28. November 2016

Revolutionsjahr voraus? Macht auch 2017 zu einem Horrorjahr für die Nomenklatura!

Herrschende Klasse musste in kurzer Zeit mehrere Wirkungstreffer einstecken

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock 2017: Revolutionsjahr?

Eindrucksvolle Wahlsiege der AfD in mehreren Bundesländern, Brexit, Trump-Triumph, der russlandfreundliche Konservative Fillon bootet den Libyen-Regimechangler Sarkozy und den Zeitgeist-Kastraten Juppé in Frankreich aus – wo er am Ende in einer Stichwahl gegen Marine Le Pen stehen könnte. Wenn am kommenden Sonntag auch noch Italien die Verfassungsreform ablehnt und Österreich Norbert Hofer zum Bundespräsidenten wählen sollte, könnte 2016 das bislang schwärzeste Jahr aller Zeiten für die Nomenklatura der sogenannten „westlichen Wertegemeinschaft“ seit langem gewesen sein – und damit ein Freudenjahr für alle Menschen, die den alltäglichen Wahnsinn satt haben.

In einem jüngst in der Zeitung „Die Presse“ veröffentlichten Interview sprach der Politologe Ivan Krastev mit Blick auf den Wahlsieg Donald Trumps von einem Zeichen für eine „reaktionäre Zeitenwende“, einem möglichen „Revolutionsjahr“ exakt 100 Jahre, nachdem die Moderne in Form der kommunistischen Oktoberrevolution in Russland eine ihrer hässlichsten Formen angenommen hatte.

Krastev meinte mit Blick auf Trump: „Die Periode, die mit dem Fall der Berliner Mauer begonnen hat, endet. Wir glaubten, 1989 sei eine Revolution ohne Gegenrevolution. Doch in der Geschichte gibt es keine Revolution ohne Gegenrevolution. Donald Trump spürte eine Welle, auf der er erfolgreich surfte. Er verbündete sich instinktiv mit der Richtung der Geschichte. Das zeichnet Revolutionäre aus. Trump ist ein revolutionärer Reaktionär. Die politische Klasse – Politiker, Akademiker, Medienleute – hatte keine Ahnung, was vor sich geht. Das ist typisch für Momente eines großen Wandels. Was ist das Establishment? Leute, die ihr Bauchgefühl verloren haben.“

Es mehren sich tatsächlich die Anzeichen für eine solche Zeitenwende, auch wenn damit zu rechnen ist, dass sich die herrschende Klasse mit Zähnen und Klauen und jeder Menge Untergriffe dagegen zur Wehr setzen wird.

Einstweilen zieht sie sich jedenfalls ähnlich fest in ihrem mentalen Wandlitz zusammen wie die DDR-Elite in der Vorwendezeit. Ein Blick in die Mainstreammedien weckt unweigerlich Assoziationen zu damals, und auch die Entscheidungsträger und Institutionen sind eifriger denn je bemüht, ihre Parallelwelt mit inversen Maßstäben als universellen Normalzustand zu verkaufen. Das geht mittlerweile bis an die Grenze dessen, was ein einfacher Normalbürger noch als Ausdruck von Zurechnungsfähigkeit wahrzunehmen imstande ist.

Während uns die mittlerweile zur „Führerin der freien Welt“ avancierte Pattex-Kanzlerin verspricht, uns vor „Fake-News“ im Internet zu beschützen, klammert sich die gelenkte Medienlandschaft an jeden Strohhalm linksliberaler Aluhüte, der den Eindruck vermitteln will, die Präsidentschaft Donald Trumps sei noch zu verhindern oder der Brexit würde bald wieder rückgängig gemacht.

Die Volkskammer der EUdSSR ist dazu übergegangen, täglich „starke Signale“ an jedermann auszusenden, der sich dem eigenen Weltdeutungsanspruch in den Weg stellt, von Zensurdrohungen gegen russische Medien, die mit dem IS gleichgesetzt werden, bis hin zur Türkei, der man nur einen Tag später ausgerechnet „Verletzung der Pressefreiheit“ vorwirft und die sich kollektiv über die Drohung mit einem Aus der Beitrittsgespräche schieflacht. Bald soll offenbar auch eine gemeinsame europäische Armee den bösen „russischen Aggressor“ das Fürchten lehren, vielleicht sogar den „moderaten“ Kopfabschneidern in Syrien an die Macht verhelfen und vielleicht zuvor noch die eigene westliche Musterdemokratie vor den „Populisten“ schützen.

Auf die Rückendeckung der deutschen Bevölkerung kann sich die Nomenklatura dabei verlassen, so die Qualitätsmedien. Einer Umfrage zufolge erfüllte Merkel mit ihrer vierten Kandidatur einer Mehrheit der Bürger deren Herzenswunsch. Sollte in Kürze Martin Schulz den Posten des Außenministers einnehmen, würde das ebenfalls auf breite Begeisterung stoßen, verrät uns eine andere. Ob auch eine Mehrheit der Deutschen Armin Meiwes als Schuhbeck-Nachfolger bei der „Küchenschlacht“ begrüßen würde, ist noch nicht erhoben worden, man kann sich dessen aber durchaus sicher sein, zählt man eins und eins zusammen.

Nur schade, dass diese Harmonie bereits im nächsten Jahr ein jähes Ende finden wird, da dem Land eine Richtungsentscheidung bevorstehen wird, dem die gesamte Republik entgegenfiebert. Der „Leuchtturm der freien Welt“ gegen den „deutschen Bernie Sanders“, der vor allem die Jugend begeistert – ja, wer deutsche Mainstreammedien konsumiert und diese tatsächlich ernst nimmt, bekommt so etwas aufgetischt, und das nicht im „Postillon“.

Das gemeine Medienschaf wird unterdessen auch diesen Mumpitz für bare Münze nehmen. Wenn die Rede auf eine Person kommt, die ihre innerparteilichen Konkurrenten ausgeschaltet hat; die im Falle einer Niederlage von einer parlamentarischen Scheinopposition an der Macht gehalten wird; die sich auf den Rückhalt einer gleichgeschalteten Medienlandschaft stützen kann; gezielt eine Polarisierungsstrategie in der Bevölkerung fährt, um allein für den Anteil, der hinter ihr steht, Politik zu machen; die ihren Anhang durch Großmachtsambitionen mobilisiert und äußere Feindbilder kultiviert, um von inneren Problemen und politischem Versagen abzulenken und die sich bei der nächsten Wahl wiederwählen lassen will, dann denkt dieses Schaf eben an Putin, Erdoğan oder irgendwelche Staatschefs in Zentralasien – aber nicht an das, was sich im eigenen Land abspielt.

Ein großer Teil der Bürger wird sich entsprechend auch im Bundestagswahljahr vorgaukeln lassen, es gebe tatsächlich einen wesentlichen Unterschied zwischen der amtierenden Machthaberin und einem Vollblutbonzen wie dem Bürgermeister a.D. von Würselen, und der Unterschied zwischen Schwarz-Grün und Rot-Rot-Grün sei mehr als nur der zwischen Merkel-Politik mit Merkel und Merkel-Politik ohne sie.

So wie die Alternativmedienszene in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckt, werden wir wahrscheinlich auch noch politisch für eine Weile eine der letzten Bastionen einer Diktatur des Akademikerproletariats bleiben, mit der sich das bürgerliche Zeitgeist-Kastratentum arrangiert hat, um auch fallweise mal einen Platz an der Sonne einnehmen zu können. Das Land wird deshalb wohl noch eine ganze Weile vor Doppelnamens-Professorinnen in Ehrfurcht erstarren, die selbst in Werbespots für den Einzelhandel noch den allgegenwärtigen faschistischen Feind ausmachen können – und damit die gelenkte Öffentlichkeit in künstliche Schockstarre versetzen.

Aber es gibt mittlerweile wenigstens wieder realistische Hoffnung auf schlagkräftige, organisierte Gegenwehr. Seit 2013 gibt es aber wenigstens eine Opposition auf parteipolitischer Ebene – und sie wird ab 2017 auch mit einer starken Fraktion im Bundestag vertreten sein. Da mit Merkel und Schulz gleich zwei Kandidaten im Spiel sein könnten, die jeder freiheitliche und konservative Patriot in keiner politisch verantwortlichen Position mehr sehen möchte, und in beiden Fällen eine Regierungsbeteiligung der grünen Deutschlandzersetzer absehbar wäre, müsste die Motivation eigentlich stimmen.

Auch wenn es ein Unsicherheitsfaktor bleibt, wie der Westen wählt, könnte ein AfD-Ergebnis von mindestens 20 Prozent durchaus im Bereich des Möglichen liegen – was immerhin einem mittleren Erdbeben gleichkäme. Der Wahlkampf dazu hat bereits jetzt begonnen. Es ist zu hoffen, dass unnötige Manöver zur Schwächung der eigenen Ausgangsposition wie die jüngsten Querelen um den Landesverband im Saarland oder jene in NRW und Niedersachsen zeitnah enden und einer Besinnung auf die große Aufgabe weichen, die im nächsten Jahr ansteht.

Dass es ein ganzes Spitzenteam geben wird, das die Partei in den Wahlkampf führen wird, ist begrüßenswert, da auf diese Weise unterschiedliche Charaktere unterschiedliche potentielle Wählersegmente abdecken können. Persönlichkeiten wie Björn Höcke, Alexander Gauland oder André Poggenburg, die ihre programmatische und strategische Tiefe sowie ihre Fähigkeit, Menschen zu mobilisieren und Wahlen zu gewinnen, bereits erfolgreich unter Beweis gestellt haben, sollten dabei eine besonders gewichtige Rolle spielen.

Deutschland wird die Zeitenwende vermutlich als letztes Land erleben. Wir können dennoch einen Teil dazu beitragen, dass sie möglichst schnell kommt.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Protestkultur

Mehr von Christian Rogler

Über Christian Rogler

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige