23. März 2017

Unterschiedliche Berichte über den USA-Besuch der Bundeskanzlerin Wie war das zwischen Merkel und Trump genau?

Nicht wirklich freundschaftlich

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Bildquelle: shutterstock Nicht so richtig Freunde: Donald Trump und Angela Merkel

Der erste Besuch Merkels bei Trump ist gewesen. Unter diesmal besonderer Beobachtung standen auch die Äußerlichkeiten, also die Formen des ersten Umgangs miteinander. Doch gibt es Berichte darüber mit sehr unterschiedlichen Wahrnehmungen. Die Nachrichtenagentur dpa bezeichnete das Treffen als eher kühl. Das „National-Journal“ schrieb: „Noch nie wurde ein Staatsgast im Weißen Haus so gedemütigt wie Merkel.“ Der Deutschlandfunk berichtete: „Die ersten Bilder und Eindrücke von der Begegnung vermitteln ein betont freundliches Aufeinandertreffen.“ Die „Deutschen Wirtschafts-Nachrichten“ („DWN“) titelten: „Ein Treffen wie eine Befehlsausgabe“. Sienannten den Empfang Merkels durch Trump „frostig“ und schrieben: „Wie gute Freunde sahen die beiden beim ersten Auftritt vor der Presse noch nicht aus.“ Die „FAZ“ vermerkte über Trumps Verhalten gegenüber Merkel: „Den Runden Tisch eröffnet er formvollendet: Es sei eine große Ehre, dass Merkel ins Weiße Haus gekommen sei.“ Alles Nebensächlichkeiten?

Ins Weiße Haus über den Hintereingang

Die extremste Wertung leistete sich das rechtsextreme „National-Journal“: „Merkel wurde gedemütigt, wie noch kein Staatsgast im Weißen Haus gedemütigt wurde. Sie wurde über den Hintereingang ins Weiße Haus geführt, und während der offiziellen Pressefotos brachte Trump mit seinem Mienenspiel seine ganze Verachtung gegenüber dieser Frau zum Ausdruck. Dann kam der Höhepunkt, Merkel lehnte sich hinüber zu ihm und bat mit den Worten ‚do you want to have a handshake‘ um das obligatorische Händeschütteln, was ja von ihm als Gastgeber hätte ausgehen müssen. Doch Trump schaute in die andere Richtung und verweigerte ihr seine Hand.“ Der Beitrag wurde wörtlich und unkommentiert übernommen vom Online-Journal „Österreich-Rundschau“. Unberichtet blieb, dass es einen Handschlag gegeben hatte: zuvor beim Betreten des Weißen Hauses.

„Behandelt wie eine geisteskranke Migrationsverbrecherin“

Dann eine verbale Entgleisung dieses Journals, die sich selber richtet: „US-Präsident Donald Trump behandelte Merkel bei ihrem Besuch im Weißen Haus am 17. März 2017 so, wie eine ‚geisteskranke‘ Migrationsverbrecherin behandelt werden muss, die ihr Land mit Parasiten-Invasionen ‚ruiniert hat‘. Trump ist sich also treu geblieben. Trump hat auch nicht vergessen, dass Merkel im Wahlkampf sechs Millionen Dollar als Wahlkampfhilfe an Hillary Clinton geschickt hatte.“ Es zitiert auch „frontal 21“ vom ZDF: „Schon im Vorfeld ihres persönlichen Kennenlernens hat sich Trump wiederholt abschätzig über Merkels Flüchtlingspolitik geäußert, sie sogar als ‚verrückt‘ erklärt. Und die Kanzlerin hat bereits vorab für die Zusammenarbeit ihre Bedingungen gestellt.“ Dazu war ein Zitat von Trump während des Wahlkampfs um die Präsidentschaft gestellt: „Die Deutschen werden diese Frau stürzen, ich habe keine Ahnung, was die sich denkt! Ich war mal ein Merkel-Fan, ich dachte, sie sei eine großartige Anführerin, aber was sie Deutschland angetan hat, ist eine Schande! Ich dachte, sie sei großartig, aber was sie gemacht hat, ist geisteskrank.“

Die verstörende Außerordentlichkeit banaler Randbeobachtungen

Der Deutschlandfunk berichtete: „Trump hat bei der Begrüßung vor dem West Wing des Weißen Hauses nicht an der Kanzlerin gezerrt wie jüngst an der Hand von Shinzō Abe beim Antrittsbesuch des japanischen Premierministers, Trump wurde (jedenfalls bislang) nicht auf so komische Weise Hand in Hand mit Merkel durchs Weiße Haus laufend gefilmt, wie mit der britischen Premierministerin Theresa May. Es gehört zu der verstörenden Außerordentlichkeit dieses Amtswechsels in den USA, dass selbst so banale Randbeobachtungen weltweit Aufmerksamkeit erregten. Auch das ist ein Symptom der Verunsicherung, die Trump ausgelöst hat. Angela Merkel wurde schon vor mehr als einem Jahr zur Zielscheibe höchstpersönlicher Rüpeleien, die zur ständigen Wahlkampfrhetorik Trumps gehören. Merkel wird das heute nicht vergessen haben.“ Dort ist auch ein Foto von der Begrüßung der beiden am Eingang des Weißen Hauses mit Handschlag zu sehen.

Miteinander so richtig warm sind die beiden nicht geworden

In den „Deutschen Wirtschafts-Nachrichten“ („DWN“) war zu lesen: „Er holte sie bei strahlendem Sonnenschein vor der Tür ab, nach einem kurzen Händedruck zogen sich die beiden Regierungschefs zu einem Gespräch zurück.“ – „Der Eindruck der Distanz bestätigte sich auch bei der anschließenden Pressekonferenz.“ – „CNBC-Reporter Steve Kopack liefert über Twitter einen etwas aussagekräftigeren Stimmungsbericht, der zeigt: So richtig warm sind die beiden Politiker beim ersten Aufeinandertreffen nicht geworden.“ Und mit Verweis auf die Deutsche Presse-Agentur (dpa): „Ein sonst oft übliches, nochmaliges Händeschütteln gab es nicht – trotz lautstarker Aufforderungen der Fotografen, und auch die Kanzlerin fragte den Präsidenten leise danach. Trump reagierte nicht. ‚Sendet ein schönes Bild heim nach Deutschland!‘, sagte Trump. Der US-Präsident wirkte vergleichsweise angespannt und ernst. Er saß der Kanzlerin nicht zugewandt. Merkel, die am irischen Nationalfeiertag einen grünen Blazer trug, hinterließ dagegen einen recht fröhlichen Eindruck. Auf die Frage, wie die bisherigen Gespräche gewesen seien, sagten beide: ‚sehr gut‘. Merkel sagte, der Empfang sei sehr freundlich gewesen, das Treffen sei eine ‚sehr gute Gelegenheit‘.“

Wie eine Befehlsausgabe – Trump hielt sich mit Höflichkeiten nicht lange auf

Wie eine Befehlsausgabe sei das Treffen von Merkel bei Trump gewesen, heißt es in einem weiteren „DWN“-Bericht: „US-Präsident Trump und die neue US-Regierung haben klare militärische Pläne, die Merkel unter Druck setzen – weil Deutschland für diese Pläne wird bezahlen müssen. Merkel hat wenig Spielraum, sich zu wehren. US-Präsident Donald Trump hielt sich bei seinem ersten Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Washington nicht lange mit Höflichkeiten auf: Er machte gleich zu Beginn der Pressekonferenz klar, dass die USA von den NATO-Partnern erwarten, dass diese ihre Militärausgaben drastisch steigern, auf die zwei Prozent, die beim NATO-Gipfel in Wales vereinbart worden waren. Trump sprach kühl, knapp, in fast militärischem Ton. Die Befehlsausgabe sollte keine Zweifel aufkommen lassen, wer das Tempo bestimmt. Merkel fand sich naturgemäß in einer defensiven Rolle wieder.“ Es lohnt sich, auch den restlichen Teil des „DWN“-Berichts zu lesen.

Kein abermaliges Händeschütteln, die Szene wirkt ein wenig steif

Abschließend sei wiedergegeben, wie die „FAZ“ über den ersten Umgang der beiden miteinander berichtet hat: „Der Anfang ist gemacht. Ohne peinlichen Moment. Donald Trump und Angela Merkel sitzen im Oval Office. Der Präsident schaut zunächst recht ernst, die Kanzlerin lächelt ein wenig bemüht. Man entscheidet sich, auf ein abermaliges Händeschütteln – nach dem bei der Begrüßung vor dem Weißen Haus – zu verzichten. ‚Schickt ein gutes Bild nach Deutschland‘, sagt er an die Fotografen gerichtet. Worüber man geredet habe? ‚Über viele Sachen‘, antwortet der Gastgeber wortkarg. Immerhin spricht Merkel von einem sehr freundlichen Empfang. Natürlich war der deutschen Seite zu Ohren gekommen, dass Begegnungen mit Donald Trump ungewöhnliche Herausforderungen mit sich bringen können: Da ist etwa der sehr spezielle Händedruck des Präsidenten. Würde er auch Merkels Hand so seltsam tätscheln, wie er es mit Theresa May getan hatte? Wie ließe sich ein peinlicher Moment umgehen? Auch Trump hatte das mediale Echo auf sein Handshake-Problem vernommen. Nun verzichtet er auf demonstrative Gesten. So wirkt die Szene ein wenig steif.“ („FAZ“ vom 18. März, Seite 2.)

Fazit: Nicht wirklich freundschaftlich

Nebensächlichkeiten? Oder – wie der Deutschlandfunk formulierte – banale Randbeobachtungen? Ja, aber wichtige. Der Ton macht die Musik. Auch die Umgangsformen machen sie. Die willkürlich ausgewählten Beispiele zeigen, wie unterschiedlich ein und derselbe Vorgang wahrgenommen, zumindest unterschiedlich weitererzählt wird. Doch aus allem wird deutlich: Wirklich freundschaftlich lässt sich die erste Begegnung schwerlich nennen. Wäre dem so gewesen, wäre es schön, unbedingt notwendig war es nicht. Denn nach wie vor gilt das Palmerston-Wort: „Staaten haben keine Freunde, Staaten haben Interessen.“ Oder wie Charles de Gaulle es formuliert hat: „Zwischen Staaten gibt es keine Freundschaft, sondern nur Allianzen.“

Zwei sehr unterschiedliche Charaktere

Charaktere wie die von Merkel und Trump können unterschiedlicher kaum sein. Da fällt Freundschaft ohnehin schwer: Trump, der per Twitter mit dem herausplatzt, was ihm gerade durch den Kopf geht, und Merkel, die alles an sich abprallen lässt, zumindest so tut, und abwartet, abwartet und sich dann der jeweiligen politischen Gemengelage anpasst. Merkel über sich selbst: „Ich gehöre zu dem Typ Mensch, der schon im Sport die gesamte Unterrichtsstunde auf dem Dreimeterbrett gestanden hat und erst in der 45. Minute gesprungen ist.“ Sollte sie das nicht gesagt haben, so wäre es doch gut erfunden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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