09. Dezember 2016

Dokumentation Anmerkung zum Plan Professor Hayeks

Ludwig von Mises hätte der Hayek-Gesellschaft den Marsch geblasen

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Bildquelle: Alexander Kovalenko / Shutterstock.com Nahm kein Blatt vor den Mund: Ludwig von Mises

Der Beschluss des Vorstandes der Hayek-Gesellschaft, ihr Mitglied Beatrix von Storch zu bitten, „freiwillig“ auszutreten, geht sehr wahrscheinlich auf einen internen Kampf um Einfluss und Geld zurück. Das ist nur eine Vermutung, denn Genaueres ist noch nicht bekannt. Doch eines kann man bereits jetzt mit Sicherheit sagen: Dieser jüngste „Kotau vor dem Altar der Politischen Korrektheit“ ist einmal mehr ein Ausdruck des typischen Konflikts zwischen staatskritischen Liberalen und staatskonformen „Liberalen“. Er ist nichts Neues und reiht sich in eine fast endlose Serie von „Umfällen“ ein – nicht allein von der Hayek-Gesellschaft natürlich, sondern von „Liberalen“ im Allgemeinen. Ein gestandener Liberaler, der solche Vorfälle bestens kannte, war der herausragende Ökonom der Österreichischen Schule Ludwig von Mises. Sein Zornausbruch über die von seinem Schüler Hayek initiierte Mont-Pèlerin-Gesellschaft ist bekannt: „Ihr seid alle ein Haufen Sozialisten!“ Doch schon vor der Gründung äußerte Mises, der eine Einladung zur Teilnahme erhalten hatte, seine Zweifel an der Sinnhaftigkeit einer solchen Gesellschaft. Der Hauptgrund für seine Bedenken waren Mitglieder, die sich zwar für liberal hielten, aber dem Interventionismus das Wort redeten. Kurz: Mit solchen Kompromisslern sei keine freie Welt zu schaffen.

Wir bringen hier im Wortlaut das entsprechende, im Dezember 1946 von Mises geschriebene Memorandum, mit freundlicher Genehmigung von „Libertarian Papers“. Übersetzt wurde der Text exklusiv für eigentümlich frei von Robert Grözinger.

Anmerkungen zum Plan Professor Hayeks

In den vergangenen 60 oder 80 Jahren sind angesehene Bürger eines jeden Landes über den Aufstieg des Totalitarismus in Unruhe versetzt worden. Sie wollten die Freiheit und die westliche Zivilisation bewahren und eine ideologische und politische Bewegung organisieren, um den Fortgang auf dem Weg zur Knechtschaft aufzuhalten.

Sämtliche dieser Unternehmungen scheiterten vollständig; die Parteien und Gruppen, die sich ihrer Realisierung widmeten, verschwanden bald aus der öffentlichen Wahrnehmung. Selbst ihre Namen fielen der Vergessenheit anheim.

Die Ursache dieses bedauernswerten Versagens war, dass die Gründer dieser Bewegungen sich nicht von dem Einfluss eben jener Ideen der Feinde der Freiheit emanzipieren konnten. Sie erkannten nicht, dass Freiheit untrennbar mit der Marktwirtschaft verknüpft ist. Sie unterstützten im großen und ganzen den entscheidenden Teil des sozialistischen Programms. Sie waren auf eine gemäßigte Politik eingeschworen, auf den Interventionismus.

Was diese verängstigten Intellektuellen nicht verstanden, war, dass diese staatlichen Maßnahmen der Intervention in die Wirtschaft, die sie befürworteten, sämtlich nutzlos waren. Sie bewirkten notwendigerweise einen Zustand, der – aus Sicht ihrer eigenen Fürsprecher – weniger wünschenswert ist als die Zustände einer ungezügelten Marktwirtschaft, die zu ändern ihr Zweck war. Wenn die Staaten und die Völker weder dieses unbefriedigende Ergebnis dulden, noch jede weitere Intervention in den Markt aufgeben und zu vollständiger wirtschaftlicher Freiheit zurückkehren möchten, müssen sie ihren ersten Maßnahmen immer mehr Reglementierungen hinzufügen, bis schließlich die Nazi-Zwangswirtschaft mit all ihren Folgeerscheinungen entsteht. Sämtliche Übel, die die Interventionisten der Marktwirtschaft vorwerfen, sind die Produkte einer angeblich nutzbringenden Intervention. Auf Kreditausweitung folgt ein künstlicher Aufschwung und dann ein Zusammenbruch. Mindestlohnsätze führen unabhängig davon, ob sie durch staatliches Dekret oder Druck und Zwang von Gewerkschaften durchgesetzt wurden, zu einer Massenarbeitslosigkeit, die sich Jahr um Jahr verlängert. Die schädlichen Folgen des Protektionismus und der Inflation sind offensichtlich.

Wer die Freiheit bewahren will, darf die Stichworte der Totalitären nicht nachplappern. Er darf nicht über die Vereinbarkeit der wirtschaftlichen Reglementierung und der individuellen Freiheit reden. Er darf nicht behaupten, dass er das Laissez-faire verabscheut.

Laissez-faire bedeutet nicht: Rührt die Übel nicht an. Es bedeutet: Lasst die Konsumenten, das heißt, die Leute, entscheiden – durch ihren Kauf und ihre Enthaltung –, was produziert werden soll und von wem. Die Alternative zum Laissez-faire ist, diese Entscheidung einem paternalistischen Staat anzuvertrauen. Es gibt keinen Mittelweg. Entweder herrschen die Konsumenten oder der Staat.

Es ist eitel, von staatlichen Eingriffen zu sprechen, die die Menschen befreien und den Wettbewerb wieder herstellen. Was die Freiheit – die politische, intellektuelle und religiöse wie auch die wirtschaftliche – ausmacht, ist nicht staatliche Einmischung, sondern die Marktwirtschaft. Kein staatlicher Eingriff ist nötig, um die Entstehung von Monopolpreisen zu verhindern. Nicht der ungezügelte Markt, sondern Staaten fördern die Monopolisierung. Der vielzitierte Verfall des Wettbewerbs ist ein Produkt des Protektionismus, der zwischenstaatlichen Güterhandelsabkommen und vieler anderer ähnlicher Maßnahmen. Erinnert sei an die „National Recovery Administration“ des „New Deal“. Erinnert sei an die Geschichte der deutschen Kartelle, wie sie in meinem Buch „Omnipotent Government“ (S. 66-78, 158-159, 245-251) (deutsche Ausgabe: „Im Namen des Staates oder die Gefahren des Kollektivismus“) dargestellt wird.

Natürlich sind all diese Dinge sehr unpopulär. Aber wenn sie populär wären, bestünde kein Bedarf an einer neuen Partei. Der praktische Politiker muss in seinem Programm die Reaktionen der Wähler berücksichtigen, wenn er kurzfristig Erfolg haben möchte. Er muss Kompromisse schließen. Aber der intellektuelle Pionier einer besseren Welt sieht sich nicht durch die Anliegen der Realpolitik eingeschränkt. Sein Programm muss immer solide sein. Nur ein solides Programm wird langfristig triumphieren.

Der Schwachpunkt im Plan Professor Hayeks ist, dass er auf die Kooperation vieler Menschen baut, die für ihre Unterstützung des Interventionismus bekannt sind. Es ist notwendig, diesen Punkt zu klären, bevor das Treffen beginnt. So wie ich den Plan verstehe, ist es nicht die Aufgabe dieses Treffens, von neuem zu diskutieren, ob ein staatliches Dekret oder ein gewerkschaftliches Diktat die Macht hat oder nicht, den Lebensstandard der Massen zu heben. Wenn jemand diese Probleme diskutieren will, gibt es keinen Grund für ihn, zum Mont Pèlerin zu pilgern. Er kann reichlich Gelegenheit dazu in seiner Nachbarschaft finden.

31. Dezember 1946

Ludwig von Mises

Text des Originals: „Libertarian Papers“, Vol. 1 (2009)


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