18. Mai 2017

„Spiegel Daily“ Gewieft: Nicht ganz neu

Warum alles „erklären“?

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Bildquelle: Gil C / Shutterstock.com Niedergang im Internet: „Der Spiegel“

So richtig gut läuft es nicht im Welterklärungsgewerbe, selbst der neue Erscheinungstag hat daran nichts geändert. „Der Spiegel“, einst ein Sturmgeschütz des gesunden Menschenverstandes, verliert Auflage. Und es scheint zuweilen, als korrespondiere der Verlust an Lesern direkt mit dem Zuwachs an Propaganda, Hetze, Hass und Suchmaschinenoptimierung bis ins gedruckte Blatt.

Der neue „Spiegel“ kommt deshalb nun nicht mehr samstags, sondern täglich, eine Art Tageszeitung in Newsletterform, Mailing hieß das früher, jetzt aber ist es „Die smarte Abendzeitung“. „Smart“ meint „klug“ oder „schlau“, kann aber auch mit „gewieft“ übersetzt werden. Unter „Nur, was heute wichtig ist“ bietet die „Spiegel“-Redaktion nicht nur ein vollkommen verzichtbares Komma. Sondern darüber hinaus alles, was das Mutterblatt in den vergangenen Jahren in die Krise geritten hat: keine Nachrichten, sondern Erklärungen dazu, wie sie zu verstehen sein sollen. Keine Berichte darüber, was auf der Welt vor sich geht. Sondern Kommentare dazu, was davon gehalten werden soll.

Zum Auftakt gibt es gleich, was es immer gibt: Trump, kombiniert mit einer herabwürdigenden Zeile, die diesmal „Nicht ganz dicht“ lautet. Die smarte Erklärung des Vorgangs, dass ein US-Präsident Geheimdiensterkenntnisse nicht mit der deutschen Kanzlerin teilen muss, sie aber ungestraft mit dem russischen Präsidenten teilen kann, tendiert zum Üblichen: Ein „Sicherheitsleck“, Trump hat wieder etwas „angerichtet“. Womöglich wird er wie jeden Tag seit seiner Wahl nun ausgerechnet deshalb zurücktreten müssen.

Wird er natürlich nicht, vielleicht liest er „Spiegel Daily“ trotz des günstigen Einkaufspreises von 6,99 Euro im Monat gar nicht. Nach den ersten Kommentaren zum Start des Hamburger Smart ist er damit nicht mal der einzige.

Vielen Dank ... aber es würde reichen, wenn Sie einfach nur die wichtigsten Nachrichten des Tages zusammenfassen würden. Die Welt mitsamt ihrem Geschehen erklären müssen Sie nicht, dazu fehlt es den laut eigenem Selbstverständnis unfehlbaren und die Weisheit mit Löffeln fressenden „Spiegel“-Redakteuren oftmals dann doch an zuvielen Ecken und Enden.

Hochtourige Nachrichten ohne Zeit für Recherche oder gar Prüfung des Wahrheitsgehalts braucht niemand mehr. Von denen haben wir mehr als genug. Hintergründe und vielleicht einen Tag warten und dafür belastbare Fakten liefern will offenbar niemand mehr in unserer Medienlandschaft. Siehe den Artikel über den Geheimnisverrat von Trump. Der Artikel ist eine einzige abgeschriebene Spekulation der „Washington Post“. Überflüssig, vielleicht sogar einfach falsch. Aber das interessiert nicht mehr. Der Run nach der ersten gedruckten oder geposteten Halbwahrheit verdrängt den Journalismus.

Herzlichen Dank für das gut gemeinte Angebot. Ich brauche weder „Erklärungen“ gut bezahlter Bertelsmänner, noch möchte ich Schmidt mit knapp sieben Euro pro Monat den Ruhestand versüßen.

Daily? Nein danke. Ich hätte schon fast eher eine Meldung über einen geplanten Stellenabbau beim „Spiegel“ erwartet. Ich persönlich bin mit der Abwehr der täglichen Flut an sogenannten Informationen mehr als ausgelastet.

Gute Idee, aber warum immer dieser religiöse Eifer, den Menschen unbedingt alles erklären zu wollen? Wir sind nicht so dumm, wie ihr denkt! Zitat: „Auf der News-Ebene erklären unsere Autoren, was heute geschehen ist und was es bedeutet.“ Hier gibt es nichts zu erklären, das Ziel muss doch eine neutrale, freie Berichterstattung sein. „Erklären“ heißt automatisch Meinung. Die hat in der reinen Berichterstattung nichts, aber auch gar nichts zu suchen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf politplatschquatsch.com.


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