10. Juni 2017

Persönliche Gedanken über Sterben und Tod Demnächst

Die Einschläge kommen näher

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Bildquelle: shutterstock Mit fortschreitendem Alter immer häufiger: Beerdigungen

Es kommt selten vor, dass ein feinsinniger Schöngeist sich in die Niederungen der Politik begibt, in denen, sofern es sich um eine Demokratie postmodernen Zuschnitts handelt, Proleten, Zivilversager und Tagediebe den Ton angeben. Zuweilen kommt es aber dennoch vor. Der im Jahr 1986 verstorbene Wiener Journalist und Schriftsteller Jörg Mauthe war ein solcher Mann. Gerade einmal 62 Jahre alt ist er geworden. Ein Literat von hohen Graden. Und er engagierte sich politisch für die damals recht erfolgreichen „Bunten Vögel“ der Wiener ÖVP.

„Demnächst oder der Stein des Sisyphos“ lautet der Titel seines letzten Werkes. Darin beschreibt er die Wochen und Monate, die ihm ab dem Zeitpunkt einer vernichtenden Diagnose noch bleiben. Krebs. Keinerlei Heilungsaussichten. Allenfalls Zeitgewinn. Dass nach dieser schrecklichen Offenbarung einer seiner ersten Gedanken der Frage gilt, wie in aller Welt er denn diese Botschaft seiner Frau überbringen soll, wirft ein bezeichnendes Licht auf den Charakter dieses Mannes. Jedenfalls fügt er sich ohne Bitterkeit und Groll in sein Schicksal – ohne zu versuchen, alle möglichen und unmöglichen Register zu ziehen (oder ziehen zu lassen), um ein paar zusätzliche Tage herauszuschinden und das Unvermeidliche hinauszuschieben. Am Ende nimmt ihm der Tod die Feder aus der Hand.

Es handelt sich um ein in höchstem Maße berührendes Werk, geschrieben, ohne dabei auf die Tränendrüse drücken oder sich heroisieren zu wollen oder gar um Mitleid zu heischen. Gelegentlich erstaunt sogar die Distanziertheit des Verfassers.

Seit einiger Zeit geht dem Autor dieser Zeilen das letzte Buch Jörg Mauthes nur noch selten aus dem Sinn. „Die Einschläge kommen näher“, charakterisiert ein befreundeter Witzbold mit einem erfrischenden Hang zum Zynismus den Umstand, dass man ab einem gewissen Alter immer häufiger Friedhöfe aufsucht. Und zwar nicht etwa, um das Familiengrab zu pflegen, was ja keine ungewöhnliche Sache wäre, sondern weil man schon wieder einem Freund oder Bekannten aus der eigenen Alterskohorte die letzte Ehre zu geben hat. Niemals sind es Unfälle, zumindest nicht soweit es mein Umfeld betrifft, sondern stets handelt es sich um bösartige Erkrankungen. „Neubildungen“, „Raumforderungen“ oder „konsumierende Erkrankungen“, wie die Mediziner sie gerne harmlos klingend benennen, sind es, die ihren Tribut fordern und Menschen wegraffen, die dafür im Grunde noch viel zu jung sind. Dieser Tage – immerhin stirbt keiner mehr im Kindbett, und viele einst tödliche Infektionserkrankungen gelten als ausgerottet – sollte man doch eher die 80 erreichen und nicht schon mit 60, 50 oder gar noch früher abtreten, nicht wahr? Weshalb nur sterben so viele vor der Zeit?

Einige der Betroffenen waren gleichaltrig, andere sogar deutlich jünger. Ob Eigenschuld (seit frühester Jugend ein Lebtag lang stark geraucht), inkompetente Mediziner (gebotene diagnostische Maßnahmen trotz dringender Indikation nicht ergriffen) oder einfach Pech (beim Auftreten der ersten Symptome war es für eine Heilbehandlung bereits längst zu spät) ursächlich war, spielt an dieser Stelle keine Rolle. Was zählt, ist, dass auf keine andere Weise einem Menschen mittleren oder fortgeschrittenen Alters ein deutlicherer Hinweis auf die Endlichkeit seiner Existenz gegeben werden könnte als durch den Tod eines Gleichaltrigen oder Jüngeren. Immerhin: Der „nächste Einschlag“ könnte einen ja selbst treffen – wer weiß?

Das Exempel eines Schulfreundes, den ich seit 46 Jahren kenne, mit dem zusammen ich jede Menge Unsinn getrieben und gemeinsam unsere 60. Geburtstage gefeiert habe, der ein paar Wochen nach meinem Fest „nicht mehr kontaktierbar“ ist (so eine Schwester auf der Palliativstation, auf die man ihn mit der vernichtenden Diagnose „Glioblastom“ verlegt hat, nachdem die Neurochirurgie festgestellt hatte, nichts mehr für ihn tun zu können), gibt schwer zu denken.

Das einzig Tröstliche, sofern dieses Wort im vorliegenden Fall überhaupt am Platz ist, ist der Umstand, dass mein ehemaliger Kommilitone seit dem Zeitpunkt der Diagnose (eingeliefert hatte man ihn mit dem Verdacht auf Schlaganfall) nicht mehr vollständig mitbekommt, was mit ihm und um ihn herum geschieht. „Anosognosie“ lautet der Name dieses Phänomens, das ist eine laut dem medizinischen Wörterbuch „Pschyrembel“ „selten auftretende Unfähigkeit, eine eigene Erkrankung oder Funktionsausfälle zu erkennen“. Das bedeutet für diesen hochintelligenten Menschen (er war immer einer der Klassenbesten) eine Art von „Bewusstseinsfilter“, der es ihm wenigstens erspart, den traurigen Tatsachen ins Auge blicken zu müssen. Nie hätte ich für möglich gehalten, in welch atemberaubend kurzer Zeit ein Hirntumor einen Menschen vollständig zugrunderichten kann. Von einem Krankenbesuch zum anderen ist die Verschlechterung seines Zustandes geradezu erschreckend.

Ich sitze rat- und hilflos an seinem Krankenbett, halte seine Hand, trockne ihm die Stirn und bin nicht sicher, ob er irgendetwas davon mitbekommt. Ich darf es immerhin hoffen. Ich bewundere das Personal, das auf der Station arbeitet. Heiligmäßige Menschen, die sich im Bedarfsfall auch um die (nicht selten mit der Situation überforderten) Besucher kümmern. Ich könnte das nicht – nicht für alles Geld der Welt –, zumindest nicht, ohne mich ständig zu betrinken oder anderweitig zu berauschen. Die Stationsführerin trägt, deutlich sichtbar, ein Kreuz um ihren Hals. Das ist, in einem nichtgeistlichen Haus, keine Selbstverständlichkeit. Ob das Kreuz die Quelle symbolisiert, aus der sie ihre Kraft schöpft?

Ich wäre, befände ich mich in der Lage meines Freundes, froh, nicht mit meiner furchtbaren Krankheit allein zu sein, sondern Verwandte und Freunde in der Nähe zu wissen, die mich auf den mir verbleibenden Tagen begleiten. „Ich würde nicht wollen, dass meine Freunde mich so sehen“, kommentiert eine gute Freundin. Dieser Wunsch ist verständlich und zu respektieren. Dazu passend fällt mir der Fall eines bereits vor vielen Jahren (an einem Blasenkarzinom) verstorbenen, im gleichen Jahr wie ich geborenen Freundes ein, der sich bei einer ihn im Spital besuchenden Arbeitskollegin tatsächlich für den traurigen Anblick entschuldigte, den er ihr bot …

Mit dem Problem umzugehen, das deprimierende Bild eines Menschen nur schwer aus dem Kopf bekommen zu können, den man zuvor ganz anders erlebt hat, ist indes jedermanns eigene Angelegenheit. Ich jedenfalls würde es jedem, der dazu bereit ist, freistellen, zu kommen, wann immer er will, und ich würde mich über den Besuch sicher freuen – falls ich noch etwas davon mitbekommen könnte.

Es liegt in der Natur des Menschen, Schmerzen und Qualen mehr zu fürchten als den Tod, den sie ankündigen. Erstere auszuschalten sollte die moderne Medizin vor keine nicht zu bewältigenden Herausforderungen stellen. Was allerdings den Tod betrifft, so kann der Gläubige ja beruhigt die Augen schließen – warten doch himmlische Freuden auf ihn (zumindest, falls er sich für den richtigen Gott entschieden hat).

Alle anderen dagegen haben das absolute Nichts zu erwarten – eine in keiner Weise erschreckende Vorstellung. Was könnte daran denn schlimm sein – vorausgesetzt, dass man nicht doch, leichtfertig und zu sehr auf die reine Vernunft fixiert, aufs falsche Pferd gesetzt hat und sich deshalb plötzlich unvermutet und auf ewig in der Hölle wiederfindet. Wir alle werden es sehen, so oder so – demnächst.


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