26. Juni 2017

Angeblicher Wahlkampf Die unerträglich realsatirische Leichtigkeit des mutmaßlichen Seins

Donald Obama und Barack Trump schenken sich nichts

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Bildquelle: Marina Linchevska / Shutterstock.com Schenken sich mutmaßlich nichts: Donald Trump und Barack Obama

„Guten Tag. Ich würde gerne einen angeblichen tätlichen Angriff zur Anzeige bringen. Jemand schlug mir mutmaßlich in die Schnauze.“ – „Kein Problem. Folgen Sie einfach den Hinweisschildern zum Büro zur Aufnahme von Anzeigen wegen mutmaßlicher Körperverletzung.“

Zwei Minuten und einige Flure später. „Hallo, jemand hat mir angeblich in die Schnauze gehauen. Ich möchte deshalb Anzeige wegen mutmaßlicher Schäden an Kauleiste und Gesicht erstatten.“ – „Gerne. Können Sie den Täter näher beschreiben?“ – „Sicher. Er war mutmaßlich männlich, angeblich 1,90 Meter groß, trug angeblich eine Lederjacke, mutmaßlich dunkelbraun, hatte angeblich dicke Oberarme und war mutmaßlich kräftig.“ –„Hat er etwas gesagt? Könnten Sie ihn an der Stimme wiedererkennen?“ – „Klar. Er sprach angeblich mit Baritonstimme, mutmaßlich raspelnd, außerdem verwendete er angeblich auffällig oft die Phrase ‚Ich werde mich in deinen Wahlkampf einmischen!‘. Übrigens, die Lederjacke roch angeblich nach kubanischen Zigarren.“ – „Vielen Dank für die mutmaßlichen Informationen. Nun müssen Sie nur noch einen Arzt aufsuchen, der Ihnen bestätigen wird, dass sie angeblich zwei Zähne bei der Attacke verloren haben und mutmaßlich ein blaues Auge davontrugen. Damit kommen Sie wieder, dann nehmen wir die angebliche Anzeige auf.“

„Wie lange kann denn so eine Ermittlung dauern? Besteht Hoffnung, dass der mutmaßliche Täter angeblich gefasst wird?“ – „Normalerweise ist die Fahndungsquote bei angeblichen tätlichen Angriffen sehr hoch. Im Durchschnitt stellen wir angeblich alle zwei Stunden einen mutmaßlichen Täter, um diesen dem Strafvollzug zuzuführen. Sie werden sich wahrscheinlich auch über ein saftiges Schmerzensgeld für diesen mutmaßlichen Angriff freuen können. Strafe muss schließlich sein.“

Ich brauche diesen kleinen satirischen Freidreher vermutlich beziehungsweise mutmaßlich gar nicht groß zu erklären, oder? Sie können es sich doch sicher schon angeblich denken? Ja, Strafe muss sein, in der mutmaßlichen Tat. Daran besteht ja wohl kein angeblicher Zweifel. Und heute ist man schon gestraft genug, wenn man nur Zeitung liest.

24. Juno 2017. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erscheint ein mutmaßlicher Artikel, der es in sich hat. Realsatirisch, that is. „Amerikas Präsident Donald Trump hat seinem Vorgänger Barack Obama vorgeworfen, während dessen Amtszeit zu wenig gegen angebliche russische Eingriffe in den amerikanischen Wahlkampf unternommen zu haben.“ Schäm dich, Barack, du angeblicher Präsident. Das ist nun wirklich nicht die feine englische, nichts gegen mutmaßliche Angriffe zu unternehmen und diese angeblich schwere Last dem nächsten angeblich mächtigsten Mann der Welt zu überlassen. So was macht man nicht, schon gar nicht mutmaßlich.

„Trump bezieht sich offenbar auf einen Bericht der ‚Washington Post‘, der Geheimdienst CIA hätte Obama bereits im August 2016 stichhaltige Informationen vorgelegt, wonach Eingriffe in Amerikas Präsidentschaftswahlkampf vom russischen Staatschef Wladmir Putin persönlich angeordnet worden seien.“ Hätte, hätte, mutmaßliche Fahrradkette. Bis heute wurde der holden „Weltöffentlichkeit“ (lies: Teilnehmer der versteckten politischen Kamera, einer Satiresendung im mutmaßlich demokratischen Format) diese mutmaßlich stichhaltigen Beweise aber nicht vorgelegt. Kein einziger. Null. Noch immer kann sich niemand von der Richtigkeit der angeblichen Angaben überzeugen. Keine Menschenseele. Es blieb bei Mutmaßlichkeiten. Und das wird auch so bleiben, soviel kann ich Ihnen jetzt schon sagen. Und das nicht nur angeblich.

Sollten Sie jetzt schon herzlich gelacht haben: Vorsicht, das ist noch steigerungsfähig. „Die Erkenntnisse lösten dem Bericht zufolge damals bei Präsident Barack Obama tiefe Besorgnis aus. Innerhalb der CIA sei ein eigenes Einsatzteam geschaffen worden. Letztlich beließ es die Obama-Regierung jedoch zunächst dabei, scharfe Warnungen an Moskau zu richten. Sanktionen wegen der mutmaßlichen russischen Hackerangriffe auf die Demokraten verhängte sie erst nach der Wahl.“ Dem Bericht zufolge war der damalige mutmaßliche Präsident der USA, Barack Obama, der einem anderen Artikel der „FAZ“ vom selben Tage zufolge nun sein zusammengelogenes Luxusleben genießt, ohne jemals auch nur eine einzige nachweisbare, nützliche oder produktive Leistung als Präsident erbracht zu haben, keine einzige (sieht man von endlosen militärischen Zerstörungsorgien, zahllosen Toten in einem gewissen nordafrikanischen Land, in Afghanistan, im Irak und Syrien, Tausenden Drohnentoten, in Straflagern grausam gefolterten mutmaßlichen Terroristen sowie Hunderten Milliarden durch List, Täuschung und Betrug gestohlenen Steuergeldern zur Bankeneinfettung ab), nun also war dieser überaus charismatische Blutegel, nachdem er amerikanische Steuerzahler befiel, angeblich zutiefst besorgt. Wie gesagt, die Special Task Force der CIA schaffte es zwar nicht, wirklich überzeugende Beweise für die Anschuldigungen vorzulegen, weder vor, noch während oder nach der Wahl.

Doch die Strafen, also Sanktionen wegen der mutmaßlichen Angriffe, die nie, keine Sekunde lang, wirklich nachgewiesen werden konnten (woran sich auch in Zukunft nichts ändern wird), wurden erst nach der Wahl verhängt. Fürwahr, geehrte Damen und Herren, wir leben in der mutmaßlichen Tat im postfaktischen Zeitalter, daran besteht kein Zweifel, nicht der geringste. Wissen Sie, ich glaube ja, dass das wochenlange Geschwätz über „Fake News“ und eben erwähnte Ära der Postfaktizität der deutschen mutmaßlichen Presse gar nicht als Warnung gemeint war. Sondern als Einstimmung.


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