12. März 2017

Teuerung und Inflation Draghi wie ein Winkeladvokat

Das Enteignen über die Geldpolitik geht weiter

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Bildquelle: miqu77 / Shutterstock.com Winkeladvokat der EZB: Mario Draghi

Für zu viele nur ein trockener Nachrichtenstoff: Die Inflation im Euro-Raum, so war zu lesen, sei gestiegen, und zwar auf 2,0 Prozent, und in Deutschland auf 2,2 Prozent. Gemeint ist die Inflationsrate, was besagt: Der Index für die Verbraucherpreise hat sich in den EU-Mitgliedsstaaten, die den Euro als gemeinsame Währung haben, um diesen Satz im Durchschnitt erhöht, nämlich in der Zeit von Februar 2016 bis Februar 2017. Das macht die Nachricht natürlich nicht weniger trocken; heutzutage müssen bekanntlich Aufreger her, damit sich informationsüberfütterte Menschen für etwas interessieren. Aber was langweilig klingt, muss nicht langweilig sein. Wahrnehmung und Aufmerksamkeit verdient die Nachricht sehr wohl.

Preisanstieg, der keine Inflation ist

Meist nämlich wird übersehen, dass Preissteigerungen durchweg zwei Ursachen haben: eine marktbedingte und eine geldpolitisch bedingte. Marktbedingt steigen Preise, wenn die Nachfrage nach Waren gestiegen ist, aber das Angebot an Waren (zunächst) unverändert geblieben oder gar zurückgegangen ist. Dann aber ist das keine Inflation, sondern nur eine marktbedingte Teuerung. Nicht schön, aber behebbar: Das Angebot wird sich der gestiegenen Nachfrage mehr oder weniger schnell anpassen, und die Preise werden – wenn freier Wettbewerb herrscht – wieder ins Lot kommen.

Preisanstieg, der Inflation ist

Doch steigen Preise auch als Folge der Geldpolitik einer Zentralbank. Das geschieht dann, wenn die in einer Volkswirtschaft verfügbare Geldmenge stärker wächst als das verfügbare Güterangebot. Da nun im heutigen Kredit- und Scheingeldsystem die Geldmenge beliebig und auch schnell vermehrbar geworden ist, das Güterangebot aber nur begrenzt und mit einem zeitlichen Anpassungsbedarf, also weit weniger schnell zunehmen kann, heißt das salopp ausgedrückt: Geld ist da wie Heu, aber Waren und Dienstleistungen nicht. Liegt dieser Fall vor, kann sich das Güterangebot der relativ zu hohen kaufkräftigen Nachfrage nur anpassen durch Preisanstieg. Der Preisanstieg ist gleichsam das Ventil, durch das der Geldüberhang abfließt. Oder ebenfalls salopp formuliert: Wer genug Geld hat, sieht nicht so auf den Preis und nimmt den Preisanstieg in Kauf. Nur dieser durch die aufgeblähte Geldmenge verursachte Preisanstieg ist Inflation (von lateinisch „inflare“ – aufblasen, aufblähen).

Wie es korrekt wäre

Es ist also zwischen marktbedingten und geldpolitisch bedingten Preissteigerungen zu unterscheiden. Beide in dem Wort „Inflation“ unterzubringen, ist also nicht korrekt, wenn auch zur Gewohnheit geworden. Stets korrekt wäre das Wort „Teuerung“, das beide Preisanstiegsursachen umfasst, die markt- und die inflationsbedingte Teuerung. Und der prozentuale Anstieg des Preisniveaus muss dementsprechend „Teuerungsrate“ heißen und sollte nicht auf „Inflationsrate“ verkürzt werden. Diese Verkürzung findet aber meistens statt.

Mit der Geldschwemme müsste die EZB jetzt aufhören

Sogar die Europäische Zentralbank (EZB) tut das. So gibt sie als ihr geldpolitisches Ziel eine Inflationsrate von zwei Prozent oder dicht darunter an. Offenkundig aber meint sie damit die Teuerungsrate gesamt. Da jetzt im Euro-Raum exakt diese zwei Prozent erreicht sind und ein weiterer Anstieg erst recht zuviel ist, wäre darauf zu bestehen, dass die EZB ihre Politik der Überschwemmung mit Geld zurückfährt und beendet, also damit aufhört, von überschuldeten Staaten und Banken Anleihen zu kaufen, dadurch diese mit Geld zu versorgen und mit dieser Geldschöpfung die Geldmenge noch mehr auszuweiten. Aufhören allerdings will sie nicht, weder mit den Aufkäufen noch mit der Null- und Negativzinspolitik.

Draghi mit der Wendigkeit eines Winkeladvokaten

EZB-Präsident Draghi macht geltend, den Preisanstieg habe vor allem das teurer gewordene Erdöl verursacht. In der Tat, entscheidend für den Anstieg des Preisniveaus in den vergangenen zwölf Monaten im Euro-Raum waren die deutlich höheren Preise für Erdöl (plus neun Prozent). Ohne sie beträgt die Teuerungsrate 1,2 Prozent. Aber wenn sich Draghi auf das Erdöl beruft, um mit seinem Kaufprogramm weiterzumachen, dann offenbart sich darin die unseriöse Wendigkeit eines Winkeladvokaten. Darauf aufmerksam gemacht hat Philip Plickert in der „FAZ“ vom 3. März (Seite 17) und das Gebaren vornehm „Asymmetrie“ genannt: „Als die Inflation (im Gefolge des purzelnden Ölpreises) vor zwei Jahren fiel, hat die EZB eilends ein riesiges Anleihekaufprogramm begonnen, um die Zinsen zu drücken.“

Damals mit dem Ölpreis so, heute so

Damals also nutzten Draghi und die EZB den fallenden Ölpreis, um das Aufkaufprogramm zu rechtfertigen, heute bemüht Draghi den gestiegenen Ölpreis als Argument, das Programm unvermindert fortzusetzen, also nicht beenden zu müssen. Damals war der Ölpreis für Draghi und Kollegen in der Inflationsrate mit drin, heute rechnen sie ihn heraus. Mal wird das Wort „Inflationsrate“ als Teuerung insgesamt verwendet, mal als nur geldpolitisch bedingte Teuerung. Wie‘s gerade in den Kram passt. Darin zeigt sich, wie wichtig es ist, zwischen geldpolitisch bedingten und marktbedingten Preissteigerungen zu trennen. Verwirrung bei Begriffen führt zu verwirrter Politik.

Das Enteignen über die Geldpolitik geht weiter

Eigentlich ist die Europäische Zentralbank darauf verpflichtet, den Geldwert des Euro zu sichern. Das würde bedeuten, den geldpolitischen Anstieg des Preisniveaus (die Inflationsrate) möglichst auf der Null-Linie zu halten. Aber sie will den Geldwert dort ja gerade nicht stabil halten, sondern eine Inflationsrate/Teuerungsrate von zwei Prozent geradezu geplant ansteuern. Und vor allem will diese Bank mit Geldschöpfung aus dem Nichts hochverschuldete Staaten, wankende Banken und die verunglückte Euro-Währungsunion retten. Ebenso nicht lassen will sie von der Mini-, Null- und Negativzinspolitik. Dass diese Politik eine Enteignungspolitik gegen die Bürger ist, nehmen Bank und politische Führung ungerührt und kalt hin. Solange die Bürger dagegen nicht in Massen aufbegehren, geht das Enteignen über die Geldpolitik weiter.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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