16. März 2017

Talkrunde über „Populismus, Politik und Propaganda“ Meinungsstreit – Fehlanzeige!

Heimspiel für die Kämpfer gegen rechts

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Bildquelle: shutterstock „Rassismus“: Eine eigene Meinung haben

Uwe-Karsten Heye, Urgestein im „Kampf gegen rechts“ und Gründer von „Gesicht zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland e.V.“, eröffnete die Auftaktveranstaltung zur „Internationalen Aktionswoche gegen Rassismus“, eine Talkrunde unter dem Titel „Populismus, Politik und Propaganda“ in der „Bar jeder Vernunft“ in Berlin.

RBB-Moderator Marco Seiffert führte freundlich durch den zweieinhalb Stunden dauernden Abend im prallgefüllten Spiegelzelt. Er begann mit dem Versprechen, man wolle nicht nur Gleichklang, sondern auch Meinungsstreit. Angesichts der Liste der Talkgäste war es leicht, den Bruch dieses Versprechens vorherzusehen.

Vor einem Publikum aufzutreten, das immer, wenn das Wort „Rassismus“ fällt, in jubelnde Verzückung ausbricht, ist natürlich für die fleißigen Kämpfer gegen rechts ein Heimspiel. Zaghafte Buh-Rufe gab es nur einmal beim Auftritt von Mely Kiyak.

Auffällig war auch, dass im Publikum kein einziger der heißgeliebten Schutzbefohlenen zu erspähen war. Parallelgesellschaft von Weißen mit politisch korrekter Gesinnung? Oder hatte das Motto „Gesicht zeigen“ die Musliminnen abgeschreckt, die sich durch diese barsche Aufforderung religiös diskriminiert fühlten?

Seiffert zitierte wagemutig die Sentenz des zur Zeit im türkischen Gefängnis einsitzenden deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel „Der baldige Abgang Deutschlands ist Völkersterben von seiner schönsten Seite“ und erntete dafür herzlichen Applaus des heiter-suizidal gestimmten Publikums.

Allerdings vermisste der kritische Zuschauer den Hinweis auf Mely Kiyaks berüchtigte menschenverachtende Schmähungen des körperlich Behinderten Thilo Sarrazin als „lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur“ und den Wunsch des gegenwärtigen Helden der Pressefreiheit, Deniz Yücel, „der nächste Schlaganfall möge sein Werk gründlicher verrichten“. Beide erhielten bekanntlich deshalb eine Missbilligung des Presserates, und Yücel bekam noch eine Entschädigungszahlung von 20.000 Euro aufgebrummt. Seiffert hätte aber wohl durch Nennung dieser für das Thema des Abends durchaus relevanten Wahrheiten so manchem Besucher den Abend verdorben, zumal die Ähnlichkeit der archaischen Gefühlswelt dieser beiden Protagonisten mit denen „ihres“ Präsidenten Erdoğan augenfällig geworden wäre.

Im zweiten Teil begann die hübsch anzusehende Vielrednerin Kiyak, das Wort „Rassismus“ wie aus dem Maschinengewehr in die Menge zu feuern, was den Moderator und so manchen Zuschauer zunehmend nervte, weil unklar blieb, was sie eigentlich sagen wollte.

Stefan Niggemeier überraschte mit der unplanmäßigen Antwort, er sei noch nie von politischen Gegnern bedroht worden. Anders der Rechtspopulismus- und AfD-Experte Olaf Sundermeyer, dessen interessanteste Aussage allerdings die war, dass er mit Frauke Petry auf dasselbe Gymnasium gegangen sei.

Die selbstkritischen und nachdenklichen Beiträge vom Chefredakteur des „Tagesspiegels“, Lorenz Maroldt, entschädigten ein wenig für den ansonsten reichlich Propaganda-dominierten Talk: Viele Bürger hätten das Vertrauen in die Medien verloren, und das sei teilweise berechtigt. Das „Prinzip journalistische Abwehr“ erhalte häufig Vorrang vor der „journalistischen Neugier“. Am Beispiel des Umgangs mit den Ereignissen in der Silvesternacht von Köln sagte er: „Wir lassen uns durch den Druck von außen zu Berichterstattungen hinreißen, die nicht tiefgründig genug recherchiert sind.“ Was er nicht sagte, weiß der aufmerksame „Tagesspiegel“-Leser: Die bedeutendste Zeitung der Hauptstadt ist gerade mit einem Vorstoß gerichtlich gescheitert, Auskunft über die Geheimbesprechungen der Kanzlerin mit handverlesenen Medienvertretern zu erhalten. Hätte gut zum Thema Pressefreiheit gepasst, war aber wohl ein wenig zu „heiß“. Die Kurve in die politisch korrekte Zielgerade kriegte Maroldt schließlich doch noch, indem er die Wichtigkeit der Aufklärungsarbeit im Bereich Rassismus betonte.

Die Gäste verlassen das Spiegelzelt. Einer sagt im Gehen: „Rassismus ist also, wenn man eine andere Meinung hat.“ Ein anderer, der noch auf seine Begleitung wartet, lächelt und nickt zustimmend …

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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