02. März 2017

Euro und Inflation „Bewegliche Ziele“

Es geht nur um die Rettung der EU

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Bildquelle: shutterstock Wird entwertet: Euro

Dies ist keine Buch- oder Filmrezension. Auch wenn der Titel den einen oder die andere solches vermuten lassen könnte. Indes: Um einen Thriller geht es wohl – um einen der fesselndsten der letzten 15 Jahre. Es ist alles da: durchgehende Spannung, Momente blanken Entsetzens, schlotternde Erleichterung, Nebelkerzen, Helden, Gegenspieler und Schurken. Und alles läuft auf einen unbekannten Kulminationspunkt zu.

Es geht um den Euro. Oder besser: um die Währungspolitik des Euro-Raums. Der Ausdruck im Titel wurde in diesem Zusammenhang von José Manuel González-Páramo, Ex-Direktoriumsmitglied der EZB und heute im Vorstand der Großbank BBVA, die auf Platz 43 der Rangliste der weltweit größten 100 Banken liegt, verwendet. Wo Mario Draghi während der vergangenen zwei Jahre das Inflationsziel von zwei Prozent als alternativlos angepriesen hat, als ultimatives Goal zur und Beweis der Stärkung und Stabilisierung von was auch immer, ist dieses Ziel jetzt, wo man sich dessen Erreichung nähert, „beweglich“ geworden. Grund: Die Inflation sei noch nicht „nachhaltig genug“, ließ der EZB-Chef verlauten. Ihr Anziehen auf 1,8 Prozent im Januar sei auf erhöhte Energiepreise und statistische Basiseffekte zurückzuführen. Wer ums Verrecken Spielverderber sein will, darf sich die Frage stellen, warum genau diese Argumente nicht zum Zug kamen, als der Ölpreis sich drittelte. Stattdessen wurde Deflationspanik geschürt, eine Geldmengenausweitung noch nie dagewesenen Ausmaßes durch Ankauf von Anleihen angeleiert und die Zinsen auf Null gedrückt. Und man behält sich vor, in puncto Laufzeit und Volumen des Stabilisierungs- und Stärkungsprogramms bei Bedarf nachzulegen.

Soweit, so schlecht. Indes: Das Interesse an diesem Thriller bleibt bei einem Großteil der Menschen bestenfalls marginal. Ein Bestseller sieht anders aus. Nicht mehr vorhandene Kapitalerträge zur Überbrückung von Auftrags-Engpässen gerade kleinerer und mittlerer Firmen, Enteignung der Vermögensbesitzer und Sparer, Abwanderung von Kapital, Ausbleiben von Investitionen, Kürzung der F+E-Etats – das betrifft ja nur die „Reichen“. Wahlweise die Unternehmer, diese Ausbeuter. Sollen die zusehen, dass sie damit klarkommen, solange sich auf dem eigenen Lohnzettel die Zahl ganz unten nicht verändert. Und über einen Zeitraum von 15 Jahren fällt es nicht so auf, wenn dieser Lohn sich dahingehend entwickelt, dass man sich davon rund ein Fünftel weniger kaufen kann.

Das Problem an der Sache lässt sich in einem Wort zusammenfassen: „noch“. Noch fällt der Kaufkraftverlust nicht auf. Noch entfalten die oben erwähnten Verschiebungen ihre Wirkung nicht. Ob sie es tun werden und ob der Euro durch Zins- und QE-Politik weiter ausgehöhlt werden soll – wir wissen es nicht. Es spricht indes einiges dafür.

Das ganze Wirtschaftssystem, allen voran die Staaten, ist in den letzten Jahren an ein Niedrig- bis Nullzins-Klima gewöhnt worden. Legt man ein „normales“ Zinsniveau von vier Prozent zugrunde, sparte beispielsweise Deutschland auf diese Weise allein 2016 47 Milliarden Euro (Quelle: Bundesbank), die bei ansteigenden Zinsen nicht länger zur Verfügung stünden. Für den Zeitraum von 2009 bis 2016 kommt die Bundesbank auf die Summe von 240 Milliarden. Auch wenn die Zinsen nicht enorm stiegen, wäre ein fettes Minus in sämtlichen europäischen Staatshaushalten sicher. Von Amerika ganz zu schweigen. Ebenso sicher wäre, dass alle den Gürtel enger zu schnallen hätten. Mit anderen Worten: Es würde möglicherweise zu Rentenkürzungen, Entlassungen, Verschiebung von Investitionen, Pleiten und einem Einbruch an den Aktienmärkten führen. Von der notwendigen Neuverschuldung der Staaten zum Kauf immer breiterer Schichten staatsabhängiger Wähler via Wohlfahrt wollen wir gar nicht erst beginnen. Die Frage bleibt dieselbe: Glaubt irgendjemand, man sei bereit, dies zuzulassen und damit den Befreiungs-Gelüsten einiger Länder aus der Polit-Korsage Euro damit noch Rückenwind zu geben?

Es ist kaum vorstellbar. Die durch und durch ideologische Konstruktion Euro darf nach real 15, gefühlt 50 Jahren Durchhalteparolen nicht scheitern. Dass die herbeigebetete Homogenität der europäischen Volkswirtschaften geringer ist, als sie es in der Zeit nationaler Währungsregime je war, darf nicht zur Debatte stehen. Dass das Euro-System eine reine Umverteilungs- und Entwertungsmaschine zugunsten der Banken und Staaten geworden ist, ebenso wenig. Oder anders gesagt: Ohne die QE- und Niedrigzins-Politik der EZB wäre das Euro-Schuldgeldsystem längst gegen die Wand gefahren. Jetzt aufhören, wenn man Zeit gewinnen und sich nebenbei und via Anleihekäufe immer mehr Privateigentum unter den Nagel reißen kann? Aber lassen wir das – das ist Verschwörungstheorie.

Was bleibt, ist die hohe Wahrscheinlichkeit, dass es so weitergehen wird. Und dass es sich, sollten die Inflationserwartungen steigen, noch beschleunigen wird. Die EZB könnte gar nicht anders, wollte sie verhindern, dass die Anleihepreise einbrechen und die Zinsen in die Höhe schnellen. Die Geldmenge müsste zwingend weiter erhöht werden, was wiederum Verkaufsdruck auslöste, was eine weitere Ausweitung der Geldmenge erforderlich machte, und so weiter und so fort. Außerdem: Die Zinsdifferenz zwischen zweijährigen deutschen und US-Anleihen beläuft sich mittlerweile auf zwei Prozent. Glaubt irgendjemand, die Fed oder The Donald schaue längerfristig dabei zu, wie Kapital aus dem Euro in den Dollar fließt und diesen auswertet? Die Fed mag von Zinserhöhungen reden, vielleicht sogar einen oder zwei Alibi-Rate-Hikes umsetzen. Aber längerfristig den Dollar steigen lassen in Zeiten höchster Staatsverschuldung und Währungskrieg? Die Chancen sind auch hier gering.

Für uns heißt das: Die Geldverschlechterung geht weiter. Es ist die neue „Stabilität“ – schließlich ließen uns SNB-Jordan und EZB-Draghi fast zeitgleich wissen, an der Sache mit der Währungsmanipulation sei nichts, aber auch gar nichts dran – das „wirke nur so“. Wir Normalsterblichen sind allerdings besser beraten, uns darauf gefasst zu machen, dass jedwedes „bewegliche Ziel“ allzu beweglich und die Inflation außer Kontrolle geraten könnte. Dann nämlich, wenn sie aus den Vermögenswerten, die sich ein großer Teil der Mittelschicht als Absicherung längst nicht mehr leisten kann und wo sie schon heute rumtrabt, auf die Konsumentenpreise überspringt und partout nicht auf das Zentralbanker-Stopp-Signal achten will. Aber darum geht’s ja längst nicht mehr – weder um Inflationsziele, noch um Obergrenzen oder irgendwelche Korridore. Es geht um die Rettung des zur Ideologie verkommenen Polit-Monsters EU. Nicht mehr und nicht weniger.

Ein paar Gramm Gold zum Schutz, zur Stützung und zur Stärkung der eigenen kleinen Existenz können in dieser schönen neuen Welt sicher nicht schaden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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