07. Dezember 2016

Zehn Jahre Institut für Wertewirtschaft/Scholarium Jubiläumskonferenz in der Wiener Nationalbibliothek (Teil 1)

Eine private Stätte der Wissensvermittlung im Land der Nulltarifmentalität

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Bildquelle: André F. Lichtschlag Prachtvoller Tagungsort für die Zehnjahresfeier des Scholarium: Wiener Nationalbibliothek

In den prachtvollen Räumlichkeiten der Wiener Nationalbibliothek geht am 3. Dezember die unter dem Motto „Die Zukunft Europas“ stehende Feier anlässlich des zehnjährigen Bestehens der von Rahim Taghizadegan geführten privaten Bildungseinrichtung „Scholarium“ über die Bühne. Rund 100 Teilnehmer dürfen sich der interessanten Vorträge und des gebotenen kulinarischen und künstlerischen Rahmenprogramms erfreuen.

In einem Land mit einer im Bildungsbereich ausgeprägten Nulltarifmentalität (der Staat legt nicht nur fest, was als Bildung zu gelten hat, sondern stellt sie freundlicherweise auch weitgehend „gratis“ zur Verfügung) ist es für private Wettbewerber nicht einfach, sich zu behaupten, ohne ihre Unabhängigkeit den Sonderinteressen potenter Geldgeber zu opfern. Rahim Taghizadegan und seinen Mitstreitern scheint dieses schwierige Kunststück zu gelingen.

Rahim Taghizadegan eröffnet die Vortragsserie mit seinem Beitrag „Geschichte und Zukunft Europas“, in dem er einen sowohl in zeitlicher als auch geographischer Hinsicht großen Bogen schlägt. Geographische Gegebenheiten, insbesondere die Lage von Flüssen und Gebirgsketten innerhalb des eurasischen Kontinents, begünstigen die Entwicklung sehr gegensätzlicher Kulturen. Europa ist kleinteilig und zerklüftet, schwer zentral zu beherrschen und bringt erst recht spät Hochkulturen hervor. Asien ist anders: Hier herrschen großflächige Steppenlandschaften vor, in denen sich militärisch überlegene Reitervölker formieren, die immer wieder in den westlichen Teil des eurasischen Kontinents einfallen.

Die in großen Teilen Asiens herrschenden klimatischen Bedingungen (stark schwankende Feucht-trocken-Perioden) treiben die Ausbildung kollektivistischer Strukturen entlang der großen Flüsse voran (nach Wittfogel: „hydraulische Systeme“). Dadurch wird bereits früh ein „statusorientiertes Leben“ – nahe an den Zentren und in größtmöglicher Nähe zu den Machthabern – erstrebenswert.

Eine bemerkenswerte Tatsache ist, dass Einigungsbestrebungen im kleinräumigen Europa regelmäßig weitere Spaltungen nach sich ziehen. Der Philosophie gelingt es nicht, ein einheitliches intellektuelles Fundament zu schaffen, was den persisch-islamischen Gelehrten al-Ghazali dazu veranlasst, über die „Inkohärenz der Philosophen“ zu schreiben.

Auf die Ära der von Griechenland ausgehenden Philosophie folgt die des vom Imperium Romanum getragenen römischen Rechts. Darauf kommt es schließlich zur Ausbreitung und zum Universalismus des Christentums.

Mit der wachsenden Bedeutung der Städte und des Handels eng verbunden ist der Aufstieg des Bürgertums, das als Machtfaktor neben Thron und Altar tritt. Universitäten etablieren sich als von den Städten emanzipierte, autonome Entitäten.

Während Europa sich aufmacht, die Welt mit seinen Schiffen zu erobern, geht das Reich der Mitte einen anderen Weg: Die Hochseeschiffahrt wird aufgegeben, die eigene Flotte zerstört, und China konzentriert sich fortan ganz auf sich selbst.

Derweil laufen alle europäischen Anläufe zur Einigung auf die Schaffung eines „umfassenden Friedens“ hinaus – und scheitern allesamt. Die Kleinteiligkeit der Strukturen hält indes auch alle begangenen Fehler verhältnismäßig klein. Europa wird zum „Nettoexporteur von Wahnsinnigen“. Immerhin haben gute 90 Prozent aller irrsinnigen Ideen (wie zum Beispiel sämtliche neuzeitlichen Totalitarismen) europäische Urheber.

These: Wiederkehrende Einigungsprojekte schaffen soziales Kapital in Europa. Das derzeit herrschende „Papiergeldzeitalter“ (quasi das „hydraulische System“ der europäischen Moderne) kommt gegenwärtig ins Wanken – vielleicht gar an sein Ende. Die laufende Massenzuwanderung ist nicht Ursache, sondern Symptom einer schweren Krise, die gekennzeichnet zu sein scheint von einer Sehnsucht nach einem Zurück in die Zeit vor der Aufdeckung aller Illusionen. Das jedoch ist zutiefst uneuropäisch. Europa steht für den Blick nach vorn – für großen Weitblick.

Sollte das Einigungsprojekt der EU nicht scheitern, wäre damit das „Niederbügeln“ sämtlichen fruchtbringenden Widerspruchs verbunden. Denn Widerspruch und Zweifel bilden den Nährboden jeden Erkenntnisgewinns.

Guido Hülsmann stellte seinen Beitrag unter den Titel: „Die kulturellen Verzerrungen des Papiergeldzeitalters“. Als „Papiergeldzeitalter“ definiert er den Zeitraum der letzten 200 Jahre. Papiergeld dient nie einem anderen Zweck als dem der kostengünstigen Herstellung und der damit verbundenen Möglichkeit zur theoretisch unbegrenzten Ausdehnung seiner Menge. Stünden die Geldverwender vor der Wahl zwischen einem seinen Wert haltenden Geld und einem, für das dies nicht zutrifft, wäre die Entscheidung klar: Jeder würde wertstabiles Geld vorziehen – in aller Regel also Edelmetalle. Gesellschaften mit wertstabilem Geld leben tendenziell in einer Deflationskultur.

In den USA besteht, was manche überraschen mag, eine deutlich längere Inflationskultur als in Europa. „Uneinlösbares“ Papiergeld gibt es in Europa erst seit dem Beginn des Ersten Weltkrieges. Erfolgt die Geldmengenausweitung zunächst mittels der Geldproduktion, so läuft diese heute hauptsächlich über die Gewährung von Krediten. Bis zum 19. Jahrhundert geht die Geldmengenausweitung (dank des rasanten technischen Fortschritts, der preisgünstigere Produktionsmöglichkeiten schafft) noch nicht mit einer Preisinflation einher, das ändert sich im 20. Jahrhundert drastisch.

Besonders in Kriegszeiten zieht die Preisinflation stark an, ohne sich dann nach Friedensschluss wieder zurückzubilden. Ein echtes Preisinflationszeitalter kann man die Zeit ab 1945 nennen. Die inflationistische Papiergeldkultur führt zu einem allgemeinen Werteverfall. Die Kurzfristigkeit des Denkens und Planens nimmt zu. Der Wohlfahrtsstaat tut ein übriges und sorgt für kollektive Korruption. Der mit der zentralisierten Geldschöpfung verbundene Cantillon-Effekt sorgt für eine Wohlstandsumverteilung zugunsten derjenigen, die nahe an den Macht- und Geldzentren sitzen. Die Anreizstrukturen gehen in Richtung „Moral Hazard“.

Erstmals können Einkommen erzielt werden, die nicht auf Eigentum (an Gütern oder Fähigkeiten) beruhen, sondern auf dem bloßen Besitz von Fiat Money. Das Vermögen wird erstmals zur Einkommensquelle – ohne dass dabei Werte geschaffen werden. Produktion wird zugunsten des Konsums zurückgefahren. Die Gesellschaft beginnt, von der Substanz zu leben. Lohnen sich Kredite in einem „Echtgeldsystem“ letztlich nur für Unternehmer, die den geforderten Zins durch Produktion erwirtschaften können, wird nun der Konsumentenkredit interessant. Die Kapitalbasis wird dadurch weiter geschmälert.

Es kommt zur Trias von Wertverschiebung, Wertverfall und Werteumkehrung. Neue profitable Geschäftsfelder entstehen (Juristen, Steuer- und Wirtschaftsberater), die allesamt eines gemeinsam haben: Sie schaffen keinen gesellschaftlichen Mehrwert. Das Eigentum verliert zunehmend an Bedeutung. An seine Stelle tritt die Nutzbarmachung von Eigentum (Schumpeter schreibt von einer „Verflüchtigung des Eigentums“). Der „Benutzer“ von Eigentum steht diesem – anders als der Eigentümer selbst – indifferent gegenüber. Sein langfristiges Schicksal interessiert nicht. Symptom dieser Indifferenz ist die sagenhafte Gleichgültigkeit, mit der katastrophale politische Fehlentscheidungen von den Menschen hingenommen werden.

Derzeit besteht keine Hoffnung, dass der in der Werteumkehrung (Sparen ist schädlich, hässlich ist schön, Schwulsein das Allergrößte) zum Ausdruck kommende Verfall zu einem baldigen Ende kommen könnte.


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