23. Mai 2017

Buch über einen Komponisten in der Stalinzeit Die Qualen des Dmitri Schostakowitsch

Ein Leben als Aussätziger

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Bildquelle: bissig / Shutterstock.com Die Macht ließ ihn nicht in Ruhe: Dmitri Schostakowitsch (1906-1975)

Jeden Morgen sagte Schostakowitsch statt eines Gebetes Zeilen von Jewgeni Jewtuschenko auf: „Ein gelehrter Mann zu Galileos Zeit/Wusste wie Galileo Bescheid:/Die Erde dreht sich ganz bestimmt./Jedoch er hatte Weib und Kind.“

Die Macht ließ Schostakowitsch nie in Ruhe. Er musste in die Partei eintreten, Deputierter des Obersten Sowjets werden, Unterschriften unter die Verurteilung von Alexander Solschenizyn, den er verehrte und immer wieder las, und Andrei Sacharow leisten, Artikel gegen Künstlerkollegen veröffentlichen, die er nicht geschrieben hatte. Gefragt, was denn wäre, wenn seine gesammelten Schriften herausgegeben würden, antwortete er: „Dann lohnt es sich nicht, sie zu lesen.“

In den letzten Jahren wartete er nur noch auf den Tod. Daran konnte auch seine dritte, endlich glückliche Ehe nichts mehr ändern. Er war ein Nervenbündel mit nicht mehr beherrschbaren Ticks.

„Er hatte etwas über die Zerstörung der menschlichen Seele erfahren. Eine Seele konnte auf dreierlei Art zerstört werden; durch das, was andere einem Menschen antaten; durch das, was ein Mensch sich selbst antat, weil andere ihn dazu trieben; und durch das, was ein Mensch aus freien Stücken sich selbst antat. Jede einzelne Methode erfüllte ihren Zweck; wenn aber alle drei zusammenkamen, waren die Folgen unausweichlich.“

Zum Schluss führt Barnes den Leser noch einmal auf den unbekannten staubigen Bahnsteig in Russlands Weiten. Was hatte Schostakowitsch dort gehört? Einen perfekten Dreiklang.

„Die Angst würde weitergehen, und der sinnlose Tod und die Armut und der Schmutz ebenso… Und doch war ein Dreiklang, den drei nicht sehr saubere Wodkagläser und ihr Inhalt hervorgebracht hatten, ein Geräusch, das vom Lärm der Zeit rein war und alle und alles überdauern würde. Und vielleicht kam es am Ende nur darauf an.“

Julian Barnes: „Der Lärm der Zeit“ (amazon.de)

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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