23. Juli 2017

„Finis Germania“ auf der „Spiegel“-Bestsellerliste Das verschwundene Buch

Schlimmer als Hitler

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Bildquelle: shutterstock Das verschwundene Buch: Wo ist es denn?

Ein richtig schöner, ein geradezu herrlicher Skandal war das letzten Monat, als der meinungsfreie „Spiegel“-Redakteur Johannes Saltzwedel das „antisemitische, völkisch raunende, verschwörungstheoretische“ („Tagesspiegel“) Buch „Finis Germania“ auf der Sachbuchbestenliste von NDR und „Süddeutscher Zeitung“ unterbrachte. Der Autor Rolf Peter Sieferle hatte sich ein halbes Jahr zuvor umgebracht, verzweifelt an einer Welt, die er nicht mehr für seine hielt. Hinterlassen hatte er 100 Seiten Abrechnung mit dem Hier und Jetzt, bestimmt zur postumen Veröffentlichung.

Götz Kubitschek, leitmedialen Beschreibungen nach eine Art Oberhitler der Rechtsintellektuellen, hatte das schmale Bändchen in seinem auf Systemzerstörung zielenden Antaios-Verlag herausgebracht.

Oberhitlers Bücherhit

Ein Buch wie letztes Ausatmen, das auf dem Buchmarkt unter normalen Umständen wie ein Stein versunken wäre. Hätten nicht die Hüter der Meinungsfreiheit mit einer Empörungskanonade von Sarrazinschen Dimensionen eingegriffen. „Finis Germania“, schwergängig, teils unverständlich, teils aber auch erhellend, wurde zum Hit für Oberhitler. Das Buch schoss – als erstes überhaupt aus einem Verlag auf dem Gebiet der ehemaligen DDR – auf Platz eins der Amazon-Verkaufscharts. Es war streckenweise ausverkauft, und mit jedem empörten Artikel verlängerte sich die Liste der Vorbesteller für die „völkische Angstphantasie“ („Tagesspiegel“).

Das Ende aber war das noch nicht. Denn wo die Plazierung auf der NDR/SZ-Liste reiner Willkür der Juroren folgte, war es die schiere Zahl der Verkäufe, die Sieferles Buch an die Spitze der Amazon-Charts katapultierte. Die werden öffentlich allerdings kaum wahrgenommen, ganz im Gegensatz zur „Spiegel“-Bestsellerliste, die mit ein wenig Verzögerung und Glättung auch eine reine Widerspiegelung von Verkaufszahlen ist.

So müsste auf dieser Liste nun eigentlich auch Sieferle auftauchen, irgendwo zwischen „Das geheime Leben der Bäume“, „Wunder wirken Wunder“ und „Das Zeitalter des Zorns“. Aber wo ist er? In der offiziellen Auflistung findet er sich jedenfalls nicht. Denn der „Spiegel“ hat die Liste augenscheinlich nachredigiert und der Wirklichkeit ein Lätzchen umgehängt. Platz 5 ist eine Andrea Wulf, Platz 6 ein Buch über einen Pinguin, Platz 7 eine mit „Wer wir waren“ überschriebene Rede des verstorbenen Linksintellektuellen Roger Willemsen. Sieferle? Fehlanzeige.

Zwischen 5 und 7 ein Nichts

Auch bei Lehmanns Buchhandlung, einem renommierten Fachhaus mit einer Geschichte bis zurück ins Jahr 1872, das heute im Besitz der deutschen Ärzteschaft ist. Hier strahlt auf der angeblichen „Spiegel“-Bestenliste zwischen Platz 5 und 7 eine demonstrative Leerstelle. Nichts liegt auf Platz 6, gar nichts. Eine Suche nach „Finis Germania“ führt zu Georg Fülberth. Das war‘s.

Verglichen mit den hierzulande früher üblichen Bücherverbrennungen ist ein Bücherverschwindenlassen aus politikhygienischen Gründen zweifellos ein wirklicher zivilisatorischer Fortschritt. Wo das Wissen um die Existenz eines Buches nicht verbreitet wird, verbreitet sich auch das Buch nicht weiter, diese Lektion haben die Leitmedien aus ihrem engagierten Kampf gegen „Germany‘s Newest Intellectual Antihero“ („New York Times“) im letzten Monat mitgenommen.

Wenn sich unsere Menschen auch von „aussagekräftigen Rezensionen zum Beispiel im ‚Spiegel‘, in dem Sieferles Buch als ‚völkische Angstphantasie‘ bezeichnet wurde, nicht davon abhalten lassen, das Buch zu kaufen“ („Tagesspiegel“), dann würde die Meinungsfreiheit das sicher aushalten.

Aber besser ist eben doch, man sorgt dafür, dass sie es nicht muss. Sieferle, so lernen wir, ist nämlich sogar schlimmer als der Führer selbst. Als Adolf Hitler selbst im vergangenen Jahr mit seinem Buch „Mein Kampf“ noch einmal einen Bestseller landete, sah niemand einen Grund, ihn nicht in der „Spiegel“-Liste zu erwähnen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf politplatschquatsch.com.


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