15. Dezember 2016

Erzählung Hunde

Glaube und Hoffnung

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Bildquelle: shutterstock Der beste Freund des Menschen: Hund

Er stand draußen vor dem Haus. Es lag am Ende eines Tals und eines schmächtigen Wegs ein Stück den Hang hinauf am Waldrand. Irgendwo bellte der Hund. Er machte Jagd auf Hasen. Je besser er die Menschen zu kennen glaubte, desto mehr hatte er seine Hunde zu schätzen gelernt. „Du hast einfach eine Scheiß-Einstellung“ hatte ihn eine Frau mal angeschrien. „Das Leben kann schön sein!“ Konnte es vermutlich. Er war hierher gezogen. Das war Jahre her. Hier war es schön. Trotzdem hatte ihn in den letzten Wochen eine Art Dégoût vor dem Lärm gepackt, den sein Job mit sich brachte. Eine Feindseligkeit den aufgeblasenen, selbstgefälligen Funktionsträgern gegenüber, die, sah man es sich genauer an, nichts zu bieten hatten als zähnefletschende ängstliche Biederkeit. Jeder auf seiner eigenen schlecht besuchten Party.

Der Hund kam angehechelt. Die Zunge hing ihm bis auf den Boden. Er schien zufrieden zu sein. Der Mann machte auf dem Absatz kehrt, um ins Haus und an den Computer zu gehen. Dann hielt er inne. Wozu da reingehen? Er hatte seinen Drive verloren, den Druck, den Nerv – er war der Sache nicht mehr gewachsen und wusste, dass er daran nichts ändern konnte. Wozu sich hinsetzen und nicht viel mehr tun, als sich ein paar Stunden lang überlegen, was er falsch gemacht hatte? Oder richtig? Kurzerhand trat er über die Schwelle und schnappte sich die Jacke vom Haken. „Lass uns eine Runde drehen“, sagte er. Der Hund wedelte und sprang ins Auto, als er die Heckklappe öffnete.

„Ich habe gute Lust, Ihnen überhaupt nichts zu zahlen“, sagte der Abteilungsleiter des ersten Kunden, als er ihm eröffnet hatte, er würde für zwei Monate weg sein. „Wenn Sie Ihre gute Lust behalten wollen, dann rate ich Ihnen, mir jetzt den Scheck für die letzten sechs Monate auszustellen und sich dann ganz fix einen anderen zu suchen.“ Der Kerl, weiß und weich wie lappriges Toastbrot, schien noch eine Spur heller zu werden. Er würde keinen anderen suchen. Der große miesepetrige graubärtige Mann, der sich nicht in Gruppen organisieren ließ, die aus mehr als einer Person bestanden, war gut in dem, was er tat. Der Scheck kam über den Tisch geglitten. Der Mann schob seinerseits eine Karte mit der Nummer eines Kollegen über die glatte Fläche. „Für den Notfall.“ Er hatte auf einmal das Gefühl, den anderen trösten zu müssen. Was hatte er schon für Möglichkeiten? Geiler Job, geiles Salär, geile Karre und kein Ausweg. Er stand auf und machte, dass er rauskam.

Ihre Runde bei den Kunden nahm ganze drei Tage in Anspruch. Es lief besser, als der Anfang hatte vermuten lassen. Dann war die Sache geregelt. Er hatte zwei Monate ohne Verpflichtungen vor sich. Er schrubbte das Haus, räumte aus, entsorgte und deckte die Möbel mit Tüchern ab. Dann war er reisefertig. In der Nacht vor dem Abmarsch wurde der Hund krank. In den frühen Morgenstunden stöberte er den Tierarzt, der ein Freund war, in einem Kuhstall auf, wo dieser, den Arm bis zur Schulter in einem Tier, versuchte, ein Kalb, das falsch lag, zu drehen. Er untersuchte den Hund im Kofferraum. „Das hier ist böse und wird schnell gehen“, sagte er. „Wenn du jetzt nicht Schluss machst, wird es eine Tortur.“ Der Mann nickte, und der Tierarzt gab dem Hund, der wedelte, die Spritze. Der Mann nahm den Hund auf die Arme und trug ihn zum Auto des Arztes, der wieder im Stall verschwunden war. Im Dunkeln stehend hörte er geschäftiges Treiben von drinnen her, Stroh raschelte, knappe Anweisungen – das Kalb war da. Er stieg in seinen Wagen und fuhr davon.

Es dämmerte, als er vor dem Haus am Waldrand anlangte. Er machte sich auf alles gefasst. Er wusste, dass es hier draußen sehr kalt werden konnte, wenn man verloren hatte. Es gab keinen guten Ort zum Verlieren. Die Leere kam ihm entgegengeflogen wie etwas Großes, Schweres, als er ins Haus trat. Er machte Feuer im Herd und setzte Kaffee auf. Seine Hände zitterten, die Augen brannten. Er kam sich vor, als sei er betrunken. Oder wahnsinnig. Oder beides zugleich. „Ich ersaufe hier drin“, dachte er. Er trat erneut vor die Tür. Alles war gepackt. Er würde trotzdem losgehen und eine Runde drehen. Zeit war das einzige, was blieb. Sie verzieh nichts, war aber auch nicht ungerecht. Mehr konnte er im Moment nicht verlangen.

Er durchschritt die Landschaft und die Tage wie etwas, das sich unerbittlich vor ihm auftürmte. Er marschierte, bis es längst dunkel war, wurde müde, wollte aufgeben, vergaß wieder, dass er müde war, und marschierte weiter. Irgendwann konnte er dann nicht mehr, stellte im Schein der Stirnlampe das Zelt auf und kroch hinein, um ein paar Stunden später weiterzugehen. Er merkte nicht, wie die Tage vergingen, wie es hell wurde und wieder dunkel. Alles erschien ihm wie eine einzige ewige Sekunde, er selber zu blöd, um aufzugeben, oder zu feige.

Dann nahm sein Hirn die Tätigkeit wieder auf. Sprunghaft im blinden Gehen. Er dachte an die Hochzeit, zu der er eingeladen gewesen war. Eine Mischung aus Stammesritual, allgemeiner Betrunkenheit, 1. Korinther 13 und „Architektur heute“. Tausende Jahre Menschheitsgeschichte, und am Ende das: grauenvoller, beleidigender Kitsch. Er war sich die ganze Zeit über vorgekommen, als habe man ihm einen unsittlichen Antrag gemacht. Ein Teil von ihm hatte jeden Moment damit gerechnet, dass gleich ein Trüppchen politisch Andersdenkender energieneutral gebraten und verzehrt würde. Er dachte an die Meldung in den Medien, wonach Frauen besonders verletzlich seien im Kontext des Klimawandels und dass dieses Narrativ beendet werden müsse. Im Imperativ. Mit Ausrufezeichen. 360 Schweizer Seniorinnen hatten Klage gegen den Staat eingereicht, weil dessen Klimapolitik sie zu Opfern mache. Eine große Einzelhandelskette hatte daraufhin „Santa Claus“ zu „Santa Clara“ umerklärt und verzeichnete seither als einzige zweistellige Zuwachsraten im Weihnachtsgeschäft. Klimakterium. Klimax. Was auch immer. Es ging abwärts. Unerbittlich. Er dachte daran, dass Goldman-Sachs sich Italien erneut krallte – offiziell diesmal – und dass Griechenland möglicherweise gar nicht pleite war. Dass die deutsche Einheitskanzlerin vielleicht Arthrose in den Fingern hatte und dass der Islam postfaktisch betrachtet eine sehr menschenfreundliche und freiheitsfördernde Kultur war. Dass die EZB gerade wieder den Euro in den Boden rammte und dass, um dies zu kommunizieren, eigentlich keine Pressekonferenz notwendig gewesen wäre. Dass ein marxistisches veganes Restaurant nach zwei Jahren den Betrieb einstellen musste, weil die Kunden fernblieben, da sie nicht die Größe und das richtige Bewusstsein besaßen, um 45 Minuten auf ein Sandwich zu warten. Dorfdeppen allesamt. Dass in der dräuenden Silvesternacht in deutschen Landen Tausende von Polizisten für den friedlichen Ablauf der großen Vereinigung der Kulturen sorgen würden. Dass der Kirche jährlich 40.000 Mitglieder abhandenkamen und dass man den Grund dafür bei den Menschen und bei Gott suchte. Ohne zu erröten. Dass, wer Gnade suchte fernab gnadenloser staatlicher Wohlfahrt, mindestens der Lächerlichkeit, in der Regel jedoch der Inquisition ausgeliefert wurde. Von den Menschen, die von Freiheit schwafelten, zuallererst.

Eigentlich war es kein Denken, sondern ein Rebellieren seines Hirns gegen die Leere. Die Gedanken gingen wie Fetzen von ihm, und je weniger ihm zu seinem Schutz blieb, desto enger krallte er, was noch da war, an sich. Irgendwann war es zu Ende. Nichts mehr, worein er sich hätte wickeln können. Es war Nacht. Er lag im Schlafsack unter den Fellen und stellte fest, dass, wollte er nicht in etwas Starres, Irres hinübergleiten, er sehen müsse. Er setzte die Stirnlampe auf und blickte um sich. Es kam ihm vor, als sähe er seit langer Zeit zum ersten Mal. Er kroch halb aus dem Zelt, blieb in der Öffnung sitzen, fühlte die stacheligen Grashalme unter sich, sah den Schnee, der sauber roch, und fühlte etwas wie Ruhe. Die Tatsache, dass er weder wusste, wo er war, noch, wie lange er bereits unterwegs war, kümmerte ihn nicht. Er erkannte etwas von dem alten Druck in sich. Er kochte Kaffee, blies den Rauch einer Zigarette zu den Sternen hoch und ließ den Hund durch die Gedanken jagen. Die Pfoten hinterließen Splitter, die zum Herz wanderten.

Er stank entsetzlich. Nach Schweiß und Resignation und Agonie. Er hielt nichts von all dem. Er brauchte dringend ein Zimmer, eine Dusche, ein Bett. Bei Tagesanbruch packte er und ging los. Die Welt um ihn her glitzerte. Von weitem sah er das große überhängende Dach eines Bauernhauses. Davor auf dem Weg eine Gestalt. Ein Hund sprang um die Gestalt herum. Beim Näherkommen erkannte er den Bauern in dem Alten. Ein Grinsen war in ihm beim Gedanken an das hysterische Belfern auf den Kanzeln des Politischen und Korrekten: Einen Bauern einen Bauern zu nennen, weil jede Furche seines Gesichts und jeder Zentimeter groben Stoffs ihn als solchen auswies. Safe-Space bitte! Der Hund war ein Berner-Sennen-Appenzeller-Verschnitt. „Ich habe Sie von weitem kommen sehen“, sagte der Alte, als er bis auf ein paar Meter herangekommen war. „Sie sehen aus, als wären sie irgendwo an einem Ende gewesen. Und Sie riechen auch so.“ – „Klingt, als käme Ihnen die Sache bekannt vor“, sagte der Mann. Der Alte ging nicht darauf ein. „Sie können sich waschen hier. Es hat noch Kaffee.“ Es war keine Frage.

Er folgte dem drahtigen Rücken des Alten in das Haus und zur Hintertür wieder hinaus. Dort stand ein Brunnen unter dem ausladenden Vordach. Ein Stück Seife so groß wie ein Laib eckigen Brots. Er zog sich aus und wusch sich. Das eisige Wasser schien sich in die Haut zu brennen. Der Hund saß bei der Tür und tat, als sei nichts. Als er fertig und wieder angezogen war, lehnte er am Brunnenrand und steckte sich eine Zigarette an. Der Alte erschien in der Tür und stand neben dem Hund. Er folgte ihm ins Haus. Auf dem Tisch standen Tassen groß wie Badewannen. Brot. Speck.

Später, als er wieder unterwegs und bereits ein ganzes Stück gegangen war, hielt er inne. Das Lachen hatte gewartet und kam hervorgeschossen. „Also sind Sie auch noch ein verdammter Feigling und nicht bloß ein verdammter Scheißkerl.“ Genauso hatte der Alte es gesagt. Was in Gottes Namen sollte man mit einem Mann anfangen, der so redete? Es hatte sich ganz harmlos angelassen. Auf die Frage, was er beruflich mache, hatte er geantwortet, er sei eine Art Berater. Er helfe Leuten, ihre kleinen einsamen Ärsche über das nächste Quartal zu bringen. Er hatte es nicht mit diesen Worten gesagt, aber in dem Sinn. „Und was raten Sie sich selbst mit Ihrer Tonnenladung von Angst?“ Er hatte nicht die Zeit und die Geistesgegenwart besessen, zu antworten.

Ganz in der Nähe jagten jetzt ein paar aufgeschreckte Rehe wild davon. Er sah sie quer über ein Feld springen mit hochgezogenen Läufen, in langen Sätzen. Schwebend fast. „Wir verbringen unser ganzes Leben damit, uns was vorzumachen“, hatte der Alte in die unbeantwortete Stille hinein gesagt. „Unser Beruf, unsere Leistungsfähigkeit, unsere Denke und was für tolle Nummern wir sind. Dabei haben wir außer Unverschämtheiten, Zynismus und Verbitterung nichts zu bieten und schaffen es doch, uns einzureden, es sei Freiheit.“ Er war dagesessen wie eine verdammte Gipsfigur. Zu platt, um zu lügen. Keine Wahrheit weit und breit. Es hatte ihn umgeworfen. Er verachtete Leute, die es umwarf. Der Alte hatte hingebungsvoll an einem Stück Brot gekaut und ihn ungerührt darauf hingewiesen, dass er einen Hund bräuchte. „Ich hatte einen bis vor kurzem“, hatte er gesagt. „Jetzt ist er tot. Ich will keinen neuen.“ Da war dann die Sache mit dem Scheißkerl und dem Feigling gekommen.

Er hatte gemacht, dass er da rauskam. Sie standen vor dem Haus. Der Alte hatte sich, während er den Rucksack auf den Rücken wuchtete und überlegte, ob in dieser Situation ein Dank angebracht sei oder nicht, eine Pfeife gestopft und angezündet. „Tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe“, sagte der Alte. „Anstatt freundlich zu sein, benehme ich mich wie ein toller Hund. Das macht die Freiheit.“ – „Die Freiheit?“ – „Kennen Sie die Geschichte der Pandora?“, hatte der andere anstelle einer Antwort gefragt. „Der Spur nach.“ – „Als die Götter ein schlechtes Gewissen kriegten ob der geballten Misere, die sie ihr für die Menschen mit auf den Weg zu geben gedachten, haben sie in einem Anflug von Reue noch die Hoffnung oben drauf gelegt. Das Problem dabei ist: Sie ist ein vorübergehendes Geschäft, diese Hoffnung. An Zeit gebunden. Ich bin 88. Ich habe keine Zeit. Geht es nach den Göttern, dann habe ich auch keine Hoffnung mehr. Also habe ich mich entschieden, trotzdem zu hoffen. Zu glauben. Das Äußerste, das Unmögliche. Und nicht dieses oberflächliche, kärgliche, halbgare Zeug.“ – „Und worauf hoffen Sie?“ – „Das geht Sie nichts an. Aber fast hätte ich’s nicht geschafft. Weil ich so eine verdammt tolle Nummer bleiben wollte.“ – „Alles klar. Danke. “ Er hatte eine Geste gemacht, die Mann, Haus, Hund und Herberge einschloss, und war losgegangen.

Jetzt saß er da an diesem Waldrand, der ebenso gut war wie jeder andere, rauchte, und nichts war klar. Der Hund tauchte auf, er hätte nicht sagen können, woher. Er schien nur aus Kopf und Ohren zu bestehen. Der sich perspektivisch verjüngende Rumpf war zu mager, als dass man ihn hinter Ohren und Kopf gesehen hätte. Er drehte ein paar nervöse Runden um den Mann und verschwand wieder. „Gut so.“ Er ging weiter. Er war unruhig. Dieser verdammte Alte mit seinem Glauben und seiner Hoffnung. Wobei: Sie waren auch nicht schlechter als das, was die dünne Luft der PC-Frömmigkeit zu bieten hatte, das seichte Vernunfts- und Toleranzgeschwätz, die fade Rührseligkeit meinungskonform ritualisierter Selbstheiligung.

Der Hund tauchte wieder auf. Stöbernd trabte er, die Nase am Boden, ein Stück weit vor ihm auf dem Weg, blieb stehen, sah in seine Richtung. Der Mann machte einen Ausfallschritt, fuchtelte mit den Armen. Der Hund erschrak und verschwand im Gebüsch. Kurz darauf war er wieder da. Sie trieben das Spiel solange, bis das Dorf in Sicht kam. Da gab der Mann auf. Der Weg mündete in eine Straße. Sie führte direkt in das Dorf. Er beschloss, hineinzugehen. Er brauchte ein paar Dinge. Vielleicht gab es eine Pension. Der Hund trabte auf der Straße vor ihm her. Bremsen quietschten, Hupen. „Passen Sie doch auf Ihren Scheiß-Köter auf!“ Die Frau lehnte sich aus dem Fenster des Wagens. Sie hatte ein verwüstetes Gesicht und war zu stark geschminkt. Bevor er antworten konnte, das sei nicht sein Scheiß-Köter, gab sie Gas und bretterte davon. Es klang, als nähme sie dabei die halbe Seite eines geparkten Autos mit. Der Hund saß zu seinen Füßen. Er ließ die Sache mit dem Zimmer sausen, kaufte ein paar Dinge ein und machte, dass er den Staub von den Füßen kriegte.

Der Hund blieb. Schreien, Fuchteln, Ignorieren hatten nichts gebracht. Nachts schlief er zusammengerollt dicht beim Zelt im Schnee. Er konnte die runde Beule in der Zeltwand sehen. Er drehte sich auf die andere Seite. Tonnenladungen von etwas, das ihn sich inwendig leer und jämmerlich fühlen ließ. Als würde er den Verstand verlieren. Als hätte er keinen zu verlieren. Alles ging durcheinander in Träumen von Nichtschlafen und realem Nichtschlafen. Wenn er den Alten vergessen könnte. Aber natürlich konnte er nicht. Der Morgen war Erleichterung. Am dritten Tag geriet er um die Mittagszeit in einen Schneesturm. Er befand sich auf einem langgezogenen Bergrücken. Es war nicht schwer, die Orientierung zu behalten. Als er sich trotzdem verlief, der Wind immer stärker wurde und der frühe Abend hereinbrach, drohten seine Nerven in die Brüche zu gehen. Man konnte keine drei Meter weit sehen in dem gnadenlos dunkler werdenden Weiß. Er holte die Stirnlampe hervor. Es wurde etwas besser. Irgendwo vor ihm leuchteten die Augen des Hundes. Der Schnee reichte ihm längst bis über die Flanken. Er folgte dem schwarzen Punkt. Bis zum nächsten Gehölz, und dann würde er Rast machen für die Nacht.

Es kam kein Gehölz. Er konnte nicht mehr weiter, gab auf, scharrte eine Fläche vom Schnee frei und stellte gegen den Wind ankämpfend das Zelt auf. Der Hund ließ sich herbei. Er war erschöpft. Der Mann gab ihm zu fressen und zu saufen. Als er die Zeltöffnung aufhielt und dem Tier bedeutete, es könne drinnen schlafen, wedelte der Hund nur. Er kam nicht mehr auf die Beine. Der Mann hob ihn hoch und legte ihn ins Zelt. Er schlief tief in dieser Nacht. Der Hund weckte ihn. Er scharrte wie wild am Boden, wo der Reißverschluss war. Der Mann öffnete, und der Hund stob davon. Draußen dieselbe Hölle wie am Abend zuvor. In hell und blendend jetzt. Er fühlte etwas wie Panik in sich aufsteigen. Er räumte hektisch zusammen. Der Hund war nirgends zu sehen. Eine irrsinnige Wut packte ihn, während er sich, bereits nach wenigen Metern klatschnass, durch das wahnsinnige Weiß kämpfte. Auf sich selber und die eigene Idiotie, auf den Schnee, die Menschen, die Frauen im Speziellen, auf ihre Weiberlogik, überhaupt auf die Logik, die tat, als hätte sie was zu bieten, auf sein spießiges Eine-große-Nummer-sein, auf seine Kunden, auf die Angst und den Tod und das Bild, das er hier abgab.

Als der Hund in kurzer Distanz vor ihm bellte, merkte er, dass er bergab gegangen war. Steil. Eine ganze Weile schon. Er wollte innehalten, rutschte aus, fiel und dachte im Fallen, dass der Hund eine ganz andere Stimme hatte, als der schmächtige Körper vermuten ließ. Das Bellen hörte nicht auf, wurde zum wilden Gekläffe. Er versuchte, das Rutschen zu bremsen, stemmte die Fersen in den Grund, kriegte den mageren Stamm einer abgebrochenen Tanne zu fassen, riss sich Handschuhe und Haut auf, fluchte und kam schließlich liegend zum Stillstand. Er wollte die klebrige Rinde des Stammes loslassen und den Schaden begutachten, als er merkte, dass seine Füße im Leeren hingen und sein ganzes Gewicht an seiner Hand.

Hatte er geglaubt, das vorhin, vor Stunden oder erst Minuten, sei Panik gewesen, dann wurde er jetzt eines Besseren belehrt. Das hier war eine andere Liga. Der Rucksack zerrte ihn in Richtung Leere. Er keuchte gegen die Lähmung an. Der Stamm, den er umklammerte, war nicht mehr als ein Stämmchen. Nichts anderes in Reichweite. Nur er und seine Furcht, von der er niemandem erzählen konnte. Furcht, wie ein kaltes Loch im Magen, wo eben noch seine erbärmliche, jämmerliche Wut gewesen war. Sie höhlte ihn aus, zerfraß alles. Die Muskeln schlotterten, der ganze Mann schlotterte, der Stamm schlotterte. Der Hund stand zwei Meter links von ihm. Und in all dem schämte er sich hundserbärmlich vor einem Publikum, das nur aus ihm selber bestand.

Dann betete er. Allem und sich selbst zum Trotz. Es war kein Gebet. Es war ein Gottesgebrüll. Er riss sich hoch, holte die Füße auf festen Grund, stemmte das Gewicht auf das schmächtige Stämmchen und warf sich nach vorn, wo er auf dem Bauch zu liegen kam und gleich wieder zu rutschen begann. Er kam mit dem Schuh auf dem Stummelstamm auf diesmal. Er gab nach. Er kriegte einen Zweig zu fassen, einen mit der anderen Hand, als der erste brach. Er wusste nicht, wie lange die Sache dauerte. Er brüllte immer noch, als er auf einem ebenen Stück Boden zu liegen kam. Er stemmte sich hoch, fingerte, ohne es zu merken, nach einer Zigarette, steckte sie an. Rauchen oder heulen, eine andere Wahl hatte er nicht. Schließlich tat er dann doch beides. Dann merkte er, dass die Scham weg war. Weit und breit nichts mehr davon. Statt ihrer etwas anderes, Weites.

Zitternd kam er auf die Beine. Er pfiff, und der Hund kam angelaufen. „Lass uns eine Runde drehen“, sagte er zu dem Hund.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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