01. Dezember 2016

„Emotionalisierung“ Eltern braucht das Land

Von der Verhausschweinung zur Vernacktschneckung

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Bildquelle: shutterstock Gesucht: Echte Eltern statt Vater Staat

Was de Tocqueville bereits um 1840 als Gefahr erkannt hatte, nämlich, dass Demokratie, die Gleichheit noch vor Freiheit anstrebt, die Individualisierung an einen Punkt bringen kann, wo sie die Gemeinschaft zersetzt, ist heute längst Realität. Mehr noch: Die perfide Ironie, dass jene Staatsform, die vordergründig Gleichheit herstellen soll, ihre Bürger unter die Herrschaft des hyperindividualisiert Subjektiven gebracht hat, wo sie als in ewiger Nabelschau befangene Ich-Anbeter leben, wurde nicht nur erkannt, sondern zum Ziel erhoben. Auf den Gedanken, wahre Mitbürger zu haben, die die eigenen Interessen und Sorgen teilen könnten, kommt ein großer Teil der Menschen heute gar nicht mehr. Der Horizont bleiben beim Blick Richtung Nabel die eigenen Zehennägel.

Aber auch darüber sind wir, betrachtet man’s genau, längst mit Volldampf hinausgeschossen. Das Fluidum der Masse, die sich aus im ADHS-Modus laufenden Einzelnen zusammensetzt und deren Eintracht sich einzig auf Synchronizität beschränkt, wird mit Hilfe klassischer und sozialer Medien im Fluss gehalten. Das Zauberwort lautet „Emotionalisierung“. Debatten – will man das primitive Aufeinanderhetzen Ich-gläubiger Gruppen als solche bezeichnen – werden auf diese Weise fernab der Sache „unterhaltsam“ und „aufregend“ gestaltet, wo zum Besten der Gemeinschaft und des Einzelnen Stunden staubtrockener, stiller, präziser und sorgfältiger Auseinandersetzung mit Fakten notwendig wären. Dazu zwei Beispiele.

Als die bekannten Missstände innerhalb der Deutschen Bank in diesem Herbst unhaltbar und damit systemgefährdend zu werden drohten, hatte der Bundeswirtschaftsminister, Sigmar Gabriel, dessen Behörde gemäß Eigenangaben den Erhalt und die Förderung der Wettbewerbsfähigkeit, des Beschäftigungsniveaus und des sozialen Zusammenhalts als oberste Ziele hat, nur dies zu bieten: ungeistige, bornierte, trübe und niederschmetternd banale Häme. In grotesker Umkehrung seines offiziellen Auftrags lief sein Statement darauf hinaus, Aktionäre, Kunden und Mitarbeiter zu verunsichern. Von der Möglichkeit, dass solch unreflektiertes Gewäsch zu diesem Zeitpunkt im Ausland als Freigabe zum Abschuss hätte interpretiert werden können, ganz zu schweigen. Anstatt unaufgeregt, sachlich und gelassen seinen Job zu machen, einem Institut in der Krise zur Seite zu stehen, damit das Image der Bank und des Landes zu schützen und Stabilität wiederherzustellen, nichts als billigster Spott. Hauptsache, den Leuten, deren Verhältnis zur Finanzbranche seit der Krise bestenfalls als ambivalent bezeichnet werden kann, gefällt‘s. Hauptsache, er gefällt.

Nach dem Absturz eines Superpumas am Gotthard am 28. September 2016, bei dem der Pilot ums Leben kam, brach der Chef der Schweizer Luftwaffe, Aldo C. Schellenberg, anlässlich eines Interviews, das abgebrochen werden musste, in Tränen aus. Medien und Menschen bejubelten die öffentliche Zurschaustellung der Gefühle des Kommandanten. Von echter Empathie war die Rede, von Mitgefühl und von Menschlichkeit. Die „Weltwoche“ war die einzige Zeitung, die hinter der gewollt oder ungewollt emotionalisierten Debatte rund um den – natürlich! – tragischen Unfall die Fragen stellte, die gestellt werden mussten: „Wie reagiert er, wenn nicht nur ein einzelner Helikopter verlorengeht, sondern eine halbe Flotte? Wie tritt er vor seine Leute, wenn ganze Städte bombardiert werden? Weint er dann nur noch?“ Indes – die Fragen riefen nur reges Desinteresse hervor. Vom Kerngeschäft einer Armee, dem Materialzustand ihrer Luftwaffe und von der Wehrfähigkeit der seit Jahrzehnten finanziell und moralisch kastrierten Streitkraft ganz zu schweigen. Der sozial hyperbewussten Mehrheit hatte die Show gefallen. Ende der Durchsage.

In Anbetracht der beiden Beispiele und der Tatsache, dass die Protagonisten aufgrund ihrer Führungspositionen bei vielen immer noch als maßgebend im Sinne von Vorbildern gelten, wird eines deutlich: Auch die vielbeschworene und beklagte „Emotionalisierung“ – hinter der sich, nebenbei bemerkt, wunderbar Geschäfte machen, Gesetze durchpeitschen und Verfassungen brechen lassen – ist nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zu etwas anderem. Zur Entblößung. Oder anders gesagt: Nach der Verhausschweinung der Menschen steht jetzt die Vernacktschneckung an. Die Gleichung ist nicht: Ich bin emotionalisiert, also lasse ich mich in der Öffentlichkeit gehen. Wer seine Gefühle vor laufenden Kameras zur Schau stellt, der hat den wichtigsten Schritt schon hinter sich. Jenen nämlich, sich vor sich selber entblößt und gehengelassen zu haben.

Der Mensch, der für sich Würde beansprucht, wird stets sein ärgster Zweifler, Gegner, Kritiker und „Bremser“ sein. Ohne Unterlass bemüht um ein Mindestmaß an Distanz und Gleichmut angesichts der eigenen Ambitionen, Wünsche und Sehnsüchte mit dem Ziel, sie, sollte es notwendig sein, wie ein Grandseigneur höflich und taktvoll zu ignorieren. Ein solcher Mensch ist nie ganz allein, sondern immer auch Zeuge seiner selbst. Gegen Niedertracht, Gemeinheit, Unhöflichkeit, Neid, Feigheit – kurz: Erbärmlichkeit, wird er sich mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft wehren, um nicht im eigenen Ansehen zu sinken. Und er wird es in seiner eigenen Gegenwart nie an Anstand fehlen lassen. Solche Menschen pflegen sowohl nach innen als auch nach außen eine gekonnte Heiterkeit, sind voll Geist und Leben, kühl, gelassen, konsequent, hart, aber auch gütig in Kenntnis ihrer selbst und der anderen, geduldig, tatkräftig, wagend, kühn und verantwortungsbewusst. Solche Menschen sind nicht mehr erwünscht.

Ehrliche Auskunft darüber, wo die Reise hingeht, geben wie oft die Lehrpläne der Schulen, die offen und ohne Scheu kundtun, was an wertemäßiger Wegzehrung für ein Leben in die widerstandslosen Kinderhirne hineingestopft werden soll. Es ist vor allem dies: Lust. Leben, Lernen und Leisten haben lustvoll zu sein. Sind sie’s nicht, darf man auf triviale jämmerliche Weise rebellieren, bis sich der gewünschte Lusteffekt mit anderem oder Neuem einstellt. Das Leben, so wird gelehrt, hat eine Art neuronales Destillat von Weihnachten, Geburtstagen, Orgasmen, Kaminfeuern, Superstar-Existenz, drogeninduzierter Verzückung, Bestnoten und träger Sattheit zu sein. Die Ampeln sind immer grün und nett, Smileys, „Likes“ und „Sweets“ säumen den Weg, Konflikte dienen – ausgelebt im Schutz einer schnatternden, quietschenden, gierigen und hungrigen Gruppe ohne Erbarmen, Furcht oder Mitleid – dem Lustgewinn. Können, Wissen, Kompetenz, die mehr ist als bloße Geste der Selbstpräsentation, Leistung und die Fähigkeit, Dinge auszuhalten, deren Wirkung und Nutzen sich nicht auf Knopfdruck einstellen, gelten als veraltet oder gar „rechts“ und werden nur toleriert, wenn sie der Unterhaltung oder der Hetze dienen. Dass das Wichtigste im Leben meist nicht als Event daherkommt, wird schlicht unterschlagen.

Auf diese Weise wird eine Gesellschaft „gestaltet“, die sich aus rückgratlosen, egomanischen, exzentrischen, subkompetenten und oral fixierten Individuen zusammensetzt. Eine Gesellschaft, die im Rahmen des politisch Korrekten alles darf und nichts wagt, alles will und nichts kann, die Schiffbruch erleidet ohne Stürme und ohne je die Segel zu setzen, in Meeren, die ihr gerade mal bis ans Knie reichen. Die beiden obigen Beispiele sowie die Tatsache, dass sich heute bereits viele Erwachsene – Eltern, Großeltern, Lehrer, Politiker und andere Verantwortungsträger – ohne Not als passiv, abhängig, fordernd, neidisch, egoistisch und konsumfokussiert outen, dass anstands-, wahl- und schamlos der „Idiot“ ausgeteilt wird, ohne auch nur ein bisschen zusammenzuzucken ob der Möglichkeit eigener Idiotie, spricht dafür, dass wir auch auf diesem Weg bereits ein gutes Stück hinter uns haben.

Die Schwäche des Konzepts und zugleich die Chance für all jene, die die Dinge „senkrecht hinstellen“ möchten, die sich weigern, sich selbst und andere ausschließlich in der gelenkten und gespiegelten Version echten Lebens zu unterstützen, zu fördern, zu lieben oder zu kennen, ist dies: Lustbetontes Leben ist ein Vergnügen, dessen man nicht satt wird – am Anfang. Der Mensch ist nicht Tier. Und wenn, dann nur phasenweise. Irgendwann kommt das Erwachen. Kälte, Leere, Routine, Öde, Langeweile, Ennui, Stumpfsinn – die schlimmsten Feinde der Lust. Wer so erwacht, egal in welchem Alter, braucht einen Vater oder eine Mutter. Dies nicht im verwandtschaftlichen Sinn, sondern im tiefsten menschlichen. Väterliche Freunde, weise Mentoren, mütterliche Ratgeberinnen, gelassene Gefährten, die wissen und klar kommunizieren, dass wir nicht unsere Gefühle sind, ebenso wenig unsere Lust, sondern viel mehr. Echte Menschen, denen das Leben, das sie lieben, alles eitle Eigene zerbrochen hat, und die gerade deshalb aufrecht und mit Mut und Freude stehen, weil sie ihren Grund kennen jenseits leerer weil staatlich gewährter Privilegien. Dankbare Menschen, stark, lebendig, gütig, voll Geist und Leben.

Solch ein Mensch kann jeder sein. Das Leben und die Freiheit dankbar und restlos lieben. Bereit zu geistiger Vaterschaft. Verwurzelt in der Anarchie der Stille mitten im orchestrierten Lärm, Reife suchend, den Bruch riskierend. Einer, der die Dinge ganz und gar und nicht vor hundert offenen Hintertüren tut. Kraftvoll und mutig „drunter bleiben“, wenn er über etwas nicht hinweg kommt. Treu sein, wo die Welt im Window-Dressing-Modus den schnellen Erfolg fordert. Es aushalten, auf der Stelle zu treten, bis er über Wichtiges zu entscheiden in der Lage ist. Die Schönheit des Gewöhnlichen feiern, das Alltägliche hochhalten.

Lachen wir dem hohlen Konzept der Staats-, Emotions- und Lustvergötzung ins Gesicht, lassen wir sie allein, die Lakaien und Jünger künstlichen Lebens, und gehen wir zur Tagesordnung über. Die Freiheit solcher Elternschaft reizt Vater Staat bis aufs Blut. Nicht nur, weil sie seine eigene als Selbstzweck entlarvt, sondern vor allem, weil er weiß, dass sie ihn überleben wird. Immer.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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