCain ich ihm selbstverständlich wünsche, dass er den Kampf gegen dieses Übel gewinnt. Er hat schließlich Familie, und ich hoffe, dass ihr die Trauer über einen solchen krankheitsbedingten Tod erspart bleibt.

Es geht mir hier um die fassungslos machende Schäbigkeit, mit der in manchen deutschen Redaktionsbüros seine Krankheit ohne mit der Wimper zu zucken, ohne alle Skrupel, ohne ein in sich selbst hineinhorchendes, zweifelndes Innehalten sofort politisch verzweckt wird, als hätte man es nicht mit menschlichen Wesen, sondern entlang der transatlantischen Leitlinien des veröffentlichten Meinensollens aufgestellten Selbstschussanlagen zu tun. Skandal? Eine Untertreibung. Ich habe dafür nur zwei Worte übrig: Pfui Teufel.

Geehrte Herrschaften, ob nun krank oder nicht: John McCain ist einer der schlimmsten Kriegstreiber Amerikas; die von ihm mitgetragene und -verantwortete Außenpolitik zog im Nahen und Mittleren Osten sowie in Nordafrika eine der größten Zerstörungsschneisen der Geschichte hinter sich her mit für „normalsterbliches“ Vorstellungsvermögen kaum zu ermessenden, verheerenden Folgen. So jemanden zur Lichtgestalt zu verklären, ist gelinde gesagt gewagt. Erst recht dann, wenn so was von Journalisten kommt, die ansonsten kaum eine Gelegenheit auslassen, Lesern die Kriegsvergangenheit des eigenen Landes mahnend vor die Nase zu halten. Zitat aus einem Artikelvideo der „Welt“: „Amerika hat in Sachen Pflichtgefühl ein neues Vorbild – John McCain.“ Man braucht kein gestrandeter Fisch zu sein, um bei solchen Aussagen nach Luft zu schnappen.

Aber das ist noch lange nicht das Schlimmste. Noch doller ist, durch die ständigen Verweise auf seine schwere Krankheit jede Kritik mehr oder weniger in die Nähe von Pietät- oder Mitleidlosigkeit stellen zu wollen – dieser Tenor schwingt in einem Gros der Berichte nämlich eindeutig und ganz unverkennbar mit. Es ist einfach nicht zu fassen.

Wie gesagt, deutsche Medienkonsumenten sind ja einiges gewohnt – kein Problem. Nach dem Tode Udo Ulfkottes las man auf Twitter schon mal Kondolenzbekundungen wie: „Darauf einen Schnaps!“ oder: „Ein Rechtspopulist weniger!“. Und „Spiegel“ sowie andere Publikationen fackelten nicht lange, um aus seinem Tod sogleich volkspädagogisches Kapital zu schlagen: „Der umstrittene, in verschwörungstheoretischen Kreisen beliebte rechtspopulistische Autor Udo Ulfkotte ist tot.“ Oh. Und ich dachte, es sei ein Mensch gestorben. Kein Wunder, dass mittlerweile schon große Wale stranden. Vermutlich haben sie gewettet, wer es, einmal an Land gelangt, als erster bis zur Redaktion schafft, um solche Schmutzfinken mit der Schwanzflosse zur Besinnung zu bringen. Das ist nämlich überfällig.

Scham und Anstand sind für solche Leute offensichtlich nicht nur Fremdwörter, sie sind Fremdwörter einer bislang unentdeckten Sprache.


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