15. Mai 2017

Die Emanzipationslüge Plädoyer für mehr Ich

Heraus aus dem schützenden Schatten des „man“

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Bildquelle: shutterstock Vom Wir zum Ich: Heraustreten aus dem Schatten des „man“

Weniger Emanzipation, mehr Ich. Was wie ein Widerspruch klingt, ist in Wahrheit nur eine Verschiebung. Allerdings eine gigantische. Wer heute noch an Emanzipation als Befreiung aus der eng geschnürten Korsage von Unmündigkeit, Traditionen, veralteten Wertvorstellungen und gesellschaftlichen Normen glaubt, der sitzt einer doppelten Lüge auf. Es ist Selbstbetrug auf der einen, Verführung auf der anderen Seite. Oder anders gesagt: Emanzipation ist in Wahrheit nur noch gefühlsduselige und „raumgreifende Ich-Versautheit“ (Mikael Krogerus, „Das Magazin“), „Freiheit“ bloß ein schönes Wort für den willen-, visions- und verantwortungslosen Spießrutenlauf kostenlosen Mehrwollens. Das Erwachsenenleben eine 60 Jahre dauernde Verleugnungsphase.

Höre hier bitte auf zu lesen, wer weiterhin an Emanzipation als Weg zu mehr Freiheit glauben und seine Befindlichkeiten und Bedürfnisse – auch bekannt als „Recht auf“ oder „Mangel“ – vor sich herschieben will wie ein Bankräuber seine Geisel. Denn genau das, nichts anderes ist es, was heute „Emanzipation“ und „Freiheit“ genannt wird: Geiselhaft. Nein – nicht wir persönlich, natürlich nicht. Wir lassen in Geiselhaft nehmen und schieben unsere persönliche Verantwortung, unsere Schuld und unser Gewissen in den Fleischwolf der Anonymität.

Darum geht es: um Anonymisierung. Was harmlos klingt, zerstört langsam und nachhaltig Familien ebenso wie andere Gemeinschaften und die Gesellschaft als ganze. Ihr liebstes Wort ist „wir“. Das Spiel eine Art Betroffenheits-Roulette, dessen einzige sichere Konstante jene ist, dass vom Individuum weggefragt wird. Wer „wir“ sagt, meint nie sich selber. Wer sagt: „Wir müssen“, „Wir brauchen“, „Wir dürfen nicht“, der sagt , dass Leben bloß Resultat von Ursachen ist, die außerhalb von ihm selber liegen. Das Motto: „Es muss doch da draußen verdammt noch mal irgendjemanden geben, der schuld ist!“ Er will nicht Missstände beheben und Mängel bekämpfen, er will sie lediglich begründen und potentielle persönliche Schuld aus der Welt schaffen. Er selbst, was er ist und tut, ist dann nur noch Produkt des Schicksals, zwangsläufiger Prozess. Und das Verrückteste dabei: Wir zahlen auch noch dafür, in den Genuss dieses Halblebens zu kommen. Mit dem größten Teil dessen, was wir erarbeiten, via Steuern und mit unserer Freiheit. Und genau darauf, auf diese kindische, selbstische und bequeme Masche stützt sich ab und mästet sich der größte Teil dessen, was wir als „Politik“ bezeichnen. Das Stück, das aufgeführt wird, heißt „totale Sorge“ und hat zum Ziel, das Publikum, uns, zu reduzieren auf jämmerlich mittelmäßiges und von Vorklatschern betreutes Quotenvieh.

Langfristig verlieren wir mit dieser Wegduckerei alles. Uns selber mit eingeschlossen. Denn: Ein Mensch ohne persönliches Gewissen, ohne persönliche Schuld und Verantwortung ist von Anfang an ein Besiegter. Befreit zum Knechtsein PR-mäßig hochbegabter Bürokraten und auf Knien vor dem Altar des befreiten Ichs liegend. Es ist der Logarithmus aller Abhängigkeit. Und er mündet irgendwann stets in sich gegenüberstehenden, selbstmitleidigen, maximal aufgewiegelten und reizbaren Mobs, die bereit sind, sich gegenseitig ohne Mitleid und Blick zurück totzutrampeln.

Ist das ein Aufruf zur harmoniesüchtigen Sanftmut ewig schlechten Gewissens, zum Dauerduckertum endlosen Schuldgefühls, das einer wie einen riesigen Bluterguss unter den Kleidern zu tragen hat? Nein – im Gegenteil. Ohne Schmerzen wird es zwar nicht gehen, es wird schlicht und ergreifend wehtun, aber der Gewinn ist groß. Es ist nicht weniger als echte Freiheit. Wollen wir echt Freie sein, dann müssen wir uns als erstes für persönliche Verantwortung und damit für die Möglichkeit persönlicher Schuld entscheiden. Und für die Inbesitznahme unseres Gewissens.

Stellen wir uns vor, jeder Willkommens- und Wir-müssen-Schnatterer müsste sein Geplärr zuallererst persönlich nehmen und Menschen in seinem Leben und in seiner Wohnung willkommen heißen, sie ernähren, begleiten und integrieren. Wer Geld vom Staat nimmt, müsste dieses persönlich am Ausgang der Firma von jenen holen, die eben gerade eine Acht- oder Zehn-Stunden-Schicht hinter sich haben. Und er müsste zusehen, wie der, der sein Erarbeitetes für sich behalten möchte, verhaftet, abgeführt und eingesperrt würde. Und jene, die Billigstfleisch kaufen, müssten dieses in der stickigen Panik und im stinkenden Entsetzen der Großmästereien und -schlachtereien persönlich tun. Wer Staatsschulden möchte, müsste zuerst alles eigene hergeben, wer Krieg befürwortet, müsste selber schießen, wer abtreiben will, müsste sie selber entsorgen, die „Gewebeteile“ des Zellklumpens, deren Vollzähligkeit jeder Arzt ohne weiteres zu bestätigen vermag. Und so weiter und so fort – man kann heute fast unser gesamtes gesellschaftliches Leben, allem voran die Politik, auf diese Weise durchdeklinieren und landet irgendwann mal bei den Kindern. Und auch da gälte: Ja – ich bin schuld. Ich bin es, der eine Familie zerstört, ich bin es, der seine Kinder verlässt, ich bin es, der einem durch mich gezeugten Menschen das Leben abspricht, ich bin es, der Bildung im Namen der Chancengleichheit herunterdimmt auf ein Niveau, auf dem jeder alles besteht, sofern er anwesend ist und einen Puls aufweist. Ich bin es, der Talente vergeudet und Potential verschleudert im Namen einer Ideologie.

Ich bin schuld. In diesem kurzen, als negativ abgestempelten Satz steckt die ganze Kraft echter Verantwortung. Es ist das Geheimnis des Menschseins und echter Freiheit. Hier wird nicht länger wehleidig an Kausalitäten herumgefummelt, eine Kultur des Nölens gepflegt und ansonsten in neidbedingten Minderwertigkeiten herumgestochert. Hier wird ja gesagt – mit aller Kraft, von ganzem Herzen, mit ganzer Vernunft. Ja zum Menschsein, zum Risiko der Fehlbarkeit, zum Glauben an persönliches Wachstum.

Es ist das Heraustreten aus dem vermeintlich schützenden Schatten des „man“ mitten hinein in den gleißenden Lichtkreis des Ich und des Handelns. Oh ja – man schlottert dabei, zweifelt, kotzt vor Angst – entschuldigen Sie die Ausdrucksweise, aber so ist es nun mal –, aber man kann sicher sein, zu leben. Ganz zu leben als ganzer Mensch und nicht bloß als hyperkonditionierte Ratte, die den Weg durchs Labyrinth gelernt hat und diesen fortan aufs rattigste bereist und Freiheit nennt, was trivialste und unterwürfigste Selbsterhaltung ist.

Positiver Nebeneffekt: Den Ratten in den Regierungspalästen bliebe bei solcher Freiheit bloß die Optionen „Bürger werden“, „Verhungern“ oder „Sich gegenseitig fressen“. Persönlich ist mir alles recht.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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