07. Mai 2017

Macronleaks In der Fakenews-Maschine

Binnen zwölf Stunden wird aus einer Vermutung ein knallharter Fakt

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Bildquelle: Frederic Legrand - COMEO / Shutterstock.com Emmanuel Macron: Wahlsieger, dem Marine Le Pen als Staffage diente

Auch 24 Stunden später hält die hermetische Abschirmung. Kein Bericht in keiner großen Zeitung, kein Hinweis auf irgendwelche Inhalte der geleakten Papiere aus dem Hauptquartier des französischen Präsidentschaftsbewerbers Emmanuel Macron. Halt, nicht kein. In der „Community“-Abteilung des „Freitag“ wagt sich ein einzelner Autor an eine Bestandsaufnahme: Was steht drin in den neun Gigabyte gestohlener Daten? Wie ist die Veröffentlichung zu bewerten? Wem nützt das alles? Und wem nicht?

Sonst ist Grabesruhe in Deutschland, dessen feinfühliger Aushilfsaußenminister nur schnell noch alle Franzosen, die nicht wählen wollen, wie es Deutschland gefallen würde, als „Ratten“ bezeichnet. In Frankreich hat die Wahlkommission jede inhaltliche Auseinandersetzung mit den En-Marche-Papieren untersagt. Pressefreiheit 2.0, an die sich deutsche Medien aus innereuropäischer Solidarität einheitlich halten. Mehr noch: Die deutsche Medienlandschaft lobt die französische Medienlandschaft für die unterdrückte Berichterstattung. Silence is the new normal.

Gegen das Böse müssen alle zusammenstehen, und sei es durch verantwortliches Schweigen. Einige Informationen könnten die Bevölkerung beunruhigen. Deshalb ist der Skandal nun nicht, dass ein Skandal in den Unterlagen verborgen liegen könnte, den Wähler kennen sollten, ehe sie abstimmen. Nein, der Skandal ist, dass es Papiere gibt, die zwingend geprüft werden müssen.

Wie ein Mann marschieren die Kolumnisten, wie eine Wand steht die Argumentationsfront: Es muss der Russe dahinterstecken, wiedermal. Oder Feinde der Freiheit aus dem abtrünnigen Amerika. Die Genese der Entstehung einer Gruselgeschichte Marke MH17 lässt sich diesmal wie im Zeitraffer verfolgen: Aus der Frage, ob Putin hinter dem „Angriff“ steht, wird binnen weniger Stunden absolute Gewissheit: „Russland will Macron die Wahl verderben“, heißt es jetzt.

Neue Beweise sind währenddessen selbstverständlich nicht aufgetaucht. Niemand hat die anderswo draußen, in einer unkontrolliert journalisierenden Welt, durchaus gewogenen und gewichteten Hinweise auf eine Steuerspargesellschaft namens La Providence LLC, beheimatet auf der Karibikinsel Nevis, betrachtet, geprüft und erklärt, warum sie nicht schlüssig sind. Niemand hat die infragestehende Firma auch nur erwähnt, die erstaunlicherweise genauso heißt wie das Gymnasium, das Macron daheim in Amiens besuchte.

Es ist wie damals, als Tass ermächtigt war, zu erklären, dass alles, was die Westmedien meldeten, nicht wahr war. Dementis überall, Dementis sogar von Dingen, von denen zuvor beschlossen worden war, dass deutsche Leser sie nicht wissen müssen. Schweigen, dass wie Gabriels Aufforderung, Macron zu wählen, das Gegenteil dessen bewirkt, was es bewirken will. Dabei wäre eine inhaltliche Auseinandersetzung so einfach: Wie „Caribean News Now“ berichtet, hat die Financial Services Regulatory Commission (FSRC) von Nevis angegeben, dass eine La Providence LLC auf Nevis nicht existiert.

Dieser Artikel erschien zuerst auf politplatschquatsch.com.


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