23. Dezember 2016

Fröhliches Destabilisieren Das nächste Land auf der Liste wird „angedacht“ ...

... und propagandistisch „vorbereitet“

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Bildquelle: Wikimedia Commons {{PD-1923}} Wurde vom Mainstream nicht ernst genommen: Kassandra

Der Begriff „Kassandra-Komplex“ dürfte vielen Lesern sicher vertraut sein. Eine Bekannte fragte mich neulich bei einem netten Gespräch, wie ich bloß damit lebe. „Nun, ich leide gar nicht darunter“, war meine Antwort, „hat damit nichts zu tun“. Da sie mit Themen wie Geopolitik nicht sonderlich gut vertraut ist, fragte sie scherzend: „Jetzt zeig mir doch endlich mal deine Kristallkugel!“

Ich habe natürlich keine. Es ist selbstverständlich nichts Übersinnliches im Spiel, keine hellseherischen Fähigkeiten. Ganz im Gegenteil. Ich gründe meine Abschätzungen künftiger Entwicklungen auf handfeste Informationen. Dieser Artikel wird der letzte sein, in dem ich nachfolgende Zitate noch einmal wiederholen und kurz kommentieren werde. Danach ist damit Schluss. Erstens habe ich sie schon oft genug vorgebracht, und man will Lesern damit ja auch nicht pausenlos auf den Wecker gehen. Zweitens weiß ich einfach nicht mehr, wievieler Belege es eigentlich noch bedarf, damit endlich auch die Kollegen des Mainstreams aufhören, einer Politik das Wort zu reden, die sich – gelinde gesagt – sehr negativ auf das Leben von Abermillionen Menschen auswirken wird. Und wann sie endlich aufhören, fromme Märchen zu verbreiten wie dasjenige, es gebe dahinter keine Strategie. Mittlerweile erscheinen fast schon wöchentlich Artikel, die das Gegenteil beweisen: Die „Dynamik“, die, so die Propaganda, einer vermeintlichen „Ohnmacht“ oder „Ratlosigkeit“ geschuldet sein soll, ist in Wahrheit eine, deren Grundzüge schon vor zehn Jahren an die Öffentlichkeit gelangten. Es scheint sich nur kaum jemand dafür zu interessieren.

Ich habe mich in den letzten Jahren redlich bemüht, eindringlich vor dieser fatalen und brandgefährlichen Geopolitik zu warnen. Was soll ich denn sonst noch tun?

Aus dem Einleitungstext eines Artikels der „FAZ“ vom 21.12.2016: „Der Krieg in Syrien hat dramatische Auswirkungen auf den benachbarten Libanon. Der christliche Politiker Samy Gemayel fühlt sich von den UN im Stich gelassen. Im ‚FAZ‘-Interview spricht er über die Flüchtlingskrise und die unheilvolle Rolle Irans.“

Welch eine Überraschung. Die unaufhörlichen Versuche der Destabilisierung und „Balkanisierung“ Syriens könnten auch den Libanon in Mitleidenschaft ziehen. Aber das konnte doch niemand ahnen?

Zunächst möchte ich nochmal den berühmt-berüchtigten Auszug aus dem Interview wiederholen, das der amerikanische Vier-Sterne-General Wesley Clark einer Journalistin namens Amy Goodman gab. Es stammt aus dem Jahre 2007.

In diesem Interview spricht Clark über den Plan, „sieben Länder in fünf Jahren“ anzugreifen. Es geht um ein Treffen Clarks mit einem Kollegen, ebenfalls im Rang des Generals.

„Also suchte ich ihn ein paar Wochen später nochmal auf, als wir bereits Afghanistan bombardierten. Ich sagte: ‚Werden wir immer noch Krieg im Irak führen?‘, und er antwortete: ‚Oh, es ist viel schlimmer als das.‘ Er beugte sich über seinen Tisch und nahm ein Papier in die Hand. Und er sagte: ‚Ich habe das hier von oben hereingereicht bekommen‘ – er meinte damit das Büro des Verteidigungsministers – ‚und zwar heute‘. Dann sagte er: ‚Dies ist ein Memo, das beschreibt, wie wir sieben Länder in fünf Jahren ausschalten werden, beginnend mit dem Irak, dann Syrien, den Libanon, Libyen, Somalia, Sudan, und dann erledigen wir den Iran.‘ Ich fragte: ‚Unterliegt es der Geheimhaltung?‘, er antwortete: ‚Ja, Sir.‘ Ich sagte: ‚Nun, dann zeigen Sie es mir nicht.‘ Ich sah ihn vor ungefähr einem Jahr nochmal, und er sagte: ‚Erinnern Sie sich daran?‘ Er sagte: ‚Sir, ich habe Ihnen dieses Memo nicht gezeigt. Sie haben es nicht von mir gezeigt bekommen!‘“

Amy Goodman: „Verzeihung, wie lautete sein Name nochmal?“

Wesley Clark: „Ich werde Ihnen seinen Namen nicht geben.“

A. Goodman: „Okay, dann gehen Sie nochmal die Länder durch.“

W. Clark: „Nun, es startet mit dem Irak, dann Syrien und der Libanon, dann Libyen, Somalia, der Sudan und dann der Iran.“

Gut, die Reihenfolge der Länder hat sich seitdem geändert – aber nicht die Ziele selbst. Auch der Zeitplan hat sich verzögert – welch ein Glück! Ich werde später erklären, warum man deshalb erleichtert aufatmen sollte.

Also nochmal: Der Irak, Syrien, der Libanon, Libyen, Somalia, der Sudan und dann der Iran.

Ich bin mir jedoch ziemlich sicher, dass selbst nach Vorlage solcher augenöffnenden Informationen manche Herrschaften immer noch glauben werden, die verblüffende Deckungsgleichheit dieses 2007 publik gemachten Planes mit den nachfolgenden geopolitischen Ereignissen sowohl im Nahen und Mittleren Osten als auch in Afrika sei wahrscheinlich Zufall, es gebe hier nichts zu sehen – also warum nicht einfach weiter den Kopf in den Sand stecken und von „Ohnmacht“, „Kopflosigkeit“ und völliger „Ahnungslosigkeit“ sprechen. Nun wird also schon das nächste Ziel vorbereitet – der Libanon. Aber auch das reicht wahrscheinlich noch nicht als Beweis.

Das zweite Zitat hatte ich schon in meinem letzten Artikel zum Thema gebracht, möchte es aber ein letztes Mal wiederholen – in der Hoffnung, dass es sich weit genug herumspricht und endlich zu einer Diskussion dazu beiträgt – erst recht vor dem Hintergrund der unermüdlichen Anstrengungen gewisser geistiger Brandstifter und übler Demagogen hierzulande, die nun meinen, ihren Mitmenschen eintrichtern zu müssen, „der Islam“ sei ein einziges, riesiges Höllenloch, in dem circa 1,6 Milliarden blutrünstige Muslime nur darauf warteten, uns alle zu massakrieren. Denn das ist natürlich eine Falschbehauptung, um es milde zu formulieren. Aus meiner Sicht ist es übelste Hetze. Allerdings eine, die einem Plan, einer Agenda folgt. Wie bitte?

Also lasse ich nochmal einen Herrn zu Wort kommen, dessen geopolitische Ambitionen und Motive ich keineswegs teile, dem man aber dessen ungeachtet gewiss nicht vorwerfen kann, ein Dummkopf zu sein und nicht zu wissen, wovon er spricht. Ich rede natürlich von Zbigniew Brzeziński und seinen Aussagen bei einer US-Senatsanhörung vom 1. Februar 2007.

„Sollten die Vereinigten Staaten fortfahren, sich auf ein langwieriges Engagement im Irak einzulassen, wäre die Endstation dieser Talfahrt ein Konflikt mit dem Iran und mit einem großen Teil der islamischen Welt. Ein plausibles Szenario für eine militärische Auseinandersetzung mit dem Iran beinhaltet ein Versagen im Irak und ein Verfehlen der dortigen Ziele, gefolgt von Anschuldigungen, der Iran sei für dieses Scheitern verantwortlich; dann von irgendeiner Provokation im Irak oder einem Terrorangriff in den USA, den man dem Iran in die Schuhe schieben wird, kulminierend in einer ‚defensiven‘ US-Militäraktion gegen den Iran, durch die ein einsames Amerika in einem sich ausweitenden und vertiefenden Morast versinken würde, der sich schlussendlich durch den Irak, den Iran, Afghanistan und Pakistan ziehen wird.“

Das allein wäre schon ein Knüller, da sich die derzeitige Situation genau in diese Richtung bewegt. Zur Erinnerung: In den letzten Tagen hieß es in der Presse, Russland „und der Iran“ seien für das „Scheitern in Syrien“ verantwortlich. Brzeziński bezog sich zwar auf den Irak, aber das macht keinen Unterschied, schließlich kommt auch der Irak – dank des IS-Castingterrors – bis heute nicht zur Ruhe. Ich erinnere ebenfalls daran, dass Donald Trump den Iran bereits als „Terrorstaat Nummer eins“ bezeichnete, der das „weltgrößte Terrornetzwerk“ betreibe. Seien sie also bitte nicht überrascht, sollte es demnächst heißen, der Iran sei der größte Sponsor des IS. Doch es wird noch viel besser:

„Ein mystisches historisches Narrativ zur Rechtfertigung eines solchen langwierigen und potentiell ausgedehnten Krieges wird bereits formuliert. Ursprünglich gerechtfertigt durch Falschbehauptungen über die Existenz von Massenvernichtungswaffen, wird der Krieg nun“, und jetzt sollte bei aufmerksamen Menschen, die des Mitdenkens fähig sind, eigentlich die Großhirnrinde in Flammen stehen, „umdefiniert zu dem ‚entschlossenen ideologischen Kampf‘ unserer Zeit schlechthin, der an die Zusammenstöße mit dem Nazismus und Stalinismus erinnere. In diesem Kontext werden der islamistische Extremismus und al-Qaida als Entsprechung zur Bedrohung durch Nazi-Deutschland und dann die Sowjetunion präsentiert, 9/11 als Entsprechung zum Angriff auf Pearl Harbor, der Amerikas Eintritt in den Zweiten Weltkrieg herbeiführte.“

Rumms. Es geht also darum, zu behaupten, es handele sich um „den ‚entschlossenen ideologischen Kampf‘ unserer Zeit schlechthin“. Wirklich merkwürdig, dass von gewissen einschlägig bekannten Persönlichkeiten der hiesigen Medienlandschaft unentwegt verbreitet wird, „der Westen“ befinde sich in einem Krieg mit „dem Islam“. Und welch ein Zufall, dass dabei genau der von Brzeziński angesprochene Vergleich benutzt wird, nämlich derjenige zwischen „dem Islam“ und dem Nazismus. Das soll einer verstehen ...

Warum ich solche Aufwiegler als übelste Demagogen bezeichne? Dazu übergebe ich das Wort wieder an Brzeziński: „Dieses simplizistische und demagogische Narrativ übersieht die Tatsache, dass der Nazismus auf der militärischen Stärke des industriell am weitesten fortgeschrittenen europäischen Staates basierte und der Stalinismus fähig war, nicht nur die Ressourcen der siegreichen und militärisch mächtigen Sowjetunion zu mobilisieren, sondern auch weltweite Anziehungskraft über die marxistische Doktrin ausübte. Im Gegensatz dazu akzeptieren die meisten Muslime den islamischen Fundamentalismus nicht; al-Qaida ist eine isolierte fundamentalistisch-islamistische Irrung; die meisten Iraker sind wütend über die amerikanische Besetzung des Irak, die den irakischen Staat zerstörte; während der Iran – auch wenn er regional einflussreicher wird, selber politisch geteilt sowie ökonomisch und militärisch schwach ist. Zu argumentieren, Amerika befinde sich in der Region bereits im Krieg mit einer größeren islamischen Bedrohung, deren Epizentrum der Iran sei, läuft darauf hinaus, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung zu verbreiten.“

Wie gesagt: Ich präsentiere diese Informationen hiermit zum letzten Mal. Ich kann das einfach nicht mehr. Regelmäßig erscheinen im Mainstream Artikel, die – und nein, das hat mit „Indizien“ schon lange nichts mehr zu tun, es sind Beweise, die noch härter nicht sein könnten – eindeutig zeigen, dass diese Strategie, die es angeblich nicht gibt, Punkt für Punkt, Land für Land, Ziel für Ziel abgehakt wird. Diese Kriege wurden und werden durch entsprechende Propaganda angekündigt und vorbereitet.

Warum man hoffen sollte, dass diese „Ohnmacht“ nicht an ihr Ziel gelangt? Nun, zum einen natürlich wegen der erwartbaren, direkten Folge, dass dadurch wahrscheinlich die gesamte Region kräftig weiter destabilisiert würde, schlimmstenfalls sogar vollständig in Flammen aufgehen könnte – was angesichts des dadurch verursachten Leides, der zahllosen Toten und der Zerstörung an sich schon schlimm genug wäre. Wie, da soll es noch etwas Schlimmeres geben?

Lassen Sie es mich so formulieren: Sollte die Region durch weitere Kriege in einem völligen Chaos enden, werden die dadurch produzierten, ohne jeden Zweifel noch einmal dramatisch steigenden Flüchtlingsströme sich gewiß nicht auf dem Mond niederlassen, sondern näherliegende Ziele anstreben.

Süßer die Groschen nicht fallen.


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