27. Juli 2017

„Finis Germania“ Die angsteinflößende Zensurerklärung des „Spiegel“

Aktion wider den deutschen Geist

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Bildquelle: shutterstock Bestsellerliste: Da fehlt was

Es war anders geplant. Die „Ausmerzung“ (Franz Müntefering) von Rolf Peter Sieferles völkischem Bestseller „Finis Germania“ von der „Spiegel“-Bestsellerliste sollte lautlos geschehen, unbemerkt und ohne öffentliches Aufsehen. Abgesprochen im deutschen Nachrichtenkartell war, dass niemand über die Lücke zwischen Platz 5 und 7 berichten wird.

Die „Aktion wider den deutschen Geist“, bei der erstmals seit Mai 1933 ein „antisemitisches, völkisch raunendes, verschwörungstheoretisches, rechtsextremes“ Buch virtuell verbrannt hatte werden können, hätte zu einem schnellen Austrocknen der Nachbestellungen für das Machwerk geführt. Die Hände der Frauen und Männer am Trockner aber wären sauber geblieben.

Riss im Schweigekartell

Erst durch einen Riss im Schweigekartell wurde die aus staatspolitischer Verantwortung geborene Löschaktion öffentlich. Mit einer halben Woche Verspätung sprang die Meinungsmaschine an und listete Gründe auf, warum es richtig ist, ein „miserables“ („Stern“) Buch vor möglichen Lesern zu schützen.

Trotzdem: Die Chefredaktion des einstigen Nachrichtenmagazins wurde unruhig. Es ist kein Beinbruch, die eigene Arbeit im Nachrichtengeschäft überwiegend als Filteraufgabe zu sehen, bei der aus der Fülle vorhandener Informationen die jeweils den eigenen Vorstellungen dienenden ausgewählt und weitergegeben werden, während alles, was einem selbst nicht gefällt, kurzerhand dem grassierenden Platzmangel zum Opfer fällt.

Schlecht für den Ruf und die Reputation aber ist es, wenn der aus ideologischen Gründen um das Wissen um objektive Sachverhalte betrogene Konsument die Manipulation bemerkt. Dann schickt die „Spiegel“-Chefredaktion Susanne Beyer vor, die als einzige Frau an der Spitze des „Spiegel“ immer ran muss, wenn es peinlich wird. Diesmal also soll die 48-Jährige begründen, warum es gut und richtig und für Deutschland absolut wichtig war, dass „Finis Germania“ durch den einsamen Löschakt der „Spiegel“-Chefredaktion aus der „Spiegel“-Bestsellerliste genommen wurde.

Überschrieben ist der Text mit der schönen Zeile: „Finis Germania und die ‚Spiegel‘-Bestsellerliste“, mit der Susanne Beyer augenzwinkernd an Zeiten erinnert, in denen es hieß: „Tass ist ermächtigt, zu erklären“. Damals war es die jeweilige Wahrheit, die das Politbüro beschlossen hatte. Heute muss ein Hetzer dran glauben, von dessen Werk „Spiegel“-Chef Brinkbäumer nach eigenem Bekunden immerhin die „wesentlichen Kapitel“ gelesen hat.

Angsteinflößende Zensurerklärung

Danach war das Urteil klar. Und Beyer darf es nun erklären. Wir dokumentieren die elegant formulierte wie angsteinflößende Zensurerklärung des „‚Spiegel‘, der sich auch bei historischen Themen als Medium der Aufklärung versteht“ (Beyer) nachfolgend, weil sie deutlich macht, wohin Allmachtsphantasien bei Medien arbeitende Menschen führen können, die ihre Rolle missverstehen und vom Berichterstatter über Ereignisse zum kollektiven Organisator, Agitator und Propagandist im Leninschen Sinne zu werden versuchen.

Bei Amazon steht „Finis Germania“ dank der hirn- wie hilflosen Bemühungen der „Spiegel“-Chefredaktion, das Buch totzuschweigen, den Autor zu desavouieren und Leser des Buches rundheraus zu Rechtsextremen zu erklären, inzwischen wieder auf Platz eins der Verkaufscharts.

Die Schlusspointe des Originaltextes, erinnert mit „von der Liste heruntergenommen“ keineswegs zufällig an die Formulierung des DDR-Politbüros aus dem Jahre 1976, die besagte, man habe dem Liedermacher Wolf Biermann „das Recht auf weiteren Aufenthalt in der Deutschen Demokratischen Republik entzogen“. Es ist dieselbe Denkungsart, die in ähnliche Satzbausteine flüchten muss, um ihren totalitären Charakter zu verschleiern.

„Viele diskutieren, warum die Chefredaktion des ‚Spiegel‘ den Titel ‚Finis Germania‘ aus der ‚Spiegel‘-Bestsellerliste genommen hat – hier erklärt die stellvertretende Chefredakteurin Susanne Beyer den Vorgang:

Die ‚Spiegel‘-Chefredaktion hat sich entschieden, das Buch ‚Finis Germania‘ des Autors Rolf Peter Sieferle von der Bestsellerliste zu nehmen. Die ‚Spiegel‘-Bestsellerliste stützt sich auf Verkaufszahlen, wird aber vielerorts als Empfehlungsliste verstanden. Eingriffe in die Bestsellerliste sind den Regularien zufolge möglich, allerdings selten.

Uns erreichen dazu Anfragen. Darum möchten wir erklären, warum wir uns in diesem Fall zu diesem Schritt entschlossen haben.

Unser Kollege Johannes Saltzwedel hatte das Buch ‚Finis Germania‘ für die ‚Sachbücher des Monats‘ empfohlen, diese Empfehlung wurde Anfang Juni veröffentlicht. Die Liste der ‚Sachbücher des Monats‘ wurde über 20 Jahre lang von NDR Kultur gemeinsam mit der ‚Süddeutschen Zeitung‘ und mit Unterstützung des ‚Börsenblatts des Deutschen Buchhandels‘ erstellt. Die Empfehlung des Kollegen hat innerhalb der Jury der Bestenliste erhebliche Verwerfungen ausgelöst.

Johannes Saltzwedel trat daraufhin aus der Jury aus. ‚Spiegel Online‘ veröffentlichte am 12. Juni 2017 einen Text in eigener Sache mit einem Zitat des ‚Spiegel‘-Chefredakteurs Klaus Brinkbäumer: ‚Ich habe nach der Lektüre der wesentlichen Kapitel kein Verständnis dafür, dass der Kollege Saltzwedel dieses Buch empfohlen hat, und wegen des entstandenen Schadens begrüße ich seinen Rücktritt aus der Jury.‘

In der ‚Spiegel‘-Ausgabe 25 hat Sebastian Hammelehle, stellvertretender Ressortleiter Kultur, eine Rezension von ‚Finis Germania‘ geschrieben und das Buch als ‚völkische Angstphantasie‘ bezeichnet. Ich habe in einem zweiten Text, wiederum in eigener Sache, aus Sicht der Chefredaktion die Vorgänge geschildert und das Buch als ‚rechtsradikal, antisemitisch und geschichtsrevisionistisch‘ bewertet. Der ‚Spiegel‘, der sich auch bei historischen Themen als Medium der Aufklärung versteht, will den Verkauf eines solchen Buches nicht befördern.

Das Buch ‚Finis Germania‘ hat in der ‚Spiegel‘-Bestsellerliste von Heft 29 Platz sechs erreicht. Ohne die Empfehlung unseres Kollegen hätte das Werk des im vergangenen Jahr verstorbenen Autors es unserer Einschätzung nach nicht in die Liste geschafft; das Buch ist in einem kleinen und durch rechtsextreme Publikationen geprägten Verlag erschienen. Insofern haben wir in diesem Fall eine besondere Verantwortung. Deswegen haben wir das Buch in Heft 30 von der Liste heruntergenommen.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf politplatschquatsch.com.


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