22. Juli 2017

Rolf Peter Sieferle Wer selbst denkt, ist rechts!

Gegen das Einebnen menschlichen Lebens

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Bildquelle: shutterstock Absturz mit offenen Augen: Ikarus

Auf der Suche nach immer neuen „Rechten“, die man als Gefahr für das Einheitsdenken hinstellen und bekämpfen kann, gibt es immer kuriosere Funde. Kürzlich war es der im September 2016 aus dem Leben geschiedene Rolf Peter Sieferle, der doch in der rechten Denkens unverdächtigen „Süddeutschen Zeitung“ von Gustav Seibt mit einem fulminanten Nachruf, „Der Unerschrockene“, gewürdigt wurde. Ein halbes Jahr später kann man den Text noch aufrufen, er ist aber mit dem Kommentar versehen worden, dass der Nachruf vor Sieferles posthumen Schriften entstanden sei. Liest man den Text, findet man bald heraus, dass Sieferles Hauptthesen seiner nachgelassenen Schriften dem Nachrufschreiber bekannt waren, aber offensichtlich nicht als „rechts“ und deshalb gefährlich erkannt wurden: Die Masseneinwanderung birgt die reale Gefahr der Retribalisierung unserer emanzipatorischen Zivilgesellschaft, wie sie sich in den letzten 200 Jahren entwickelt hat. Der Sozialstaat und offene Grenzen schließen auf die Dauer einander aus.

Mich interessierte, wie aus einem von den Linken und der Regierung hochgeschätzten Klimaschützer, der kluge Argumente für den Ausstieg aus der Steinkohle geliefert hat, der rechtsradikale Gottseibeiuns werden konnte, vor dem in allen Qualitätsmedien fast hysterisch gewarnt wurde. Sieferles vorläufig letztes Werk, er soll noch mehr Zündstoff wohlgeordnet auf seinem Rechner hinterlassen haben, ist in einem Verlag erschienen, der auf der schwarzen Liste der politisch Korrekten steht. Schon die bloße Veröffentlichung in diesem Haus genügt, um aus der Gemeinschaft der Inhaber der einzig wahren Gesinnung ausgeschlossen zu werden.

Diese Gefahr schien Sieferle bewusst gewesen zu sein. An eine Veröffentlichung des bereits 2015 fertiggestellten Textes hat er wohl nicht gedacht. Ihm war, wie Raimund Th. Kolb in seinem Nachwort schreibt, „natürlich bewusst, was es bedeutet, sich auf politisch korrekt und zivilreligiös-dogmatisch vermintem Gelände zu bewegen“. „Finis Germania“, so heißt die Schrift, beschäftigt sich hauptsächlich mit Themen, die Sieferle in seinen von den Linken durchaus goutierten Schriften wie „Epochenwechsel“ schon aufgegriffen hat. Hier sind sie lediglich verdichtet und auf den Punkt gebracht.

Für mich ist der folgende Satz der Schlüssel zum Verständnis Sieferles: „Welche Möglichkeit hat eigentlich Ikarus, wenn seine Flügel schmelzen und er in die Tiefe hinabstürzt? Er kann die Augen schließen und solange schreien, bis die See ihn verschlingt. Er kann aber auch die Augen geöffnet halten und die erhabene Aussicht genießen, solange sie sich bietet.“

Sieferle hat den zweiten Weg gewählt. Er ähnelt darin Stefan Zweig, der in der „Welt von gestern“ gegen die Zerstörung Europas anschreibt, bevor sie von den Nazis und ihren zahlreichen Komplizen ins Werk gesetzt wurde. Beide orientierten sich „am Horizont, über dem noch immer die Sonne Homers steht“, haben die Aussicht genossen, bis sie es nicht mehr ertragen konnten. Beide hinterließen die Warnung, dass alles, „was uns heute noch lieb und teuer ist, in absehbarer Zeit verschwunden sein wird“ (Kolb).

Was die besondere Aufregung unserer „Eliten“ verursacht hat, ist sicherlich der Spiegel, den Sieferle ihnen vorgehalten hat. Während früher die Welt von Aristokraten beherrscht wurde, die in der Regel immer auch Kulturträger waren, ist in Deutschland diese Aristokratie in den Umwälzungen von 1918, 1933 und 1945 vollständig verschwunden. „Die neue Herrschaftskultur trägt dagegen die Züge kleinbürgerlicher Unsicherheit. Man fragt sich allerdings, ob es hierzu wirkliche Alternativen gibt, oder ob diese stilistischen Greuel ebenso Preis der Massendemokratie sind, wie zum Massenkonsum eben auch die Verkehrsstaus, die grellen Supermärkte und die Müllberge gehören.“

Die heutigen „Eliten“ interessieren sich nicht mehr für die hohe Kultur, sie „begnügen sich mit Luxusvariationen durchaus vulgärer Konsumgenüsse: Sie fahren etwas größere Autos, wohnen in etwas größeren Häusern, fliegen zu etwas exklusiveren Urlaubszielen, behängen ihre Frauen mit etwas teureren Schmuckstücken und verwenden Zeit und Geld ansonsten vor allem dazu, sich weiter zu bereichern.“ So eine „Elite“ strahlt keinerlei Attraktivität aus. Es ist mehr oder weniger eine reich gewordene Politbürokratie, deren Physiognomie beispielhaft von Sieferle mit dem DDR-Politbüromitglied Harry Tisch verglichen wird, an das sich heute, bis auf wenige Spezialisten, niemand mehr erinnert. Sollten sie noch Zeit dazu haben, wird sich der Wasserträger dieser „Eliten“ die gleiche Scham bemächtigen, die von den Unterstützern des SED-Regimes erfahren wurde, solch jämmerlichen Figuren gedient zu haben.

Fundamentales Merkmal der Deutschen, arbeitet Sieferle heraus, ist ihr „fundamentaler Sozialdemokratismus“, der Differenzen jeglicher Art für unerträglich hält. „Angleichung der Lebensverhältnisse“ ist die Formel dafür. Allerdings würde ich da differenzieren. Es gab ja einmal die Sozialdemokratie der bildungshungrigen Leistungswilligen, die durchaus mehr im Sinn hatten, als den Menschen zum Betreuungsobjekt und Leistungsempfänger zu degradieren. Aber die ist ebenso wie die Aristokratie im Orkus der Geschichte verschwunden.

Allen Gleichmachern zum Trotz ist die menschliche Existenz „nicht kosmisch stabil und identisch, sondern unter verschiedenen historischen und geographischen Umständen aufs höchste variabel“ – „Im Unterschied zu sämtlichen anderen Kulturen kann die Moderne den Gedanken fassen, dass sie nicht die einzig mögliche und legitime ist, sondern nur eine von vielen.“ Die Vertreter der „Angleichung“ scheinen daraus den Schluss gezogen zu haben, dass die eigene Kultur verschwinden muss, weil sie die fortgeschrittenste ist. Angleichung der Lebensverhältnisse nach unten ist das unvermeidliche Resultat.

Sieferle konstatiert weiter das Verschwinden der Politik zugunsten des „Systems“. „Politik gehört einer älteren Daseinsschicht an, geordnet in Hinblick auf Staat und Geschichte, kristalliert in Staatsmännern, Führern und Ideologen. Es gibt in ihr Programme, Werte und Ziele. Gefordert sind Tugenden und Einsätze, die sich auf ein übergeordnetes Ganzes richten.“ – „Systeme organisieren sich ohne Fokus, ohne Werte, Ziele und Programme“ – „Das System hat sich in den fortgeschrittenen ‚westlichen‘ Ländern weitgehend durchgesetzt, während der Rest der Welt noch weitgehend politisch denkt und handelt.“

In der Ära der Politik gab es noch den „intellektuellen Politiker“, der gleichzeitig Theoretiker war. Heutige Politiker lassen zwar immer noch Bücher schreiben, aber es handelt sich „durchweg um den dritten Aufguss breitgewalzter Akademiethemen“. Wer lässt sich von solchen Gestalten regieren? Nach Sieferle bietet sich der Vergleich zum Hühnervolk an. „Sein erstes Merkmal ist die Bereitschaft zur Furchtsamkeit, zur Panik… Nur ein Deutscher konnte auf die Idee kommen, den Zustand der Herde, die bis ins Letzte sozial‑, kranken‑, hausrat‑, unfall‑ und feuerversichert ist, mit dem Begriff einer ‚Risikogesellschaft‘ zu belegen. Die Reste an Ungewissheit werden um so unerträglicher, je kleiner sie werden.“

Sieferle untersucht auch, was es bedeutet, dass „Auschwitz“ zum Inbegriff einer singulären und untilgbaren Schuld geworden ist. Er ist überzeugt, dass die Lehre aus der Vergangenheit sein müsste, dass, wenn Deutschland, das eines der fortgeschrittensten, kultiviertesten Länder war, „Auschwitz“ bedeuten könnte, „der humane Fortschritt der Moderne jederzeit in sein Gegenteil umschlagen kann“.

Dieser Schluss wurde nicht gezogen, sondern Deutschland wurde ein traditionalistisch-vormoderner Sonderweg zugeschrieben, um den Westen von der Möglichkeit eines Holocaust zu entlasten. Dabei wurde ausgeblendet, dass die Idee des „lebensunwerten Lebens“ keineswegs eine rein deutsche war, sondern eine gesamtwestliche. Maurice Thorez, George Bernard Shaw, Leland Stanford, um nur einige Beispiele zu nennen, waren bekennende Eugeniker. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden zahlreiche Biographien einfach umgeschrieben.

Die Lehre aus Auschwitz ist nach Sieferle, dass es keine irreversible Entwicklung der Moral gibt, nur ein „ewiges Auf und Ab“. Die Geschichte der Projekte des 18. und 19. Jahrhunderts ist eine des totalen Scheiterns, „das im 20. Jahrhundert offenbar wurde: moralisch vom Weltkrieg bis zu Auschwitz, technisch-ökonomisch in der Umweltkrise des ausgehenden Jahrhunderts“. Die einzige Hinterlassenschaft der Aufklärung ist die Technik, die gerade dabei ist, sich zu verselbständigen.

„Eine besondere Pointe mag darin liegen, dass für ‚Auschwitz‘ (im Gegensatz zur Umweltkrise) ein ‚Täter‘ identifiziert werden kann, der nicht identisch mit der Menschheit selbst ist: der Deutsche. Seine Feststellung verhilft daher zu einer wirklichen Bewältigung dieser ungeheuren Erfahrung. Man braucht nur post festum ein guter Antifaschist sein, und schon ist eine Hälfte des 20. Jahrhunderts gebannt.“

„Von der Vielzahl starker Ideologien, die das 20. Jahrhundert beherrscht und mobilisiert haben, ist nur noch das fadenscheinige Banner des Antifaschismus übriggeblieben. Umso heftiger klammert man sich daran und versucht, daraus eine Staatsreligion zu machen.“ Der Inhalt dieser Staatsreligion ist, dass die europäischen Gesellschaften in multikulturelle umgewandelt werden müssen. „Ziel ist die kulturelle und materielle Homogenisierung der Menschheit.“ Damit beschreibt Sieferle korrekt, was der Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermans, in einem Vortrag beim „Grundrechte-Kolloquium der EU“ Anfang 2016 ausgeführt hat: Die Zukunft der Menschheit beruhe „nicht länger auf einzelnen Nationen und Kulturen, sondern auf einer vermischten Superkultur“. Sein Kollege Peter Sutherland, ehemaliger EU-Wettbewerbskommissar und heutiger UN-Berichterstatter für Migranten, sekundiert, wer ihm unterstelle, „dass ich entschlossen bin, die Homogenität der Völker zu zerstören, der hat verdammt noch mal absolut recht. Genau das habe ich vor.“

Den Herren geht es um die weltweite Einebnung menschlichen Lebens. Die Vergleiche, die einem da ins Auge springen, sind vorsorglich von den politisch Korrekten verboten worden. Der Widerstand gegen solche totalitären Einebnungspläne soll durch eine programmatische Identifikation mit Faschismus/Rassismus/Rechtsradikalismus gebrochen werden. Wer zu solchen kühnen, klaren Schlüssen kommt, kann laut Mainstream nur rechtsradikal sein, auch wenn er ein Öko-Linker ist.

In seinen „Fragmenten“ bezeichnet Sieferle das 20. Jahrhundert als das der „Verschwendung“ von Menschen, Ideen, Ressourcen in Kriegen, Revolutionen, Massenmorden und Quälereien. „Am Ausgang des 20. Jahrhunderts steht eine verwüstete, kahle, verseuchte Welt, in der man darangeht, die letzten kulturellen Bestände zu verjubeln.“ – „Nachdem das Aas des Leviathan verzehrt ist, gehen die Würmer einander an den Kragen.“

Diesem Schauspiel wollte Sieferle nicht mehr zusehen müssen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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