23. Dezember 2016

Dokumentation: „Netz gegen Nazis“ Brief (jetzt offen) an Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“

Von ef-Autor Felix Honekamp

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Bildquelle: 360b / Shutterstock.com Partner von „Netz gegen Nazis“: „Die Zeit“

„Ich gehe nicht mit einer Hure ins Bett, also wache ich auch nicht neben einer Hure auf.“ Es sind Filmzitate wie dieses, die mir immer mal wieder durch den Kopf gehen. Es macht deutlich, wie wesentlich es ist, sich ein bisschen umzuschauen, mit wem man sich umgibt, mit wessen Namen man sich schmückt, in wessen Namen man auftritt. Am Ende sind es persönliche Entscheidungen, sich vor einen Karren spannen zu lassen, entweder weil man Positionen teilt oder weil man sich davon vielleicht Vorteile erhofft.

Die „Zeit“ und das „Netz gegen Nazis“

Vielleicht geht es auch der „Zeit“ so, die sich gerne auf der politisch richtigen Seite sehen würde und darum als Kooperationspartner der Amadeu-Antonio-Stiftung bei deren „Netz gegen Nazis“ auftaucht. Gegen Nazis (seltener findet man dabei die Formulierung „Nationalsozialisten“, vielleicht weil das die ideologische Nähe zur politischen Linken zu deutlich machen würde) zu sein, verspricht Zuspruch und Unterstützung. Ich möchte nicht sagen, dass es gratismutig wäre, gibt es doch in der Tat genügend Bekloppte, die ihre braune Ideologie noch immer mit Gewalt durchsetzen wollen. Trotzdem: Der Applaus ist einem sicher, wenn es „gegen rechts“ geht.

Nur findet sich das „Netz gegen Nazis“ mindestens mal hart am Rand der Verfassungstreue und sicher jenseits der Grenze der legitimen Aufklärungsarbeit gegen rechte Umtriebe. Denunziation ist wohl schon eher sein Geschäft, und wie so oft: Wenn nicht ausreichend Problematiken deutlich gemacht werden, ist der Geschäftszweck gefährdet. Daher sehen diese Aktionen „gegen rechts“ Nazis, Neonazis, Rechte und Neurechte überall, wo das eigene linke Weltbild nicht goutiert wird. Das Gegenteil von „politisch links“ ist allerdings nicht „rechts“, sondern „liberal“, und so ist es kein Wunder, dass das „Netz gegen Nazis“ auch gegen Magazine agitiert, die sich explizit den Kampf gegen jede Art des Kollektivismus auf die Fahnen geschrieben haben und – man stelle sich vor – auch noch marktradikal daherkommen. Das ist zwar nicht „rechts“, aber auch nicht „links“, und letzteres reicht schon als Argument.

eigentümlich frei aus Sicht von „Netz gegen Nazis“

Was das „Netz gegen Nazis“ über das Onlineangebot von eigentümlich frei schreibt, kann man sich als Fan dieses Magazins kaum vorstellen:

„Neue Rechte online

Eigentümlich frei

Blog zur gleichnamigen neurechten Zeitschrift ‚Eigentümlich frei‘ (ef) aus dem Düsseldorfer ‚Lichtschlag Medien‘-Verlag. Verstehen sich als rechtsaußen, aber noch demokratisch. In der Machart angelehnt an die ‚Junge Freiheit‘, in der denn auch ‚ef‘-Chefredakteur André Lichtschlag schreibt, während ‚Junge Freiheit‘-Chef Dieter Stein auch in ‚ef‘ zu Wort kommt: Demokratischen Anschein erwecken, aber darunter Rechtsaußen-Positionen verbreiten – eine klassische Querfront-Strategie. In der Machart aber ‚intellektueller‘: Rassismus, Sexismus, politische Korrektheit oder alles ‚Linke‘ werden unter dem Label des Kampfes für ‚Freiheit‘ des Einzelnen verpackt (‚ef‘ nennt das ‚auf der Seite der libertären Gegenwehr‘). Allerdings geht die Freiheit nicht soweit, ein Forum oder eine Kommentarfunktion anzubieten. Auch auf Facebook.“

Da ich diese Bewertung nicht nur nicht nachvollziehen kann, ich zudem befürchten muss, dass sie bei mangelndem Widerspruch auch auf mich als Autor zurückfällt und man andererseits aber nicht davon ausgehen kann, dass die Amadeu-Antonio-Stiftung auf derlei Bedenken eingehen wird, habe ich mich entschlossen, eine Mail an den Herausgeber und an den Chefredakteur der „Zeit“, Josef Joffe und Giovanni di Lorenzo, zu senden. Ich bilde mir nicht ein, als „kleiner Blogger“ einen besonders großen Einfluss auf die Chefs der „Zeit“ nehmen zu können. Trotzdem hatte ich gehofft, zumindest eine Reaktion zu erhalten, die die Beweggründe, egal ob für mich nachvollziehbar, der „Zeit“ für die Unterstützung des „Netzes gegen Nazis“ erläutern würde. Leider ist eine solche Reaktion seit vergangenem Sonntag nicht erfolgt. Daher veröffentliche ich hier mein Schreiben – in dem hoffentlich deutlich wird, dass es mir nicht um irgendeine Art von Einschränkung der Meinungsfreiheit des „Netzes gegen Nazis“ und schon gar nicht um einen Boykottaufruf gegen die „Zeit“ geht.

Ein Brief wird offen

Trotzdem: Im Gegensatz zu Werbekunden auf in den letzten Wochen in die Kritik geratenen Seiten geht es hier nicht um ein Werbebanner, sondern um eine bewusste Kooperation der „Zeit“ mit dem „Netz gegen Nazis“. Da sollte die Frage erlaubt sein, ob man tatsächlich hinter deren Ideologie steht oder inwiefern man seinen Einfluss geltend machen möchte. Daher hier meine Mail vom 18.12.2016 an die Herren Joffe und di Lorenzo:

18.12.2016

Sehr geehrter Herr Joffe, sehr geehrter Herr di Lorenzo,

auch an Ihnen ist vermutlich die Diskussion dieser Tage um Hassmails, Fakenews und die – ich möchte es mal so nennen – Affäre um den ehemaligen Strategy Partner der Werbeagentur Scholz & Friends, Gerald Hensel, nicht vorbeigegangen. Dabei sind wir uns wohl sicher einig, dass jeder Extremismus, egal aus welcher politischen Richtung, zwar meistens eine Ursache hat, aber nur höchst selten etwas dazu beiträgt, Abhilfe zu schaffen.

Trotzdem erscheint mir die Definition von Extremismus, namentlich des Rechtsextremismus beziehungsweise dessen Spielart der „Neuen Rechten“ auszufasern. So findet sich beispielsweise auf der einschlägig bekannten und sicher nicht unumstrittenen Seite „netz-gegen-nazis.de“ unter dem Titel „Hier geht der Hass weiter“ unter anderem ein Hinweis auf das libertäre Magazin eigentümlich frei. Unter Hinweis auf tatsächlich rechtsextreme Seiten, deren Abschaltung man erreicht habe, findet sich dieses Magazin in einer Liste von Internetseiten und -angeboten, die – Zitat: „weiter existieren – und so noch einer Bearbeitung bedürfen“. Dieses „einer Bearbeitung bedürfen“ wird nicht weiter ausgeführt, aber es ist wohl klar, dass es darum gehen soll, diese Angebote in irgendeiner Form stillzulegen.

Nun bin ich selbst, als katholischer und libertärer Blogger (papsttreuerblog.de) unregelmäßiger Autor von eigentümlich frei, in der aktuellen Ausgabe (Januar/Februar 2017) mit einem Beitrag zur katholischen Kirche, und empfinde deren Einordnung unter rechtsextreme Seiten nicht nur als falsch und irreführend, sondern auch als schädlich für den politischen, auch liberalen Diskurs: Wenn ein Magazin wie eigentümlich frei, das sich gegen jeden Kollektivismus wendet, zu dem sowohl der Nationalsozialismus als auch jede Form kollektiver Menschenfeindlichkeit zählt, möglicherweise aufgrund der marktradikalen Ausrichtung als „neurechts“ etikettiert wird, dann ist hier eine Grenze überschritten. Offenbar soll hier eine politisch nicht goutierte Position als neurechts oder „rechtsaußen“ diffamiert werden.

Warum wende ich mich damit an Sie? „Die Zeit“ wird als Kooperationspartner auf der Seite „Netz gegen Nazis“ ausgewiesen. Daher gehe ich davon aus, dass Ihnen die groben Inhalte bekannt sind und Sie auch die politische Stoßrichtung kennen. Selbst wenn Sie keinen Einfluss auf die operativen Aktivitäten des „Netzes gegen Nazis“ ausüben, kann Ihnen doch nicht egal sein, mit welchen Mitteln hier gekämpft wird. Die Einordnung eines Magazins wie eigentümlich frei (und nur über dieses spreche ich hier; es gibt auch andere Nennungen, bei denen ich Zweifel an der Richtigkeit der politischen Einordnung hätte, die sind mir aber nicht in gleicher Weise bekannt und ans Herz gewachsen) fällt letztlich auch auf dessen Autoren und Leserschaft zurück. Wäre es nicht schade, wenn ein solches Magazin aufgrund seiner Nennung auf einer solchen Seite Autoren verlöre, die um ihren Ruf fürchten? Würde das nicht im Gegenteil dazu führen, dass eigentümlich frei seinen Charakter eher tatsächlich ändern würde?

Ich werde diesem Magazin jedenfalls treu bleiben, fliege aber auch mit meinem Blog und meiner weiteren publizistischen Tätigkeit zu sehr „unter dem Radar“, als dass dies Auswirkungen auf meine sonstigen beruflichen Aktivitäten hätte. Dennoch treibt mich die Sorge um die Meinungsfreiheit in diesem Land um, die ja nicht nur darin besteht, seine Meinung kundtun zu können, sondern auch darin, sich über andere Meinungen frei informieren zu können. Ich bitte Sie daher, Ihren Einfluss als Herausgeber und Chefredakteur eines der wesentlichen Wochenmagazine in Deutschland und als Partner des „Netzes gegen Nazis“ geltend zu machen, damit Fehleinschätzungen wie die oben beschriebene möglichst bald korrigiert werden.

Sehr geehrter Herr Joffe, sehr geehrter Herr di Lorenzo, ich hoffe, ich habe Ihnen deutlich machen können, dass es mir nicht um Krawall geht. Ich hege aber die Hoffnung, dass wir uns in ein paar Einschätzungen hinsichtlich des legitimen Meinungsspektrums in Deutschland einig sind, deren freie Äußerung ich jedenfalls in Gefahr sehe. Daher danke ich Ihnen, wenn Sie mein Schreiben in Betracht ziehen.

Ich sende herzliche Grüße vom Niederrhein und wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest.

Felix Honekamp


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