20. Juli 2017

Satire Invasion in Ankara

„Die Gangart gegenüber der Türkei muss härter werden“

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Bildquelle: BT Image / Shutterstock.com Letzterer Eroberer der Türkei: Timur Lenk (1336-1405)

Legt die Bundesregierung ihre Zurückhaltung in der Türkeipolitik endlich ab? Nachdem Außenminister Sigmar Gabriel die erneute Krise mit dem einstigen Verbündeten genutzt hatte, um im Wahlkampf mit einer Einbestellung von Erdoğans Botschafter Punkte zu machen, legt Justizminister Heiko Maas nun nach. Deutschland müsse Konsequenzen aus der erneuten Festnahme von Menschen verkünden. Kommt es zu einem militärischen Kräftemessen? Wie stehen die Chancen einer erfolgreichen Invasion der Bundeswehr?

Härte zeigen, gnadenlos, den „Erdowahn“ („Bild“) stoppen, auch wenn die Hühner lachen. Zugleich aber im Wahlkampf nicht die Millionen türkischstämmiger Wähler vergraulen, die in Deutschland treu zu Recep Erdoğan stehen: Es ist ein Balanceakt, den Bundeskanzlerin und SPD-Kanzlerkandidat in diesen Tagen absolvieren müssen. Statt sich selbst zu Wort zu melden, überlassen sie es deshalb weitgehend ihren Wahlkampfhelfern, die Türkei-Krise zu managen. Die ist aus der Phase der verbalen Streitgespräche in die der Besichtigung der Instrumente übergegangen. Die Rede ist von Sanktionen, gestoppten Investitionen und vom Plan, die Türkei in die Arme Russlands zu treiben, in denen sie in den kommenden Jahren so lange verarmen soll, bis sich das Land winselnd wieder auf die Türschwelle der EU legt und um Einlass bettelt.

Klipp und klar: Harte Gangart

Es gibt in der Bundesregierung aber inzwischen auch Stimmen, die ganz andere Maßnahmen im Sinn haben. „Die Gangart gegenüber der Türkei muss härter werden“, fordert nun Justizminister Heiko Maas (SPD). Ein Land, das seit mittlerweile 34 Jahren eines seiner Nachbarländer völkerrechtswidrig besetzt halte, zerstöre die europäische Friedensordnung und müsse „umgehend zur Räson“ gebracht werden, heißt es im politischen Berlin.

Vieles deutet auf eine militärische Lösung, auch, weil sie gut in den bislang eher müden Wahlkampf passen würde. Doch wie stehen Deutschlands Chancen, im Kräftemessen mit der hochgerüsteten Türkei einen Sieg einzufahren? Militärexperten sind unschlüssig, denn sowohl die Kampfkraft der Bundeswehr als auch die der türkischen Armee ist nach den jüngsten inneren Krisen kaum mehr seriös einzuschätzen. Das deutsche Heer gilt selbst seiner Ministerin als von Neonazis unterwandert, in der Türkei besteht der Verdacht, dass der in den USA lebende Islam-Priester Fethullah Gülen immer noch ganze Truppenteile fernsteuern kann.

Doch selbst bei voller Einsatzfähigkeit der deutschen Truppen würde es wohl ein enges Rennen werden, die in Ankara in Geiselhaft gehaltenen Deutschen mit einem gezielten Einmarsch zu befreien. Derzeit verfügt die türkische Armee über rund doppelt soviel Personal wie die Bundeswehr, sie hat fünfmal soviele Panzer, doppelt soviele Jagdflugzeuge, viermal soviele Raketenwerfer, und sie kann auf nahezu zehnmal soviele Reservisten zurückgreifen.

Auch die Einsatzerfahrung spricht für die Türken. Seit Jahrzehnten schon führen sie einen mörderischen Bürgerkrieg in den sogenannten Kurdengebieten, dazu kommt die seit 1983 aufrechterhaltene widerrechtliche Besetzung Zyperns („Operation Attila“), die das türkische Heer gelehrt hat, sich zu verbunkern und auch vorgeschobene und schlecht versorgte Posten erfolgreich zu verteidigen.

Letzte Invasion vor 76 Jahren

Deutschland hingegen kann nur mit seinen eher defensiven Unterstützungsmissionen etwa in Mali und Afghanistan punkten. Seit der Invasion auf Kreta im Mai 1941, damals hauptsächlich aus der Luft absolviert, haben deutsche Truppen nicht mehr versucht, feindliche Gebiete ohne einen traditionellen Aufmarsch zur offenen Feldschlacht über See einzunehmen. Das „Unternehmen Seelöwe“ zur Eroberung Großbritanniens musste seinerzeit abgesagt werden, weil die militärische Kraft des hochgerüsteten Deutschen Reiches absehbar nicht ausgereicht hätte, die Insel einzunehmen.

Wenig spricht dafür, dass die Erfolgsaussichten im Fall der Türkei höher sind. Landungsoperationen müssen genau vorbereitet werden, das dauert oft Jahre. Der deutsche Generalstab um Ursula von der Leyen hat aber wegen des spontanen Charakters der Türkei-Krise keine fertigen Pläne in den hochgeheimen Safes im Berliner Bendlerblock. Zudem spricht allein schon die Schwäche der Bundeswehr bei den Transportkapazitäten gegen einen schnellen Enthauptungsschlag.

Mangelnde Transportkapazitäten

Zur See könnte die Bundesmarine derzeit gerade 91 Fahrzeuge mobilisieren, dazu müsste sie allerdings die Operation Atalanta am Horn von Afrika abbrechen und auch die Außengrenzen der EU völlig entblößen. Die Türkei hingegen verfügt über 194 Schiffe, die ausreichen würden, jedem angreifenden deutschen Boot zwei Fregatten oder Küstenschutzschiffe entgegenzustellen.

Eine Lösung aus der Luft kommt realistischerweise auch nicht in Frage. Zwar besitzt Deutschland 345 Transportflugzeuge, aus denen Bundeswehr-Fallschirmjäger abspringen könnten, um die Türkei zu befreien. Die Türkei ist mit 439 auch hier überlegen, das würde aber im Falle einer zielgerichteten Invasion über das Hinterland keine Rolle spielen. Allerdings hakt es im Detail: Viele Bundeswehr-Flugzeuge stehen nur auf dem Papier, um sich zu Einsatzräumen außerhalb Niedersachsens zu bewegen, ist das Heer nach wie vor auf Hilfe des früheren russischen Weltkriegsgegners angewiesen.

Ob der einer Bitte um Hilfe bei einem Einmarsch in der Türkei nachkommen würde, gilt in Berlin als offen. Putin könnte im Gegenzug verlangen, dass ihm Einflussmöglichkeiten auf den Ausgang der Bundestagswahl gewährt werden. Zudem gilt die Türkei mit 7.200 Kilometern Küstenlänge als kaum eroberbar. Der letzte Heerführer, dem es gelang, das Land, das etwa doppelt so groß ist wie Deutschland, zu unterwerfen, war Timur Lenk, der 1402 in der Schlacht von Ankara obsiegte.

Dieser Artikel erschien zuerst auf politplatschquatsch.com.


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