14. März 2017

Gespräch am Internationalen Frauentag Weiblich, 43, Single, kinderlos, selber schuld

Erfolg wird zur Todsünde

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Bildquelle: shutterstock Wieder im Kommen: Internationaler Frauentag

Sie ist der einzige Mensch, den ich kenne, der so lachen kann. Als sei es eine Angelegenheit, die den ganzen Menschen fordert. Kraft und Ernsthaftigkeit. Und als wäre es ein Versehen und sie selber davon überrascht, hielt sie auch diesmal abrupt inne. Trotzdem klang es nach. „Würde ja nicht gerade für mich sprechen, wenn ich behauptete, die Männer, mit denen ich ausgegangen bin, seien allesamt Arschlöcher gewesen, oder?“

Es war ihr Geburtstag. Und Weltfrauentag. Wir hatten die „Statistisch-gesehen-haben-wir-die-Hälfte-hinter-uns“-Sache bereits abgehakt und waren mit Volldampf in die „Ein-Mann-ein-Haus-ein-Sohn-ein-Baum“-Thematik hineingebrettert. Sie schien keine Antwort von mir zu erwarten.

„Und was den Kinderwunsch anbelangt“, fuhr sie fort, „natürlich hätte ich gerne Kinder gehabt. Einen Mann. Sogar heute noch. Manchmal. Aber ich hätte auch gerne Hunde. Und Katzen. Und Geld. Eine Menge Geld. Für sonntags den Lamborghini Aventador S, für werktags den Jaguar XKR. Stattdessen bin ich mit 43 Single, Agenturinhaberin, kinderlos und überarbeitet. Aber das ist nicht der Punkt.“ – „Und was bitte ist der Punkt?“ – „Der Punkt, mein Lieber, ist: Ich bin selber schuld an all dem.“

Ich beschränkte mich darauf, eine Lautfolge von mir zu geben, die sowohl Zweifel als auch Zustimmung, höfliches Nachfragen oder etwas im Stil von „So ist das Leben“ sein konnte. Wir kennen uns seit 20 Jahren. Trotzdem: Das war verdammt dünnes Eis in Zeiten, in denen Regierungsvertreterinnen pinke Pussy-Mützen strickten und in Vagina-Kostümen ihre geschlechtsbedingte Benachteiligung abfeierten. Sie ist eine Frau, ich bin ein Mann. Für Gendersensible etwa gleichbedeutend mit: Frauen sind das Leben, Männer sind das Ende des Lebens. Auch als Tod bekannt. Kurz: Ich war alarmiert.

Hinzu kam, dass ich an diesem Weltfrauentag bereits eine nicht unbeträchtliche Menge an Kommentaren und Artikeln zum Thema gelesen hatte und der Meinung war, es sei durchaus angebracht, auf der Hut zu sein. Von den „kleinen Herausforderungen im Alltag“, mit denen die Frauen diskriminierungsbedingt zu kämpfen hätten, bis hin zu „Warum ich es bereue, Mutter geworden zu sein“ war alles dabei. Oder anders gesagt: Wir, die eine Hälfte der Menschheit, hatten es geschafft, die andere Hälfte seelisch, moralisch, finanziell, politisch und gesellschaftlich derart gründlich zu brandroden, dass auch heute auf dem ruß- und aschegeschwärzten Urboden des Weiblichen nicht viel mehr als ein paar kümmerliche Pflänzchen sich zu sprießen getrauen, wo Blühendes wogen sollte. Und wir taten es offenbar immer noch. Immer wieder und andauernd.

Ja – ich war ernsthaft alarmiert. Man kann in diesen Zeiten nicht wissen, wann die Wonnen des Benachteiligtseins (Michael Klonovsky) einen weiteren Charakter niederstrecken. Aber es kam anders.

„Ich bin ziemlich dankbar, das von mir behaupten zu können“, sagte sie in die Stille hinein. „Denn weißt du, was das heißt? – Es heißt, dass ich immer eine Wahl hatte. Ich und keiner sonst hat entschieden. Jedesmal, wenn ich eine Beziehung eingegangen bin oder einen Kerl zum Teufel gejagt habe, jedesmal, wenn ich den Job gewechselt oder eine Weiterbildung gemacht habe, jedesmal, wenn ich Geld zum Fenster rausgeworfen, den Falschen geholfen, die Richtigen überhört, das Wichtige ignoriert, das Wertvolle übersehen und das Nichtige überbewertet habe: Ich war es. Keiner sonst. Dort, wo ich stehe, bin ich auf meinen eigenen zwei Beinen hinmarschiert. Ich weiß nicht, ob die Generationen vor und nach uns dasselbe von sich behaupten können. Heute schon oder irgendwann in der Zukunft. Wir können es. Immer noch. Wir haben es verdammt gut getroffen.“

„Habe ich dir schon gesagt, dass ich dich liebe? Wirklich! Immer noch! Unglaublich! Wie von Sinnen!“ Wir lachten beide. „Das ist es also, ja? Zwei erwachsene Menschen, die in Verzückung darüber geraten, dass einer sich hinstellt und sagt, für Entscheidungen, die er gefällt habe, sei er selber verantwortlich.“

„Falsch – das ist nicht das Verrückteste“, sagte sie. „Das Verrückteste ist, dass, wer solches zu behaupten wagt, irgendein ‚‑feind‘ ist. Und dass dies zu sagen, zu denunzieren, mit dem Finger darauf zu zeigen und einen großen Lärm zu machen, Fortschritt sein soll. Gerechtigkeit.“ – „Was bleibt?“ fragte ich. „Die Zukunft. Wo alles irgendwann aufhört. Das Geld zuerst.“ –„Und bis dahin?“ – „Bis dahin gilt: Unser Glück – euer Problem.“ – „Meine Würde – dein Job.“ – „Mein Wunschkind – deine Verantwortung.“ – „Meine Position – deine Quote.“ – „Meine Verwirklichung – deine Kosten.“ – „Meine Teilhabe – dein Erfolg.“ –„Meine Gleichberechtigung – dein Stillstand.“ – „Mein Profit – dein Risiko.“ – „Mein Spaß – deine Rechnung.“ – „Meine Integration – dein Scheitern.“ – „Meine Gesundheit – dein Verzicht.“ – „Dein Erfolg – deine Strafe.“

„Volltreffer!“ kam es durch den Hörer. „Erfolg, Urtrieb allen Sich-Entwickelns, wird zur Todsünde erklärt. A propos entwickeln: Ich dachte, du wolltest mir zum Geburtstag gratulieren. Aber anstatt mich zu erfreuen, versetzt du mich in diese Lubjanka-Stimmung. Du Mann.“

„Lass uns eine rauchen.“

„Darf man das noch?“

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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