07. Juni 2017

Bildungspolitik Schulentwicklung ohne Staat wäre möglich gewesen

Das Vermächtnis von August Hermann Francke

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Bildquelle: Wikimedia Commons Setzte auf Freiwilligkeit: August Hermann Francke (1663-1727)

Waisenhäuser, die die Kinder selber aufbauen, nebst Schulen und Werkstätten, in denen sie für ihren Unterhalt arbeiten und zugleich zu Facharbeitern ausgebildet werden; Arbeitshäuser, in denen arme, aber redliche „Passanten“ Arbeit finden und „Hände und Füße regen“ können, während betrügerische Bettler abgehalten werden – das widerspricht dem (Zeit‑) Geist des heutigen Sozialstaates. Kinderarbeit gehöre verboten und Sozialhilfe sei ein bedingungsloses Anrecht, lautet das Credo gegenwärtig.

Der Pfarrer und Professor für Griechische und Orientalische Sprachen an der Theologischen Fakultät der Universität Halle August Hermann Francke (1663-1727) gründete 1698 mit einer Spende als Startkapital ein Waisenhaus, aus dem sich in den folgenden Jahren eine kleine eigene Stadt mit mehreren Tausend Einwohnern entwickelte, ein erfolgreiches Unternehmen, das nicht nur Waisen- und Armenhäuser, Schulen und Werkstätten umfasste, sondern auch das modernste Krankenhaus der Region, eine Apotheke, in der unter anderem eine bahnbrechende Arznei gegen Fleckfieber hergestellt und nach ganz Europa exportiert wurde, ebenso eine Buchdruckerei, in der Bibeln auch in griechischer, hebräischer und äthiopischer Sprache sowie in slawischen Sprachen gedruckt und vertrieben wurden. Die „Franckeschen Stiftungen zu Halle“ (früher „Glauchasche Anstalten“) bestehen noch heute. Die historischen Gebäude stehen auf der deutschen Vorschlagliste zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Zwar nicht als Begründer des (Halleschen) Pietismus gilt Franke, wohl aber als dessen wichtigster Theologe und Exponent. Der Pietismus war eine evangelische Frömmigkeitsbewegung Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts. Die Forderung nach strenger christlicher Disziplin und Askese verband der Pietismus mit einer pragmatischen Haltung zu Handel und Wirtschaft (inklusive dem Zugeständnis, Zinsen nehmen zu dürfen), was ihn zu einem Paradebeispiel für Max Webers nicht unproblematische These macht, im Protestantismus drücke sich der „Geist des Kapitalismus“ aus. Die Pietisten gingen auch pragmatisch mit der theologischen Dogmatik um. So erkannten sie zwar Luthers gegen den Katholizismus gerichtete Rechtfertigungslehre an, der zufolge Gottes Gnade nicht durch „gute Werke“ zu erlangen sei; dennoch drangen sie auf „gute Werke“, durch die sich nämlich Gottes Gnade ausdrücke.

Francke war kein Anarchist, wie die in mancher Hinsicht ähnlichen Quäker in den nordamerikanischen Kolonien. Er erfreute sich bester Beziehungen zum König und zu Ministerialen, die seine Stiftung wohlwollend betrachteten, sie förderten und ihr gewisse Steuer- und Handelsprivilegien verliehen. Mit der neugegründeten Universität Halle standen Franckes Stiftungen in engem Kontakt. Er verdammte die Zuchtlosigkeit unter der Obrigkeit, bestritt aber nicht schlechthin deren Legitimität. Wenn sie nur recht ordentlich der christlichen Zucht folge, sah er keine Problematik. Dennoch ist seine unpolitische Haltung im Rückblick atemberaubend und in die heutige Zeit versetzt durchaus revolutionär. Dies zeigt sich zum Beispiel in einer Werbeschrift, die er 1704 veröffentlichte, um für seine Stiftungen weitere Spenden und Kapitalinvestitionen zu erlangen.

Die Schrift wurde unter dem wenig spektakulären Titel „Der Große Aufsatz“ bekannt, ein Titel, den ihr erst postum der Herausgeber der gesammelten Werke Franckes verpasste (ursprünglich gab es keinen Gesamttitel, sondern gesonderte Titel für die drei Teile, die allerdings gemeinsam an Interessenten verschickt und verteilt wurden). Die Schrift ist so aufgebaut, dass sie im ersten Teil den beklagenswert unchristlichen Zustand der damaligen Gesellschaft aufzeigt. Der zweite Teil stellt die Errungenschaften dar, die sich in den Franckeschen Stiftungen und in der Universität ausdrückten (er behandelt sie, ohne einen Unterschied zu machen zwischen dem institutionell ganz anderen Charakter der beiden Einrichtungen: die Stiftungen waren privat, die Universität staatlich). Dann legt er dar, wofür noch weitere Gelder und Unterstützungen notwendig sind. Schließlich fordert er den Leser auf, zum Ausbau der Stiftungen und zur Einrichtung von Stipendien für den Universitätsbesuch beizutragen. Dies sei in Form von Spenden, von Mitarbeit oder von Kapitalanlage möglich. Die Schrift verbirgt zwei Sensationen, eine formale und eine inhaltliche.

Die formale Sensation im „Großen Aufsatz“ von Francke ist, dass er anders als Luther und Calvin nicht den Staat dazu aufruft, einzuspringen und der Moral der Christenheit durch die Gründung und den Unterhalt öffentlicher Schulen und Armenanstalten aufzuhelfen. Selbst wenn er, wie er es an einigen Stellen tut, ausdrücklich an den Adel, die Fürsten oder andere offizielle Stellen appelliert, so geschieht es in einer Weise, dass sie gleichsam als Privatperson angesprochen werden, nicht als Vollstrecker öffentlicher Aufgaben. Auch sagt er an keiner Stelle, zwar seien seine Stiftungen privater Natur, aber „eigentlich“ sei es die Aufgabe der Obrigkeit, derlei wohltätige Dinge zu tun oder zu veranlassen.

Die inhaltliche Sensation ist im „Großen Aufsatz“ nur versteckt zu finden, genauso wie die formale Sensation. Obwohl Francke stets als einzigen Fokus seiner Argumentation hat, den Armen und Waisen die christliche Zucht beizubringen, geschieht dies, wie fast verschämt zwischen den Zeilen hervorscheint, vornehmlich dadurch, dass sie zum praktischen Handwerk befähigt werden. Als Methode „tractiere“ man die Kinder, schreibt Francke, „mit keinen anderen als solchen Dingen, die ihnen dermaleins nützlich seyn mögen“. Damit ist Francke so erfolgreich, dass nach und nach auch Eltern ihre Kinder gern in seine Schule schicken wollen. Dies lässt Francke auch zu, und je nach ihren Möglichkeiten zahlen diese dann Schulgeld. Mit seiner Methode begründete Francke das deutsche Realschulwesen inklusive Oberrealschulen und Realgymnasien.

Dies ist besonders bemerkenswert gegenüber der späteren Schulpolitik Wilhelm von Humboldts rund 100 Jahre später. Obwohl Humboldt als Liberaler „eigentlich“ die Einmischung des Staates in Sachen Erziehung und Schule ablehnte, führte ihn sein bildungspolitischer Standpunkt geradewegs ins Gegenteil. Humboldt hielt nichts von Nützlichkeit („Abzweckung“) als Kriterium für Bildung. Für ihn hatte Bildung „Menschenbildung“ zu sein und musste sich von jeglicher Erwägung irgendeiner (wirtschaftlichen) Nützlichkeit fernhalten. Dies ist der Sinn des Begriffs „Allgemeinbildung“ (im Gegensatz zu Fach- und Berufsbildung). Ich muss immer schmunzeln, wenn heute bisweilen „Allgemeinbildung“ ideologisch als nützliche oder gar unabdingbare Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg ausgegeben wird, was sie definitiv niemals sein sollte. Da die Eltern (und die Kinder) Bildung jedoch vornehmlich unter der Erwägung von (wirtschaftlicher) Nützlichkeit nachfragen und nachgefragt haben, wie unter anderem auch die Franckeschen Stiftungen belegen, musste der liberale Humboldt auf den Staat zur Durchsetzung seiner bildungspolitischen Vision setzen, während der ganz und gar unrebellische August Hermann Francke auf die Kraft der Einsicht von Eltern und Kindern setzen konnte. Er brauchte nichts als freiwillige Nachfrage sowie, für die Armen und Waisen, nichts als freiwillige Spenden und Kapitalgeber.

Nicht überraschend ist, dass die universitäre staatliche Pädagogik immer Humboldt den Vorzug vor Francke gegeben hat.


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