11. April 2017

Anregung zur freiheitlichen Diskussion Warum Konservative und Rechte libertär sein müssen

Ein offener Brief

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Nicht totalitär: Freiheit

Deutschland steht vor der Entscheidung zwischen Selbstabschaffung und Selbsterhaltung. Das sieht jeder, der in der Lage ist, sich unabhängig von den Tabus des Zeitgeistes ein Bild der Welt zu machen. Die Gruppe all jener, die sich dessen bewusst werden, wächst. Sie tut dies von Monat zu Monat, von Woche zu Woche, von Tag zu Tag. Sie ist heterogen und vereint Identitäre und klassische Konservative, Libertäre und Reaktionäre, einheimische Deutsche und auch solche mit Zuwanderungsgeschichte.

An all jene sind diese Zeilen gerichtet. Anlass für das Niederschreiben dieser Gedanken lieferte der Text „Selbstverständlichkeiten als Minimalprogramm“ von Götz Kubitschek, in dem er zwar die bedrohliche Lage, in der wir uns befinden, bildreich und richtig beschrieben, jedoch als Lösung unter anderem die Verstaatlichung von nahezu sämtlichen Schlüsselindustrien (einschließlich des Bankwesens) gefordert hatte. Letzteres ist ein sehr guter Indikator dafür, dass man das heutige Geldsystem schlicht nicht verstanden hat, was dann wiederum offenlegt, dass man sich zwar im Widerstand zur Regierung zu formieren versucht, dort aber kein Interesse an vermeintlich nicht-rechten Ideen zeigt und lieber im eigenen, oft preußisch-sozialistischen Saft schmort. Ich glaube aber auch, dass dieser Weg, der so ganz anders ist als der der amerikanischen Rechten, in erster Linie aus Schnellroda vorgegeben wird und viele Rechte durchaus Interesse an diesen Fragen haben, weswegen ich diesen Text als offenen Brief an all jene veröffentliche.

Nun, warum sollten alle oben genannten Gruppen staatskritisch, ja vielleicht gar zu Feinden des Staates, werden? Ich würde gerne Argumente dafür präsentieren, dass sich konservative oder rechte Ziele nur erreichen lassen, wenn man gleichzeitig libertär ist – das heißt, wenn man keine der Funktionen, die traditionell im lokalen Rahmen, insbesondere von Familien, erledigt wurden, an den Staat auszulagern bereit ist.

Bei Definition und Verwendung des Begriffes „konservativ“ gilt es zu beachten, dass sozusagen das „alte Konservative“ gemeint ist, nicht der vom grünen Zeitgeist vergiftete „Cuckservatism“, wie man ihn beispielsweise in der CDU antrifft.

Als konservativ galt allgemein das Bedürfnis, natürlich gewachsene Strukturen bewahren zu wollen. In erster Linie waren dies die Einheiten Familie, Gemeinde, Volk. In seinem Kaplaken-Bändchen „Das konservative Minimum“ spricht Karlheinz Weißmann von „organischen Zusammenhängen“, die linken Plänen und Utopien gegenüberständen und vor deren „mutwilligen Eingriffen“ geschützt werden müssten. Dies bedeutet freilich nicht, dass man sich per se gegen irgendeine Art der Veränderung stemmt. Diese muss lediglich von den zuvor genannten Einheiten gewollt und eigenständig initiiert werden. Veränderung muss aus dem Handeln der Menschen erwachsen, nicht aus fernen Hauptstädten aufgezwungen werden, wie dies heute oft der Fall ist.

Es scheint, als wäre es in dieser Hinsicht sinnvoll, sich die Rechte jener Einheiten vor Augen zu führen, sodass man folglich über eine moralische Richtschnur verfügt, anhand derer man entscheiden kann, wann ein Eingriff beispielsweise in familiäre Angelegenheiten legitim und wann er dies nicht ist.

In seinem Werk „Demokratie – Der Gott, der keiner ist“ zitiert Hans-Hermann Hoppe diesbezüglich den amerikanischen Soziologen Robert Nisbet, der in dieser Frage insbesondere die Bedeutung des Eigentums unterstreicht: „Die zwei zentralen Konzepte der konservativen Philosophie sind Eigentum und (freiwillig anerkannte) Autorität, die wiederum beide Freiheit und Ordnung bedeuten. Eigentum ist in konservativer Philosophie mehr als das externe Anhängsel des Menschen. Es ist, mehr als alles andere in der Zivilisation, wahrhaftig die Bedingung der Menschlichkeit des Menschen, seiner Überlegenheit über die gesamte natürliche Welt. Vieles in der konservativen Verehrung für die Familie liegt in der historischen Affinität zwischen der Familie und dem Eigentum. In der Regel wird jede Familie so viele Vorteile für ihre Kinder und andere Mitglieder erreichen wollen wie möglich. Es gibt kein Thema, hinsichtlich dessen der Konservative den Sozialisten entschiedener bekämpft hat, als das der Bedrohung, das Eigentum per Gesetz vom Zugriff der Familie zu lösen, sei es durch Besteuerung oder irgendeine andere Form der Umverteilung.“

Er fährt fort, indem er sagt, es gebe „kein grundlegenderes Prinzip der konservativen Philosophie als das der inhärenten und absoluten Unvereinbarkeit zwischen Freiheit und Gleichheit. Solche Unvereinbarkeit entspringt den gegensätzlichen Zielen dieser beiden Werte. Der bleibende Zweck der Freiheit ist ihr Schutz des individuellen und familiären Eigentums – ein Wort, das in seinem weitesten Sinn verwendet wird, um sowohl das Immaterielle als auch Materielle des Lebens einzuschließen. Das inhärente Ziel der Gleichheit ist andererseits die Umverteilung oder Angleichung von ungleich verteilten materiellen und immateriellen Werten einer Gemeinschaft. Darüber hinaus würden, da die individuellen Kräfte des Geistes und des Körpers von Geburt an verschieden sind, alle Anstrengungen, diese Vielfalt durch Gesetz und Regierung zu kompensieren, nur die Freiheiten der Beteiligten lähmen, besonders die Freiheiten der Stärksten und Brillantesten.“

„Freiheit“ ist hier definiert als negative Freiheit, das heißtals der „Zustand, in dem ein Mensch nicht dem willkürlichen Zwang durch den Willen eines anderen oder anderer unterworfen ist“ (Friedrich August von Hayek). Nun würden Strukturen, die dieser Deutung des Begriffs Rechnung tragen würden, sicherstellen, dass das Eigentum der Familie (besser: der einzelnen Familienmitglieder) nicht legal von Außenstehenden konfisziert werden könnte. Die Familie würde über das Geld, das ihre Familienmitglieder verdienen würden, voll verfügen, sähe den Wert dieses Geldes nicht durch Geldvermehrung verwässert und könnte beispielsweise auch frei entscheiden, in welche Schule sie die Kinder geben würde. Steuern auf Einkommen und Vermögen wären ebenso inexistent wie ungedecktes Papiergeld und das staatliche Schulsystem.

Eine solche Gesellschaft käme dem Ideal der Freiheit sehr nahe. Sehr weit entfernt davon und dem Gegenpol des Totalitarismus bereits näher gelegen ist die politische Situation, in der wir uns heute wiederfinden. Die Beschreibung „totalitär“ mag für manche zu radikal klingen, jedoch muss man sich vor Augen halten, dass die Ziele der Linken – wie Murray Rothbard so schön anmerkte – in jeder nur erdenklichen Hinsicht eine Revolte gegen die Natur darstellen. Auch wenn linke Forderungen mit warmen Worten und unter dem Deckmantel der Menschlichkeit daherkommen, basieren sie alle auf der Annahme, dass jeder Ungleichheit auch eine Ungerechtigkeit vorangegangen ist, die Ungleichheit also folglich ausgemerzt werden muss. Jeder politische Versuch, diese unserem Wesen innewohnenden Unterschiede aufzuheben, muss per Definition totalitär sein und mit der Zeit in dementsprechende Strukturen münden. 100 Millionen Tote unter dem Hammer-und-Sichel-Emblem mahnen uns, dies endlich zu verstehen.

Nehmen wir als Beispiel nur einmal den Bereich der Umerziehung, der alliierten Re-Education nach 1945. Dass der deutsche Volkscharakter in den darauffolgenden Jahrzehnten flächendeckend von Kiel bis nach Passau und von der Oder bis an die Ems umgekrempelt werden konnte, fußte allein auf dem staatlichen Bildungsmonopol. Hätten die damaligen Eltern die Wahlmöglichkeit gehabt, liegt der Verdacht nahe, dass sie sich für eine ausgewogenere und weniger Agenda-getriebene Art des Unterrichts entschieden hätten. Ebenso verhält es sich heutzutage mit am GEZ-Tropf hängenden Journalisten und einer (den Namen freilich nicht verdienenden) Intelligenzija: Sie alle sind längst zu einem Teil des egalitären Regimes geworden und sollen dem Fußvolk einreden, dass es sich EU-Tyrannei, Sozialismus und Multikulturalismus (die allesamt Auswüchse der Gleichheitsdoktrin sind) gewünscht habe.

In diesem Spannungsfeld zwischen Totalitarismus einerseits und der negativen Freiheit andererseits ist letztere also keineswegs zu fürchten, sondern vielmehr als die metaphorische Flinte in der Hand des Volkes zu begreifen. Und wem wird nicht warm ums Herz bei der Vorstellung, wie mit Schrotflinten bewaffnete, wehrhafte Familien Politbetrüger à la Claudia Roth und Katrin Göring-Eckardt vom Hof jagen?

Generell gilt: Es gibt kaum etwas wichtigeres, als jene Leitbegriffe (in diesem Fall den der Freiheit) klar und präzise zu definieren. Dass dies in der Vergangenheit nicht immer geschehen ist, erkennt man auch daran, dass es in patriotischen Kreisen die oft unausgesprochene, aber dennoch vorherrschende Prämisse gibt, dass der heutige Scherbenhaufen von Überfremdung, explodierender Ungleichheit, Finanzkrisen und Altersarmut auf Freiheit zurückzuführen sei. Freiheit, das wäre, wenn wir in einer Gesellschaft leben würden, die das Eigentum achten würde, das wäre, wenn in den Bereichen Bildung und Medien die Konkurrenz an die Stelle der Indoktrination treten würde, das wäre, wenn die Familien und Gemeinden vor Ort entscheiden könnten, wer einwandert und wer nicht. Das, was wir zur Zeit erleben,ist die mit Hilfe des Staates durchgeführte radikale Umgestaltung Deutschlands gemäß dem Weltbild jener, die diesen Staat kontrollieren. Belegt man dieses System dann mit den Worten „liberal“ oder „Freiheit“ (wie es Identitäre tun), kommt man folglich zu der Schlussfolgerung, dass auch die Freiheit totalitär sei, ungeachtet der Tatsache, dass die beiden Begriffe unvereinbar, ja gar ihr jeweiliges Gegenteil, sind.

Ich hatte es eingangs nicht gesagt, aber die Forderung Kubitscheks, das Bankwesen zu verstaatlichen, ist Punkt fünf des „Kommunistischen Manifests“, der da lautet: „Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol.“ Die ebenfalls enthaltene Forderung, Kommunikation und Verkehr unter die Fittiche des Staates zu bringen, ist Punkt sechs. Dass er mit diesen Ideen nicht allein ist, bewiesen Philip Stein und Benedikt Kaiser, als sie in dem Podcast „Von rechts gelesen“ zum Lesen von Marx und Lenin aufriefen.

Ich kann es nur schwer nachvollziehen, was einen zu solchen Forderungen und Aussagen bewegt. Ist es nicht so, dass die Kommunisten das westliche, kapitalistische System niederringen wollten? Haben Sie im „Kommunistischen Manifest“ nicht beschrieben, wie man dies erreiche könne? Hat die Tatsache, dass zentrale Punkte aus dem Manifest bereits umgesetzt sind (Beispiel: eine den Zins manipulierende und das Geld zerstörende Zentralbank), vielleicht etwas damit zu tun, dass unser Wirtschaftssystem etwas angeschlagen wirkt? Bei der Entscheidung, sich nicht mit Ökonomie auseinanderzusetzen und nicht auch nur ein Buch zum Geldsystem zu lesen (denn mehr bräuchte es nicht), leistet man sich im rechten Lager einen enormen Luxus. Im Anschluss an diesen Text werde ich mehrere Bücher nennen, die den rechten Lesern dieser Zeilen (von denen es hoffentlich viele geben wird) die Möglichkeit geben werden, aus diesem Nebel der Unkenntnis herauszutreten.

Und letztlich geht es doch bei alledem lediglich um die Frage, wie wir sicherstellen, dass wir auch in Zukunft in Frieden, Wohlstand und an einem Ort, den wir als Heimat begreifen, werden leben können. Bei der Suche nach Antworten sollten wir uns dem Finden guter Argumente verschreiben und solche in unserer Diskussion nie nur deswegen verwerfen, weil sie aus dem falschen Lager stammen oder weil wir Angst haben, an welchen Ort sie uns führen könnten.

Und es gibt viel zu diskutieren! Rechte werfen Libertären vor, dass sie zu sehr in einem Elfenbeinturm säßen und oft blind seien für natürliche Kollektive wie das Volk. Was richtig ist. Und Libertäre werfen Rechten vor, dass sie Ökonomie nicht verstünden und lieber das zehnte Ernst-Jünger-Buch läsen als eins über das Geldsystem oder die Österreichische Schule. Und auch das scheint nicht ganz falsch zu sein.

Lasst uns also miteinander reden. Dass wir am Ende gar feststellen könnten, dass wir gar nicht soweit voneinander entfernt sind, beweist der folgende Text von Hans-Hermann Hoppe aus dem Jahr 2005. Er wurde im Anschluss an die damaligen Unruhen in Frankreich verfasst und besitzt angesichts der erneuten Ausschreitungen vor einigen Wochen eine beunruhigende Aktualität. Hoppe schrieb damals: „Es ist nicht schwer vorauszusagen, welche Konsequenzen eine Offene-Grenzen-Politik auf unserer Welt anrichten würde. Sollten die Schweiz, Deutschland, Österreich oder Italien zum Beispiel jeden einlassen, der bei ihnen an die Tür klopft, dann würden sie in Kürze überrannt von Millionen Einwanderern aus der Dritten Welt.“ Und: „Wenn die Wohlfahrtsstaaten in sich zusammengefallen sind, dann wird es eine Vielzahl von kleinen oder auch größeren Kalkuttas, Dakars, Lagos‘ und Tiranas in der Schweiz, Österreich und Italien – verteilt über das ganze Land – geben. Basierend auf unseren Erfahrungen mit solchen Formen der Multikulturalität in der Vergangenheit kann mit ziemlicher Sicherheit ein Bürgerkrieg vorausgesagt werden. Die Zivilisation – wie wir sie kennen – wird verschwinden. Die früheren Gastgeber-Nationen werden schnell ausgebrannt sein. Letztlich werden sie durch die Gäste vollständig ersetzt. Es wird noch die Alpen in der Schweiz und in Österreich geben, aber keine Schweizer mehr. Und Österreicher auch nicht.“

Andreas Marquart und Philipp Bagus, „Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden“

Henry Hazlitt, „Die 24 wichtigsten Regeln der Wirtschaft“

Hans-Hermann Hoppe, „Demokratie – Der Gott, der keiner ist“

Murray Rothbard – „Der Verrat an der amerikanischen Rechten“


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Konservatismus

Mehr von Lukas Abelmann

Über Lukas Abelmann

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige