17. November 2016

Propaganda Gesucht: Der Chauvinist

Es verlangt Stärke, sich der Umerziehung entgegenzustellen

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Bildquelle: shutterstock Glaubt an seine eigene Stärke: Chauvinist

Selten ist medial eine real derart echolose Schlacht geschlagen worden wie in den vergangenen Wochen und Monaten rund um den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf. Als verbales Denkmal des herbeiregierten und -geschriebenen Scheiterns der selbstgekrönt Kultivierten und Korrekten bleibt ein Begriff stehen – jener des Chauvinismus.

Der Chef der deutschen Sozialdemokraten, Sigmar Gabriel, sah das Tier einer „autoritären und chauvinistischen Internationalen“ aus der Finsternis des Überwundenen auferstehen, während RP Online den Trumpschen Chauvinismus in direkten Zusammenhang mit der weiblichen Menstruation brachte, der der Frau „periodischen Irrsinn“ unterstelle und sie auf ein „blutendes unzurechnungsfähiges Wesen“ reduziere. Schweizer Politikerinnen von FDP bis SP zeigten sich einhellig „erschüttert“. Seit Jahren sei kein „größerer Chauvinist als Trump zur Präsidentschafts-Wahl angetreten“ ließen sie uns über die „Aargauer Zeitung“ wissen. Auf die Frage, ob nicht möglicherweise Hillary Clinton einfach die falsche Kandidatin für das Amt gewesen sei, stellte die Präsidentin der SP-Frauen, Natascha Wey, klar: „Dieser Vorwurf ist sexistisch.“ Der Pulitzer-Preisträger und Bernie-Sanders-Wähler Richard Ford sah in der Kampagne der Republikaner nichts als „Katastrophismus, Chauvinismus und Rufmord“ („NZZ“), und die „FAZ“ rhapsodierte im Rhythmus stellvertretenden Selbstmitleids, Trumps Chauvinismus und Sexismus sowie seine absurden Vorstellungen zur Einwanderungspolitik (kein Wort von „illegaler“ Einwanderung) verbauten den gemäßigten republikanischen Kandidaten jegliche Chance. Und so weiter und so fort.

Der drittgrößte Staat der Erde mit rund 323 Millionen Einwohnern wählt mittels eines demokratischen Verfahrens einen neuen Präsidenten, und die polit-mediale Brahmanen-Kaste Europas mitsamt ihren Jüngern reduziert den Vorgang über den Umweg eines konturlosen Chauvinismus auf einen recycelten Geschlechterkrieg und erniedrigt die Mehrheit der US-amerikanischen Bürgerinnen und Bürger auf das Niveau einer angstgelähmten, teigigen, tobsüchtigen, augenverdrehenden, triebgesteuerten Masse von Irren mit Schaum vor dem Mund und den Händen in der Intimzone ihrer Mitbürgerinnen. Die Peinlichkeit könnte beklemmender nicht sein. Und kaum entlarvender.

Der Begriff „Chauvinismus“ geht zurück auf den fanatisierten Träumer Nicolas Chauvin, einen Rekruten in der Armee Bonapartes, und meint in erster Linie einen übersteigerten Patriotismus, der sich ausschließlich aus der nationalen Identität speist und in einem irrationalen Überlegenheitsgefühl münden kann. Erst später wurde der Begriff auf weitere Bereiche (Sprache, Kultur und so weiter) ausgedehnt. So auch durch die Frauenbewegung, die die Begriffsvariante des „männlichen Chauvinismus“ prägte und in „männlichen Chauvinisten-Schweinen“ jene Vertreter des anderen Geschlechts sah, die ihr Rollenverständnis aus den traditionellen Bildern des hergebracht „Männlichen“ bezogen. Ihnen wurde ein machistisches Überlegenheitsdenken und ein Überlegenheitsanspruch gegenüber der Frau ebenso attestiert wie das Bekenntnis zu klassischen männlichen Eigenschaften wie Stärke, Härte und Strenge, die unter Beweis zu stellen sie ein natürliches Bedürfnis haben.

Was via Medien während der jüngsten Vergangenheit serviert und mit der moralischen Keule angerichtet wurde, blieb indes fadestes, kontext- und konturloses Chauvinismus-Bashing. Hier wurde moralisiert, wie anderswo masturbiert wird. Das ganze auf einem Podest in atemberaubender Höhe mit nimmermüdem Blick für das Weite und einzig Gute, das sich jedoch bei näherem Betrachten als ein räudiges Rasenviereck wehleidiger Arroganz entpuppte. Nicht nur blieb man in nonchalanter Weise in fast jedem Statement die Erklärung schuldig, welchen Chauvinismusses man Trump genau bezichtigte, man mischte hämisch, verantwortungslos und in vollendeter Gesinnungslosigkeit Sexismus, Nationalismus und Rassismus, Fakten, Gefühle und Gerüchte in diesem einen Begriff zusammen. Kurz: Man zelebrierte einen moralischen Chauvinismus der windelweich unbedeutendsten Art und verkaufte ihn als „Mahnung“ und „Warnung“ der Gutmeinenden.

Die vorherrschende Katerstimmung übersteigert verlogener Hysterie bietet die Gelegenheit, eine ganz andere Frage zu stellen: Bräuchten wir heute nicht wieder mehr davon? Mehr Chauvinismus? Nein! Bitte kommen Sie mir nicht mit einem hundertfach wiedergekäuten Geschlechterkrieg, mit Sexismus und Frauenfeindlichkeit. Diese Schublade – es ist die unterste und eine der rückschrittlichsten – sei anderen überlassen. Die Rede ist hier nicht von frauenschlagender, vergewaltigender und brandschatzender Männlichkeit. Es geht um den Glauben an die Möglichkeit der eigenen Überlegenheit. Geschlechterunabhängig und trotzdem nicht die Tatsache ignorierend, dass solches Sich-überlegen-Fühlen im Sinn einer Konkurrenz naturgemäß eher männliches denn weibliches Verhalten ist.

Oder anders gefragt: Wagt es ein Mensch, sich beruflich härtester Konkurrenz auszusetzen ohne den Glauben an die Möglichkeit seines Gewinnens, also seines Stärker-Seins? Werden ohne ein solches Bewusstsein Firmen gegründet, Karrieren gemacht, Reichtümer gewonnen? Wagt ein Mensch, der sich allen egal fühlt, sich selber aus der Masse herauszuheben und das geliebte Gegenüber zu „erobern“? Wagt es ein Mann, der einzig der Unauffälligkeit und dem Konformismus des schützenden „Man“ verpflichtet ist, die Seinen gegen Angriffe und Gewalt zu schützen, wenn er nicht ein Quantum Chauvinismus in sich hat? Sind es die sensiblen, nachgiebigen, gemäßigten, die sich exponieren gegen den eigenen amoklaufenden Staat und gegen das eigene Land um der Liebe zum Land willen?

Es bleibt auf deprimierende Weise faszinierend, wie hierzulande in altbewährter „Für-und-oder-wider-uns-Manier“ das ganze Arsenal staatlicher Propaganda, Programme, Parteien und Pläne aufgefahren wird, um die Menschen um jeden Preis umzuerziehen oder – wenn sie sich weigern – zu wankelmütigen triebgesteuerten Trotteln zu stempeln und ins Abseits aller Teilhabe zu katapultieren.

Es verlangt Stärke, sich dem entgegenzustellen und sich der Normierung zu verweigern. Es verlangt Kraft, abseits des verordneten und akzeptierten Trends zu stehen. Es braucht Mut, ein der eigenen Wahrheit und Natur verpflichteter Mündiger in der Masse der Mitläufer zu sein. Es fordert geistige Freiheit und die Härte eines Diamanten, Abgrenzung als Auszeichnung deuten zu können. Wer bei all dem nicht an die Möglichkeit eines „Bestehens“, an die eigene Fähigkeit des Härter-und-länger-kämpfen-Könnens glaubt, fängt erst gar nicht an und verbleibt unter den Fittichen der schützenden und gutgeheißenen Mehrheit. Ein bisschen Chauvinismus muss schon sein.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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