12. Juni 2017

„Finis Germania“ bei den „Sachbüchern des Monats Juni“ Wer war das?

Gezielte Plazierung

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Bildquelle: shutterstock Eine Zensur findet nicht statt: Unerwünschte Bücher

Zu vermelden ist ein Skandal. Auf Platz neun der „Sachbücher des Monats Juni“, ausgeschrieben von NDR und „Süddeutscher Zeitung“, steht, mokiert sich letztere, „das Pamphlet ‚Finis Germania‘ des 2016 verstorbenen Historikers Rolf Peter Sieferle. Warum?“

Lässt man die Petitesse beiseite, dass es sich bei dem vorgeblichen Pamphlet keineswegs um ein solches handelt, sondern eine göttlich boshafte, beinahe unerträglich scharfe, aber äußerst luzide Analyse, ist die Antwort simpel: weil irgendeiner der Juroren – oder gar mehrere? – das Buch empfohlen hat.

Im Gegensatz zu Preisrichterkollegien, die in gemeinsamen Sitzungen über einen Buchpreis entscheiden, „senden für die ‚Sachbücher des Monats‘ die Juroren Listen mit Punkten für einzelne Bücher ohne gemeinsame Aussprache ein. So wenig wie für das Publikum ist für die Juroren am Ende kenntlich, wer welchem Buch wieviele Punkte gegeben hat, ja, warum ein Buch überhaupt Eingang auf die Liste fand“, beschreibt die „Süddeutsche“ den Modus vivendi. Offenkundig kam auf diese Weise bislang verlässlich eine Ligatabelle des Nichtanstößigen zustande. Die meisten Verlage achten ja ohnehin darauf, dass anstößige Titel gar nicht erst erscheinen.

Im Grunde lief es auch diesmal so. Auf den ersten und zweiten Platz der Juni-Liste wählten die Juroren in schläfriger Routine die Bücher „Der neue Bürgerkrieg. Das offene Europa und seine Feinde“ und „Trump! POPulismus als Politik“ (wobei sie angesichts der baumschulenhaften Ähnlichkeit der Titel, Thesen und Autorentemperamente natürlich aufpassen müssen, dass sie nicht versehentlich ein Buch empfehlen, das schon im vergangenen Monat auf der Liste stand). Auf Platz drei landete Dieter Borchmeyers achtbar-fleißige Collation „Was ist deutsch?“. Ein „Atlas der Umweltmigration“ auf Platz vier stellte sogleich wieder Kontinuität her und gab auf Borchmeyers Frage die gültige Antwort: Deutsch ist, in der Schraubzwinge zwischen den Agenten des offenen Europa und den Umweltmigranten eingequetscht solange gegen den Populismus zu kämpfen, bis eintritt, was das versehentlich auf Platz neun gelandete Buch beschreibt, das also gewissermaßen die Pointe verrät. Und das macht man doch nicht.

„Wer innerhalb der NDR/‚SZ‘-Jury für ‚Finis Germania‘ votiert hat, ist unklar“, notiert die „SZ“. Die Ermittlungen laufen aber auf Hochtouren.

Aufschlussreich ist die Stellungname von Andreas Wang, Mitglied der Jury und ihr verantwortlicher Redakteur, der der „SZ“ anvertraute: „Die Jury der Sachbuchbestenliste ist ganz und gar nicht glücklich über die Plazierung des Buches von Sieferle auf unserer Liste.“ – Wie mag es dann dorthin gekommen sein, wenn „die“ ganze Jury unglücklich ist? – „Einstimmigkeit herrscht darüber, dass jedes Jurymitglied frei ist, seine Meinung durch die Vergabe von Punkten kundzutun, und niemand ist bereit, einen Eingriff hinzunehmen.“ – Niemand hat die Absicht, einen Eingriff anzukündigen! – „Wir akzeptieren jedoch keine Instrumentalisierung dieser Liste durch gezielte Plazierung.“ – Gezielte Plazierungen? Wird sonst um die Reihenfolge gewürfelt? Oder naheliegenderweise gleich ein Automat bemüht? – „In diesem Fall fühlen wir uns verpflichtet, den Juror oder die Jurorin, von dem die Plazierung stammt, zum Rücktritt aufzufordern beziehungsweise ihm seine weitere Mitarbeit zu versagen.“ – Wir erinnern uns: Jedes Jurymitglied ist frei, und niemand ist bereit, einen Eingriff hinzunehmen. – „Im übrigen werden wir das Verfahren der listenmäßigen Plazierung derart erneuern, dass keine Plazierung eines einzelnen Mitglieds der Jury möglich ist.“

Verstanden? Jeder Juror ist frei in seiner Entscheidung, welche Bücher er auswählt, aber wenn er ein falsches Buch empfiehlt, schmeißen wir ihn raus. Damit das künftig gar nicht erst passieren kann, ändern wir jetzt das Verfahren. Es sei nämlich „Zeit, über die Entgrenzung nach rechts im Feuilleton zu reden“, empfahl ein wachsamer Grenzposten der „taz“ – und meinte keineswegs: reden. „Ich gebe zu“, sagte Juryvorsteher Wang dem knuffigsten aller oppositionsfeindlichen Blätter, „dass das Buch die Liste nicht gerade ziert“.

Der Hüter der Listenreinheit mag beruhigt sein: Die restlichen Posten seines Rankings, all diese Saison-Autoren, werden rasch vergessen sein. Dann funkelt „Finis Germania“ so allein für sich, wie es einem solchen Kleinod geziemt. Der eigentliche Skandal ist ja der neunte Platz.

PS: Der NDR teilt mit, dass man sich von dem in diesem Monat auf Platz neun der „Sachbücher des Monats“ gelisteten Werk „entschieden distanziert“. Der Sender werde die Liste nicht länger veröffentlichen und mit der Jury nicht mehr zusammenarbeiten. Wahrscheinlich aber nur, bis der Schuldige gefunden und in Schanden aus der Volksgemeinschaft, wenigstens aber aus dem Preiskomitee gejagt worden ist.

PPS: Wenn Sie ein Exemplar von „Finis Germania“ erwerben wollen – und sei es auch nur, um es auf dem Berliner Opernplatz den Flammen zu übergeben – dann klicken Sie hier.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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