25. November 2016

Öffentlich-rechtliches Fernsehen Krimis für die Rente

Wie sähen die Programme ohne sie aus?

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Bildquelle: shutterstock Unverzichtbar: Fernsehkommissar

Gegendarstellung: Manche Leute behaupten, ARD und ZDF beschäftigten sich vor allem damit, hemmungslos Regierungspropaganda zu versenden, Desaster wie die unkontrollierte Massenimmigration oder die Energiewende hübschzutalken und ihre Hörer und Seher regelmäßig mit volkspädagogischen „Themenwochen“ zu überziehen, die von Gewerkschaften, Kirchen und der Sozialindustrie dominiert würden. Diese Behauptung ist so nicht haltbar.

Richtig ist vielmehr: Bei den Öffis handelt es sich in erster Linie um Lohn- und Rentenzahlungsanstalten, denen auch ein Sendebetrieb angeschlossen ist. Zuvörderst geht es ihnen darum, den Mitarbeitern erkleckliche Bezüge und ein späteres sorgenfreies Ruhestandsleben zu ermöglichen. Eine Ex-Intendantin des WDR hat nach Berechnung des Senders Anspruch auf 3,2 Millionen Euro Pensionsgeld, wie die „FAZ“ Anfang des Jahres meldete. Für alle Mitglieder der Geschäftsleitung zusammen errechnete der Sender vor zwei Jahren 15,1 Millionen Euro Rentenansprüche. Was das im Einzelfall an Pensionärsknete bringt? Die „Bild“ meldete unwidersprochen, der amtierende WDR-Intendant Tom Buhrow (359.000 Euro Jahresgehalt) werde im Alter nicht viel weniger aufs Konto kriegen als derzeit. So wird das Mantra des Staatsfunks, er liefere „Grundversorgung“, endlich verständlich.

Neben den Häuptlingen ist natürlich auch ein Heer von mittleren und kleinen Indianern zu versorgen. Die ARD alimentierte im Jahre 2015 sage und schreibe 21.521 Vollzeitkräfte. Die meisten dürfen sich auf üppige Betriebsrenten freuen. Laut Finanzplanung des Senderverbunds werden dafür in den nächsten vier Jahren 1,4 Milliarden Euro ausgezahlt. Inklusive der Rückstellungen für künftige Staatsfunksenioren sind drei Milliarden Euro für die Altersversorgung fällig – nur für den Zeitraum von vier Jahren, wohlgemerkt. Beim ZDF sieht’s nicht viel anders aus.

Die nächste Gebührenerhöhung ist so sicher wie die nächste Strompreisanhebung

Obgleich das Gebührengeld nur so sprudelt, seit alle deutschen Haushalte die Zwangsabgabe löhnen müssen – egal, ob sie Staatsfunk empfangen oder nicht –, dürfte es bald eng werden in den Senderbudgets. Sprich, die nächste Gebührenerhöhung ist so sicher wie die nächste Strompreisanhebung. Vorher wird noch ein Weilchen geschachert werden mit der „Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs“ (KEF) der Anstalten, damit die Abgreife beim Publikum nicht ganz so dreist rüberkommt. Klar ist jedenfalls: Einen großen Teil seiner Einnahmen und Anstrengungen wendet der Apparat nicht für Sendeinhalte auf, sondern für den Apparat selber.

Was Inhalte betrifft, so geht der Trend zu immer mehr Krimis. Deren unablässige Vermehrung ist die zweite Großaufgabe der Öffis. Die auf Einschaltquoten, Hitlisten und Medienanalysen spezialisierte Firma Media Control hat kürzlich errechnet: Innerhalb von 20 Jahren verdoppelte sich der Anteil von Krimis in den Programmen von ARD und ZDF. 58 Krimis strahlte die ARD 1995 aus; 46 das ZDF. 2016 waren es bei der ARD 90, beim ZDF 110. Diese Zahlen betreffen aber nur die Hauptsendezeit um 20.15 Uhr. Weitaus höher liegt der Krimianteil, wird er über die gesamte Sendezeit gemessen.

Hinzu kommen nämlich noch ungezählte Vorabendkrimis, Krimiwiederholungen zu späterer Stunde (darunter ausgebleichte, teils Jahrzehnte alte Archivinsassen) oder bestimmte (oft recht originelle) ausländische Krimiproduktionen, die nur auf ZDFneo laufen. Schon vor 14 Jahren, so ergab eine damalige Untersuchung der „Gesellschaft für Konsumforschung“ (GfK), wurden ZDF-Gucker täglich im Durchschnitt mit 140 Krimiminuten verwöhnt, ARD-Konsumenten mit 78 Minuten. Bei den Privatsendern lag und liegt die Quote noch höher.

Heutzutage ist es auch stramm staatsfernsehtreuen Zuschauern nahezu unmöglich, sogenannten Ermittlern zu entgehen, die mal mit mürrischer Miene, mal krachkregel aufgelegt zu Werke gehen. Und noch immer wird der gepeinigte Gebührenzahler bei jedem zweiten Streifen fünfmal mit dem unausrottbaren Textbaustein beworfen: „Wo waren Sie um ein Uhr nachts?“ Worauf der Vernommene vielleicht antwortet: „Im Bett.“ Sie ahnen, was der Cop als nächstes fragt? Ahnen Sie nicht. Sie wissen es.

Mehr als Bulle mit Gehirntumor geht ja kaum

Der Krimi-Tsunami verdankt sich den Diversifikationsstrategien der Programm-Macher. Ungefähr seit der erfolgreichen Einführung der Schimanski-Figur in die „Tatort“-Reihe der frühen 1980er, die den gut erzogenen, leicht resignierten, immer gesetzeskonformen Haferkamp-Typus mit „Scheiße“-Gebrüll ablöste, tummeln sich jede Menge kaputte Typen auf den Fernsehkommissariaten, mit ihren privaten Malaisen oft intensiver beschäftigt als mit der Überführung von Kriminellen. Als diese Nummer ausgereizt war – mehr als Bulle mit Gehirntumor geht ja kaum –, ging man in die Fläche. Die Regionalisierung des Krimis war schon beim „Tatort“ die Grundidee.

Die Plotten spielen nun aber nicht mehr nur in Metropolen wie Berlin, München, Frankfurt, Hamburg oder Köln. Auch Dortmund, Wismar, Stralsund oder Weimar, die Eifel, die Küsten und die Voralpen sind inzwischen krimimäßig erschlossen. Es geht auch schon mal in den Sündenpfuhl Island, wo Franka Potentedóttir inmitten von Geysiren recherchiert. Nur eine Frage der Zeit, bis die „Soko Hallig Hooge“ gebildet wird.

Ist die Inflation eines Genres, das mit dem öffiseitig postulierten Auftrag „zur individuellen und öffentlichen Meinungsbildung“ so viel zu tun hat wie „Tutti Frutti“ mit dem Früchtegroßhandel, den Senderfürsten womöglich ein bisschen peinlich? Im Gegenteil. Unlängst lief der tausendste Film der „Tatort“-Reihe, wie ein Megaevent hymnisch besungen von den ARD-Oberen, gefeiert von so gut wie allen deutschen Wahrheitsmedien.

Gemäß dieser Elogen hat ein Mensch, der nie einen „Tatort“ sah (wie, mangels Fernseher, mein Kollege Alexander Wendt), die mähliche Veredelung der alten, ranzigbraunen Bundesrepublik zu einer ergrünten Zivilgesellschaft glatt verpennt. Sich am letzten Lagerfeuer des Gebührenfernsehens zu wärmen, wo „ein anfangs verdächtiger Ausländer niemals der wirkliche Täter sein kann“ (so ähnlich scherzte mal der Münchner „Tatort“-Kommissar Franz Leitmayr alias Udo Wachtveitl) – das ist mehr als ein Fall von Zeittotschlag. Das ist Pflicht und Auftrag eines Citoyen, Wendt!

Wie sähen die Programme von ARD und ZDF denn ohne Krimis aus?

Gerechterweise muss man sagen: Die dunkelsten Tage des „Tatort“, wie auch die anderer deutscher Krimiprodukte, sind am Ausklingen. Der Hang der Redakteure und Drehbuchschreiber zu politisch korrekten Krimimoritaten hat – jedenfalls in meiner Wahrnehmung – ein wenig nachgelassen. Und ja, von 1.000 „Tatort“-Folgen sind ungefähr 20 großartig. Einer meiner Favoriten: „Das Böse“ mit Ulrich Tukur als smartem Psycho.

Das Beste an der Krimiflut ist fraglos dies: Sie verstopft die öffentlich-rechtlichen Kanäle über weite Zeitspannen. Wie sähen die Programme von ARD und ZDF denn ohne Krimis aus? Wir hätten noch mehr Plasberg, Will, Maischberger, Illner, Lanz. Noch mehr Doku-Seife über Kinder-, Alten-, Alleinerziehungsarmut, Genforschungsgefahren, Rechtspopulismus, Klimakatastrophen, Lebensmittelgifte, Palästinensernöte, geknechtete Näherinnen in Burkina Faso, drogensüchtige Tuwiner-Schamanen in Ulaanbaatar. Mehr über tapfere Whistleblower, feige Wegducker, vorbildliche Vollintegrierte, verdammenswerte Steuersünder, sinistre Geheimdienste. Und viel mehr Volksmusik, Quizklamauk, österreichische Bergretter, junge Ärzte und linksdrehende Kabarettisten.

Daher: Noch mehr Krimis braucht das Land! Fiktive natürlich. Den echten begegnen wir früher oder später sowieso. Vielleicht schon heute abend, beim Heimkommen. Wenn die Haustür so komisch in den Angeln hängt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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