19. April 2017

Unterhaltsvorschüsse Betrogene Kinder

Wenn die Riesenwelle kommt, muss man schwimmen können

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Bildquelle: shutterstock „Betroffen“: Alleinerziehende Mutter

Es gibt sie in ungezählten Variationen: die Filmszene, in der der Verurteilte versichert, er sei unschuldig, und wo irgendeiner antwortet: „Jaja – das sagen sie alle.“ Ähnlich vorhersehbar gestalten sich Diskussionen rund um das Thema „Alleinerziehende und staatliche Unterstützung“: Die in Frage kommenden Personen sind – glaubt man dem Chor der Eingeweihten – durchs Band Ausnahmen, wenn es um die selten sachliche Begründung dafür geht, warum gerade sie ein Anrecht darauf haben, finanziell von der Allgemeinheit mitgetragen zu werden. Auf die Frage, ob es sich denn bei diesen Menschen allesamt um Verwitwete, Misshandelte, Vergewaltigte oder Kranke handelt, wird anstelle einer Antwort gern und unbelastet von Logik die Hungernde-Kinder-Keule hervorgeholt: „Sollen die Kinder dafür büßen, dass ihre Eltern die Sache mit der Kohle nicht auf die Reihe kriegen? Sollen sie etwa hungern?“ Eine andere ebenso beliebte argumentative Schlagwaffe ist die Haben-Sie-Kinder-Frage. Und wehe dem, der sie nicht positiv zu beantworten in der Lage ist. Er hat nicht nur keine Ahnung und auch kein Recht auf Meinung, sondern ist höchstselbst mitschuldig an der demographischen Zerbröselung des Abendlands. Zahlen, Schnauze halten, weitergehen.

So einmal mehr zu beobachten in den Kommentarspalten der „FAZ“ unter einem Artikel, der jene rund 450.000 Alleinerziehenden zum Thema hatte, die auf „staatliche Unterstützung angewiesen“ seien. Für sie werden jährlich 850 Millionen Euro an sogenannten Unterhaltsvorschüssen ausgezahlt. Fast eine Milliarde. Sogenannt, weil das Wort „Vorschuss“ im Sinn einer Vorauszahlung für nachträglich zu erbringende Leistungen nur in 23 Prozent der Fälle (2015) korrekt ist. 650 Millionen sind nicht Vorschusszahlungen, sondern schlicht Unterhaltszahlungen. Ihre Rückerstattung an die Allgemeinheit ein frommer Wunsch. Außerdem räumt der Artikel auf mit einem gerne gepflegten Mythos: Der sture Zahlungsverweigerer, der der Mutter seiner Kinder trotz Einkommen das Geld verweigert, ist eine der echten Ausnahmen. Die Mehrzahl jener, die die Zahlungen zu leisten hätten, sind dazu nicht in der Lage oder schlicht unbekannt.

Aber wo liegt das Problem, könnte man fragen, wenn ein großer Teil der Menschen – einschließlich Familien, Freunden und Partnern – der Meinung ist, diese Zahlungen seien berechtigt, mehr noch: notwendig, während nur eine Minderheit für die Kälte der Selbstverantwortung (die auch die eben erwähnten Nächsten miteinschließen würde) plädiert? Das Problem ist, dass das ganze auf einem großen Irrtum basiert. Auf einem sorgfältig aufgebauten und sorglos adoptierten Missverständnis dessen, was Leben sein könnte und sollte.

Um das zu verstehen, braucht man sich nur mit einem einzelnen Wort zu befassen – jenem des oder der „Betroffenen“. Mit erwähnten Ausnahmen käme es keinem in den Sinn, sich selber im Zug der lustvollen körperlichen Vereinigung – sei es in der Vorstellung eines mehr oder minder vagen „Für-immers“, sei es mit dem Ziel des A-la-minute-Lustgewinns – als „Betroffenen“ zu bezeichnen. Wovon auch betroffen? Ich-betroffen? Hormonbetroffen? Sex-, Illusions-, Romantik-, Alkohol- oder Hirnarretierungs-betroffen?

It‘s the consequences, stupid! Erst die Konsequenzen – natürlich nur die unerwünschten – werden mit dem Ehrenkreuz der Betroffenheit geadelt. Betroffenheit impliziert Schuldlosigkeit und Ausgeliefertsein. Betroffenheit bedeutet Bedürftigkeit. Bedürftigkeit verlangt nach Hilfe. Hilfe von außen, Hilfe, die die eigenen Nächsten offenbar nicht zu leisten gewillt sind, Hilfe der anonymen Allgemeinheit via Staat also. Es ist bezeichnend, dass der Begriff der Betroffenheit von Menschen wie Ihnen und mir gar nicht oder äußerst selten verwendet wird. Oder kennen Sie einen Alkoholiker, der sich selbst als Betroffenen bezeichnet? Einen Junkie, einen Verschuldeten, Betrüger, Scharlatan oder Gewalttätigen? Ich nicht. Ich kenne nur Sozialarbeiter, NGO-Personal, Politiker und ein Heer von Funktionären, die den Begriff ins Spiel werfen, wenn jene, die ebenfalls am Tisch sitzen – freiwillig und weil sie sich Spaß davon erhofften – pleite sind. Vater Staat als liebevoll fürsorglicher Croupier.

Indes: Die Bank gewinnt immer. Wenn das freiwillig eingegangene Risiko einer Schwangerschaft in ungewollte Schwangerschaft umgedeutet und wie eine ansteckende Krankheit behandelt wird, dann wird nicht den sogenannt Betroffenen oder gar der Gesellschaft geholfen. Casinos existieren einzig aus dem Grund, weil für den Betreiber etwas zu holen ist. Und theoretisch selbstverantwortliche Menschen werden von den Staatsbetreibern einzig aus dem Grund als Betroffene und Hilfsbedürftige gehandelt, weil nur so Profit zu machen, die staatliche Organisation aufzublähen und Kontrolle auszubauen ist. Der Begriff ist gleichsam der Knopf, der die Fürsorge-, Betreuungs- und Präventions-Maschinerie in Bewegung setzt, mit dem ein weiteres Leben in Obhut – auch bekannt als Gewahrsam – genommen wird. So sieht‘s aus.

Den Boden raus haut dem Ganzen dann dies, dass solche Unterwerfung mit Würde gleichgesetzt wird. In Würde Betroffener sein. In Würde die Hose auf Knöchelhöhe und kniend darum flehen, die Kontrolle über das eigene Leben abgeben zu dürfen und ein paar Brosamen dessen zu erhalten, was beim großen Fressen des Staatsspielhöllenpersonals von jenem Tisch fällt, den die Mitmenschen auf den Schultern tragen. Die Würde des Kindes, sagen Sie? – Meinen Sie jene Würde Ihres Kindes, für die sich faktisch weder Mutter, Vater, Großeltern, Tanten, Onkel, Freunde oder neue Partner verantwortlich fühlen? Meinen Sie jene Würde Ihres Kindes, für die der arbeitende Nachbar zuständig ist? Mit Verlaub: Würdeloser geht kaum!

Damit hier keine Missverständnisse entstehen: Keiner behauptet, es sei leicht, alleinerziehender Elternteil zu sein. Es ist schwer und kann hart sein – ebenso wie der Gang in die Selbständigkeit, das Erlernen eines neuen Berufs in mittleren Jahren, das Wagnis, seine Existenz auf die Karte Kunst zu setzen oder um der Freiheit willen eine Arbeit zu tun, die im Verhältnis mit dem eigenen Ausbildungs- und Fähigkeitsniveau auf Marianengraben-Level liegt. Aber genauso wenig, wie die Menschen, die sich für einen dieser Wege entscheiden, betroffen, bedürftig und Opfer sind, sind es Eltern. Und ob die Kinder zu Betroffenen und Bedürftigen werden, zu konsumzentrierten Konformisten, die alles im Leben von außen erwarten, liegt einzig in ihrer Hand. Verantwortung, Überwindung, Durchbruch, Lebensglück, Freude, Erfüllung, Selbstbehauptung, Treue und Loyalität sind wohl harte Währung, fordern das Beste und alle Kraft, sind aber nicht auf Vorschuss zu haben.

Und da liegt das Problem: Irgendwo auf der Strecke zwischen dem Punkt, an dem unsere Vorfahren das Recht gefordert, errungen und in Anspruch genommen haben, in Freiheit und auf eigenes Risiko das eigene Glück zu suchen und zu machen, und jenem Punkt, an dem Glück zum Menschenrecht umgedeutet worden ist, sind wir als Gesellschaft über die Klippe gegangen und planschen heute als Mehrheit – alias Mitte – im Seichtwasser eigener, aber von anderen zu finanzierender Befindlichkeiten. Dass das Wasser lauwarm ist und gerade tief genug, um darin bequem sitzen zu können, verdanken wir längst nur noch der Tatsache, dass per Schlauch nachgefüllt wird (Staatsverschuldung inklusive Enteignung der beklagten Kindergeneration) und dass sich draußen im Blau dank den Schlauchbetreibern in finanz-, sozial- und geopolitischer Sicht ein Tsunami zusammenbraut, der sich um missbrauchte Würdebegrifflichkeiten und imaginiertes Opfertum nicht scheren wird. Wenn‘s losgeht, ist Stranden keine Option mehr. Und jene, für die‘s richtig hart wird, die einzig wahren Betroffenen, werden jene sein, in deren Namen heute Strandlatschen und Spielzeug gefordert werden: die Kinder. Sie werden die Opfer sein – Opfer des Betrugs, den ihre Eltern an ihnen begangen haben, indem sie ihnen weismachten, Leben sei etwas, auf dem man sitze, und nicht etwas, nach dem man sich mit aller Kraft und täglich zu strecken habe.

Die Frage ist längst nicht mehr, ob die Riesenwelle kommt, sondern einzig, wann. Eine Gesellschaft als ganze geradebiegen zu wollen, als wär‘s ein Stück Draht, ist illusionär. Aber jeder und jede ist dazu in der Lage, schwimmen zu lernen und die Fähigkeit an seine Kinder weiterzugeben. Können Sie sich an das Gefühl erinnern, als man als Kind die Schwimmhilfen von den Armen genommen hat? Wie dünn sich die Arme angefühlt haben und wie kalt das Wasser auf der Haut, wo vorher der luftgefüllte Gummi saß? Die Angst, die Aufregung, die Freude? Wer sich entscheidet, auf eigene Kosten, in Würde und in Freiheit das anzugehen, was Leben sein kann, wird ähnliches in verschärfter Form erleben. Wer dies jenen, die nach uns kommen, vorlebt, wird am Ende vor erwachsenen Menschen stehen, die in der Lage sind, zu sagen: Es interessiert mich nicht, was andere haben, dürfen, können. Was mich interessiert, ist, was ich erringen kann, was ich mir auf meine Kosten erlaube und was ich, wenn ich will, zu geben in der Lage bin. Heute schwimmen zu können, bedeutet, morgen Grund zu finden. Halt, der weit über den Hurenlohn der „richtigen Haltung“ hinausreicht.

Es sind solche Menschen, die nach dem Tsunami tausend Chancen sehen werden, anfangen, zupacken, zurückholen, aufbauen. Sie und nicht jene, die heute von Teilhabe schwafeln und Schmarotzertum meinen, Würde ins Spiel werfen, als wär‘s eine Kompetenz, und aus den Neidkloaken heraus nach Gerechtigkeit brüllen. Sie werden dann keine Stimme mehr haben. Und keinen mehr, der sie beweint.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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